Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 10 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
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Darstellung sein —, in jeder Zeit eingestellt als Kämpfer. Er muß förmlich erfühlen die Wahrheit des Satzes: die Lage der Juden in den einzelnen Ländern ist das Kulturbarometer für eben dieses Land. Die Jugend ist begeisterungsfähig und will begeistert sein. Sie will vor allem die Freiheit haben, alles erfragen zu dürfen, was ihr auf der Seele brennt. Und alle Jugend, auch die orthodox erzogene, vielleicht diese oft am meisten, hat Fragen. Wehe dem Lehrer der oberen Klassen, der nicht die innere Ruhe und die dazugehörige Summe des Wissens aufbringt, um in Gelassenheit auf alle Fragen einzugehen, der aus Angst, gegen irgend einen „Standpunkt" zu verstoßen, mit der halben Wahrheit" umgeht. Der Lehrer, der an einer Einheitsgemeinde wirkt, muß, ohne seine Eigenpersönlichkeit zu verleugnen, immer diesen Gesichtspunkt vor Augen und eine gewisse Weite des Gesichtsfeldes haben. Er darf kein Gefühl verletzen, darf keinen einseitigen religiös-polirischen Standpunkt vertreten, aber er darf und muß wahr sein, in seinem Wesen muß Ueberzeugung und vor allem Liebe zur Jugend und Jugendlichkeit liegen. Dies ist aber nur bei den Persönlichkeiten der Fall, die selbst „Suchende" sind, die die unumstößliche Gewißheit des Seins in Gott in sich tragen, aber wissen, daß sein Wesen uns allzeit verborgen ist, daß wir alle immer nur seine Wahrheit suchen können. Es ist aber nach dem Angedeuteten und dem Vielen, was noch zu sagen wäre, nicht ganz einfach, Lehrer dieser oberen Klassen zu sein. Es ist schwer, und zwar aus zwei Gründen. Der für Volks- und Mittelschulklassen ausgebildete Lehrer hat nicht die geeignete, vor allem klassisch-humanistische Vorbildung selten aber auch die jüdisch-theologischen Kenntnisse, die zum Untervicht in diesen Klassen erforderlich sind. Die Lehrer andererseits, die aus dem Rabbinerstande hervorgehen, haben zwar die jüdischen, auch oft dieallgemeinen Kenntnisse, ja sie sind oft Gelehrte, aber damit noch lange keine Lehrer. Abgesehen davon, daß dem Großstadtrabbiner zu oft die nötige Zeit fehlt, um sich für den Unterricht, den er „auch" geben muß, vorzubereiten, fehlt vielen vor allem die pädagogische Begabung. Diese kann auch mit dem besten Willen nicht erworben werden, sie ist eine eigene Gabe, muß angeboren und durch unermüdlichen Fleiß entwickelt und nutzbar gemacht werden. In dem Mangel an den speziell vorgebildeten theologisch-akademischen Lehrer liegt, wenn nicht bald eine Aenderung eintritt, eme schwere Gefahr für unsere Gemeinden. Diese drohende Gefahr wird ein einsichtiger GemeindevorstanÄ mit leichter Mühe einsehen, sobald er die Lehrerpersönlichkeiten, die speziell den heutigen Großgemeinden zur Verfügung stehen, vor seinem geistigen Auge Revue passieren läßt. Es kann Abhilfe geschaffen werden, wenn die Vorstände Weitblick genug besitzen, die nötigen ideellen und materiellen Bedingungen zu schaffen, unter denen sich pädagogisch begabte Theologen entschließen, den ausschließlichen Lehrerbevuf zu wählen, der ja eine gelegentliche Kanzeltätigkeit nicht auszuschließen braucht. Solche Kandidaten müßten dann etwa vom sechsten Semester! ab eine spezielle Ausbildung an den bestehenden oder einem noch zu schaffenden Seminar genießen. Sie müßten, abgesehen von etwaigem Unterricht an Religionsschulen, zum mindesten ein Jahr an höheren Simultanschulen hospitieren nnd ein Jahr praktischen Unterrichts nachweisen können. Derartig ausgebildete, der innern Berufung folgende Kandidaten wären die geeigneten Führer für unsere Jugend. Jeder andere Gesichtspunkt außer dem der wirklichen Pädagogischen Eignung müßte bei der Wahl des akademischen Religionslehrers, nennen wir ihn Religionsoberlehrer, wegfallen. Betonen wir es noch einmal: Es kann 338 einer ein vorzüglicher Prediger, ein großer jüdischer Gelehrter sein, damit ist für seine pädagogische Eignung gar nichts gesagt. Umgekehrt muß der Pädagoge dieser Art vor allem ein gründliches jüdisches, neben einem weiten Allgemeinwissen haben, vor allem aber die Liebe und die Lust zum Berufe und zur Weiterarbeit an sich selbst, die damit verbunden ist. Das kleine Werkchen von Lewkowitz hat uns zum Aussprechen dieser Gedanken veranlaßt. Wer das Werkchen fleißig studiert, wer merkt, wie hier die Größe des jüdischen Weltgeistes nicht apodiktisch gelehrt, sondern in gründlicher Wissenschaftlichkeit als WirÄichkeitsfaktor aufgezeigt wird, andererseits aber nachdenkt, auf wie viel Fragen von feiten des herangereiften Schülers der Lehrer gefaßt sein muß, der diese Zeitepoche behandelt, der wird verstehen, warum wir dieses Werkchen zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen gemacht haben, und auch daß wir oben aus diesem Grunde dem Verfasser für diese söine Arbeit, die er selbst ja Teil I nennt, besonders danken, wenn wir wünschen: möge der II. Teil bald folgen, möge er wie der im gleichen Sinne für uns neben dem Verfasser wirkende Dozent Dr. Heinemann und die andern Berufenen in gleicher Weise in ihren Arbeiten fortfahren. Dann werden wir die herbeigewünschte Lehrergeneration mit dem Rüstzeug ausstatten können, das zum Gedeihen der jüdischen Jugend, zum Gedeih und Aufbau des Judentums notwendig ist. Die Entstehung des jüdischen Kalenders und die Kalenderreform. Von A. M. Kohn-Asulay, (Heidelberg). Judäa, die geistige Republik des 5. Jahrhunderts v. Chr., hat ihre Entwicklung und ihren kulturellen Hochstand ihrem hervorragenden Führer und Reformator Esrazu verdanken. Ihm war es gelungen, infolge seiner ganz ausgezeichneten und ungewöhnlichen Herrscher-Qualitäten die Theokratie vor Erstarrung zu bewahren und sie vor der Diktatur der Hohepriester in Schutz zu nehmen. Für das Leben und die Entwicklung Palästinas war damals von großer Bedeutung, daß der internationale Handel durch die Entstehung des Persischen Reiches einen großen Ausschwung nahm; denn als Folge der Vereinigung der erweiterten Diaspora nach dem babylonischen Exil konnten vor allem die Handelsbeziehungen weiter ausgedehnt werden. Ein wichtige Rolle spielte die dem Hebräischen verwandte aramäische Sprache, die internationale Bedeutung gewann und auch in Judäa schnelle Verbreitung fand. Dies führte zur Entstehung eines hebräisch aramäischen Dialekts, wobei Aramäisch die Sprache der Rechtsgeschäfte, des Handelsverkehrs und der Verträge wurde, während Hebräisch vornehmlich in der Literatur und beim Gottesdienst in Gebrauch blieb. Viele technische Ausdrücke der aramäischen Sprache gelangten auf diese Weise in die neu entstandene aramäisch-hebräische Mundart, so vor allem die Terminologie des babylonisch-aramäischen Kalenders. Bis dahin waren nämlich für die Bezeichnung der Monate entweder Ordnungszahlen gebräuchlich, oder Benennungen, die der Jahreszeit entsprachen. So war z. B. „Siv" (Glanz, Pracht) der Monat des Frühlings, „Abib" der Monat der grünenden, reifenden Aehre, „Bul" der Monat des Laubfalles. Allmählich nun wurden die Monatsnamen der aramäischen und der assyro-babylonischen Sprache entlehnt. Mit dem Frühlingsmonat begonnen, ward Nissaannu zum hebräischen Nissan, Airu zu Jjar, Simanu — Sivan, Dumusu — Tammus, Abu — Ab, Ululu — Elul, Tasritu — Tischri, Arahsamna — Marcheschwan, Kislimu — Kislev, Tebitu — Tebet, Sabatu — Schebat, Addaru — Adar. Auch mit dem symbolischen „Tierkreis" der zwölf Sternbilder, der den assyrisch-babylonischen Monaten entsprach und einen Ueberrest des uralten Astralkultes darstellte, hat der hebräische Kalender den Zusammenhang dadurch bewahrt, daß er jedem Monat ein bestimmtes Sternbild (Masal) zuordnet: Nissan — den Widder, Jjar — den Stier, Sivan — die Zwillinge, Tammus — den Krebs, Ab — den Löwen, Elul — die Jungfrau (die babylonische Venus Jstar), Tischri — die Wage, Marcheschwan — den Skorpion, Kislev — den Schützen, Tebet — den Steinbock, Schebat — den Wassermann, Adar — die Fische. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß man um dieselbe Zeit, um eine Uebereinstimmung mit dem im westlichen Persien herrschenden Kalender herzustellen, allmählich begann, den Jahresbeginn vom ersten Tag des Frühlingsmonats Nissan, in den das Pessachfest fällt, auf den ersten Tag des Herbstmonats Tischri zu verlegen.