Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-06-01 · 10 (6.1929) · p. Seite 347

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
10 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 347 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094336-3094345--1857-3096592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

von rund 400 Kindern besucht, eine bedeutende Erhöhung dieser Ziffer sei mit dem Aufrücken der z. Zt. die Volksschule besuchenden Kinder zu erwarten. Die Schule wirtschafte billiger als dle höheren Schulen festgestellten Selbstkostensätze von Mk. 786^- für einen Knaben und Mk. 695— für ein Mädchen und von Mk. 285.— für Knaben in den städtischen Volksschulen, würde der Zuschuß für das Philanthropin Mk. 100 000.^- mehr 'betragen als vom Schulrat verlangt. Die Ausführungen des Vorstandsvertreters über den im Borjahr gefaßten Beschluß des Vorstands bezüglich Verweigerung des Zuschusses über den 31. März 1923 hinaus, falls nicht bis spätestens 1. Oktober 1928 über die Angelegenheit der Volksschule und über die .grundlegenden Bestimmungen der Schulordnung einer Verständigung Zwischen Vorstand und Schulrat erzielt ist, lassen eine wichtige Tatsache außer Acht, nämlich, daß bei einer Verständigung doch beide Teile mitgehen müssen. Der Schulrat hat bis zur Grenze des Möglichen nachgegeben er hat sogar der Gemeinde angeboten, das Schulwerk selbst zu übernehmen, aber die Gemeinde hat nicht zugegriffen. Die vom Vorstandsvertreter als nicht vorhanden bezeichnete gebührende Einflußstellung gegenüber dem Schulrat werde am besten durch die Tatsache widerlegt, daß der Schulrat bereit gewesen sei, von elf Schulratsmitgliedern sieben durch die Gemeindeverwartung bestimmen Zu lassen. - Auch im Volksschulrat seien der Gemeinde noch drei weitere Mitglieder konzediert worden, oas könne man doch nicht als kleine Konzession bezeichnen! Die Einrichtung von weltanschaulich getrennten Klassen habe der Schulrat allerdings abgelehnt. Er sei aber nach 'wie vor bereit, der Gemeinde das gesamte Schulwerk zu übergeben. Der Vorstand habe durchblicken lassen, er wolle nur die Volksschule haben, das tut der Schulrat nicht, da er die Zerreißung der Einheitlichkeit des Schulwerks für nicht tragbar hält. Weitere Verhandlungen seien nicht geführt worden. Man könne dem Schulrat alles zumuten, aber nicht das Opfer seiner Ueberzeugung. Richtig sei, daß die Kosten des Zuschusses 17 Prozent des Gesamtsteueraufkommens >der Gemeinde betragen. Vor dem Krieg waren es 13,3 Prozent. Andere Institutionen der Gemeinde verlangen .heute einen verhältnismäßig bedeutend höheren Zuschuß als die Schule. Es sei ganz natürlich, daß Einrichtungen, welche im wesentlichen auf personellen Ausgaben iberuhen. die Gemeinde heutzutage stärker belasten als früher. Dazu komme, daß die Fonds der Schule, zum großen Teil in Gemeindeanleihen angelegt, vollkommen entwertet seien. Mk. 36 000.— Pensionsverpflichtungen, die früher größtenteils aus Fonds gedeckt worden sind, müssen heute von der Gemeinde .übernommen werden. Demnach sei die Steigerung des Zuschusses nichts Außergewöhnliches. Hinsichtlich der Frequenz verlange ein guter Schulbesuch mehr Doppelklassen und erfordere mehr Ausgaben. Die 'bemängelte Errichtung einer Westendklai'j.e, ohne den Vorstand zu benachrichtigen, sei gleichfalls nichts Außergewöhnliches, nachdem solche Klassen bereits im Hermesweg, in der Bleichstraße und in der Eckenheimer Landstraße eröffnet worden sind. In Wirklichkeit sei ider Vorstand gar nicht übergangen worden, denn der Schulrcvt habe für diese Klasse Mittel verlangt, deren Bewilligung der Vorstand zwar abgelehnt habe, jedoch ohne sich gegen diese Ausdehnung der Schule auszusprechen. Dagegen werde in den Kreisen der jüdischen Einwohnerschaft des Westends, von denen die Anregung zur Eröffnung dieser Klasse ausgegangen sei, deren Verwirklichung mit hoher Freude begrüßt. Dr. Merzbach weist schließlich darauf hin, daß von sechs aus dem jüdischen Lehrerseminar in Köln hervorgegangenen Frankfurter Lehrern konservativer Richtung drei -im Philanthropin untergekommen seien, so daß also von einer einseitigen Berücksichtigung liberaler Lehrkräfte auch nicht gesprochen werden könne. Die breite und ausführliche Schilderung der Situation sei angesichts der Ungeheuerlichkeit des Vorstandsbeschlusses notwendig. Der Vorstanv jage nicht, was er wolle, aber sein Beschluß bedeute eine langsame Erdrosselung der Schule. Was den Verzicht des Schulrats auf eine staatliche Subvention betreffe, so handle es sich hierbei nur um eine Subventionierung der höheren Schulen,- solche werde von der Regierung ausnahmslos nicht gewährt. Aber auch diese Erklärung bedeute keine Bindung für alle Zeiten, im Gegenteil sei der Schulrat sofort wieder frei, wenn andere Schulen eine Subvention erhalten sollten. Die rein finanzielle Einstellung Des Vorstands, von der aus alle diese Dinge beurteilt würden, uns die zu den verhängnisvollen Borstandsbeschlüsseu geführt hätte, sei nur geeignet, die Schule zu vernichten. Diese finanziellen Gesichtspunkte dürfe man sich also nicht zu eigen machen, zumal Gemeinde eine große Verantwortlichkeit der Schule gegenüber habe, die in der Welt einen angesehenen Namen besitze. Währen? andere Gemeinden sich in letzter Zeit Schulen neu gegründer hwben, wolle die Frankfurter Gemeinde ihre Schule langsam aodrosseln. Wenn man sich dies gefallen lasse, habe man sich hierbei der Hilfeleistung schuldig gemacht. Wenn der Vorstand beyaupie, daß er zu seinem Beschluß nicht der Zustimmung Oer Gemeinvevertretung bedarf, so müsse ihm klargemacht werden, daß es au^er dem geschriebenen Recht auch ein ungeschriebenes gebe in dem Sinne, daß der Vorstand kein Recht habe, lediglich aus finanziellen Gründen ein derartiges Kulturwerk Hum Erliegen zu bringen. In diesem Sinn beantragt Herr Dr. Merzbach Ablehnung des Vorstandsbeschlusses. Herr Felix Meher bezeichnet die alljährlich über diesen Gegenstand geführten Debatten als höchst unerquicklich und würde es begrüßen, wenn sie endgültig verschwinden würden. Wenn man der Ursache nachgehe, die dem feindlichen Verhältnis zwischen Vorstand und Schulrat zugrundeliege, so müsse man zu der Ansicht kommen, daß die Delegierten der Gemeinde im Schulrat sich meist nicht als solche betrachten. Formell richtig sei, dag sie in den Beratungen des Schulrats den Ausschlag geben könnten. Andererseits werde jedes neu eintretende Schulratsmitglied darauf hingewiesen, daß es ein Mandat der Gemeinde nicht auszuüben habe. Auch aus diesem Grunde sei eine Aenderung der Schulordnung erforderlich. Hinsichtlich der Eröffnung der Westendklasse, für welche der Vorstand ein Lokal nicht zur Verfügung gestellt habe, sei die Darstellung des Herrn Dr. Merzbach zweifellos richtig. Trotzdem hätte der Schulrat aus prinzipiellen Gründen, und weil die geplante Einrichtung in der Öffentlichkeit sofort stark angefeindet worden ist, von seinem Vorhaben Abstanv nehmen sollen. Es komme ja doch nichts dabei heraus, wie sich durch die Nicht-beantwortung >des Briefes vom 28. Februar gezeigi habe. Festzustellen sei, daß bei der jetzigen Debatte die religiösen Momente vollkommen in den Hintergrund getreten sind. Worum es sich hauptsächlich drehe, sei die Entgiftung des Verhältnisses zwischen Schulrat und Gemeinde. Das vom Schulrat für die höhere Schule bewiesene Entgegenkommen hinsichtlich der ZuWahl von Mitgliedern der Gemeindeverwaltung in den Schulrat werde durch die im Volksschulrat bestehende kompakte Mehrheit der nicht zur Gemeindeverwaltung gehörenden Mitglieder vollkommen illusorisch gemacht, und das bedeute eine Versperrung gegenüber den konservativen Wünschen, auch unter den vier frei zu wählenden Mitgliedern des Schulrats befinde sich niemals ein konservatives Mitglied, trotz der verhältnismäßig hohen Zahl der 300 konservativen Kinder. Dadurch «bestehe von vornherein eine geschlossene liberale Mehrheit gegenüber jedem berechtigten konservativen Wunsch. Das bedeute den Ausschluß von vielen hundert Kindern aus der Gemeindeschule, deren Hinführung zur Samson-Raphael- Hirsch-Schule und dadurch eine empfindliche Schädigung der Zukunft der Gemeinde. Wenn es nicht möglich sei, sogenannte Weltanschauungsklassen einzurichten, so habe die Gemeinde die Verpflichtung für diejenigen Kinder konservativer Eltern, welche aus den sattsam bekannten Gründen ihre Kinder dem Philanthropin nicht, anvertrauen wollen, eine eigene Schule zu schaffen. Diese Verpflichtung fühle auch der Vorstand und versuche durch Schaffung der erforderlichen Möglichkeiten im Philanthropin sich ihrer zu entledigen. Das Ideal einer jüdischen Schule sei das Philanthropin jedenfalls nicht, da sogar der hebräische Unterricht nur fakultativ erteilt werde. Der Prozentsatz derjenigen Kinder, die alljährlich dem Philanthropin entgehen, sei stetig im Wachsen begriffen. Trotz alledem wolle man, da eine Gegnerschaft gegen das Philanthropin grundsätzlich nicht bestehe, seine Vernichtung unter gar keinen Umständen. Deshalb sei auch der Vorstandsbeschluß, so wie er vorliege, nicht zu verstehen. Es sei ferner nicht verständlich, warum der Vorstand nicht von dem Anerbieten des Schulrats, die Schule auf die Gemeinde zu' übernehmen, Gebrauch gemacht habe. Der vom Schulrat dem Vorstand deswegen gemachte Vorwurf sei zweifellos berechtigt. Wünschenswert wäre, wenn der Schulrat sein Angebot wiederholen würde. Die Schule müsse erhalten und so ausgestaltet werden, daß alle Kreise der Gemeinve ihre Kinder dorthin schicken können. Wenn das nicht zu machen sei, so müsse auch für die konservativen Kreise so rasch als möglich zur Errichtung einer Schule geschritten werden. Herr Sond heimer bestreitet die Ausführungen des Herrn Dr. Merzbach in bezug auf die behauptete vom Vorstand versuchte Erdrosselung der Schule, wofür nicht der Schatten eines Beweises erbracht ist. Die Angabe, daß das Philanthropin die am billigsten arbeitende Schule sei, entspreche gleichfalls nicht den Tatsachen. Die Samson-Raphael-Hirsck)-Schule arbeite wesentlich billiger. Die mitgeteilten Vergleichsziffern seien für die Beurteistädtischen Schulen. Unter Zugrundelegung der in den städtischen lung dieser Frage unerheblich. Wesentlich wichtiger wäre gerveien. wenn Herr Dr. Merzbach den Syndikus des Schulrats veranlaßt hätte, die vom Vorstand gewünschten Ziffern bekanntzugeben, dann wäre vielleicht der Vorstandsbeschluß anders ausgefallen. Das Angebot des Schulrats bestehe noch, es sei vom Vorstand noch nicht abgelehnt. Die Uebernahme der Schule auf die Gemeinde würde, wenn sie beschlossen würde, jedenfalls klare Verhältnisse schaffen. Dr. Frenkel versucht auf Grund der in den gedruckten Schulberichten veröffentlichten Angaben über die Schulerzahl die früher behauptete Abnahme der Frequenzziffer durch den Geburtenrückgang zu erklären und weist andererseits auf diestetige Zunahme im Besuch der Volksschule hin. Beide Schulgattungen seien demnach auseinanderzuhalten. Jedenfalls sei eine Klärung dieser Fragen durch eine genaue Erhebung erforderlich. Diese müßte sich auch auf die jüdischen Kinder in den städtischen Schulen erstrecken. Denn es gäbe unmer noch große Kreise von Eltern, die ihre Kiudev aus Münden, die mit deren späteren Beruf zusammenhängen, nicht Hs in die obersten Klassen einer jüdischen Schule durchführen wollten. Im übrigen gehe durch die bisherigen Auseinandersetzungen klar hervor, daß es so nicht weitergehen könne. Die MißHelligkeiten zwischen Vorstand und Schulrät zwängen zur Kündigung des Vertrags. Alsdann bestehe für den Vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.