Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 10 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 341 (sequence 9)
- Language
- German
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Heinemann Vogelstein (Stettin) ein Gebetbuch, das in prinzipieller Anlehnung an die neuen Gebetbücher für Berlin, Breslau und Fransfurt in den Jahren 1894—96 erschien. Ein großzügiger Versuch das Einheitsgebetbuch zu verwirklichen, wurde 1897 von dem Mitglied des Oberrats der Israeliten in Baden, Dr. David Mayer in Karlsruhe, unternommen. Unter Beifügung eines Planes für ein einheitliches Gebetbuch richtete er an die deutschen Großgemeinden die Aufforderung zu gemeinsamer Regelung der Gebetbuchfrage. Der erste Band dieses Gebetbuchs ist 1905 erschienen; seine Fortsetzung und Einführung (in Baden) scheiterte am Widerspruch der Orthodoxen und der Zionisten. Dagegen konnten die vereinigten nordamerikanischen Reformgemeinden 1894 ein Einheitsgebetbuch, Union Prayer Book, schaffen, das in wiederholten Neubearbeitungen erschienen und in mehr als dreihundert Gemeinden eingeführt ist. Es bildet eines der wichtigsten religiösen Besitztümer der amerikanischen Judenheit. In Deutschland kam die Frage des Einheitsgebetbuchs erneut in Fluß, als die wirtschaftlichen Nöte der Nachkriegszeit den Gemeinden den Neudruck ihrer vergriffenen Gebetbücher unmöglich machten. Die von der Vereinigung für das Liberale Judentum gewählte Gebetbuchkommission beschloß 1922, den hebräischen Text des Geigerschen Gebetbuchs, das — freilich in verschiedenen Fassungen — in den GroßHemeinden Berlin. Breslau, Frankfurt a. M. und (in der Bogelstemschen Bearbeitung) in den westfälischen Gemeinden eingeführt war, dem zu schaffenden Einheitsgebetbuch zugrunde zu legen. Um dem individuellen Bedürfnis der verschiedenen Gemeinden und der Rabbiner Rechnung zu tragen, sollten alle vom Rabbiner vorzutragenden Gebete und Liturgien aus dem Gebetbuch selbst ausgeschieden und einer besonderen Agende oder einem Anhang vorbehalten bleiben. Durch besondere DruckanordnunH und spezielle Hinweise sollte die Möglichkeit geschaffen werden, den verschiedenartigen Bedürfnissen der Gemeinden gerecht zu werden. Aber auch diese Kommission erwies sich als zu groß und zu verschiedenartig zusammengesetzt. Darum vertrat Rabbiner C. Seligmann (Frankfurt a. M.) auf der Hauptversammlung der Vereinigung liberaler Rabbiner in Köln 1925 den Gedanken, daß sich zunächst die Großgemeinden Berlin, Breslau und Frankfurt zur Schaffung einer gemeinsamen Liturgie zusammenfinden sollten. Diese Anregung, von Vogelstein (Breslau) und Baeck (Berlin) unterstützt, führte zu einer Zusammenarbeit dieser drei Gemeinden, für die Professor Elbogen — zunächst im Auftrag der Berliner Gemeinde — eine ausführliche Denkschrift verfaßte, die, Zusammen mit einer zweiten Denkschrift Seligmanns, der weiteren Arbeit zugrunde gelegt wurde. Nach Konstituierung des Liberalen Kultus-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im Oktober 1926 übernahm dieser Kultus-Ausschuß, mit Zustimmung der bisherigen Konnnission und deren Auftraggeber, die weitere Vorbereitung des Einheitsgebetbuchs und übertrug sie einem kleinen Arbeitsausschuß, bestehend aus Seligmann, Elbogen und Vogelstein. Die Gesamtredaktion und die deutsche Uebersetzung übernahm Seligmann, die Bearbeitung des hebräischen Textes Elbogen, und mit beiden gemeinsam arbeitete Bogelstein. In zahlreichen mündlichen Beratungen und in schriftlichem Meinungsaustausch wurden die grundsätzlichen und die Einzelfragen gemeinschaftlich von diesen dreien eingehend erörtert; dann wurden hervorragende Fachmänner zur Beratung und Durchsicht zunächst des Manuskripts, später auch der Korrekturbogen, herangezogen. In dankbarer Wehmut sei der hingebenden Mitarbeit des Direktors Dr. Michael Holzmann gedacht, dessen letzte Sorge vor seinem Hinscheiden noch der Korrektur dieses Einleitungsbogens galt. Grundsätzlich neu, in bewußter Abwendung von den liberalen Gebetbüchern des 19. Jahrhunderts, ist die Uebersetzung der Gebete, die möglichst treue Wörtlichkeit anstrebt, sich dabei aber dem anders gearteten deutschen Satzbau und Sprachgeist anzupassen bemüht ist, besonders auch der poetischen Schönheit der Gebete gerecht Zu werden versucht, so daß der deutsche Text auch selbständig zum Beten geeignet sein wird. Für den hebräischen Text kam, da dem Gebetbuch möglichst weite Verbreitung gesichert werden sollte und die Mehrzahl der für seine Einführung in Betracht kommenden Gemeinden ihre Eigenart zu wahren wünscht, eine tief eingreifende Neubearbeitung nicht in Frage. Dennoch ist auch dieser Teil vielfach umgestaltet. Er weist Kürzungen und Erweiterungen auf, Wiederherstellung alter Texte und Ersatz ungeeigneter Stücke durch geeigneter erscheinende. Gekürzt ist vor allem durch grundsätzliche Vermeidung von Wiederholungen ein und desselben Gebetes während des gleichen Gottesdienstes, z. B. von Kaddisch, Aschre, Keduscha (in hameir laarez und uba l'Zion weggelassen, weil in der Tephilla). Dahin gehören auch die -Stücke am Anfang des werktägigen Morgenebets. Der Gesang Jigdal, der erst gegen Ende des 16. Jahrunderts im Polnischen Gebetbuch erschernt, wird nur für (Sabbat- und) Festtage beibehalten. Die Segenssprüche nach Elohai Neschama, die nach talmudischer Vorschrift nur bei gegebener Veranlassung gesprochen werden sollen, sind vermindert. Den ersten Teil des werktägigen Morgengebets bis baruch scheamar der häuslichen Andacht zu überlassen und alsbald mit baruch scheamar zu beginnen, wird dem Ermessen der Gemeinden anheimgegeben. Die P'suke d'Simra (Psalmen) sind auf die einzelnen Wochentage (oder Sabbate und Festtage) verteilt. Tackanun, ursprünglich stiller Herzenserguß ohne geprägte Form, ist auf Psalm 6 mit kurzen Einleitungs- und Schlußworten Zusammengezogen. Störende Ueberschwenglichkeit des Ausdrucks und Häufungen synonymer Worte, z. B. in Ahaba rabba, Emet w'jazzib, jaaleh w'jabo, auch im Nischmat, sind beseitigt. Eine starke Kürzung erfuhren u. a. auch die Hoschanot, die außerdem von ^er ungeeigneten Stelle am Ende des Gottesdienstes an die geeigneter erscheinende vor dem Ausheben der Thora oder zu Beginn des Ausheöens gerückt werden. Diese Beispiele sollen das Ziel der Kürzungen veranschaulichen. An Erweiterungen ist vor allem ein vollkommen neuer festlicher Vorabend-Gottesdienst für Chanucka, Purim und neunten Aw mit Abdruck des Buches Esther und der Klagelieder, Hebräisch und Deutsch, zu verzeichnen. Des weiteren sind die schönsten Psalmen und, insbesondere für die Hohen Festtage, einzelne Stücke aus dem sefardischen Ritus neu aufgenommen. Auch eine der herkömmlichen Melodie und zum Teil dem alten Wortlaut angepaßte hebräische Neubearbeitung des Kol Nidre ist — neben den von Großgemeinden eingeführten Gesängen (Psalm 130) und „O, Tag des Herrn" — den Gemeinden zur Einführung empfohlen. Auch sonst sind alte Texte wiederhergestellt worden, so in der Werktags-Tephilla, soweit keine grundsätzlichen dogmatischen Bedenken bestanden, in den Sündenbekenntnissen, im Abinu Malkenu der Hohen Festtage, in vielen der aufgenommenen alphabetischen Piutim. Eingreifend ist die Umgestaltung der Thora- und Propheten- Abschnitte. An Stelle der einförmigen oder religiös wenig inhaltreichen sind neue geeignetere Stücke ausgewählt worden. Für den zweiten Pesachtag ist statt eines Abschnitts aus den Propheten der Bericht der Chronik über die Pesachfeier Hiskias gewählt. Für den zweiten Tag des Offenbarungsfestes ist die Wiederholung der zehn Sinaiworte aus Deuteronomium aufgenommen. Für den ersten Tag des Neujahrsfestes wird den Gemeinden sowohl die herkömmliche Thoravorlesung aus dem 1. Buch Mose von der Vertreibung Hagars als auch die zweifellos geeignetere aus dem 5. Buch Mose „attem nizzabim" zur selbständigen Auswahl dargeboten. Die Eigenart dieses neuen Gebetbuchs, das nicht für eine Gemeinde und deren religiöse Bedürfnisse, sondern für die Gesamtheit bestimmt ist, machte es notwendig, schon für das hebräische Gebet eine gewisse Freiheit zu gewähren. Bereits im Geigerschen Gebetbuch ist auf süddeutschen und norddeutschen Minhag Rücksicht genommen; auch das alte Siddur und Machsor enthält an zahlreichen Stellen die Bemerkung, daß in vielen Gemeinden dieses oder jenes Gebetstück eingeschaltet, weggelassen wird, oder es läßt zwei oder mehr Möglichkeiten Raum." So sollen auch die unsrem Gebetbuch vorgedruckten Bemerkungen, auf die im ausführlichen Jnhaltsregister sorgfältig Bezug genommen ist. den Gemeinden die Möglichkeit geben, ihren Gottesdienst je nach ihren Traditionen und Bedürfnissen zu gestalten, dies oder jenes Gebetstück beizubehalten oder auszuschalten. Um auch für die gesangliche und musikalische Gestaltung den Gemeinden weiteste Freiheit zu lassen, sind die Überschriften „Vorbeter" und „Gemeinde" durchweg fortgelassen. Diese Freibeit in der Einheitlichkeit hat erhöhte Bedeutung dort, wo dem Gebet in der Muttersvrache neben dem hebräischen ein arökerer Platz im Gottesdienst einaeränmt ist. Die neuartwe inbaltliche Anordmma bietet die Möglichkeit, den Gottesdienst entweder aanz hebräisch abzuhalten oder in gewissem Umfang mit deutschen Gobeten und Gesänaen zu verbinden. Aus di"sem Grunde, und um nicht durch feststehende deutsche Gebete dem Rabbiner und der Gemeinde bindenden Zwang aufzuerlegen, wurden sämtliche sowohl vom Rabbiner zu sprechenden als auch der Gemeinde zur stillen Andacht daraebotenen deutschen Gebete, zusammen mit den Liedern, in den Anbang verwiesen. Eine Ausnahme macht nur die Aboda an Jom Kippur. bei der Deutsch und Hebräisch wechseln. Doch ist auch hier, wie die Bemerkung am Anfang betont, den Gemeinden und Funktionären freie Hand gelassen, zu kürzen oder sich eines andern deutschen Tertes zu bedienen. Die umfangreicheren deutschen Gebete und Betrachtungen des Anhangs Haben die Bestimmung, in den Gemeinden, in denen keine Predigt gehalten wird, diese zu ersetzen . . . ... Zu diesem Kern der Gebete, Sch'ma und Tephilla, hat die stets lebendige Frömmigkeit der Zeiten Zusätze hinzugefügt. So gehen dem Sch'ma an allen Tagen des Jahres Psalmen und einleitende Morgengebete voran; der Tephilla folgen an Wochenragen die Tachanunim (stille freie Gebete um Sündenvergebung), .in Neumondstagen, an Chanucka und Wallfahrtsfesten die Hallelpsalmen. Unerschöpflich war das religiöse Gemüt in neuen Gebetdichtungen; sie brachten die Mannigfaltigkeit und Belebung in die geheiligte Ueberlieferung und gaben dem Gebetbuch seinen reichen Inhalt. Der jüdische Gottesdienst, der aus der klassischen Religion der! Propheten hervorging, ist eine der weltgeschichtlich bedeutsamsten