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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-07-01 · 11 (7.1929) · p. Seite 390

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
11 (7.1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 390 (sequence 10)
Language
German
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Meine sehr verehrten Herren Kollegen! Meine lieben Schüler! Wir haben uns heute hier versammelt, um eines teuren Toten zu gedenken. Herr Rabbiner Dr. May ist nach unsäglich qualvollem, mit übermenschlicher Geduld ertragenen Leiden für immer von uns gegangen. Am Freitag, dem letzten Tage im Mai, wurden seine sterblichen Reste der kühlen Erde übergeben. Dem ernsten jüdischen Bestattungsritus folgend, habe ich aus dem Friedhof mit keinem Kranze und mit keiner Blume, aber mit bewegtem Herzen, wenn auch nur mit wenigen Worten Abschied genommen von dem Manne, der mir und dem Kollegium jahrelang ein treuer, lieber Mitarbeiter, seinen Schülern ein wahrer Freund war. Fast alle habt Ihr ihn gekannt. Viele von Euch haben mit einer Verehrung, wie sie nur selten einem Lehrer zuteil wird, an ihm gehangen. Persönlich war er mir freundschaftlich verbunden schon von den Zeiten an, als wir noch zusammen an der Helmholtzschule tätig waren. Wie habe ich mich nach meiner Berufung an die Musterschule gefreut, als er mir eines Tages mitteilte, auch er sei an die Musterschule verfetzt und werde einen Teil des Religionsunterrichtes übernehmen. Ein seltenes Bild männlicher Kraft und Gesundheit kam er zu uns. Markig geformt, vvllrassig durchblutet und durchglutet, bodenständig verwurzelt mit seiner engeren elsässischen Heimat, die er nicht verleugnen konnte und wollte, lebend und webend indem hohen Geistesreiche seines deutschen Vaterlandes, — so haben wir ihn gekannt, geachtet und geliebt. Fachwissenschastlich. philosophisch und menschlich von gleich vornehmer und hoher Bildung, hat er als geborener Lehrer und Erzieher mit den reichen Gaben seines Geistes und Gemütes tiefste Wirkungen auf seine Schüler ausgeübt, die heute um ihren verlorenen Freund trauern. Ein Mann voll glühender Leidenschaft, die bei ihm reine Flamme, nicht trüber Qualm war; die stets adelte, nie herabzog, was sie ergriff. Ein begnadeter Lehrer, der im Unterricht seine ganze Seele ausströmte voll unbedingter Lauterkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein glänzender Redner auch, der mit vulkanischer Urgewalt, fortgerissen und fortreißend, seine Gedanken hinausschleuderte, nicht im Schliff der letzten Formulierung, aber Blöcke von Ausmaß und Gewicht, geeignet, um Fundamente damit zu gründen und Eckpfeiler zu errichten. Ein umfassender Geist voll ungesuchter und ungewollter Ueberlegenheit, wenn er mit seinen klugen, freundlichen Augen einen ansah, wenn er mit seinem feinen Lächeln eine treffende Bemerkung machte. Ein Hasser auch alles Unrechts, wenn es gegen andere, besonders gegen Kinder gerichtet war; traf es ihn selber: mit unnachahmlicher Bewegung der Hand, der Schulter und des Kopfes andeutend: Schreibt's zu dem Uebriqen. So war er eine eigenartige Mischung im einzelnen und doch eine seltene Einheit im ganzen. Mehr noch als in seinen guten Tagen habe ich ihn in der Zeit seiner Krankheit bewundert. Und er war schon längst auf den Tod krank, bevor sein Leiden ihn endgültig auf sein Schmerzenslager warf. Nie kam ein Wort der Klage über seine Lippen. Wenn man ihn fragte, war die Antwort meist nur ein langer, dunkler und schwermütiger Blick, als ahne und fühle er das kommende Ende. Und doch schlug er. wie der verwundete Löwe die Pranke in die Beute, immer wieder bis zuletzt seine starke Hoffnung in das fliehende Leben; er, an dem alles gesammelte Kraft war, wie es sich schon in dem Gang und der gewaltigen Stimme aussprach, er, dem jeder ein langes Leben verheißen hätte. Es hat mich manchmal ergriffen, zn sehen, wie der sonst so Rüstige müde und schwerfällig, gedrückt von körperlichen und mehr noch von seelischen Lasten, sich über Treppe und Gang schleppte, die früher so gern und geistvoll gepflogene Unterhaltung vermied- und sich nach getaner Arbeit still entfernte. Keine Arbeit aber, und er hatte deren viele, war ihm lieber als die Arbeit für Schule und Jugend; hier fühlte er sich in seinem wahren Element. Es hat mich erschüttert, als ich in den letzten Tagen von einem seiner näheren Bekannten und von seiner untröstlichen Gattin hörte, daß er öfters erklärte: „Ich muß wieder in meine Musterschule, und wenn ich mich mit Krücken hinschleppe." So bleibt uns wenigstens der Trost, daß er gern unter uns weilte, es bleibt uns aber auch der doppelte Schmerz, daß er nicht mehr in unsern Kreis zurückkehren durfte. > Mit einem letzten Wort berühre ich die Wurzel seines Seins. Das Gespräch mancher vertrauten Stunde gibt mir das Recht dazu. Er war ein Mann von echter Religion. Sein Judentum war sein Lebensinhalt. Aber er haftete nicht an der peripherischen Oberfläche, wo über äußerlichen Dingen so leicht der Streit der leeren Worte entbrennt. Er verwechselte nicht Sitte und Brauchtum, mögen sie noch so altes, kostbares und ehrwürdiges Gewand, aber immer doch nur ein Gewand darstellen, mit dem wahren Wesenskern. Er lebte in jenen Tiefen, wo alle echte Religiosität aller Völker und Zonen, mag sie sich mit welchem Munde auch immer bekennen, sich dem Ewigen nähert und befreit von allen zeitlich und räumlich bedingten Unterschieden im Wesen einander berührt; wo die wahrhaft brüderliche Verbundenheit in den letzten Fragen menschlichen Schicksals, des Suchens und Irrens, des Lebens und Sterbens beginnt; wo die gegenseitige Duldung nicht als das Ergebnis einer kühlen Ueberlegung, als ein vager Jndiffercntismus, sondern als eine letzte Ueberzeugung, als ein zwingendes Herzenbedürfnis entsteht. So dachte und so empfand er, und so lebte er — ich sage das mit voller Absicht — uns allen vor. Aus dieser Einstellung heraus hat er auch an unserer Schule die jüdische Jugendbibliothek gegründet, die nicht nur jüdisches Schrifttum umfaßt, sondern auch viel Wertvolles enthält, was die besten deutschen Geister geschaffen haben. Und es war ihm eine besondere und oft geäußerte Freude, wenn auch christliche Schüler die Bücher benutzten. Er wollte sie — und das entspricht seiner ganzen geistigen Haltung — Lejsing-Mendelssohn-Bibliothek nennen. Ich würde mich herzlich freuen, wenn die jüdischen Schüler ihr fortan den Namen Dr.-Mah-Bibliothek gäben. Denn an dem Geiste wabrer Duldung, die fest in der eigenen Weltanschauung ruht und doch dabei fremde Anschauungen achtet, hat nicht zuletzt auch er an unserer Schule mitgearbeitet. Diesen Geist wollen wir Weiterpflegen, uns ein Vermächtnis, ihm ein Gedächtnis. Dann wird ein Teil seines besten Wesens lebendig unter uns weiterwirken und sein Name bei uns unvergessen bleiben. Gedeukwort einer Schülerin. Von Dr. Judith Rosenbaum. Er war mein Lehrer . . . Als die Sonne blühend schien, hat man ihn aus dem Hause seiner Leiden hinweggetragen — eine stille Menge. Treue, Treue folgt ihm. Als er das erstemal als Lehrer zu uns kam, war es im Klassenzimmer des Oberlyzeums. Er lebte in seinem Sprechen das Leben all jener mit, die er uns vor Augen führte. Eine Wucht, eiue große Bewegung fühlten wir. „Religion" wurde zu tiefst inneren: Menschheitsgut, verlor die Schalheit der Unterrichtsatmosphäre. Wir erlebten ihren Gebalt wie ein Wunder des Geistes. Wenn er vor uns stand und mit sprühender Klarheit die Kulturen der Welt vor uns aufbaute, da wurde aus unserem Klassenzimmer ein Forum der Welt. Und unser Lehrer zeigte uns, wie zu schauen. Er riß Fassaden fort, und wir lernten sehen, wie Welten zusammenbersten, ein Körnlein Weltgeschichte von seiner Geste belebt, hat uns auf immer den überzeillichen Blick gegeben. Ich denke an meinen Lehrer heute, wo noch die Kunde, bang erwartet, flüsternd um uns zittert. Und wie er unserem Kreis entzogen ward, allmählich, noch mit Wort und Tat seine verschwindende Kraft verschenkend, fühle ich hilflos die Leere, die nimmer uns gefüllt werden kann, fühle ich aber auch mit gleicher Stärke, wie ich ihn wiederfinde in den geistigen Gesetzen, die sein stürmender, reifer Geist unserem jungen Denken aufgeprägt hat: Er bleibt unser reiches Eigentum. Wer so mit verschwendender Kraft die Lehre baute, baut in die eherne Ewigkeit. Ich will sein Bild vor mir formen. Es drängen sich Gesichte hinzu, die er im Lehren vor uns gezeugt. Er war wie ein Schöpfer. Er „belehrte" uns nicht. Es kam alles unmittelbar aus seiner reichen Persönlichkeit, ohne'Zwang und ohne Methode, indem er wieder und wieder mit den jungen Menschen, denen er Freund war, gemeinsam, als sei es ihm taufrisches erstes Erlebnis, jüdisch-weltanschauliche und religiös-Philosophische Probleme durchkämpfte. Uns sind nie mehr unsere Propheten so unmittelbar nahe geworden, als wenn er sie mit der urwüchsigen Kraft, die ihm eigen war, vor uns hinmeisterte. Seine große Künstlerschaft des Lehrens, das Geheimnis seines Berufes war, daß er in der Fülle seines immer wachsenden Wissens als Mensch die Fühlungnahme zu allem fand und von seiner persönlichen Ergriffenheit aus das intellektuelle Lehrwort sprach. Wir waren schon erwachsene Jugend damals. Aber ich habe ihn auch bei den Kleinen gesehen. Sie werden's nimmer ver-! gessen können.! Sicher, eindringlich und fast gewalttätig unerbittlich wahr - hat er die jüdische Ideenwelt unserer Erkenntnis erschlossen. Und! weil er eine so tiefe, revolutionäre Ehrlichkeit besaß, sind wir j diesem Freunde für ewig Schüler geworden. Er hat uns durch i seine kraftvolle Güte die Gefolgschaft leicht gemacht.! Wir wissen, wie er, der rastlos bis zum Ende Schaffende, an i seinem Werke hing Wir zittern, wenn wir an den Rest denken,! den zu leisten ihm nicht mehr bestimmt war. Er hat nach allen I Seiten tausendfach geschenkt. Was bleibt uns jetzt, da uns der! Freund und Lehrer gegangen? Treue, Treue folgt ihm.

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