Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 10 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 336 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094345--1846-3096581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Amoraim 1× ep/1003430
- Rezin 1× ep/1006745
OCR text
und in diesem Augenblick rasch einen Wunsch ausspricht, dem wird er in diesem Jahre ganz gewiß erfüllt. Leider aber hat es die Vorsehung so eingerichtet, daß die Kinder vor lauter Jn-den- Himmel-Gucken gerade im richtigen Augenblick einschlafen . . . Der Gottesdienst am nächsten Morgen Zeichnet sich dadurch besonders aus, daß die Vorlesung aus der Thora nach dem ersten Vers unterbrochen wird,' die Thora wird Zusammengerollt, mit dem Mäntelchen zugedeckt, und es wird Mkdamut" vorgetragen. Dies ist ein langes aramäisches Gedicht von 90 Versen mit dem durchgehenden Reim auf „tha", welches den Preis des Schöpfers der diesseitigen und der jenseitigen Welt besingt, der Israel auserwählt und ihm die Thora gegeben hat, um derentwillen es alles Leid und allen Spott der Völker 'willig auf sich nimmt, zuversichtlich anf ein glückliches Ende harrend. Der Inhalt des Gedichtes ist abstrus, die Sprache dunkel und schwerfällig. Das Aramäisch ist künstlich, auch dem, der die Grammatikdieses Idioms gut beherrscht, nur schwer zugänglich. Die in neuer Zeit davon angefertigten Uebersetznngen sind nur Nachbildungen, die mehrere Verse ganz woglassen, weil sie nicht nach unserem Geschmack sind. Ehemals wurde Akdamut vor Schabuot im Cheder gelehrt. Begabte Knaben brachten es zum Verständnis von 25 Versen, die sie bis zum nächsten Jahre verschwitzten. Aber es hat eine sehr feierliche und getragene, wenn auch ziemlich eintönige Melodie, und wird zum Vorlesen der Thora bisweilen von einer anderen danebenstehenden Person wechselweise mit der Gemeinde vorgetragen. All das, wie auch der fremdartige Klang des Aramäischen, umgaben das Gedicht mit einem Nimbns der Weihe und Heiligkeit, so daß viele Gemeinden sich empörten, als man es seiner UnVerständlichkeit halber, und weil es den Gottesdienst beträchtlich verlängerte, abschaffen wollte. Die srankogermanischen Juoen scheinen den „T arg um Onkelos", d.i. die zur Zeit der ersten Amoräer verfaßte Uebersetzung der Heiligen Schrift in die aramäische Volkssprache, nur für zwei Gelegenheiten zugelassen zu haben: für den 7. Pessach-Tag, da die Erzählung vom Auszug aus Aegypten, und für den ersten Schabuot-Tag, da die von der Offenbarung am Sinai vorgelesen wird. Es war nun üblich, dem Tharaum-Vortrag eine ArtJntroduktion (Reschut) vorauszuschicken. Ein derartiges Reschut zu dem Targum der Thora-Vorlesung am ersten Schabuot-Tage ist nun das Akdamut. Es wurde daher auch noch viel später nicht vom Thora-Bvrlescr, sondern von einer anderen Person vorgetragen, welche ehemals als Dolmetsch an die Seite des Vorlesers trat, nm seine Worte Vers um Vers ins Aramäische zu übersetzen. Mit der Zeit fiel die Uebersetzung auch an diesen zwei Tagen gänzlich fort. Aber die Introduktion ist merkwürdigerweise geblieben. Auch eine Introduktion zur Haftara-Uebersetzung für den zweiten Tag „Jeziv Pithgam" hat sich bis auf den 'heutigen Tag erhalten. Sie hat vor dem „Akdamut" die Würze der Kürze voraus, denn sie zählt bloß 15 Verse, die Melodie ist heiter und anmutig. Der Verfasser des Akdamut war R. Meir oder Jair b. Isaak, Kautor in Worms, in ganz Deutschland wegen seiner Pijutim und Kompositionen berühmt. Er war ein älterer Zeitgenosse Raschis, erlebte die Schrecknisse der Zeit vor dem ersten Kreuzzug, und in diesen: Kreuzzug scheiut er den Märtyrertod erlitten zu haben. Die Stimmung jener Zeit spiegelt sich auch leise im Akdamuth Wider. Ter Verfasser des Jeziv Pithgam ist Rabbenu Jakob Tham, der bekannte Enkel Raschis. Schabuot scheint zwei Tage gefeiert worden zu fein, noch bevor die Doppelfeiertage eingesetzt wurden. An den beiden- Festtagen werden zu Mittag Milchspeisen bevorzugt, besonders Käsekräpfchen, die für dieses Fest als eine Art Nationalgericht gelten. Wo Berge in der Nachbarschaft sind, hält man es für angemessen, dorthi.i zu lustwandeln, um an den Berg Sinai erinnert zu werdeu. Bei den griechischen Juden hieß das Fest Pentekoste ^- fünfzigster (Tag), von da kam das Wort in die Septuaginta und die Vulgata, und von da zu den germauischen und romanischen Völkern (Pfingsten, Pentec»te). Das Neue Testament konnte nicht Wohl das Offenbarungsfest des Alten feiern, es verlegte daher auf diesen Tag das Fest der „Ausgießung des Heiligen Geistes". Iesaja. Von S. Meisels. Dem Iesaja gleicht keiner unter den Propheten Israels. Kein zweiter hat gleich ihm das Seherauge weit, weit über das Blickfeld seines Umkreises und die Begrenztheit seiner Zeit hinweg in die Jahrtausende schweifen lassen, um kommende Tinge als Gewordenes zu schauen. Kein Zweiter hat gleich ihm mit erhabener Menschlichkeit der durch die drei Großplagen Krieg, Krankheit und Hungersnot heimgesuchten Menschheit die helle Zukunft des Weltfriedens und des Völkerbundes verkündet. Iesaja war kein müßiger Poet, der um der Redefigur und des Klangspiels willen glanzvolle, mit Metaphern reichgeschmückte Zukunftsbilder zum eigenen Ergötzen sich erfand. Er war auch kein weltfremder Stubengelehrter, der auf Grund gedankenblasser Theorien ein pazifistisches Zukunftsideal ausklügelte. Iesaja war ein Prophet mit einem unvergleichlich klaren Seherblick, dem die fernste Zukunft ihr Gesicht entschleierte. Er war ein Mann voll glühender Leidenschaft, voll heißer Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk, ohne dadurch den Wertmaßstab für seiner Volksgenossen Fehler und Mängel zu verlieren. Er war ein weitsichtiger Staatsmann, der die Verwickeltesten Situationen mit unfehlbarer Sicherheit erfaßte und alle Schliche und Kniffe der damaligen Diplomaten, die das Kunststück fertig brachten, Fallen zu legen, in die sie sich selber verstrickten, bis ins kleinste durchschaute. Als Mensch aber hatte sich Iesaja der ganzen Menschheit angelobt, er trug der Menschheit ganzen Jammer in seinem großen Herzen, fühlte sich gesalbt, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, und frohe Botschaft zu künden den gequälten Kindern der Welt. Jefaja hat nicht nur seinem Volke, nicht allein seiner Zeit — er hat der ganzen Menschheit, allen Völkern und allen Zeiten gelebt. Unter vier Königen, in einer Politisch stark bewegten Zeit, hat Iesaja gewirkt. Kraft der göttlichen Berufung, die ihn: ward, war er Lenker und Lehrer, Warner und Mahner seines Volkes, zugleich Strafrichter und Wahrheitskünder den Gewalttätigen der Erde. Den Krieg der damaligen Welt, das streitende Bölkergewirr, in dem die kleinen und die großen Völker und Reiche im Kampfe standen, — den Weltkrieg jener Zeit mit allen seinen Schrecknissen sah er an sich vorüberziehen. Und mitten in diesem Weltkampf und Völkergewühl ward er sich seines prophetischen Berufes inne, und aus den Talesgründen schwang sich sein Geist in eine Höhe, von der aus er das Jetzt und das Später von Völkern und Reichen überblicken konnte. Die Größe des Iesaja zeigt sich darin, daß er mit seinen politischen Anschauungen allein und fest stand, daß er feine auf politischer Weitsicht gegründeten Ansichten mit wunderbarem Freimut vertrat. Iesaja ging seinen Weg unbeirrt und mahnte zur Rückkehr die, die auf Abwege gerieten. Er goß die Schale seines gerechten Zornes auf die Volksversührer aus, die gewissenlos das Volk an den Rand des Abgrundes brachten. Sein Wort schlug wie ein Hammer auf joden Hohlkopf ein, gleichviel ob dieser Hohlkops einem Volksgenossen oder einem Führer -im feindlichen Lager gehörte. Zuweilen aber bediente er sich des im Ton gedämpften überlegenen Spottes, der den Gegner vernichtet, indem er ihn lächerlich macht. Seine „Hochsprüche" Wider die Großmäuligen sind nahezu unerreichte Muster feingeschliffener Satiren. Man lese zum Beispiel, wie Iesaja den Uebermut Assurs und das „hochmütige Prunken seiner Augen" geißelt. Oder man lese die Beschreibung des syrisch-ephraimitischen Krieges, wie er Rezin, den König von Syrien, und Pekah, Sohu Remaljahs, den König von Israel, als „zwei Stummeln rauchender Feuerscheite" lächerlich macht. Iesaja war nicht nach Heimkriegerart lediglich mit Saft- und Kraftworten am Kriege beteiligt. Der Krieg war ihm tiefinnerliches Erlebnis. (Freilich in ganz anderem Sinne, als er so manchem Geistigen im Jahre 1914 Erlebnis war!) Der ganze Jammer der kriegsgequälten Menschheit faßte ihn an. Dieses tiesinnerliche Erlebnis des Krieges, dieses leiderfüllte Erlebnis, das den Schrei jeglichen Schmerzes, den Schmerz jeglicher Wunde in sich einsog, machte Iesaja zum größten — Friedens dichter aller Zeiten. Jefaja hat nicht allein diesen oder jenen Krieg miterlebt, sondern er hat sozusagen die Idee des Krieges in ihrer ganzen Furchtbarkeit erfaßt. Sein Seherblick sah den Krieg an sich, losgebunden von Zeit und Raum, fortgewälzt durch Länder und Zeiten. Und aus diesem Geficht des schier endlosen Krieges erwuchs ihm das Ideal des „Friedens ohne End e". So ward Iesaja der erste Friedensapostel der Menschheit. Der Friede der Welt, der Bund der Völker, die Eintracht aller Menschen, das „Seid umschlungen, Millionen!" ist — ein jefajanisches Ideal.