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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-07-01 · 11 (7.1929) · p. Seite 384

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
11 (7.1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
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384 zu wirken, und wer es nicht selbst empfunden hat, der weiß nicht, was ich da empfand. Ihr wolltet nicht, daß ich studieren sollte, und ich widersprach euch nicht — ich kannte das Studium nicht, kannte nicht die Allgewalt des verhaltenen inneren Triebes. Ich sah einen Stand, der Großes zutage gefördert hat, einen Stand, ohne den es keine Wissenschaft, keine Gelehrsamkeit geben könne. Und ich dachte, daß, was Schönes schaffe, auch schön und groß fein müsse, und vergaß, daß es nicht des Goldes bedürfe, um die Erde zu Düngen, die erquickende Früchte bringen soll. So glaubte ich, und fand mich getäuscht. Immer klarer trat mir der Gedanke vor die Seele, daß ich so nicht leben könne." Endlich kam die Zustimmung: „Hetzt hüpf, tanz uns spring. Dein Vater läßt dich studieren!" rief ihm Herr von Zabern zu, und sogleich kehrte der Knabe nach Frankfurt zurück. Mit rastlosem Eifer betrieb^er die Vorbereitung für das Gym - . .....^ , ...- nasium; Ende Juli 1845 trat ' er in die Sekunda ein, schon nach einem halben Jahr ward er nach der Prima versetzt und erhielt nach weiteren anderthalb Jahren im August 1847 das Zeugnis der Reife. Bei der Schlußfeier im Kaisersaal hielt er eine Rede über „Das hebräische' Gedicht Hiob, semer Idee und Ausführung nach entwickelt", eine Rede, die in Schönheit der Sprache und Klarheit der Gedanken weit über die übliche Abiturientenleistung hinausgeht, die bereits den klaren Denker, den feinsinnigen Interpreten und den ethischen Charakter verrät. So bezog er als ein Reifer im Oktober 1847 die Universität. Er studierte in Bonn, in Heidelberg, in Marburg und wieder in Bonn, alles Städte, deren landschaftliche Reize seinem nach Schönheit dürstenden Sinn reiche Nahrung boten und seinem frohen Gemüt die sonnige Heiterkeit erhöhten und erHilten, deren der mit restlosem Fleiße arbeitende Student als Ausgleich bedurste. Er war kein weltfremder Bücherwurm. Leben ind Studium verband er mit vollem Bewußtsein, wie er auch an der großen Zeitbewegung starken Anteil nahm, an den Parlamentssitzungen in der Paulskirche, an dem Aufstand in der badischen Hauptstadt. Er war mehr als Philologe, hörte außer den philosophischen und phylologischen auch historische, juristische und naturwissenschaftliche Vorlesungen, u. a. Chemie bei Dunsen. Vor allem aber wirkte auf ihn der Archäologe F. G. Welcker, dessen vielseitige künstlerische Natur einen starken Zauber ausübte. Für Geiger war das Studium Selbstzweck, es gab für ihn keinen Abschluß, kein Examen, keinen „Grad", keinen Titel. Seine wissenschaftliche Selbständigkeit, seine Gedankenwelt bedurste alles dessen nicht. Er war sich seiner Lebensaufgabe voll bewußt, als er im Herbst 1349 von Heidelberg in die Heimat zurückkehrte und leinem Freund Theodor Neubürger anvertraute, er habe durch eine Reihe sprachwissenschaftlicher Entdeckungen den Ursprung der menschlichen Sprache und Vernunft gefunden, er werde imstande sein, über die Entwicklung derselben unumstößliche Gewißheit zu geben. Es handelt sich in der Tat um nichts Geringeres, als um die Aufhellung des Ursprungs der menschlichen Sprache und Vernunft, und mit der ganzen ihm eigenen dionysischen Leidenschaftlichkeit gab er sich dieser Arbeit hin. Er begehrte kein Amt, keine Stellung, keinen äußeren Rang. Irdische Güter waren ihm gleichgültig. Einige Privatstunden gewährten ihm die notwendigsten Mittel zur Existenz — bis er auf vieles Trängen fich 1861 entschloß, als Nachfolger I. M. Josts eine Lehrerstelle am Philanthropin anzunehmen. Fast ein Jahrzehnt hat er hier Hebräisch, biblische Geschichte, mathematische Geographie, ^or allem aber Deutsch unterrichtet, wie als Gelehrter, auch als Lehrer — erst 1869 machte man ihn zum „ordentlichen" — mit der vollen Hingabe der ganzen Persönliche keit wirkend. Hier verband sich beides: Lehrer- und Gelehrten; natur befruchteten einander, aber das große Ziel seiner wissen» schaftlichen Studien verlor er nie aus den Augen. So erschienen denn in diesem Jahrzehnt die Früchte seiner Arbeit: Sein Haupl- Werk „Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache uno Vernunft". 1. Band. 1868. Der 2. Band erschien erst 1872, nach seinem Tode. Doch hatte er vorher die Quintessenz seiner Forscherarbeit zusammengefaßt und in seinem Buche „Der Ursprung der Sprache" (1869) dargestellt. Eine Reihe kleinerer Arbeiten und Vorträge ward ebenfalls erst nach seinem Tode unter dem Titel „Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit" durch seinen Bruder herausgegeben. Ein früher Tod setzte diesem schassensfrohen Dasein ein Ziel. Am 29. August 1870 erlag der 41jährige einem Herzleidens) Der Forscher und Denker. „Indem ich lange gehegte Gedanken dem Urteile der Oeffentlichkeit anheimgebe, fühle ich doppelt, wie sich an sie die edelsten und teuersten Erinnerungen der Jugend nicht weniger als ihre Hoffnungen knüpfen." Mit diesen Worten widmet Lazar Geiger sein Hauptwerk dem verehrten und geliebten Freunde, dem Arzt Theodor Neubürger. Von Kindheit an glühte in ihm die Liebe zum Wissen, zum Forschen: „Ich will alle Sprachen lernen, alle", rief der Zehnjährige seiner Mutter zu, und er hat in der Tat sich die Kenntnis so vieler Sprachen erworben, daß er souverän mit dem reichen Schatze schalten und walten konnte, daß er aus unermeßlicher Fülle für alle Probleme der Sprachwissenschaft zu schöpfen vermochte. Denn die Sprachkenntnis war ihm nicht Selbstzweck, sie war Voraussetzung für seine Geistesarbeit, lieferte ihm das Material, das Handwerkszeug für den Vau, den er aufzurichten gedachte. Es ist ihm jedoch nicht darum zu tun, den Gesetzen der gesprochenen Sprache, des Sprachlauts und der Sprachverwandtschaft nachzuspüren — mit Bewunderung erkennt er an, was Männer wie Grimm und Bopp auf diesem Gebiet geleistet, daß sie den ganzen unendlichen Stoff der Etymologie aufgehäuft und gesichtet haben — er will vielmehr eine Lehre von der Entwicklung der Bedeutungen geben, also eine Lehre von dem in der Sprache sich offenbarenden Denken und Empfinden. „Daß „Gehör" von „hören" kommt, wissen wir allerdings: außerdem aber nur, daß „hören" im Gotischen „hausian", im Sanscrit ,.cru" usw. heißt. Aber hat die Wurzel des Hörens diesen Begriff von jeher bedeutet? Ist er ursprünglich, ewig? Hier fängt das Nichtwissen an; und von hier bis zum Ursprung der Sprache ist noch ein weiter __ Weg." Diesen Weg will er Verfölgen — bis zum Ziel! Das ist in der Tat seine Aufgabe. Er weiß sehr Wohl, daß die Vorarbeiten hierzu kaum begonnen waren, daß u. a. die Erforschung der Wurzelsormen besonders in Angriff genommen werden mußte — und er hat auch auf diesem Gebiete Bedeutendes geleistet — doch er ist wie Curtius (Grundzüge der griechischen Etymologie) der Ueberzeugung: Wie es die Sprachforschung dahin bringen werde, für allen Lautwandel ganz allgemeine, allen Sprachen ge? meinschaftliche Gesetze zu ermitteln, so werde es auch möglich sein, allgemein menschliche Gesetze und Analogien für die Be» deutungsübergänge aufzufinden, die für die philosophische Sprachforschung von größter Wichtigkeit werden könnten, aber er hält die bisherigen 'Wege für verkehrt; er sieht die Ursache für die Unsicherheit der Etymologie darin, daß sie sich im Wesentlichen auf deu Laut stützte; die Grundbedeutung eines Lautes aber sei von Natur unbestimmt, vieldeutig; nicht Lautgesetze, sondern Bedeutungsye setze gelte es daher zu finden. Die gesetzliche Reihenfolge, m welcher Begriffe entstehen und nicht entstehen können, will er ermitteln, und er glaubt damit endlich den Kom-> paß gefunden zu haben, der ihm den sicheren Weg zum Ursprung der Sprache weist. Ja, er ist überzeugt, diesen Weg gefunden zu haben. Er hat nicht den Ehrgeiz, zu all den bisherigen Theo, rien eine neue hinzuzufügen — er will die endgültige Lösung bringen. Darum lehnt er auch jede Sprachphilosophie ab, die am Anfang der Sprachwissenschaft steht — sie könnte vielleicht den Abschluß bilden. Denn die Begriffsgeschichte ist ihm eine Erfahrungswissenschaft. Nur die sorgfältigste, nüchternste Beobachtung i) An der Stätte seiner praktischen Wirksamkeit befindet sich eine Büste, die der Bildhauer Herold geschaffen, in der Vorhalle der Stadtbibliothek zeigt eine andere, von Schicrholz gemeißelte, die edlen, durch Geistesarbeit verklärten Züge Geigers.

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