Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 11 (7.1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 387 (sequence 7)
- Language
- German
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seinem Muster an dieser Stätte weiter zu bauen an dem großen Bau unseres Judentums und der Menschheit, Jugendherzen zu bilden, zu entzünden, zu begeistern für alles Wahre, Schöne und Gute, das in unserem Glauben geborgen ist. Benjamin May ist am 23. Mai 1882 in Westhofen im Elsaß geboren. Sein Vater, der mit trauerndem Herzen, ans Krankenlager gefesselt, der Bestattung seines ältesten Sohnes fernbleiben mußte, ist ein in der Heimat des Verblichenen wohlbekannter, angesehener Weinbauer. Liebe zur heimatlichen Scholle, Arbeitsamkeit, Pflichttreue, altjüdische Frömmigkeit lebt in dem Elternhause unseres Freundes. All diese Tugenden sind ihm angeboren; seine äußere Form, sein straffes, festes Auftreten, seine auch durch Konvenienz und gesellschaftlichen Schliff nicht geänderte, rustikale Art, sein gerades, männliches, starkes Wesen, c>ll diese Grundzüge unseres May, sie entstammen seiner Heimat, seinem Elterichause, dem Boden, aus dem er erwachsen ist. Mit Stolz erzählte er uns ort, wie er in seinen Kinderjahren mit dem Vater, den Brüdern, den Knechten gemeinsam auf die Berge und die Aecker gezogen und schwerste körperliche Arbeit wie alle andern geleistet, wie er noch als Student, in den Ferien, der Stärksten einer, es den andern gleichtat an Körper- und Muskelkraft, an Feld- und Weinbauarbeiten auch der niedrigsten Art. „Gu^ ist's dem Manne, wenn er in seiner Jugend ein Joch zu tragen hat." Wahrlich, dieses Wort Jeremias hat sich an ihm bewährt. Das Joch seiner Jugend hat ihn gestahlt, hat ihn geformt. Aber ein schwereres, bittereres Joch hat ihm die Jugendzeit gebracht. Seine Mutter opferte ihr junges Leben der Geburt unseres Freundes, eine Tragik, deren er oft wehmutsvoll gedachte. Und so wuchs er auf ohne die beglückende Liebe einer Mutter, so fehlte seiner Jugendzeit die Sonne, die Wärme, der Frohsinn, das Glück! Das hat ihn ernst, aber nicht finster, streng, aber nicht hart gemacht. Das hat ihn die Frau als Mutter schätzen gelehrt; darin liegt das Geheimnis seiner Verehrung für manche Frau, die ihm im Leben, iei es durch Bande der Familie oder Freundschaft, nahe trat. Ich würde zarteste Fäden bloßlegen, wollte ich das an dieser Stelle deutlicher zeigen, aber das wäre nicht in seinem Sinne. Unser Freund war einer der feinfühligsten und edelsten Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Er, der so viel Unbill, besonders auch in seinem Schülerleben, erduldet hat. Auch das will ich hier nicht näher schildern und erörtern. Aber feine harten Lehrer, die 'keine Erzieher waren, sie haben ihm bis in seine letzten Jahre vor Augen gestanden und ihm zugerufen: So darfst du es nicht machen! Liebe zum Kinde muß dich durchwärmen, die Seele des Kindes, das Kind selbst sei dir ein Kleinod, das du schützen mutzt wie deinen Augapfel. Dein Schüler ist dein Kind — das war seine Maxime. Begreift, ihr Kinder, wie dieser Mann zum Lehrer i.nd Erzieher heranreifte aus dem Gegensatz seines eigenen Erlebens. Wohlbegabt, an einem humanistischen Gymnasium mit dem Rüstzeug der Erkenntnis der klassischen Antike versehen, mit gutem jüdischen Wissen durch den Rabbiner des Heimatortes ausgerüstet, zieht der Jüngling in die deutsche Hauptstadt. Hier erarbeitet er sich die Grundlagen seines umfangreichen jüdischen, philosophischen und allgemeinen Wissens, die er später in so kluger Weise :n ihren einzelnen Fäden und Phasen miteinander zu verknüpfen wußte. Auch hier, auch in dieser Entwicklungszeit hatte er zu kämpfen, ganz besonders gegen Finsterlinge unter seinen Kameraden, und manches Erlebnis aus seiner sonst frohen Studenten'- zeit, das er uns zum besten gab, zeugt von seiner jugendlichen Kraft zur Niederkämpfung des toten Buchstabenglaubens, wie er sich in seiner Umgebung oft zeigte. Schon während und nach >einer Studienzeit betätigte er sich mit schönem Erfolg als Lehrer, und, es ist bestimmend für seine Entwicklung zum eigentlichen Religionslehrer und zu seiner Bevorzugung gerade dieses Faches in seinem Rabbinerberufe, daß er, der zum Rabbiner Vorgebildete, als Doktorarbeit „Die Mädchenerziehung in der Geschichte der Pädagogik von Plato bis zum 18. Jahrhundert" wählte. „Steht doch gerade jetzt — so sagt er in seinem Vorwort, unsere Zeit vorausahnend — die Frage der Mädchenerziehung mehr denn je im Mittelpunkt des pädagogischen Interesses", und so beweist er auf zielbewußt fortschreitendem Wege, wie die Geschichte der Pädagogik die beste Waffe gegen sich überstürzende Neuerungen ist, zeigt, wie schon Plato -die völlige bürgerliche Gleichstellung des Weibes mit dem Manne fordert: „Erzieht das Weib, beschäftigt seinen Geist mit ernsten, würdigen Dingen, und es wird . . . gleich euch mitarbeiten an der Erreichung des großen Menschheitszieles! Zeigt, wie die Männer, die an der Schwelle der Neuzeit auch auf dem Gebiete der Mädchenerziehung reformierend auftraten, wie der Spanier Ludovicus Vives, der Kämpfer gegen die Scholastik, und der Humanist Tesiderius Erasmus, ihre geistigen Waffen aus der Rüstkammer Platos holen. Bezeichnend aber für unfern so Lief sozial suhlenden und deckenden Freund ist der Schlußgedanke in dieser in jungen Jahren geschriebenen Abhandlung, wie er darauf hinweist, daß die Erziehungsmethode des Humanismus doch eine fast ausschließlich aristokratische ist, die notwendigerweise der Ergänzung bedarf, wenn sie Volksbildung werden, Erziehung der Mädchen der bürgerlichen Stände mit in ihren Rahmen einschließen soll. Wie schon gesagt, die Wahl des Themas seiner Dissertation ist zielweisend für seine letzten Arbeitsjahre, in denen er als Lehrer junger Mädchen so herrliche Erfolge zeitigte, auch da freilich, wie immer in seinem Leben und seiner Wesensart, langsam und gegen starke Wesenszüge ankämpfend, sich zur Vollendung entwickelnd. — So kommt der junge Doktor May nach Frankfurt a. M., so tritt er in unfern Kreis. Anfangs nur zum Lehrer an der Religions schule berufen, wird er bald von der Gemeinde an öffentlichen Schulen beschäftigt und ebenso schnell ob seines Fleißes und Strebens, ob seiner erfolgreichen Tätigkeit anerkannt und gewürdigt. Die erste Frucht seiner emsigen Prä- Parationsavbeiten, die ihn fast täglich bis in die tiefe Nacht hinein im Studierzimmer festhielten, ist sein „H e i ligkei ts bu ch", das er mir zu meinem Amtsjubiläum widmete und überreichte. Einfach und schlicht sagt er in dem Vorwort: „Ich benutzte jüdische und christliche Kommentare, berücksichtigte Kulturgeschichte und vergleichende Religionsgeschichte und trug es in den Unterricht hinein . . ." Und wie mahnt er den Religionslehrer in seinem letzten Worte, das er auf seinem Krankenlager in den letzten Tagen seines Lebens uns Religionslehrern zuruft: „Die Schüler der oberen Klassen haben bereits das sichere Gefühl, daß das Judentum, wenn auch einzigartig, doch immerhin eine Kulturströmung unter vielen anderen und darum nicht als etwas Isoliertes betrachtet werden kann. Zu sehr lebt dieser Schüler bereits im Geiste der umgebenden, vor allem der klassischen deutschen, und als Gymnasiast auch der antiken Kultur, als daß ihn die Zusammenhänge und andererseits die Differenz der Kultur st römungen nicht interessieren sollten. Erst aus dem Vergleich erkennt er das Besondere und vor allem das Wertige seines eigenen, seines jüdischeil Seins . . . Und wie beim religions Philosophischen, so verhält es sich auch beim religions g e s ch i ch t l i che n Unterricht. Er ist ein Teil der Weltgeschichte, die wir aufzuzeigen haben. Der Vortragende, der den ^Zeitenstrom hindurchfließen läßt, wird bald die Gelegenheit haben, die jüdische Geschichte als besonders starke Kulturströmung aufzuzeigen, als ein mannhaftes Ringen um Sittlichkeit und Freiheit der Menschen, sei es im Kampf gegen Hellenismus oder gegen den römischen Imperator Osus oder gegen die Geistesfesselung, wie sie der Anspruch auf alleinseligmachenden Mauben bewirkt. Sieht der erwachsene Junge, wie die Inquisition ja gegen ausrichtigste Christen zuerst eingeführt wird, merkt er, wie zerstörend Religionsfanatisnlus allgemein wirkt, hört er von der mehr wie trostlosen Lage der Bauern und Arbeiter im 18. Jahrhundert, dann erscheint ihm die eigene Geschichte gar nicht mehr so „deprimierend , als ein fortgesetztes Leiden, sondern er fühlt sich selbst Iii jede Zeit eingestellt als Kämpfer." Allen diesen Forderungen gerecht zu werden, daS war sein Ziel, seine Auffassung von der Ausgabe des Religionslehrers, und das war neben seiner natürlichen Begabung zum Lehrer das Geheimnis seines Erfolges. Ihr alle,-liebe Schüler und Schülerinnen, die Ihr das Glück hattet, zu seinen Füßen zu sitzen, in seine dunklen Augen zu blicken, seiner Donnerstimme gewärtig, Ihr alle habt es erfahren, wie er sich und seiner heiligen Religion Eure Herzen gewann dadurch, daß er Eure Fragen zu beantworten, Eure jugendlichen Gewissensqualen zu lindern bestrebt war, daß er, immer ein Suchender, immer ein sich Entwickelnder, Euch balf, die Wahrheit zu suchen und zu finden. Er zeigte Euch den Weg zur Lebensheiligung, die ihm das Ziel, den Zweck aller Religion bedeutete. „Für den Menschen kann es immer nur ein „Streben" nach Heiligkeit geben, ein Streben, seine Handlungen möglichst unbeeinflußt von „irdischen Gefühlen und Begierden, bis zum erreichbaren Grade ausschließlich von seinem göttlich-geistigen Bewußtsein 'bestimmen zu lassen". Weil dies der Ausgangspunkt und Mittelpunkt seines Denkens war, weil dieser Gedanke sich wie ein roter Faden durch fast all seine Ausführungen, Aufsätze und Predigten zog, der Gedanke von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit dem „einzigen" Gott, nach dessen Einheit der Mensch, die Menschheit zu streben habe, darum müssen wir in dieser Stunde des Gedächtnisses seine eigenen Worte auf uns einwirken lassen. — Und wollen wir erfassen, wie dieser Mann sich im Stil, in der Ausdrucksweise, im Schwung und Flug der Gedanken gerade in den letzten zehn Jahren seines so jäh abgebrochenen Ledens fortentwickelt hat, dann hören wir seine Worte über dieses gleiche Gvundmotiv seines Innenlebens in einem seiner letzten Aufsätze: Der Kosmos, die Lehre unserer Bibel. „Es ist kaum zu sagen, was für Schätze der Erkenntnis und Moralität des Menschengeschlechts am Begriff der „Einheit" sich entwickelten. Er wandte vom Aberglauben, mithin auch von Abgötterei, Lastern, Scheusalen privilegierter, göttlicher Unordnung weg. Er gewöhnte daran, überall Einheit des Zweckes der Dinge, mithin allmählich Naturgesetze der Weisheit, Liebe, Güte zu bemerkeil; also auch in jedes Mannigfaltige Einheit, in die Unordnung Ordnung, ins Duiikel Licht zu bringen. Erst durch die Vorstellung eines Schöpfers wurde das Weltall zu einem Kosmos. Die Bibel goß den ersten, schönen Lichtstrahl der Einheit und Ordnung ins Ehaos der Weltschöpfung. Und wodurch trug sie am meisten zur Erfassung dieser Ordnung bei? Durch einen vielumfassenden, aber leicht zu erfassenden Parallelismus: Himmel und Erde. Das Schöpfungsbild ist ganz danach eingeteilt. Wenn der Himmel erböht ist, wird die Erde geziert. Der Parallelismus geht nachher durch alle Gesänge, die sich auf