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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-06-01 · 10 (6.1929) · p. Seite 352

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
10 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 352 (sequence 20)
Language
German
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der alle Menschen ohne Ausnahme treffe, die Lebensunterschiede auslöschen. Wer würde einer Forderung widersprechen können, die gegenüber einer nicht gerade überlegten und vorausblickenden Friedhofsgestaltung, wie die der vorangegangenen Jahrzehnte es war, eine geordnetere und bescheidenere Gestaltung propagiert, um die Würde des Totenackers zu erhöhen? Man hat erst im Laufe der Zeit gesehen, zu welch unerfreulichen Erscheinungen die Freiheit, welche die rein verwaltungsmäßige Fürsorge der Friedhöfe für die Bestattung ließ, führte und hat versucht, durch Heranziehung von Bau- und Gartenkünstlern Versäumtes gutzumachen und bei Neuanlagen vorsorglich zu schalten. Reformbestrebungen nach dieser Richtung gehen schon weit in die Vorkriegszeit zurück, aber gegenüber einem mißleiteten Pietätsgefühl und der auf Feudalismus gerichteten Weltanschauung der herrschenden Gesellschaftsklassen konnten sich diese rem künstlerischen Bestrebungen vor dem Kriege schwer durchsetzen. Erst in der Nachkriegszeit, die den Bruch mit der Tradition auch auf vielen anderen kulturellen Gebieten vollzog, gewann die Friedhofsreform festen Boden und Anerkennung. Die Heranziehung von Architekten zu diesen Ausgaben beweist auch, daß man künftig die Friedhöfe als ein vorausgeschautes einheitlich zu gestaltendes Werk anlegen will, in welchem Gebäude und Gräber durch Gartenkunst tektonisch abgestimmt, sich harmonisch zu einem eindrucksvollen Bild verbinden. So wenig aber bei der erwähnten Veranstaltung die Vorarbeiten auf diesem Gebiet erwähnt werden, so wenig brachten die Vortragenden überhaupt etwas von der künstlerischen Begründung ihrer Forderung. Sie propagierten die Normung des Grabsteines nur auf Grund der sozialen Ethik, die vielfach die Form der politischen Propaganda streifte; wenn auch diesen Forderungen nicht widersprochen werden konnte, so kann man sich mit der einseitigen Begründung des Problems doch nicht zufriedengeben, wenn mvn das, was heute eigentlich kein Problem mehr ist, wieder als solches aufrollt. Zunächst kann die ethische Begründung, daß die sozialen Unterschiede durch den Grabstein ausgeglichen werden können, so lange nicht überzeugen, als solche Unterschiede bei den anderen Handlungen und Geschäften, die sich mit einer Bestattung verbinden, noch bestehen. Noch gibt es Begräbnisse verschiedener Klassen, noch kann ich mir durch Aufwand von Geldmitteln einen bevorzugten Platz auf «dem Gemeindeacker verschaffen, und auch bei den Grabreden Aibt es manchen Unterschied. Nicht unser ethisches Gewissen ist stärker als das vergangener Jahrzehnte und drängt zu einem sozialen Ausgleich im Totenkult, sondern eine ökonomische Forderung ist die Ursache hierzu, welche in ein ethisches Gewand gekleidet wird, weil wir trotz aller Sachlichkeit erstrebter Formen eine unsachliche Dialektik Pflegen. Wir haben es nicht wie früher mit dem Gottesacker einer kleinen Gemeinde zu tun, der eine Bestattung nach individuellen Bedürfnissen zuläßt, sondern, wir haben es mit der Friedhofsanlage einer Großstadt zu tun, die rein technisch nur alK organisiertes 'Massengrab gedacht werden kann. Bei den a I t e n F r i ed - Höfen, die als vorbildliches Beispiel für die erstrebte einfache Gestaltung der Grabsteine herangezogen werden, ist es nicht die einfache Form der Steine, welche die stimmungsvolle Wirkung dieser alten Anlagen bedingt, es ist vielmehr die das gesamte Gräberfeld überwuchernde Flora, die von keines Gärtners Hand in Zucht und Ordnung gehalten, dem Spiel des Zufalls überlassen, alle Steine in der gleichen mütterlichen Umarmung hält und damit ein so eindrucksvolles Gesamtbild einer schicksalhaften Gemeinschaft hervorruft. Die Steine selbst sind nur harmonisch mitklingende Töne einer von der Natur geschaffenen Melodie. Ganz im Gegensatz hierzu wirken die italienischen Friedhofsanlagen, welche durch die Kunst des Gärtners tektonisch so aufgebaut werden, daß sich die einzelnen Grabmonumente in ganz individuellen Formen ohne gegenseitige Störung in diesen Hainen aufrichten können. Die Vielseitigkeit und künstlerisch feine Gestaltung jedes einzelnen Monumentes und wiederum die Massenwirkung aller zusammen, aus gleichem Material gebildet, als Kontrast gegenüber dem immerwährenden Grün, bilden eine glorifizierende Apotheose für die unabwendbare Gewalt des Todes. Hier ist nicht oie stumme Resignation, der Fatalismus der alten Friedhöfe die Grundmelodie, sondern eine bewußt lebensbejahende und das Leben liebende Menschheit formt durch schöpferische Kunst eine protestierende Klage gegen das Schicksal. Nun könnte man in unserer heutigen selbstbewußten Zeit daran denken, weil wir uns von unterwürfigem Fatalismus gegenüber einem unabwendbaren Schicksal auf Grund unseres größeren Wissens um die Dinge frei gemacht haben, daß auch die Ruhestätte des modernen Menschen in irgend einer Form sein selbständiges Schicksalgestalten, seine Souveränität gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringen sollte. Das setzte aber voraus, daß die einzelnen, die Toten individuell ehrenden Grabmonumente räumlich in eine Gartenbaukunst so eingeordnet werden müßten, daß sie harmonisch nebeneinander bestehen könnten. Hier zwingt aber die technische Unmöglichkeit dieser Lösung, für eine Millionen-Großstadt ein anderes System zu wählen, oder wir kämen zu unverhältnismäßigen Friedhofsanlagen bezüglich Raum und Kosten, die ökonomisch auch für eine Massengemeinde nicht tragbar wären. Ebensowenig wie jüdische und mohammedanische Demut für die Gestaltung alter Friedhofsanlagen Ursache war, sondern vielmehr fatalistische Weltanschauung, politische Unterdrückung und Ohnmacht und völkische Armut diesen asketischen Totenkült bedingten, so wird heute die Vereinheitlichung des Grobfeldes durch die technische Zusammendrängung der Gräber bedingt, die eine Notwendigkeit für die Lösung des großstädtischen Friedhofsproblems ist. Daß man dieses Problem noch nicht völlig im Sinn einer entsprechenden tektonischen Gestaltung begriffen hat, beweist die Tatsache, daß man von dem Grabstein als Ermnerungskünder verblichenen Lebens noch nicht losgekommen ist. Das Bestreben heutiger Friedhofsreform ist ganz einseitig darauf gerichtet, durch Normung des Grabsteines eine gewisse, dem Ernst des Ortes entsprechende Ruhe in die Friedhofsanlagen zu bringen. Innerhalb der festgelegten Norm will man indessen bezüglich der Ornamentierung oder der sonstigen plastischen Behandlung des Steines gewisse Freiheiten lassen unter Hinweis, daß solche auch bei den Steinen der alten Friedhöfe oft in origineller Weise auftreten. Dabei vergißt man, daß aus den alten Friedhöfen niemals der Wunsch des Publikums solche individuelle Formung begehrte, sondern daß es die gestaltende Berufsfreude der Hände war, in welche die Ausführung solcher Grabsteine gelegt war. Sie ließen Technik und Erfahrung zu Ehren eines Auftraggebers spielen. Diese Formung war Ausdruck eines hervorragend technischen Könnens, aber nicht „gewollte Individualität" auf Wunsch der Hinterbliebenen. Das handwerkliche aus innerem Drange schiffende Können soll aber heute zugunsten einer nach industriellen Gesichts- Punkten arbeitenden Normung zurücktreten. Es wäre daher ein verfehltes Beginnen, künstlerisch auf einer gewollten Norm nachträglich differenzierende Merkmale verstandesmäßig anzubringen. Worauf es ankommt, ist: den Gedanken des Massenj feldes in einer tektonisch würdigen Gesamtform erscheinen zu lassen. Dies kann aber nicht nur dadurch gelöst werden, daß man nionoton Gräberreihen M Feldern reiht und einzelne Steine innerhalb derselben ohne jeden Zusammenhang ornamentiert. Diese Aufgabe muß vielmehr dadurch gelöst werden, daß nicht nur das Grabfeld als ein bestimmtes Glied der gesamten Friedhofsanlage erscheint, sondern in sich selbst verbunden mit der Flora einen geschlossenen Aufbau bildet. In diesem Sinne wäre daran zu denken, von der Ausführung einzelner Grabsteine überhaupt abzusehen und eine gemeinsame Grabmauer, in der nur die Namen der Toten eingemeißelt würden, deren Gräber sich an diese Mauer lehnen, als würdevolles Erinnerungsmal auszuführen. Diese Form wäre eine der gegebenen Möglichkeiten, die der technischen Notwendigkeit der Zusammendrängung entspräche. Hier wurden sich die Grabhügel dem tektonischen Erinnerungsmal unterordnen. Wo man aber bei dem Einzel st ein beharren will, heißt es, die Gleichmäßigkeit der Erinnerungsmale so aufzubauen, daß die Friedhofsstätte nicht wie ein gepflügter Todesacker aussieht; man müszte durch terrassenförmige oder anderweitige Gruppierung der Steine ein wohlgestaltetes, im ganzen übersehbares, gartenkünstlerisch zusammengehaltenes Bild schaffen. Dabei müßte man die Anordnung so treffen, daß sich mit fortschreitender Bestattung bei Füllung des Feldes dieses vorgesehene Bild unbehindert vollenden kann. Die Urnenhalle, die weniger traditionelle Vorbilder wie der Friedhof hat, ist dementsprechend unabhängig und nach freierem, künstlerischem Ermessen tektonisch gestaltet worden. Die Motive, die hier grundlegend sind, sollten sinngemäß auch für den Friedhos künstlerisch begriffen und geformt werden. Gleiche Lebensgewohnheiten,' gleiche Lebensbedürfnisse, nicht wesentlich unterschiedliche Schicksale geben dem Gedanken eines kollektiven Erinnerungsmales für die „Masse Mensch" durchaus Berechtigung. Bon den Friedhofsresormern wird meist nur betont, daß auf dem Friedhof die soziale Ungleichheit des Lebens durch gleiche Behandlung im Tode ausgeglichen werden soll. Wie romantisch unlogisch dieser Gesichtspunkt ist, ist oben schon dargelegt worden. Es muß aber noch einmal betont werden, daß bei der sozialen Ungleichheit nur an das Bild des armen und reichen Mannes gedacht ist. Vergessen wird, daß es auch eine biologische Ungleichheit der Individuen gibt, und daß gegenüber Hervorraaenden Individuen, selbst wenn diese persönlich trotz ihres göttlichen Geistes sozialer Demut zugeneigt sind, es der Mitwelt ein Bedürfnis »msteurkinemstvgrsplHis l Inre Litern, Kinäer uncl kreuncle kilmen seldat mit einem Kmo-^ppsrst von I.. 5 51. nel7»ou> 5«l,UIe?pIs«- 7 uncl?«» VS llauptvscke Kon5tadler V/acke vis?sm!lie Im?1!m ist äle lebende Ldrooi»

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