Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 10 (6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
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335 zu heiraten, vielleicht wurde diese Sitte auch den Juden aufgezwungen. Die Römer begingen nämlich in diesem Monat die Lemuri e n, ein Sühnefest für die Geister der Abgeschiedenen, die zu dieser Zeit auf Erden herumschwärmten und den Brautpaaren Schaden zufügen konnten. Ein schwaches Echo dieses Glaubens findet man vielleicht in der Behauptung des R. Iochanan ben Nuri, daß die Sünder in der Hölle zwischen Pessach und Schabuot gerichtet werden. Unter dem Einfluß der römischen Herrschaft wird sich wohl die Freudenzeit der Ernte in eine Trauerzeit verwandelt haben, und was man vordem aus Freude unterließ, unterließ man später aus Trauer. Uebrigens war dieZeitnach Pessach auch in späteren Jahrhunderten häufig eine Zeit der Trauer für die Juden und die Erinnerung daran hallte noch lange nach. So die Metzelei während des erstenKreuzzuges (1096), während des Schwarzen Todes (Mai, Juni, Juli 1348), die Trauer während der Vertreibung aus Spanien (April— Mai 1492), während der Kosakenkriege das Gemetzel von Tultschym (20. Siwan 1648), ein Tag, der in vielen polnischen und ukrainischen Gemeinden noch heute als Fasttag begangen wird. Die meisten Ritual mord-Prozesse fanden gegen Pessach statt oder nahmen damals ihren Anfang. Die ersten russischen Pogrome 1831—82, der Pogrom von Kischenew 1903, die Pogrome von 1906 fanden im Frühjahr statt. Es gibt allerdings keinen Monat im Jahre, der sich rühmen könnte, absolut pogromfrei zu fem. Seitdem die Kabbala sich unter den Juden ausgebreitet hat, wird ein anderer Grund für die Auszeichnung des Lag Baomer mitten in der Sephira-Zeit angeführt. Lag Baomer soll nämlich die „Hilula" des angeblichen Verfassers des Sohar Rabbi Schimeon ben Jochai (ein Schüler R. Akibas) sein. Hilula heißt im rabbinischen Aramäisch eigentlich Freudentag, Hochzeitstag, aber in Verbindung mit dem Namen eines Frommen der Vergangenheit bedeutet Hilula Sterbetag. Denn der Tod eines Frommen ist zwar vom Standpunkte des Irdischen ein trauriges Ereignis, aber vom Standpunkte des Ewigen ein glückliches, die Seele kehrt zurück in ihre Heimat, vermählt sich mit der Unsterblichkeit. So benennen die Chassidim den Sterbetag eines besonders hervorragenden Zaddik Hilula. R. Schimeon b. Jochai sehnte sich, wie es in der „Jdra Sutta" heißt, sein ganzes Leben lang nach diesem Tag der Wiedervereinigung mit Gott. Nun haben die Kabbälisten eine uralte Tradition, daß Rabbi Schimeon b. Jochai an einem Lag Baomer das Zeitliche segnete, nachdem er seinen Jüngern die tiefsten Mysterien offenbart hatte, licherweise auf Wahrheit. ^Vsoe^e^Su^F cks5 ^s«5sum5 /üÄ. >1//s^/ll/ne^. Z/Zös/'ne?- TVw^asc/kMllcä. l/o/! L?sm /v-anH/ll/-/^ ^Le/s/s/- ^S^sm/a5 ^ode/ f/7v// Diese Tradition beruht mög- Seitdem im 16. Jahrhundert die Kabbala besonders durch Isaak Luria sich vom Orient aus über einen großen Teil von Europa verbreitete, namentlich aber seit dem Aufblühen des Chassidismus in Osteuropa wird der Lag Baomer besonders festlich begangen. Namentlich die reifere Jugend nimmt sich der Sache an. Das Beth Hammidrasch wird am Vorabend illuminiert. Eine „Tafel" wird aufgestellt, nämlich ein großes Transparent aus buntem Papier mit Schnitzereien, Szenen aus der biblischen Geschichte, auch Bäume und allerlei Getier darstellend, meist ist auch das Lied zu Ehren der Helden auf der Tafel, welche von rückwärts beleuchtet wird. So mancher später berühmt gewordene Künstler, der aus dem Ghetto hervorgegangen ist, hat seine Karriere mit einer solchen Tafel begonnen. Der Lag Baomer war seit unvordenklichen Zeiten im Ghetto schulfrei. Frühzeitig am Nachmittag zog die Chederjuaend mit ihrem Lehrer in die nahegelegenen Berge oder den Wald und nahm dort Schießübungen,, richtige Schießübungen vor, mit Pfeil und Bogen, die sie sich aus Zweigen und Reisern angefertigt hatte. Neuerdings hat ein bekannter Forscher die Vermutung ausgesprochen, daß ehemals diese Schüsse der Abwehr der Dämonen galten. Diese ansprechende Vermutung läßt sich zwar nicht quellenmäßig belegen, aber ich erinnere mich, als Kind von einem großen Cl)assidim-Rabbi gehört zu haben, der es nicht verschmähte, zusammen mit der Chederjugend am Lag Baomer in den Wald zu ziehen, dort einen Bogen zu erreifen und nach allen Himmelsrichtungen je einen Pfeil abzuschießen, um Satan und sein Gefolge von der Stadt fernzuhalten. Nach manchen hört am Lag Baomer die Trauer überhaupt auf, die letzten drei Tage, die aus einem mir unbekannten Grunde auch „Jichus-Tage" genannt werden, sind jedenfalls keine Trauertage mehr. Zu Schabuot pflegten die Knaben an die Fensterscheiben der Privatwohnungen, nicht aber der Synagoge, Papierschnitzereien zu kleben, die allerlei Arabesken und Figuren oder Tiere darstellten, ähnlich denen, die sich in der Lag Baomer-Tafel befanden. Einzelne Knaben bösaßen einen gangen Schatz solcher Meisterwerke, die das ganze Jahr über zwischen den Blättern großer Talmudfolianten oder altfränkischer Machsorim von Riesenformat aufbewahrt wurden. In Palästina wird seit Jahrhunderten der Lag Baomer als ein großes Volksfest mit rauschenden Lustbarkeiten, Illumination, Tänzen und Wallfahrten zu den Gräbern der Großen der Vorzeit begangen. Berühmt sind die Feste in Obergaliläa, >wo in dem Dorfe Meron bei Safet das Grab Rabbi Schimeons und unweit von Tiberias die Grabstätten Rabbi Akibas und seiner Jünger gezeigt werden. Große Volksmassen aus den entferntesten Gegenden strömen zusammen, Tänze werden die ganze Nacht hindurch aufgeführt, das Lied zu Ehren Schimeons wird im Chor gesungen, in großen Bassins wird Oel entzündet, in das ölgetränkte kostbare Tücher geworfen werden. Der Flammenschein ist weithin sichtbar, und der Gesang hallt durch die Nacht. Am nächsten Vormittag wird im Lehrhaus des R. Schimeon die bei den orientalischen Juden übliche Zeremonie vorgenommen, den dreijährigen Knaben zum ersten Male die Haare zu schneiden, wobei den Vätern Glückwünsche dargebracht werden, während die weiblichen Glieder der Familie von den Estraden und Balkonen den Kindern Süßigkeiten und Früchte zuwerfen. Das Volksfest von Meron wirft einen Abglanz auf ganz Palästina. Am Vorabend des Lag Baomer werden z. B. in Jerusalem alle Synagogen und auch viele Privathäuser illuminiert. Am Morgen pilgert man zum Grabe eines anderen Schimeon, nämlich Simeons des Gerechten, den die Sage mit Alexander dem Großen in Verbindung bringt. Auch hier wird die Zeremonie der Lockenschur an den dreijährigen Knaben vorgenommen. An die ursprüngliche Bedeutung des Festes erinnert heutzutage nur noch der Brauch, Wohnhäuser und Synagogen mit grünen Reisern, Zweigen und Blumen zu schmücken, vielleicht auch die Vorlesung des Buches Ruth, dessen Handlung zur Zeit der Weizenernte spielt. Nachdem so Schabuot den letzten Rest von Erdenschwere verloren hatte und ausschließlich die Erinnerung an den Sinai symbolisierte, war es verständlich, daß namentlich die Mystiker dieses Fest mit einer besonderen Gloriole umgaben. Wir finden daher im Sohar, daß schon die ,>Frommen der Vorzeit" in der ersten Festnacht zu wachen und sich mit der Thora eifrig zu beschäftigen pflegten. Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Frommen versammeln sich nach dem Wendessen in der Synagoge und verbringen die Nacht (gleich wie die Nacht vor Hoschana Rabba) mit dem gemeinsamen Studium der Thora. Es ist hierfür eine befondere Sammlung (Thikkun) angelegt, enthaltend Auszüge aus allen Teilen der Bibel, der Mischna, dem Sepher Jezira und dem Sohar. Eine Besonderheit dieser Nacht ist der Minjan ha-MiS'wot, d.h. die Existenz der 613 Gebote (meist nach Maimonides). Den Schluß bildet ein Kapitel aus der ,^Jdra Rabba". Neu gespendete Thorarollen werden häufig in dieser Nacht, ebenso wie in der von Hoschana Rabba, in feierlichem Zug unter Gesängen und Tänzen nach der Synagoge gebracht und eingeweiht, d. h. in die Heilige Lade eingehoben. An diese Nacht knüpft sich auch em poetischer Volksglaube, dem besonders die Kinder huldigen. In dieser Nacht spaltet sich nämlich der Himmel — Sternschnuppen sind ja in dieser Jahreszeit oft sichtbar. Wer gut aufpaßt