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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-07-01 · 11 (7.1929) · p. Seite 383

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
11 (7.1929)
Date
1929-07-01
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
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Religion, die Religion des auserwählten Volkes — die jüdische, die staatliche Religion der Römer. Die höchste Stufe, die christliche, erblickt den Wert des Lebens weder in der Erfüllung eines persönlichen, noch eines gemeinschaftlichen Zieles, sondern „nur im Dienen dem Willen dessen, der den Menschen wie die ganze Welt erzeugt hat, nicht zur Erreichung ihrer Ziele, sondern der Ziele seines Willens". Man sieht, wie 'weit sich Tolstoi vom Aufklärer Lessing unterscheidet: Nicht die Verselbständigung des menschlichen Geschlechts, nicht das Handeln auf Grund eigener Einsichten, nicht die Ueberwindung fürsorglicher Theologie, die dem Kind Versprechung uud Verwünschung entgegenbringt, sondern die bedingungslose Unterwerfung unter den gläubig hinzunehmenden Willen einer dem Irdischen grundsätzlich entrückten Macht ist für Tolstoi der erreichbare Höhepunkt menschlicher Entwicklung. Es klingt fast so, als wolle Tolstoi gegen Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" polemisieren, wenn er ausführt, in der Bibel bestehe das Wesentlichste darin, daß Menschen, „den Willen Gottes oder — richtiger — den Bund, den sie mit Gott geschlossen haben, erfüllen müssen". Und in „Religion und Sittlichkeit" wird schier der Bogriff der Korrelation vorweggenommen: „Die jüdiiche Wissenschaft (der Talmud) bestehi immer nur im Erforschen und Erklären der Bedingungen, welche vom Menschen beobachtet werden müssen, damit der Vertrag mit Gott erfüllt und das auserwählte Volk auf der Höhe seines Berufes erhalten werde." Es wäre lächerlich, eine Darstellung von Tolstois Stellungnahme zu Judentum und Judenheit mit der Betrachtung zu schließen, ob Tolstoi im ganzen gesehen Judenfreund gewesen sei oder nicht. Man möchte aber meinen, daß die theoretisch formulierten Angriffe Dostojewskis fruchtbarer seien als die Glorifizierung der Märtyrer, die Tolstoi gelegentlich versucht. Dostojewski hat schließlich den „Großinquisitor" geschrieben, d. h. er hat gezeigt, wie das organisierte Leben der menschlichen Gesellschaft und seine Entwicklung abhängig ist von bestimmten zu beachtenden Bedingungen, mögen nun die von ihm angenommenen richtig sein oder nicht. Die fortschreitende Veränderung der Welt also, nicht ihre moralisierende Verurteilung, ist für ihn der Rahmen, in den er darum auch das Judentum stellt. Tolstoi selbst bleibt hier ohnmächtig. Als er von einem jüdischen Korrespondenten beidrängt wird, doch endlich einmal ganz konkret anzugeben, was die Juden jetzt, im Augenblick, angesichts der für ihr gegenwärtiges Leben bestehenden Schwierigkeiten machen sollten, gibt er ihnen den gleichen Rat. über den er selbst, wahrscheinlich zu seiner eigenen Verzweiflung, niemals hinausgekommen ist: „Juden wie allen Menschen ist zu ihrem Wohl nur eines nötig: so viel es nur möglich ist, der allgemeinen Regel zu folgen: mit anderen so zu Verfahren, wie du willst, daß man mit dir verfahre, und mit der Regierung nicht mit Gewalttätigkeit kämpfen — dieses Mittel muß man der Regierung überlassen —, sondern mit einem guten Lebenswandel, welcher jede Gewalttätigkeit an feinem Nächsten ausschließt, auch jede Teilnahme an Gewalttätigkeit und jede Benutzung zum eigenen Vorteil der Werkzeuge der von der Regierung begründeten Gewalttätigkeiten." Nun, dieser Ratschlag mußte den Juden so wenig gegeben werden wie den Bauern der, sich der Teilnahme an den Zivilisationsgütern und ihrer Vermehrung nicht zu beteiligen. Vielmehr stellen alle diese Ratschläge nur die Bestätigung des bereits bestehenden Zustandes dar: so wenig wie die Bauern in Verlegenheit gerieten, den Luxus von Wissenschaft und Lebensstil der Bourgeoisie zu benutzen, so wenig, hätte es den Juden des zaristischen Rußlands genutzt, sich politischer Werkzeuge bedienen zu wollen. Und schließlich: die Geschichte kennt bisher keine Regierung, die das Mittel der Gewalttätigkeit ausgeschlagen hätte, aber sie kennt darum auch keinen Zeitabschnitt, in dem nicht eine menschliche Gruppe sich der Benutzung von Regierungswevkzeugen erfreut hätte. Die Judenfrage ist nur lösbar in dein von Tolstoi übersehenen Raum sich entwickelnder menschlicher Gesellschaft in ihrem Kampf mit der natürlichen Umgebung und mit sich selbst. Lazarus Geiger. Geb. 21. Mai 1829 gest. 29. August 1870. Von Dr. Arthur Galliner. „Wunderbar, unerklärlich ist alles, was um uns vorgeht, aber wir legen nur demjenigen diesen Namen bei, was uns ungewohnt ist — unmöglich ist daher das Wunderbare nicht." Diese Worte schrieb mit zitternden Händen der kaum dreizehnjährige Knabe Lazar Geiger nieder, da er seine ersten Gedanken über Ursprung und Wesen, über Mannigfaltigkeit und Entwicklung der Sprache in einer kleinen Abhandlung zu formu. lieren strebte; sie trägt den Titel: „Li e b l i n g sb e t r a ch - tungen in meinen Mußestunden. Ein kleiner Beitrag über Entstehung und erste Ausbildung der Sprachen". Liegt in diesen tiefgefühlten Worten nicht die Erklärung für die ganze Persönlichkeit und die wissenschaftliche Leistung Geigers? Ihm sind die „wahren, echten Wunder" nie alltäglich gewejen. Nie alltäglich geworden. Ihn erfüllte das Bewundern, das Staunen so sehr, das Staunen gerade an dem Alltäglichsten, an unserer 383 Sprache, daß er fragen, suchen, forschen mußte in ihrem weiten Reiche — unaufhörlich, unermüdlich. Denn das Staunen ist die stärkste Triebkraft zum Wissen, ist der Urquell aller WissenDaft. Staunend blickt das Auge ins All und sucht tausendfältiger Wunder Erklärung — der Naturforscher erwacht; staunend erschaut der Blick die Buntheit der Farben, den Reichtum der Formen — der Künstler wird lebendig; staunend vernimmt das Ohr das wirre Gemenge der Töne, der Laute, der Sprachen — der Sprachforscher tritt auf den Plan und begehrt, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Mit dem freudigen Schauer des Entdeckers, mit der ganzen Urtümlichkeit eines Erstlings stürzen sich solche Menschen in ihre Aufgabe, berauscht von deren Größe und erfüllt von ihrer eigenen Berufung. Ein derart Urtümlicher, solch ein Berufener war auch Lazarus Geiger. Sein Leben. Er war ein Frankfurter Kind, geboren am 21. Mai 1829 als Sohn des Privatgelehrten R. Salomon Geiger. Seit mehr als zwei Jahrhunderten war die Familie hier ansässig, eine Gelehrtenfamilie, der so mancher berühmte Talmudist entstammte. Auch in seinem Vater vereinte sich die tiefe Kenntnis jüdischen Schrifttums mit traditioneller Frömmigkeit. Er wurde der erste Lehrer des Knaben und gerade ob dieser Verbindung von Wissenschaft und Leben ein so einflußreicher Lehrer und Erzieher, daß der Schüler zeitlebens der väterlichen Unterweisung dankbar ge» dachte. Nur in den ersten Anfängen mochte der Unterricht elementaren Charakter tragen — wie das bei dem jüdischen Jugendunterricht damals häufig noch der Fall war; er wurde gar bald zum gelehrten Studium; nicht die Pädagogik begrenzte das Lehrziel, sondern es herrschte die Unbefchränktheit der Wissenschaft. Neben das Studium der Bibel trat alsbald das der Kommentare; besonders Raschi und Jbn Esra haben den frühreisen Geist zu Fragen und selbständigem Denken angeregt. Eine wertvolle Ergänzung fand dieses jüdische Wissen durch die weltlichen Kenntnisse, die er durch Vermittlung des Jakob Nenbürgerschen Hauses sich erwerben konnte. Es war der Geigerschen Familie verwandt und befreundet — die Frauen waren sich besonders zugetan, und der Knabe fand in den Söhnen Theodor und Eugen treue Freunde fürs Leben. Jakob Neubürger, ein von Rousseaus Ideen und Pestalozzis Grundsätzen erfüllter Mann, der damals hier in Frankfurt eine weibliche Erziehungsanstalt begründet hatte, unterwies ihn im Deutschen und Französischen, beeinflußte darüber hinaus' die Herzensbildung des Knaben, stärkte den Trieb zum Forschen nach Wahrheit, zenem erhabenen Ziel der Aufklärung, der er selber noch entstammte. So trat er wohlvorbereitet in die katholische Selekisuschule, wo weitere Sprachen, Latein und Griechisch, seinen Gesichtskreis erweiterten und ihn zu neuen Fragen führten. Die indogermanische Sprachenwelt stellt sich neben die lemitische, und schon fühlt der Knabe die Gegensätze, schon grübelt er über die Probleme. Ein Büchlein in des Vaters Bibliothek, „Alling, Sprachlehre vieler morgenländischer Sprachen", gibt ihm weitere Anregung, und so entliehen jene „Lieblings^ betrachtungen" des kaum 13jähvigen, in denen ein kindlich einfältiger, frommer Sinn mit dem Drang nach Erkenntnis und tiefer Ehrfurcht vor der Würde der Wissenschaft sich paart. Hier schon ist das Thema umrissen, das einst zu seiner Lebensarbeit werden sollte. Er schien zum Gelehrten bestimmt, seine Lehrer, der Historiker Joseph Aschbach und besonders Dr. Eberz, der klassische Philologe, sie dachten es nicht anders und förderten seine Studien mit besonderer Liebe. Aber er sollte Kaufmann werden. Er wurde 1843 nach Mainz zu einem Buchhändler Victor von Zabern in die Lehre geschickt. „Du wirst doch noch umsatteln," sagte ihm Dr. Eberz beim Abschied. Und er hatte recht. Dem folgsamen Sohn ging sehr bald der furchtbare Zwiespalt zwischen Beruf und Berufung aus: „Der Buchhandel könnte viel sein, aber er ist nichts," schreibt er an seinen befreundeten Lehrer Eberz. „Er könnte, was die schaffenden Geister unserer Zeitgenossen bereiten, zu einem mächtigen und herrlichen Ganzen vereinigen, und er wird zur bloßen Befriedigung der Geldlust benützt. Von was redet je ein Buchhändler bei einer Unternehmung anders als vom hineingesteckten und herausgeschlagenen Geld? „Vom buchhändlerischen Gesichtspunkt ausgehen, ist ein bloßer Kunstausdruck für „von Geld reden". Zu dieser Enttäuschung kam aber die andere: Mockte er noch so sehr all die freie Zeit nützen, um seine Sprachstudien fortzusetzen — und er nahm die Nächte zu Hilfe — er empfand die Unmöglichkeit, beides zu vereinbaren mit furchtbarem Schmerz: Kaufmann und Gelehrter konnte er nicht werden; so drängte er zur Entscheidung: „Ich Habe mich entschlossen, niemanden scheuend, meinen Weg zu verfolgen, die Wissenschaft jetzt zu lieben, einst zu fördern, uno mein Mut soll mit jedem mir entgegentretenden Hindernis nur wachsen." So schreibt er wieder an Eberz, und dieser treue Lehrer hat denn auch Lazars Eltern beraten, als es galt, den Sehnsuchtswunsch des Knaben zu erfüllen. Ein erschütternder Brief des 15jährigen gibt Kunde von seiner seelischen Not: „Als bei der öffentlichen Schulprüfung im Jahre 1343 die Zuhörer auf mich zutraten, Leute, die mich nicht kannten, mir Glück wünschten und mir unverhohlen sagten, daß ich der Beste in der Klasse sei, da füihlte ich, daß es von mir und nicht von dem blinden Zufall abhänge, etwas

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