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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-07-01 · 11 (7.1929) · p. Seite 388

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
11 (7.1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 388 (sequence 8)
Language
German
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das Bild von der Schöpfung gründen, durch die Psalmen, wo die ganze Natur aufgerufen wird, den Schöpfer zu Preisen, durch Die Reden Mosis und der Propheten, Sie gibt dieser Poesie die erhabene Gewalt und Einfachheit. Was gewann das Denken durch diesen Parallelismus? Ts ward auf den Weg geführt, das Unendliche und Endliche zu vergleichen; das Unermeßliche und das Nichts zu Paaren. Alles schöne, Große, Erhabene ist himmlisch, das Niedrige, Schwache, Kleine bleibt am Staube der Erde. Obeu glänzen die ewigen Sterne, da fließt der reine Himmel; hienieden ist alles Wandelbarkeit, Erdenform, Staub, Verwesung. Je mehr die menschliche 'Seele beides verband uud in einen Blick zu bringen lernte, — desto mehr ward ihr Blick groß, richtig, weise und ihr Ausdruck optimistisch. Die Erde wird des Himmels Braut, nnd auch im Bau des Menschen vereinen sich Himmel und Erde . . ." Unzählig sind die Gelegenheiten, aus denen wir dies sein tiefstes Wesen Ergreifende und Erfüllende schöpfen können. Dem heranw a ch f e n d e n G e s ch l e ch t, dessen Meisterpädagoge er in den für sie schwersten Entwicklungsjahren war, Euch jungen Leuten, Mädchen nnd Knaben, ruft Euer verblichener Lehrer in seinem „Heiligkeitsbuche" zu: „. . . Mangel an Ehrfurcht bei jungen Menschen ist stets ein wahrhast Peinliches Zeichen von kindlicher Unwissenheit. Der schönste und erste Beweis jedes wahren Wissens liegt stets darin, daß ein junger Mensch seinen Eltern unbedingte Ehrerbietung in Ton und Gebärde erweist. Die seelischen Werte, die selbst tue einfachste, schlichteste Mutter durch ihre hingebungsvolle, selbstlose Liebe der Seele des Kindes einflößt, übertreffen alle Werte des Wissens. Für das Kind sind Vater und Mutter mehr denn Menschen. So wenig wie d<n Begriff Gott kann der Einzelne definieren, was Vater oder gar Mutter ist. Nenne alle Eigenschaften der Frauen, die du kennst — die Mutter ist unendlich viel mehr. Daher bildet die Forderung, die Eltern zu ehren, auch im Hehnwort die Brücke, die Gottes- und Menschenliebe in uns vereinigen soll." Lest seine Schrift nicht nur im Unterricht, lest sie und lernt daraus Ehrfurcht vor Gott, vor den Eltern, erwerbet euch die uns allen unentbehrliche Achtung vor unseren großen Altvord'ersn. Laßt uns sein "geistiges Schaffen weiter verfolgen. Ein anderes Ergebnis seines Unterrichts ist seine zwei Jahre später, im Jahre 1923, erschienene Arbeit über das „Soziale Leben in Israel zur Zeit der Propheten". Auch hier spricht er in seinem Vorwort zu der „suchenden" Jugend und gibt der Nachkriegsgeneration Antwort auf die Frage: Was hat die jüdische Lehre, was haben die 'Propheten uns zu künden, wenn Umwälzungen von dem Ausmaß, wie sie jetzt vor uns stehen, sich ankündigen? Und in seiner ganzen Eigenart, Blicke werfend in die Zeit der Sittenverderbnis Israels und zugleich in die Jetztzeit mit ihrem Merkantilismus, Physiokratismus und Jndustrmlismus, die iu so vielem jener alten Zeit gleicht, so die Probleme jener Epoche beleuchtend und uns nahebringend durch ihre Verbindung mit den heutigen schweren sozialen und ethischen Geisteskrämpfen und Kämpfen, so steht unser Freund auch in diesem Werke vor uns uud wettert mit den Propheten gegen die unsozialen Reichen und gegen die das Volk in ihrer Dummheit nur noch verdummenden „Psafsen" und gegen die Latifundienwirtschaft der Aristokraten und gegen den Luxus der Frauen uud gegen die Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen und gegen die Assimilation und gegen die Unterdrückung des freien Wortes und schließt: „Nicht durch Macht und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht Gott. Umsonst, ihr Völker, werdet ihr umstürzen. Umsturz wird auf Umsturz folgen, wenn ihr nicht euer Inneres umstürzt, wenn ihr nicht aufbaut mit Gott. So wenig wie Jdealmenschen wird es je ideale Zustände im Leben der Menschen geben können. Immer nur wird das Streben die Menschheit erlösen, aber nur in dem Grade, wie es verwirklichen will den Willen des einzigen Gottes. Nur in dem Grade, wie die Menschheit Israels Propheten, diese wahrsten, echten, sozialen Vorkämpfer, begreift und ihre Ideale unter den jeweils gegebenen Verhältnissen, mit den jeweils vorhandenen Mitteln zu verwirklichen sucht, wird sie zu einem Kulturzustande gelangen, jenem Zustande, in dem der Mensch Ausgangspunkt aller Werte und Bewertungen ist." Diese Kämpfe der Propheten schilderte er meisterbaft in einem seiner letzten Vorträge über Iere m i a s. Wie er da vor uns stand, mit ihm, dem Künder, eins geworden im Berufe und im Tun, im Dulden und im Kämpfen, im Bitten und im Mahnen, im Flüstern und im Wettern, im Leiden und im Zorn, das kann nur der beurteilen, der ihn, den Verblichenen, damals sah und hörte. Da, brach die ganze explosive Natur des Mannes hervor, und wir hörten aus diesen momentan erstehenden Ausbrüchen seines eigensten, innersten Selbst die Worte des Jeremias-Sängers hervor: „Herr, tue an mir, wie es Dir gefällt. -Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit, Herr, ich bin allem Leiden bereit! Gieß aus Deines Hornes fressende Lauge In meine Seele — sie wird Dick nicht lassen — Ich werde Dich schauen, ich werde Dich fassen. Sinn' aus das trächtigste Maß Deiner Leiden, Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit- Uno je mehr Du mir Leiden und Martern gibst, Um so mehr will ich künden, daß Du mich liebst! Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt, Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt, Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte, Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte, Ich will segnen den Tod, den Dein Wille entsandte, ' Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte, Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach, Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach, Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge Dich, Was immer Du sendest, ich lobe Dich! Herr, höre mein Wort und erprobe mich!" Sind es auch nicht seine Worte — sein eigenes Enipfinden, sein Mitfühlen, sein Mitleiden, alles kam aus seinen im Moment geschaffenen Worten und Wortbildern zum Ausdruck, wenn er zu uns sprach und — wie man mir ost sagte — so auch, wenn er aii den hohen Feiertagen Predigte. Nicht anders war es, wenn er auf der Kanzel vor der heiligen Lade stand, nicht anders wie am Pulte des Redners. Er gab sich selbst, gab sein Fühlen und Denken, gab sein ganzes Innere Preis, gab alles, was er gebesen und gelernt, verband jüdische mit allgemeiner Literatur, jüdische mit Weltproblemen. Seine Rosch-Haschono-Predigt war einmal die Erfassung des „Brand"-Problems von Ibsen, und wollen Sie, meine Verehrten wissen, was die Grundidee dieser seiner Predigt war? „Brand" ist die Forderung der Wiederherstellung des göttlichen Ebenbildes. Ist das nicht der ganze May? Immer und überall ist es dieser Gedanke, der ihn erfüllt: Ter Zweck des menschlichen Erdenlebens, das Ziel des menschlichen Strebens ist die Vollendung in Gott, das Hinaufstreben zu Gott, das Leben mit Gott. Seine Arbeiten, die sich — ich darf es in aller Bescheidenheit sagen — eine Zeitlang fast ganz uuter meiner Mitarbeit vollzogen, setzte Mah unermüdlich fort. Aus dem Kursus, den er im Auftrag der Gemeinde am Lehrerinnenseminar und jungen Lehrerinnen erteilte, erwuchsen seine „Erzählungen aus der Bibel", eine noch nicht gedruckte, aber äußerst wertvolle Verwebung der biblischen Geschichten mit den Gedanken des Midrasch. Er knüpfte in seiner Darstellungsweise an christliche Methodiker an, denn May nahm das Gute, wo er es fand, bildete es aber im jüdischen Sinne um. Der verewigte Direktor des Philanthropins, unser Dr. Salo Adler, dem er dies Werk zu seinem 6l). Geburtstag überreichte, bezeichnete es als die schönste Gabe, die ihm gespendet wurde. Sie weiteren pädagogischen Kreisen zugänglich zu machen, ist, wie ich höre, beabsichtigt. Aus seiner Liebe zum Kinde und zur Schule beteiligte er sich auch lebhaft au den Arbeiten der Jugendschriftenkommission der Lehrerschaft. Ja, es ist einer der tragischen Anfälle, die nm sein Ende sich bewegen, daß er wenige Tage vor seinem Tode znm Mitglied der entsprechenden Kommission der Mischen Großloge ernannt worden ist. .Damit in Zusammenhang "steht eine weitere Schöpsuug seines unablässigen Strebens und Wirkens. Er war es, der auf den Gedanken kam, die großen jüdischen Geister in Volksbüchern der Gesamtheit zuzuführen. So entstanden unsere „Denkmäler", und sie wären weitergebaut worden, hätte der unselige Krieg unsere Arbeit nicht unterbrochen. Das erste „Denkmal" errichteten wir Moses Mendelssohn, das zweite Gabriel Rießer. Ohne in dieser Stunde auf diese Schriften eingehen zu wollen, ist doch die Auswahl dieser beiden Heroen in unserem Kampse für die Gleichberechtigung bezeichnend für Mahs deutsches Empfinden. Ich muß es hier zum Ausdruck bringen, denn ich möchte nichts verhüllen, was ich zur klaren Zeichnung des Bildes unseres Freundes beitragen kann. Es ist gesagt morden — und er selbst hat es manchmal so scheinen lassen — May sei kein guter Deutscher gewesen. Ja, es ist wahr, May liebte Frankreich, aber weniger in politischer Beziehung, als aus der Gegensätzlichkeit der -französischen zu den deutschen Zuständen heraus. Leon Blum hat es einmal klar und einfach gesagt, was auch Mah dachte: „Wir leben als Franzosen sehr ruhig und glücklich in Frankreich". Das war es, was auch May zu Frankreich hinzog und von Deutschland, dem leider, leider so ludenseindlich durchsetzten Deutschland, abstieß. Und dann: konnte das gute warme, mitfühlende Herz unseres Freundes vergessen, daß Millionen Juden einen Winkel in der Welt brauchten, wo sie eine Hsiinstätte finden konnten, die man ihnen durch Gesetz oder in der Praxis verweigerte? Konnte er sich dem Aufbau Palästinas verweigern, er, der weit über seine Verhältnisse aus seinem gütigen Mitleiden heraus jedem Armen die Hand reichte, der an seine Tür dachte, er, der fürchtete, die jüdische Kultur werde in der Assimilation verloren gehen? Aber — das lassen Sie mich in dieser Feierstunde, in der die Wahrheit uns über alles gehen soll, sagen: May war kein Parteimensch, und keine Partei hat das Recht, ihn für sich allein in Anspruch zu nehmen. Er suchte in allem das Gute und begeisterte sich aus seinem leicht aufflammenden Herzen heraus oft so, daß er anderes darüber vergaß, sich für das neu in ihm Aufflackernde einsetzend mit der ganzen Kraft seiner starken Natur. So kam er manchmal in Widerspruch mit dem, was er früher gedacht und ausgesprochen, und kam aus seiner Impulsivität heraus manchmal zu Resultaten, die er später bedauerte. Er schämte sich dessen nicht, er kämpfte sich hindurch, und dieser Kampf machte ihn immer stärker und bildete in ihm eine selbst geschaffene Weltanschauung.

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