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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-06-01 · 10 (6.1929) · p. Seite 356

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
10 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 356 (sequence 24)
Language
German
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336 Erfolg mit geringsten Mitteln" als Richtschnur wird zugestanden, im übrigen aber die „Zweckmäßigkeit" als bessere Bezeichnung an die Stelle von „Planwirtschaft" gesetzt und hieraus weitgehende Freiheit in den Dispositionen des ernsten und für seine Stelle vorgebildeten und tüchtigen Anstaltsleiters im Interesse der seiner Fürsorge anvertrauten Menschen gefordert. Das gilt insbesondere für die Waisenhäuser^ wo körperlich und geistig tüchtige Menschen erzogen und für ihren späteren Berus herangebildet werden sollen. Die grundlegenden Fragen sür diese Ertüchtigung, Verpflegung, Erziehung, Kleidung, machen nach Ansicht des Referenten dann auch eine besondere Stellungnahme zur Frage der Planwirtschaft erforderlich in dem Sinne, daß nicht immer das Billige und Umforme in solchen Anstalten zweckentsprechend ist, sondern daß es in erster Linie auf die Behaglichkeit in den Einrichtungen ankomme. Verlangt wird bezüglich der Verpflegung insbesondere genaue Kenntnis der Nahrungsmittellehre im Interesse einer zweckmäßigen Ernährung; ausreichendes, angemessen bezahltes Personal mit genügender Freizeit, auch für die Person des Leiters, um Lust und Kraft für die Aufgabe zu stärken; gute und geschmackvolle Kleidung für die Kinder, denen man es nicht ansehen soll, daß sie Waisenkinder sind. Auf der anderen Seite Mitarbeit und Heranziehung der Kinder zur Ordnung im Hause unter gehöriger Berücksichtigung des Spieltriebs (Waisenhäuser, nicht Armenhäuser oder Arbeitshäuser!), als erzieherische Gewöhnung an planmäßiges Arbeiten. Bei genauester Beachtung dieser Gesichtspunkte hat Redner keine Bedenken gegen Durchführung der Planwirtschaft in den geschlossenen Anstalten, warnt jedoch vor jeder Einmischung in den inneren Betrieb und hält auch die zentrale Aufbringung der Mittel für die einzelnen Anstalten nicht überall für zweckmäßig, weil die zentrale Organisation zugestandenermaßen doch nicht alles zu leisten in der Lage rst. Zuletzt appelliert Redner an die Planmäßige Erziehung echter Juden durch AnHaltung zur S a b b a t h e i l: g u n g und durch Entwicklung des jüdischen Opfersinnes. In der anschließenden kurzen Diskussion sprach Frau Geheimrat Auerbach-Köln und Frau Geheimrat Wertheim-Kassel über Organisation und Wirtschaftsführung der ihrer Verwaltung unterstehenden Altersheime. Die weitere Diskussion wurde alsdann auf Montag, den 13. Mai, vertagt. Im Anschluß an diese interne Tagung fand abends 8)4 Uhr im großen Logensaal eine gut besuchte öffentliche Kundgebung statt. Rabbiner Dr. Baeck führte als erster Redner etwa folgendes aus: Jeder Mensch und vollends jeder Jude trägt in sich eine gewisse V e r a u t w o r tl i ch k e i t. Diese hat seit der Emanzipation eine Verengung erfahren, indem sie sich allmählich auf die Verantwortlichkeit im Berufsleben beschränkt hat. Allgemein hat sich in Deutschland, besonders in Preußen, der von Kant postulierte kategorische Imperativ aus das Berufsleben, besonders auf das Beamtentum, beschränkt, wogegen die Verantwortlichkeit in sozialer Hinsicht mehr und mehr verloren gegangen ist. Der Preußische Beamtenstaat ist daher auch das Muster strengster Berufspflichterfüllung geworden, der aber, wie es nach außen den Anschein hat, das innerliche Gefühl abgeht. Das Menschliche und das Soziale ist bei dieser Entwicklung zu kurz gekommen. Die erste Verantwortlichkeit aber für uns Juden ist die soziale. Sie war früher ein Selbstverständliches. Bei unserem Eintritt in die westeuropäische Kultur hat sie sich gemindert, die Verantwortlichkeit für die Berufsgeschicke hat gewonnen, die soziale Verantwortlichkeit hat verloren. Darum muß immer wieder auf den kategorischen Imperativ der sozialen Verantwortlichkeit hingewiesen werden. Das will >die Zentralwohlfahrts stelle. Wenn man von ihr spricht, sollte der Ton nicht auf das Wort „Zentral", sondern auf das Wort „Wohlfahrt" gelegt werden. Soziale Verantwortlichkeit heißt aber auch die Grenzen unseres Könnens begreifen. Man kann sich nur dann verantwortlich wissen, wenn man dies versteht. Wir sind dazu bestimmt, Dilettanten zu sein, im Dilettantismus aber liegt grenzenlose Liebe und Hingebung. Der Dilettant geht mit seinem ganzen Gesühl an .die Dinge heran. Ein Dilettant, der sich schriftstellerisch betätigt, sck)reibt sozusagen mit seinem Herzblut. Eltern sind Dilettanten in der Kunst der Erziehung, und, so wenig die Schule, ein Institut von Fachleuten, auf dem Gebiet der Erziehung im Widerspruch zum Elternhaus steht, so wenig widerspricht die Arbeit der Kenner und Sachverständigen auf dem Gebiet des Wohlfahrtswesens dem Dilettantismus in der Wohlfahrt. Wie Schule und Elternhaus zusammenarbeiten müssen, so sind auch ,die Organisationen und die Einzel- Personen auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege aufeinander angewiesen. Es verschlägt nichts, -daß der Wohlfahrtsdilettant enttäuscht und getäuscht wird, ja derjenige, der sich betrügen läßt, wird vor Gottes Richterstuhl besser bestehen können als ,der, der mit Sachkenntnis Wohlfahrtspflege treibt. Wir brauchen aber auch Sachkenner, die die Fähigkeit haben,, sich von ihrem Gefühl nicht beirren und nicht täuschen zu lassen, und aus diesem Grund brauchen wir die organisierte Wohlfahrtspflege, in der sich Sachverständige und Dilettanten einigen. Diese Einigung soll die Zentralwohlfahrtsstelle herbeiführen. In ihr soll Herz und Verstand sprechen, und wenn beide sprechen, wenn die Arbeit der Sachkenner und die persönliche Leistung des Einzelnen zusammenwirken, wird das höchste Maß an Wohlfahrt geleistet werden können und >der einzelne Mensch wieder auf die Höhe der Verantwortung gebracht werden, die für die Gesamtheit von ihm gefordert werden muß. Frau Bettina Brenner versucht ein Bild davon zu geben, was der jüdische Frauenbund seit 2Z Jahren auf dem Gebiet ,der Wohlfahrtspflege zu leisten bemüht ist. Sie zeigt, wie die Frau den umgekehrten Weg geht,, wie sie zunächst Wohlfahrtspflege in ihrem Heim übt, um alsdann über den Kreis der Familie hinaus in den Kreis der Verantwortlichkeit für die Allgemeinheit zu treten. Die Pflicht dieser Verantwortlichkeit war es, die die Grüuderin des Frauenbundes, Bertha Pappenheim, den jüdischen Frauen nahebringen wollte: sie hat versucht, den Begriff des Dilettantismus, den der Vorredner in dieser einzigartigen Weise definierte, in positive W e r k t ä t i gk e i t umzuwandeln, ,zu «der Verstandesarbeit den warmen Impuls des Herzens zu geben, indem sie erkannte, daß die Frauenarbeit die notwendige "Ergänzung bildet zu der systematischen Arbeit der Männer. Die Frau hat zu der sich auf die Geldbeschaffung beschränkenden „Zedakah" die persönliche Her.zensarbeit „Gemillus Chesed" zuzufügen. Rednerin geht alsdann auf die Ansang Juli d. I. anläßlich des 25jährigen Bestehens des Jüdischen Frauenbundes auf Veranlassung amerikanischer Frauen, besonders der Mrs. Kohut, stattfindende internationale jüdische F r a u e n k o n f e r e n z ein, auf der die Gründung eines Mischen Frauenweltbundes erfolgen soll. Sie.kündigt eine Reihe auf dieser Konferenz zu gebenden Referate an, wie über bevölkerungspolitische Fragen, über Settlementsarbeit, über Berufsberatung, über >die. Frau in der Industrie, die Frau in der Gemeindearbeit, über soziale Arbeiten in den verschiedenen Ländern, über Völkerbundsfragen und über die Frauenarbeit in Palästina. Anschließend hieran soll am 9. bis 12. Juni der Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes und die Feier des 25jähr. Jubiläums in Berlin stattfinden. Bei dieser Tagung werden verschiedene Referate über Wohlfahrtsarbeit gehalten und die Berichte der >dem Frauenbund unterstehenden Kommissionen entgegengenommen werden. Die Rednerin schließt ihre Ausführungen mit der Aufforderubng, an diesen Tagungen teilzunehmen. Es Mgt ein Vortrag des Herrn Justizrat Dr. Strauß (München)/der an die Referate des Vormittags anknüpft und etwa folgendes ausführt: Durch -die alte Tradition in den jüdischen Gemeinden war der Gedanke der Organisation zu kurz gekommen. Diesem Gedanken ist die heutige Tagung gewidmet. Es liegt eine große Idee in dem Umstand, daß die Gemeinden außer ihrer eigentlichen, dem Kultus und der Erfüllung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder gewidmeten Tätigkeit^mehr und mehr dazu übergehen, Arbeiten auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege zu leisten. Dadurch erweitern sich die Kreise der Gemeinden, und ihre Mitglieder bleiben lebendige Teile in ihrem sozialen Organismus. Es sind in der Tat nur die Gemeinden, die den Kampf der Wohlfahrtspflege gegen jegliche Not führen müssen. Die Gemeindearbeit darf sich aber nicht auf den Tag, auf die augenblickliche Not beschränken, sondern sie mutz alle Fragen umfassen, die in sozialpolitischer Hinsicht auftreten, auch über den Ort hinaus. Das war in Frankfurt a. M. von jeher Tradition und wird hoffentlich auch so bleiben. Es ist aber nur oann möglich, wenn innerhalb der Gesamtheit der Wille zu einer solchen Betätigung bleibt. Deshalb Stärkung des Bewußtseins der jüdischen Zusammengehörigkeit im Interesse der Erhaltung der jüdischen Zukunft. Zum Schluß dankt der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Horo - vitz, sämtlichen Referenten für ihre warmherzigen und geiswollen Ausführungen. Er richtet die Mahnung an alle diejenigen, deren materiellen Kräfte sie dazu befähigen, in reichem Maße zu geben. „Wer den Armen gibt, gibt Gott." Herr Dr. Horovitz weist auch auf den anläßlich der bevorstehenden Eröffnung des neuen Friedhofs veröffentlichten Aufruf hin, appelliert an den traditionellen Wohltätigkeitssinn der Frankfurter Glaubensgenossen, der ein Ruhmestitel unserer Gemeinde von jeher gewesen ist, und schließt mit dem Ausspruch Hillels: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Wenn nicht fetzt, wann sonst?" — Hiermit hatte die öffentliche Tagung ihr Ende erreicht. Es folgten am 13. Mai Besprechungen der Vorsitzenden, Geschäftsführer und Beamten der jüdischen Wohlfahrtsstellen, ferner Arbeitsgemeinschaften über einzelne Fragen der Planwirtschaft und Besichtigungen Frankfurter Anstalten. I. U. sis maakt ciis ^Älins blsnclsncl wsik uncl dsssitigt l^undgsruoli ,s spritzt niaiit, ist lioLlikon^sntnsrt, cjAsisfSparsamsr. s<lsins lubs öl) 5»fg.!VläX ä.-(Z., vk?^8v^l>!

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