Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 11 (7.1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
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aber jener den national-religiösen Egoismus der Juden verantwortlich, so begründet Tolstoi, unhistorisch und den letzten Entscheidungen immer zugewendet, die Sinnlosigkeit der Judenfrage religiös: „Meine Beziehung zu den Juden kann keine andere sem als die BeZiehung zu Brüdern, die ich nicht dafür liebe, weil sie Juden sind, sondern weil wir. wie alle Menschen, Söhne eines Gott-Vaters sind, nnd diese Liebe erfordert von mir reine Anstrengung, da ich guten Menschen unter den Juden begegnet bin und sie kenne." Da aber die Kulturorganisation der Gegenwart nicht die Voraussetzungen brüderlichen Lebens unmittelbar bietet, so wünscht Tolstoi die Judenfrage unter den gleichen Voraussetzungen zu lösen, die er allein für die Schaffung einer bejahenswerten Gesellschaftsordnung anerkennt, er fordert „diesen durch tausendjährige Verfolgung ermatteten Stamm" auf, ins Dorf zu kommen, wo er ihnen warme Begrüßung durch die Dorfleute, Wohlwollen und Arbeit verheißt. Das Dorf kennt weder Haß gegen einen Mauben noch gegen eine Nationalität; dort werden die Märtyrer Ruhe finden. Ob Tolstoi sich von dem Motiv hat leiten lassen, die Märtyrer mit den Märtyrern zusammenzuführen? Ob hier die gleiche soziologische Hilflosigkeit obwaltet, die, da er selbst sich der Ungerechtigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung erfreut und gerade darum an ihr leidet, nur den Ausweg findet, das allgemeine Lebensniveau nach unten anzugleichen, anstatt es. und sei es mit Gewalt, KU erhöhen? Wie dem auch sei: er glaubt, die Bauern lieben und verehren die Juden, weil sie für ibren Glauben gelitten. „Es gibt keinen ungläubigen Juden." Diesen Satz Dostojewskis übernimmt auch Tolstoi, freilich mit völlig umgekehrter Wertung. Die Annahme liegt nahe, daß ein Mensch, der die Judenfrage durch die Landbesiedlung zu lösen wünscht, der auch aktiv Anteil genommen hat an den Anfängen jüdischer Kolonisation mit amerikanischem Gelde, eine bejahende Stellung zum Zionismus einnehmen müßte. In Wirklichkeit erscheint er ihm als die schreckliche Krankheit eines klugen und erfahrenen Volkes. In ihm findet er zunächst den ihm widerwärtigen Avvarat des äußeren Nationalismus, der sich dem Rausch der völkischen Oberflächenerscheinung — Militär. Staatsorganisation. Dahnen, Gerichte — hingibt. Nur Schwächlinge und Wichtigmacher, vom äußeren Glänze geblendet oder charakterlich ibm vervflichtet. lassen sich von einer solchen Beweaung mitreißen. Die größte Sünde aber begehen Führer, die eine Bewegung als fortschrittlich ausgeben, weil sie ein freies, selbständiges Leben an den Stätten großer Vergangenheit ermögliche. Europas Kanonen verlocken die Führer, aus den Patriarchengestglten der Bibel heißblütige Krieger zu machen. Für Tolstoi ist der Zionismus ein unaeheurer Rückschritt: das Volk ist doch schließlich kein Archäologe. Warum sollen denn Millionen Plötzlich ibre Heimat verlassen? .Hat nicht die Verbundenheit mit ihr die Rückkehr zahlloser nach Amerika Ausgewanderter gezeigt, die doch w-ußten. daß sie in Rußland allen möglichen Quälereien wieder ausgesetzt würden? Und schließlich: warum ist denn das Volk nicht in den letzten achtzehnhundert Jahren zurückgekehrt? Gerade in diesem freiwilliaen Exil erblickt Tolstoi das eigentümliche und großartige Schicksal des Volkes. „Die wahre Tiefe des jüdischen Geistes ist gegen das abgesonderte territoriale Vaterland." Als Rabbi Jochanän von Vespasian um die Erlaubnis zum Bau des Lehrbau'ses in Jabne bat. da war der größte Augenblick der jüdischen Geschichte, weil sich da der „Tausch des Körperlichen mit dem Geistigen" für alle Völker der Erde vorbildlich vollzog. Tolstois kritische Stellungnahme steht m allen jüdischen Hauptrichtungen in irgend einer bestimmten Beziehung. Mit der alten Orthodoxie liebt er den 5>nden zu seben wie er über die Bibel vertieft sitzt, kaum vom Schaum des Wasserfalls der Kultur besvritzt, unberührt von allem äußeren Geschehen. Mit dem Liberalismus teilt er die missionshaste idealistische Auffassung vom Judentum als der Gestaltung eines bestimmten geistigen Prinzips, teilt er darum auch die Gegnerschaft zum Zionismus. Aber es ist von Bedeutung, daß diese Feindschaft gegensätzlich begründet wird: denn der liberalen Auffassung des europäischen Westens ist der Zionismus zu kulturfern, während ihn Tolstoi gerade wegen seiner Beziehungen zu den Lebensformen und Ideologien des kapitalistischen und imperialistischen Westens bekämpft. Mit dem Zionismus selbst bat Tolstoi gemein die Auffassuna von den Juden als einer völkischen Gemeinschaft, eine Auffassung, die bei den Voraussetzungen jüdischen Lebens in Rußland als selbstverständlich erscheinen muß: zualeich teilt er sich in dem Lösungswunsch der Judenfrage durch kleinbäuerliche Kolonisation mit der modernen Phase des Zionismus. Es ließe sich freilich ein nach Kronzeugen suchender Fanatiker denken, der mit Tolstoi die' Krim aeoen Palästina ausspielte. .Die heftige Kritik am Zionismus läßt eine ausgebildete Theorie des Judentums vermuten. Und in der Tat spielt Tolstoi das lebendige Judentum gegen das derzeitige Leben der Christen aus. Denn indem für die^ russische Orthodoxie im Mittelpunkt ihrer Theologie die >Lebre von der Kirchenbuße steht, die die Erlösung erzwingt, ist die Befreiung von allen sittlichen Pflichten gegeben, ist die Kluft zwischen Tbeorie und Praxis mit Geld auszufüllen. „Ich denke über die jüdische Frage das . . . . , daß die sittliche Lehre des Judentums und die ^Praxis ihres Lebens unvergleichlich höber stehen als die sittliche Lehre und die Praxis unserer quasi-christlichen Gesellschaft . . ., daher mutz das Judentum, das an der sittlichen Grundlage, welche es bekennt, festhält, in allein, was das Ziel der Bestrebungen unserer Gesellschaft ausmacht, die Quasi-Christen übertreffen, welche aller sittlichen Prinzipien bar sind, und daraus entsteht Neid, Haß und Verfolgung." Sonderbar, wie hier Tolstoi der ökonomischen und moralischen Analyse des Antisemitismus eine psychologische zugesellt, die an die moderne tiefenpsychologiscke Konstruktion Vom Schuldgefühl erinnern mag, das sich in feindliche Aktionen gegen den umsetzt, gegen den man sich schuldig fühlt. Tolstoi erzählt in seinem Buch „Mein Glaube", wie er einst mit einem Rabbiner das 5. Kapitel Matthäi gelesen, wie dieser bei allen Aussprüchen die Herkunft aus Bibel und Talmud oder ihre innere Verwandtschaft aufgewiesen habe. Mit einer einzigen Ausnahme: „Als wir aber an den Vers gelangten: „Widerstrebe nicht dem Uebel" sagte er nicht: auch das steht im Talmud, sondern fragte mich nur spöttisch: „Und erfüllen dies die Christen? Bieten sie den anderen Backen dar?"" Tolstoi mutzte gegenüber dieser Frage verstummen, freilich nicht, weil er den moralischen Inhalt des Satzes angezweifelt, sondern weil er der moralischen Unzulänglichkeit seiner Glaubensgenossen sich schämte. Es liegt Tolstoi fern, die Frage zu untersuchen, ob jener Satz des Neuen Testaments aus einer bestimmten historischen Situation zu erklären sei und ob unter veränderten Bedingungen ein solcher Satz überhaupt keine oder eine gänzlich veränderte Bedeutung haben könnte. Wenn Tolstoi also dem Rabbiner gegenüber verstummt, so zwingt ihn ein Schuldgefühl, nicht eine theoretisch veränderte Einsicht zum Schweigen: „Mit dieser Frage sagt er mir, daß das Bestehen einer solchen Vorschrift im christlichen Gesetze, die nicht nur niemand befolgt, sondern die von den Cbristen selbst sogar als unausführbar anerkannt wird, ein Eingeständnis der Unvernünftigkeit und Nutzlosigkeit dieser Vorschrift ist. Und ich konnte ihm nichts darauf erwidern." Das letzte Wort Tolstois ist aber damit nicht gesprochen, vielmehr war sein Lob für die Juden vor allem polemisch gegen die Christen gemeint. Wir sagten oben, daß Tolstoi gleich Dostojewski für eine radikale Lösung der Art sei. daß es überhaupt keine Judenfrage mebr gebe. Aber haben sich die beiden bereits in der politisch aktuellen Begründung unterschieden, so noch mehr in der allgemeinen theoretischen. Für den ideologischen Vorkämpfer des sich industrialisierenden und imperialistischen Zielen zustrebenden russischen Büraertums ist die ErmögliKung eines" bewußt nationalen Staatslebens ein wesentlicher Lehrsatz. Die Juden, die durch ibre nationale und kultische Eigenart sich von der Lebensweise ibrer Umwelt sondern und so aleichsam einen Staat im Staate bilden, sind sür Dostojew'ki ein Hemmnis für die nationale Entfaltung der Russen. Tolstoi hingegen, der paulinisch weltbürgerliche ASket sieht in dem Fortbestehen nationaler und damit verknüpfter kultureller Eigenarten die Sünde schlechthin. „Wie mir zuwider, ja abscheulich Auaelsachsentum. Germanentum. Slawentum (mir ganz besonders Slawentum), so widerlich ist mir Judentum als irgend ein abgesondertes Prinaiv. welches sich eigenmächtig in ein besonderes Amt oder Würde erhebt." Eine vertiefte soziologische Betrachtung könnte vielleicht zeiaen, wie Tolstois Ausfassuna vom vorgeaeb-'nen Kultuniel aller Nationen, dessen Verwirklichung ibre möglichst rasche Ai'sbebunq zur Voraussetzung bat. sich mit d"n zu ihrer Zeit fortgeschrittensten Theorien des aufgeklärten französischen Adels und Großbürgertums im 18. Jabrbundert deckt, ein Hinweis zugleich auf die langsamer sich vollziehende, aber nach den gleichen Gpsetzen wie im Westen Europas b-'wkrkte ökonomische Entwicklung Rußlands. Die Brüderlichkeit als Gleichbeit der MenWen kebrt auch in Tolstois Worten wieder, daß ..der Jude, der Deutsche und der Russe nichts Besseres zu tun baben und;u nichts anderem streben sollen als möglichst vernünftig und besser;u werden, vergessend ibr Slawentum und ibr Judentum". Freilich wie immer bei Tolstoi wird diese im Grunde weltfreudige Tbeorie nach der Ablösung vom Diesseits zu umaebogen. Der Fortschritt des Christentums bestebt für ibn darin, daß es grundsätzlich die Früchte menschlichen Lebens nicht auf dieser Erde?u ernten vermag. „Moses hätte mit seinem Volk .in das aelobte Land noch einrieben können. Cbristus aber könnte die Früchte seiner Lehre auch jetzt noch nicht seben. wenn er sogar bis setzt gelebt bätte. Das eben muß man lernen." So schreibt der 70jäbrige Tolstoi in sein Tagebuch nach einem Leben vitalster Quälereien, wie schließlich doch hier unter uns das Ziel eines lebenswerten Lebens verwirklicht werden könnte? Und es klingt wie eine gewagte, ins Ueberzeitliche gesteigerte Beichte, wenn er weniae Tage sväter ausbricht: „Irdischer Zwecke balber leben — was für ein osfenkundiaer Irrtum! Wenn dieser Zweck nicht ein gam egoistischer ist. so kann er Sei Lebzeiten nicht l-ick>t erreicht werden. Moses kam nicht ins gelobte Land, und Cbristus verzweifelte an seiner S"che: ..Warum hast Du mich verlassen!"" In seiner Schrift ..Religion und Sittlichkeit" konstruiert Tolstoi in deutlicher Verwandtschaft mit L essings .-Erhebung des Menschengeschlechts" ein D r e i st u fe nge s e tz religiöser Entwicklung. Die erste ist die Personal egozentrische des Tieres, die nur am Heil des eigenen 5?chs interessiert ist. Die zweite stebt unter dem national egoistischen Vrimiv. sie stellt eine „götzendienerische Begebung" zur Welt dar. Das ist für Tolstoi nichts Gerinaeres als diejenige Reliaionsart, der an der Erbaltung einer bestimmten Menschewarl'vve wesentlich aelegen ist. Aus dieser Bvnebuna gehen hervor alle Religionen desselben Charakters, die Patriarchalische und gesellschaftliche: die chinesische und japanische