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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-07-01 · 11 (7.1929) · page 1

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
11 (7.1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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devSsvaelttifchen Gemeinde SvmMurt «.Main Die Gememdemitglieder erhalten das Ä III I! O V ÄIIDO^H^V Anzeigenpreis für die 6-gespaltene Blatt unentgeltlich. Bezugspreis für . ^. ^» ^^.^.»^»^^^^».^^»^»»»»^ Nonpareillezeile 40 Pfg., im Text NichtMitglieder 40 Pfg. für die VeVGeMSSNveVevWaITttttS und auf der letzten Seit- 60 Pfg. Nummer. Zustellung durch die Post. -^----^^^^----^ „ Bei Wiederholungen Rabatt. " ^-- Anzeigenverwaltung: Gememdehaus Schriftl-itung und Verwaltung: 7 Z h g Frankfurt a. M., Juli 1929 Nr. 11 I^rgasse t4b, Erdgeschoß. Fahrgasse t46 ' ' Femsprecher Hansa ^527 und 7085 Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. / Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. Aus dem Amtliche Anzeigen................... 391 Löwenthal, Tolstoi und die Äudenfrage......... 381 Galliner, Lazarus Geiger................ 383 Lazarus Geiger. Das Pferd in der Bibel........ 38k Dr. Benjamin May.................. 386 Aus der Gemeindevertretung .... - ........ 392 Aus den Gemeinden.................. 393 Tolstoi und die Äudenfrage. Von Dr. Leo Löwenthal. So leidig die Fragestellung auch sein mag, die alle möglichen Probleme, Bewegungen, Gestalten durch ein magisches „U n d" mit dem Judentum in Beziehung setzen will, so darf doch Wohl der Blick gerechtfertigt sein, der die Auseinandersetzung der großen russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts mit jüdischen Fragen trifft. Für die heroische Epoche der russischen Kritik, die den Kampf gegen den zaristischen Despotismus im Sinne der bürgerlichen Emanzipation ausfocht, war die Judenfrage chon als Paradigma unhaltbarer Zustände in politischer, wirtchaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht akut. Sie stellte sich für Tolstoi von vornherein doppelt als die nach der lebendigen Lage der Juden seiner Umwelt und des Judentums als eines bestimmten fixierten Systems, das den Philosophen urchristlicher Erneuerung zur Stellungnahme drängte. Zu ihrem Verständnis ist eine kurze Benennung von Tolstois Position unumgänglich. Sein Ausgangspunkt ist die Frage: was sollen wir tun?, oie sich als die Frage des aristokratischen Grundbesitzers zuspitzt: was soll ich Leo Tolstoi tun, um mein Unrecht, das ich jeden Augenblick als Angehöriger einer ausbeutenden Klasse begehe, Wieder gut zu machen? Im Gegensatz zu dieser letzten Endes privaten, gar individualistischen Fragestellung steht Dosto - jewskis bürgerlicher, letzten Enses imperialistischer Panslavismus: wie soll "das russische Volk erträglich leben? So wird für Dostojewski die Judenfrage in den allgemeinen Rahmen der russischen politischen Geschichte und ihrer Tendenzen gestellt, und so kann Dostojewski zum nationalen Ankläger werden, der die Unvereinbarkeit des gemeinsamen Lebens der beiden Völker lehrt. Tolstoi-hingegen setzt in seiner, aus seine persönliche Situation bezogenen Stellung der Judenfrage die Ueberschrift: „Wir haben gesündigt". Anders als Dostojewski hat Tolstoi nie systematisch sich zur Judenfrage geäußert. Freundschaftliche Beziehungen führen zu seinem hebräischen Lehrer, dem Rabbiner Minor aus Moskau, dem Musiker Goldenweißer, dem zum Judentum übergetretenen russischen Bauer Bondariow; rege Gespräche mit dem Schriftsteller Teneromo nnd ein über W Jahre sich erstreckender gelegentlicher Briefwechsel mit Faiwel Götz gelten jüdischen Fragen; Berthold Auerbach wird von ihm durch einen Dresdner Besuch, bei dem er sich mit dem Wort: „Ich bin Eugen Baumann" einführt, zugleich erschreckt und beglückt. Dieser jüdische Berkehr fand ihn stets liebenswürdig, so wie auch von ihm ein persönlich ablehnendes Wort mcht bekannt geworden ist. Die Ursachen des Antisemitismus fand der Nationalist Dostojewski bei den Juden selber, gegen die er eine dreifache Anklage erhob: die psychologische, daß sie das Volk des Hochmuts und der Jammerei seien, denen Not und Unglück ein Verdienst und propagandistische Mitteilung dieses Zustandes eine moralische Großtat sei; die theologische des intoleranten Rigorismus, der Orthodoxe und Liberale gleichermaßen beherrsche; die ökonomische, daß das Judentum Geist und RePräsentant des Kapitalismus sei. Tolstoi hingegen klagt die Nichtjuden an. Als das Gesetz über die Inhalt. Aussprache: Kann, Die Gemeinde als Trägerin der Abwehr. . 39!, Weltkongreß jlldischer Frauen............. 396 Bttcherschau...................... 405 Anstalten und Vereine, Berfammlungskalender...... 398 Gottesdienstlicher Anzeiger............ . . 406 Veränderungen im Personenstand............ 403 Statistische Übersicht Mai 1929 ............. 409 Katalog der Gemeindebibliothek ............ 410 Ansiedlungsrahons herauskommt, findet er nur „Verabscheuung der von der russischen Regierung gegen Juden vorgenommenen Maßnahmen . . . bestürztes Staunen über die Dummheit und Unzweckmäßigkeit dieser Maßnahmen, welche einige Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sind". Als ihn Solowjeff zn einer gemeinsamen Protestaktion auffordert, bestätigt er ihre Solidarität in der „Verabscheuung der Maßnahme zur Unterdrückung der jüdischen Nation", die das „Bewußtsein des brüderlichen Bundes mit allen Völkern und um so mehr mit den Juden verletze, unter welchen Christus geboren wurde, und die viel gelitten und noch immer von der heidnischen Unwissenheit der sogenannten Christen leiden". In einer dreifach sich steigernden Kritik analysiert er über den Einzelanlaß hinaus den gesellschaftlichen Antisemitismus. Er ist ihm zunächst eine Pathologische Erscheinung, „ein krankhaftes, schädliches Gewächs, das der gleichen Kultur- und Gesellschaftslage entspringt, in der die Dämonien des Trieblebens ihre ungehinderten Triumphe feiern". Der Antisemitismus ist das Korrelat des geschlechtlichen Sadismus; „er enthält alles, die Galle des Hasses, den Speichel der Tobsucht, das Lächeln des Verräters, der Trunkenheit, der Vergewaltigung, der Brandstistung. und alles, was nur die dunklen Tiefen einer menschlichen Leidenschaft bergen könnte". Aber dieses Gift wirkt nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen, es ist ein sittliches Moment, das seine Wirksamkeit ermöglicht. Das Symptom der Sittenverderbnis tritt überall auf, wo Herz und Verstand vergiftet, das heißt nach Tolstoi, wo „verfaulte und schmutzige" obere Schichten den Verführungen einer materiell überzüchteten Kultur erliegen. Schließlich bezieht Tolstoi den Antisemitismus seiner Zeit auf diese Islbst, das heißt auf die bürgerliche Gesellschaft, und spürt 'in ihm die Konkurrenzfurcht der Bourgeoisie. Die Gefahr besteht, daß sich daraus eine Volk- und Bauerntum ergreisende Epidemie ergeben könnte: „Dort in den hohen Kasernen der dumpfen Städte geht 'bei ihnen der Kampf mit dem abgequälten Judentum vor, und hartherzig, wie sie einmal sind, denken sie in diesen Kampf auch unser vernünftiges Volk hinein zu ziehen, dem böse Gefühle, wie Unduldsamkeit gegen andere immer fremd waren. Sie denken, daß der mit ihnen konkurrierende Jude, Advokat oder Arzt, dem Volke ebenso fürchterlich ist wie ihnen." Tolstois letzten Endes unrevolutionäre Haltung, die all seinen noch so erschütternden Aussagen ein privates und unverbindliches Gepräge verleiht, verrät sich in dem Trost, den er einem Juden gibt, als er über den Antisemitismus klagt: „Ich wünsche Ihnen . . Ueberwindung des Bewußtseins der Beleidigung, welche Ihr Volk erleidet. Dieses Bewußtsein ist Wohl sehr qualvoll und vergiftet das Leben. Ich denke, daß man dieses Gefühl durch Ver-. zeihung und durch Liebe zu den Feinden überwinden, kann, und wünsche es Ihnen von ganzem Herzen." Hier spricht der sozial saturierte Agrarmagnat, dem die Veränderung der Wirklichkeit im Gedanken freilich genügen mag, während nur dem an der Oraani-. sation der Gesellschaft real Leidenden der Gedanke an die Wirklichkeit vor allem ihre praktische Veränderung fordert. Doch ist dies nicht die entscheidende Antwort, die Tolstoi auf - die Judenfrage zu geben hat. Wie Dostojewski glaubt auch er, daß eine solche Frage überhaupt nicht gestellt werden dürfe; macht

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