Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 10 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 346 (sequence 14)
- Language
- German
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Verpachtung des Anzeigenteils des Gemeindeblatts, sowie um die Unterbringung des Gemeindehauses an geeigneter Stelle; ferner um die Regelung der Boamtenbesoldungsverhältnisse, gemeinsam mit den übrigen Großgemeinden, nm die Nachprüfung der Besoldungs- und Dienstverhältnisse einzelner Beamter, um die Festsetzung der Platzmieten in den Synagogen, sowie um die Verbilligung der I ahr es l i ch re r im Interesse des stärkeren Gebrauchs dnrch die beteiligten Familien bei Eintritt von Trauerfällen. Bei der Beratung des Kapitels IV (U n t e rr i ch t s w ese n) erfolgt die angekündigte Aussprache über die Zuschußposten zum Philanthropin. Es spricht zunächst Herr Dr. Oppenheim namens der liberalen Fraktion über die Frage, was geschehen kann, um die Zuschußsumme für das Philanthropin herabzusetzen oder mindestens den Notwendigkeiten des angespannten Etats anzugleichen. Dabei fordert Redner zunächst Bewilligung des Etatpostens, um den Fortbestand der Schule zu sichern, und alsdann eingehende Prüfung der etwa vom Vorstand aufzuzeigenden Wege zur Herabsetzung der Zuschußziffer. Die liberale Fraktion sei die letzte, welche sich einer Lösung des Problems von Grund auf entgegenstelle, aber sie könne einer Regelung, die der Zukamst vorauseile und die sowohl der Gemeinde als auch der Schule schade, nicht zustimmen. Eine solche Regelung sei die Unte.scheidung des Vortandes zwischen dem Philanthropin und der Volksschule. Es betehe fchon rein rechnerisch keine Möglichkeit, diese beiden Anhalten, die zusammen das Schulwerk der Gemeinde bildeten, von einander zu trennen. Auch die vom Vorstand beschlossene Einstellung der Zuschüsse für die Obersekunda ab 1930, sowie die Erwägung der Aufhebung der Frauenschule sei gleichfalls ein Versuch, mit untauglichen Mitteln Remedur zu schaffen, denn die Kosten würden nicht wesentlich geringer dadurch, daß man eine Klasse aufhebt, da ja die Persönlichen Ausgaben weiterlaufen. Dagegen trage man auf diese Weise eine Unsicherheit in den Schulbetrieb, die sich noch steigere, solange über das Schicksal der Schule nicht entschieden sei. Hier müsse vor allen Dingen an die Elternschaft gedacht werden, welche die Frage der Einschulung ihrer Kinder heute von dem Standpunkt aus betrachte, ob diese die Anstalt bis zur Ablegung des Abiturientenexamens durchmachen können. Wenn in den Vorstandsbeschlüssen weiter festgestellt werde, daß in bezug auf die Schließung der Obersekunda und der Frauenschule die Genehmigung der Gemeindevertretung nicht erforderlich sei, so müsse die liberale Fraktion mit aller Entschiedenheit sich hiergegen wenden. Die Behauptung, welche in oer Generaldebatte gefallen sei, daß der Zuschuß ständig steige, die Frequenz dagegen ständig abnehme, könne gleichfalls nicht unwidersprochen bleiben, zumal die Frequenz der Volksschule, das Reservoir, aus dem das Reformrealgymnasium gespeist werde, eine steigende Frequenz aufweise. Der Streit, der sich um die Errichtung konservativer Parallelklassen entsponnen habe, sei von außen her an das Philanthropin herangetreten und sei deshalb nicht geeignet, den Frieden innerhalb der Schule zu erhalten. Es müsse immer wieder die selbstverständliche Tatsache festgestellt werden, daß die Liberalen im Interesse der Einheit und Einigkeit soweit entgegengekommen sind, wie es unter Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen überhaupt möglich war. Insbesondere könne an dem Religionsunterricht auch vom schärfsten konservativen Standpunkt aus keinerlei Kritik mehr geübt werden. Wenn aber die Einführung von Weltanschauungsklassen von dieser Seite verlangt werde, eine Forderung, die von der Aufsichtsbehörde keinesfalls genehmigt würde, so bedeute dies den Todesstoß für die Einheitsgemeinde und für das Philanthropin. Diesen Forderungen entgegenzutreten, sei nach dem Beschluß der liberalen Wählerschaft Pslia),t der liberalen Fraktion. Ueber das Vertragsverhältnis zwischen Schule und Gemeinde könne man diskutieren, aber nur dann, wenn der Schule die Lehr- und Entwicklungsfeiheit gewährleistet werde. Wichtig sei auch der Hinweis, daß die Schule ihre eigenen Mittel, die größtenteils in Schuldverschreibungen der Gemeinde angelegt waren, verloren hat. Vie bedarf deshalb die Unterstützung der Gemeinde wie andere Institute in ähnlicher Lage. Wenn die Steuerkraft der Gemeinde nicht ausreicht, dann solle man neue und weniger wichtige Aufgaben zurückstellen. Das Philanthropin, dessen ruhmreiche Vergangenheit es schon an die erste Stelle der Gemeindeaufgaben rücke, sei nicht nur eine rein Frankfurter Institution, sondern spiele darüber hinaus für ganz Deutschland eine wichtige Rolle. Daß seitens des Schulrats sparsam gewirtschaftet wird, habe die Finanzkommission anerkannt. Es werde nichts anderes übrig bleiben, als den geforderten Kredit zu bewilligen, dem entgegenstehenden Vorstandsbeschluß die Zustimmung zu versagen und den ganzen Fragenkomplex möglichst rasch und gründlich zu lösen. Namens des Vorstandes gibt Herr Sondheimer Kenntnis von der Anfrage vom 2 8. Februar d. I. an den Schulrat des Philanthropins bezüg« lich der Frequenzziffern, der von den verschiedenen Lehrern erteilten Stundenzahlen usw. und stellt fest, daß bis zum heutigen - Tag auf diese Anfrage eine Antwort nicht eingetroffen ist. Infolgedessen hätte der Vorstand eigentlich die Pflicht gehabt, die Bewilligung des Zuschusses für das neue Jahr so lange auszusetzen, bis das verlangte Material vorlag. Die Finanzkommission habe zu den in grundsätzlicher Hinsicht schwebenden Fragen überhaupt keine Stellung genommen, dies vielmehr dem Plenum überlassen. Der Vorstand müsse seinen Standpunkt wie folgt bekanntgeben: Die Mehrheit des Vorstandes ist der Ansicht, daß eine seit über 100 Iahren in der Gemeinde bestehende jüdische Schule erhalten werden müsse, wenn auch in seinen Reihen liberale Stimmen sich für die Schließung der Schule ausgesprochen haben. Eine seit etwa sieben Jahren gesuchte Einigung mit dem Schulrat wegen der Volksschule ist noch nicht zustande gekommen, der Vorstand kann eine Verpflichtung, für die Volksschule zu sorgen, lediglich aus dem Vertrag von 1843 für sich nicht herleiten. Zwar hat der Vorstand im vergangenen Jahr zur Klärung de« Rechtsverhältnisses den Beschluß gefaßt, daß eine Wciterbewilllgung über den 31. März 1929 hinaus nicht in Frage kommt, wenn nicht bis spätestens 1. Oktober 1923 über die Angelegenheit der Volksschule und über die grundlegenden Bestimmungen der Schulordnung eine Verständigung zwischen Vorstand und Schulrat erzielt ist, aber der Beschluß ist nicht durchgeführt worden. Es haben vielfach Verhandlungen mit dem Schulrat stattgefunden, eine Verständigung konnte nicht erzielt werden. Unter Ausschaltung der religiösen und weltanschaulichen. Momente muß die Frage geklärt werden, ob die Gemeinde weiterhin die stetig anwachsenden Schullasten tragen will, ohne die Aussicht-zu haben, die ihr gebührende Stellung im Verhältnis z>ur Schule einzunehmen. Es dürfte nicht unbekannt sein, daß die Volksschule oer Religionsgesellschaft zu etwa 76 Prozent von gemeindeangehörigen Kindern besucht werde. Zahlreiche Elternkreise sind an die Gemeinde herangetreten, mit dem Ersuchen, eine konservative Parallelklasse im PHilanthropin zu eröffnen, ohne daß die Gemeinde ihren Wünschen entsprechen konnte. Wenn man schon aus finanziellen Gründen die Errichtung einer besonderen konservativen Volksschule ablehnen müsse, so bestand doch im Gemeindeinteresse die Verpflichtung zur Eröffnung einer Parallelklasse im PHilanthropin. Eine solche Klasse hätte zur Befriedung beider Teile beigetragen. Sie ist infolge der Ablehnung des Schulrats nicht zustandogekommen. Andererseits seien die Auf-bauklassen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren bewilligt, und der Vorstanosbeschluß bezüglich der Schließung der Obersekunda am 31. März 1930 sei eben deshalb ergangen, weil die Besuchsziffern nicht zu erlangen waren. Gerüchtweise sei auch dem Vorstand die Eröffnung einer Westendklasse der Volksschule bekannt geworden. Es wäre sicher angebracht gewesen, den Vorstand hiervon zu benachrichtigen, denn es bleibe ja nicht bei dieser einen Klasse, die in einem Stadtteil, wo viele Gemeindemitglieder wohnen, zweifellos im nächsten Jahre eine Nachfolgerin haben werde. Die früher gefaßten Beschlüsse wegen Erlangung von Staatszuschüssen für das Reformrealgymnasium seien zwecklos, nachdem der Schulrat, ohne den Vorstand von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen, auf derartige Zuschüsse der Regierung gegenüber verzichtet habe. Alles in allem haben sich Verhältnisse entwickelt, die geradezu nach Abhilfe schreien im Interesse der Schule und des großen Kreises derjenigen, die für die Erhaltung der Schule sind. Vom Standpunkt des Schulrats aus spricht Herr Dr. Merzbach gegen die Argumentation des Vorstandsvertreters und führt etwa folgendes ans: Die Darstellungen des Herrn Sondheimer sind einseitig, sie versuchen, den Schulrat ins Unrecht zu setzen, sie lassen, um der Sache ein anderes Gesicht zu geben, wichtige Tatsachen unter den Tisch fallen. Der Vorstandsbeschluß über die Schließung der Obersekunda bedeutet den Untergang des gesamten Schulwerks. Das Schulwerk ist ein Ganzes, die Volksschule sein Unterbau. Nimmt man die Volksschule heraus, so-ist das Schulwerk nicht mehr lebensfähig, schließt man den Oberbau, so ist das Gleiche der Fall, denn die Eltern wollen die Möglichkeit haben, ihre Kinder in einem Zug von der Grundschule bis in die höchsten Klassen hinaufzuführen» Was das Verhältnis der Schule zur Gemeinde betrifft/ so ist darauf hinzuweisen, daß diese eine historische Verpflichtung trägt. Beim Philanthropin handelt es sich um eine von liberaler Seite begründete Schule, auf deren Vergangenheit Rücksicht zu nehmen ist. Trotzdem hat der Schulrar das Bestreben, 5n streng neutralem Sinn für eine gemeinschaslliche Erziehung zu sorgen, ein Bestreben, das, wie zugegeben wird, für die Kreise von ganz rechts und ganz links nicht gerade sehr erfreulich erscheinen dürfte. Hierauf aber beruhen die Differenzen. Wenn von Vorstandsseite ausgeführt wird, daß liberale Stimmen für die Schließung der Schule sich ausgesprochen haben, so sei darauf hinzuweisen, daß die 900 Schüler des" Philanthropins sich aus etwa 600 liberalen und 300 konservativen zusammensetzen, und daß diese 600 liberalen Kinder ebenfalls Anspruch auf Berücksichtigung haben. Diejenige Schule sei die beste, von der man am wenigsten spricht. Der Schulrat könne nicht auf jeden Brief, gumal nicht auf kleinliche Reglementierungen antworten, wie z. B. auf die Frage, warum während der starten KälteperioSe nicht gleich den städtischen Schulen geschlossen worden sei. Die Verwaltung der Schule sei die denkbar sparsamste, der Etat so vorsichtig wie nur möglich aufgestellt. Die Frequenzziffern, die Herr Dr. Merzbach bekanntgibt, beweisen einen starken Zustrom lu den Aufnahmetasten, aber auch die Tatsache, daß der Oberbau noch schwach besucht ist, sei auf den starken Geburtenrückgang in den Nachkriegs^ahren zurückzuführen. Die höhere Schule werde