Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 11 (7.1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 385 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094346--1896-3096632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
an zahllosen Beispielen und Tatsachen könne zum Ziele führen. Und zu dieser Leistung scheint er besähigt, weil ihm die ganze Fülle eines unermeßlichen Sprachschatzes zur Verfügung stehl. Diese Methode sührt ihn zn der Erkenntnis, zu der Gewißheit, daß die Sprache nicht Entartung, sondern Entwicklung ist. „Ihr gebührt unter allen menschlichen Geistesvermögen geschichtlich der erste Rang; sie ist die Quelle der Vernunft. Aus, an und in ihr hat sich die Vernunft selbst nach den allenthalben im Universum Herrichenden Gesetzen der Kausalität langsam und naturgemäß entwickelt. Sie selbst aber, die Sprache, ist nicht dem Ohre, dem Schalle, sondern dem Auge und dem Licht entsprungen. Nicht das brüllende Tier war es, das, Benennung fordernd, dem Menschen der Urzeit gegenübertrat, sondern die Welt offenbarte sich mit ihrem Neichtume an Gestalten und Farben der allmählich zur Erfassung ihrer Schönheit heranreifenden Seele. War der Blitz des Himmels, war die ausbrechend sich erschließende Knospc für das Ohr der jugendlichen Menschheit Explosion? Nein, nich: von brüllenden Ungetümen aufgefangen, nicht von den Schrecknissen einer in Schmetterlauten das Herz bestürmenden Natur erzwungen, entsprang jene hohe, seelenvolle Schöpfung, der Stolz des Weltalls. In ihrem Leben und Wachsen ist heiliger Friede, in stillem geheimem Werden steigt der Saft bildend zu frischen Augen einpor, und mit jeder neuen Knospe entfaltet ein Gedanke sein wunderbares Dasein." Diese grundlegende Erkenntnis leitet ihn zu den Gesetzen der Begriffsentwicklung, deren Allgemeingültigkeit die Sprache aus dem Bereiche der individuellen Psychologischen, natio. nalen Erscheinung heraushebt. „Nicht mehr die Völker, — die Menschheit in ihrem Auftreten und Gesamtdasein auf Erden, in der Entstehung und Entfaltung ihres Sonderwesens als einer aus der Tierwelt heraustretenden vernunftbegabten Gattung bildet einen Paläanthrovischen, einen in gewissem Sinne kosmischen Vorwurf universeller Sprachbctrachtung." Ein Geist wie Geiger bleibt jedoch hierbei nicht stehen. Er mußte auch das Tier in den Bereich seiner Betrachtungen ziehen. Und das gibt ihm Gelegen, heit, sich mit der Darwinschen Lehre auseinanderzusetzen, mit deren Grundgedanken er sich offenbar schon vorher ganz unabhängig von Darwin beschäftigt hatte. So sehr er das Verdienst des englischen Forschers anerkennt und ihm zustimmt, daß der Mensch aus einer niedrigeren, tierischen Stufe emporgestiegen sei, so lehnt er jedoch für die Entwicklungsgeschichte der Vernunsi den ,^!ampf ums Dasein" ab. Aus einem solchen rein negativen Prinzip könne auch nicht die Entstehung des körperlichen Organismus erklärt werden. Auch die „natürliche Auswahl" reicht dazu nicht aus; das hieße die Natur zu einer großen Züchterin machen, ihr ökonomische Berechnung zuschreiben. „Die Natur erscheint uns freilich weise, aber nicht weil die Natur vernünftig, sondern weil nnsre Vernunft natürlich, aus der Natur entwickelt und ihr gemäß ist." Es gibt noch ein anderes Prinzip, wonach Natur und Vernunft sich entwickeln: die Differenzierung und der durch sie in Wirksamkeit tretende und immer mächtiger wachsende Z u - fa>ll. Er fügt ihn ein in das Werden der Welt, in die Aufeinanderfolge von Geschehnissen, Erlebnissen, in die Entwicklung des Begrifflichen und körperlich Organischen. Die Welt aber ist ihm kein toter Mechanismus. Alles ist ihm mit Leben erfüllt: „Die Welt ist Bewegung und Empsindung." So wird der Forscher zum Philosophen. Die Sprache ist ihm schließlich nur ein Teil des Gesamtlebens, sie erforschen heißt auch dieses erkennen Aus dem engen Bereich des Faches schreitet der Forscher hinaus in unendliche Weiten — er umfaßt die Welt in ihrem Werden und ergründet ihr Wesen, damit er sich selber begreife und die Stellung des Menschen im Weltall. Man kann es'verstehen, daß ein Mensch, den eine derartige GÄankcnwelt erfüllte, vor Amt und Beruf zurückschreckte — aber dennoch, er folgte dem Rufe und wurde Lehrer am P h i l a n t h r o p i n. Der Lehrer. Wie ernst es Lazarus Geiger mit feinen Pflichten als Lehrer nahm und wie sehr er sein reiches Wilsen in den Dienst des Berufes stellte, bezeugt ihm sein Direktor Hermann Baer- Wald: „Denkt man an die Richtung und den Umfang der Studien Geigers all seine Meisterschaft in der Handhabung des Wortes, an die Gewalt seiner Rede, ruft man sich ihn in die Erinnerung zurück, wie er, auf dem Katheder stehend, ganz auf den zu behandelnden Gegenstand gerichtet, vor einem zahlreichen, gebildeten Kreise, einen wissenschaftlichen Vortrag hielt; eine ihrer Sache gewisse, in sich ruhende Persönlichkeit, die edle Erscheinung eines wirklicken Gelehrten; so muß man sagen, daß nur etwa der Lehrstuhl einer Universität ihm einen entsprechenden Wirkungskreis geboten haben würde; den eben erst in das Jünglingsalter eintretenden Knaben, die er in unserer Schule zu unterrichten hatte, mußte, was seinen Geist unausgesetzt beschäftigte und seine Seele ganz erfüllte, billig fern bleiben. Aber der gelehrte Mann war in Wahrheit ein Freund der Jugend, er hatte früh begonnen und niemals ganz aufgehört, sie zu unterrichten, und so sah er sie gerne auch auf den Schulbänken vor sich versammelt und gewann nach und nach die Schultätigkeit so lieb, daß er — zumal bei der großen Vorliebe, die er für seine Vaterstad.!,.^tte —, einem etwa an ihn ergangenen Rufe an eine Universität Wohl schwerlich gefolgt wäre." Baerwald würdigte dabei durchaus Geigers wissenschaftliche Bedeutung, zumal nach Erscheinen des Hauptwerks, das in Fachzeitschriften und von Fachgenossen gerühmt ward, und er beantragte bei der vorgesetzten Behörde die Verleihung des Professortitels an den verehrten Forscher — aber vergebens! Er selber hat Wohl von dieser ihm zugedachten Ehrung nichts erfahren, und schließlich galt auch dem Direktor die Persönlichkeit mehr als irgend ein titelbckleideter Beamter: „Wenn es aber unzweifelhaft ist, daß die tiefste Wirkung eines Lehrers diejenige ist, die unmittelbar von seiner Persönlichkeit ausgeht, so war es sicherlich ein nicht genug zu Preiseudes Glück für eine Schule, einen Mann den ihrigen nennen zu dürfen, der, ein abgesagter Feind aller Aeußerlichkeit und Oberflächlichkeit, des Sichabsindens mit den Pflichten, alle Beziehungen, in die er trat, alle Aufgaben, die er sich stellte oder übernahm, tief und gründlich erfaßte, der reinen Herzens, lauteren Sinnes uns allen, Lehrern und Schülern, ein so edles Vorbild war/") Der Jude. Er war ein Vorbild auch als Jude. Wie aus dem Studium der Bibel und des Talmuds der Drang zum Forschen hervorgegangen war so hat zeitlebens das innere Verhältnis zur hebräischen Sprache, zu jüdischem Schrifttum, zu jüdischer Wissenschaft, zn Juden und Judentum fortbestanden. Wie er als Abiturient den Stoff zu seiner Rede aus der Bibel wählte, so hat er in seinen Schriften immer wieder nnd wieder die Sprache der Bibel herangezogen und gedeutet, und wie er dem väterlichen Hause in hingebender Liebe anhing, so blieb er dem väterlichen Glauben und den überlieferten Formen allezeit treu ergeben. Er hat seiner Liebe znm Alten in den „Terzinen bei dem Falle der alten Synagoge zu Frankfurt a. M. (1854)" ergreifenden Ausdruck verliehen. Er sah keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen seiner modernen Gedankenwelt und der jahrtausendealten Tradition, denn — so erklärt er — das Judentum kennt keinen Konflikt zwischen Glauben und Denken. Frei von allen Doczmen gewährt ihm gerade das Judentum volle Denkfreiheit — die Religionsgesetze sind nur auf das Handeln gerichtet, anf die edle Tat, und das Judentum ist ihm vor allem eine N e l i g i o n d e r T a t. In dem Entwurf zu einer Abhandlung über das Judentum lehnt er darum eine jüdische Theologie, wie überhaupt jedes System ab: „Auf die jüdische Religion ist kein System anwendbar. Das Judentum ist eine Reihe natürlicher Entwicklungen, die srei sind — das System aber hebt die Freiheit auf." Auch hier also der Entwicklungsgedanke, der seine Sprachforschungen befruchtet hatte, auch hier die Freiheit des Denkens, das sich nicht in Fesseln schlagen läßt. Und er umfaß: auch hier mit bewunderndem Blick die Weite und Größe des Historischen uud des Religiösen im Judentum. Es ist der Entwurf zu einer großangelegten Geschichts- und Religionsphilosophie des Judentums überhaupt. Wie er auf der einen Seite die Bedeutung des Historischeu, auch des Nationalen und Volklichen, für die Entwicklung der jüdischen Religion durchaus würdigt und die erbliche Verbindlichkeit zu gewissen Handlungen für notwendig hält, so ist ihm andrerseits Gegenstand des Glaubens nur das, was an und für sich uicht bezweifelt werden kann. „Unglaube ist nicht wirklich vorhanden, sondern Selbsttäuschung. Auch der Pantheist kann in jüdischem Sinne gläubig sein", denn „Jeder ist Jude, der nicht an einen Götzen glaubt, d. h. keine sinnliche Vorstellung von der Gottheit hat", und Aufgabe des Judentums ist ihm, die sinnliche Vorstellung von der Gottheit überall zu bekämpfen. Was ihn mit dem Judentum, mit seiner Religion, verband, war außer all diesem noch eines: ihre Poesie. „Es muß zur gleichen Zeit eine Lehre und eine Poesie vorhanden sein." Diese innige Verbindung fand er im jüdischen Schrifttum; schon in seiner Abitnrientenrede hat er auf diesen Zusammenklang mit den schönen erhebenden Schlußworten hingewiesen: „So endet diese Dichtung. Wie sie in der Idee groß in der Ausführung vollendet, in der Sprache reizend und unendlich wohlklingend ist, so eignet sie sich auch am besten, den Geist des hebräischen Volkes in seiner höchsten Blüte erkennen zu lajsen. Denn die Poesie in ihrer Vollendung ist Zugleich der schönste und vollkommenste Ausdruck des ganzen menschlichen Wesens. Und wie der Wanderer in ferne Gegenden den Weg durch unbekannte Länder und Meere an dem ewigen Glänze der Sterne sucht und durch ihren Anblick zugleich das erhebende Gefühl eines großen, gemeinsamen Vaterlandes aller Menschen in seiner Seele weckt: so führt uns die Poesie, indem wir, ihrem Strahle folgend, Sinn und Wesen weit enrrückier Völker zu erforschen streben, zu der Empfindung einer in allen Zeiten und Völkern waltenden einzigen Menschheit und der Gemeinschaft alles Hohen, Herrlichen und Göttlichen." i) Aus einer Programmschrift ist die Abhandlung „Ucbcr deutsche Schriftsprache und Grammatik mit besonderer Rücksicht auf deutsche Schulen" (1v7lZ) hervorgegangen.