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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-06-01 · 10 (6.1929) · p. Seite 334

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
10 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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Oel eingerührt, Salz und eine Handvoll Weihrauch dazu gegeben, das Ganze im Osten des Altars vom Priester geschwungen, aufwärts und abwärts, dann hin und her, dann wurde es gegen die südwestliche Ecke des Altars gehalten, dann eine Handvoll davon als Räucheropfer verbrannt. Der Nest gehörte den Priestern. Des Omers wegen wurde außer dein gewöhnlichen Mussaph-Opfer ein junges Schaf dargebracht, nebst der üblichen Weinlibation. Die Leviten begleiteten die Handlung mit Musik. Der Omer hieß auch Minchat Bikkurim, Erstlingsgetreideopfer, obwohl das eigentliche Erstlingsopfer erst am 50. Tage nachher, zum Schluß der Weizenernte vom neuen Weizen dargebracht wurde. Nun erst war der Genuß des neuen Getreides gestattet. Schabuoth heißt darum in der Bibel auch Chag Ha-Bikkurim, Fest der Erstlinge, an welchem man Gott „eine neue Mincha" darbringt. Diese Opfergabe bestand aus zwei Broten aus allerfeinstem Weizenmehl von der neuen Ernte. Sieben Spann lang und vier Spann breit war jedes Brot; die Spitzen je vier Finger breit, zusammen mit Stücken von dem dazu gehörigen Tieropfer wurden diese Brote vom Hohepriester auf die" beiden Handflächen gelegt und nach derselben Art wie der Omer geschwungen. Das eine der Brote behielt der Hohepriester, das andere wurde unter die Priester vom Dienst verteilt. Damit war die Getreideernte des Jahres abgeschlossen. Das etwa fünf Monate später fallende Laubhüttenfest beschloß die Obst- und Weinernte und hieß darum auch Chag ha Asiph; einzelne Frucht- und Obstarten reiften auch darüber hinaus bis gegen Channkka. Schabuot als Fest der Erstlinge leitet eine ganze Reihe von gleichsam Privaten Erstlingsfesten ein. Nach den biblichen Vorschriften war jeder Israelit verpflichtet, von den Früchten des Gelobten Landes die Erstlinge sreschith bikkurim) den Priestern im Tempel zu Jerusalem zu spenden sanalog den reinen Tiererstlingen). Die Früchte waren Gerste, Weizen, Weinrebe, Feige, Granatäpfel, Oliven, Datteln, aus denen man Honig gewann. Die palästinensische Gerste war sehr fein nnd wurde als Brotfrucht angebaut, sie reift am frühesten von den Getreidearten, der Weizen am spätesten, aber beide annähernd um denselben Zeitpunkt im ganzen Lande. Die anderen fünf erwähnten Fruchtarten reifen in verschiedenen Gegenden zu verschiedenen Zeitpunkten. Darum konnte für diese kein einbeitliches Erstlingsfest erlassen werden. Immerhin wurde Palästina in 24 Bezirke sMischmeret, Maamad) eingeteilt. Wer in seinem Felde oder Garten die erste reife Frucht bemerkte, band einen Faden um sie und sprach: „Das sollen Bikkurim sein." Einige Zeit nachher legte er die Frucht nebst anderen Exemplaren," die inzwischen herangereift waren, in einen aus Weiden geflochtenen Korb, — die Reichen benützten goldene nnd silberne Körbe —, alle- Bewobner desselben Bezirkes versammelten sich im Hauptort. man übernachtete unter freiem Himmel. Am Morgen weckte sie der Herold. „Auf! Wir wandern nach Zion!" Der kum Friedensopfer ausersehene Stier schritt voraus, die Hörner vergoldet, einen Kranz von Olivenblüten auf dem Kopfe. Ein Bläserchor, vorwiegend Flöten, begleitete den Zug. In der Näbe von Jerusalem angelangt, bekränzten sie die Körbe mit Blüten. Ein Herold verkündete den Bewolmern der Hauptstadt die Ankunft eines solchen Zuges. Die hohe Beamtensckiaft, die Bürger und die Handwerker gingen hinaus, um den Ankömmlingen einen Gruß zu entbieten und sie willkommen zu heißen. Mitten durch die iubelnde Menge bewegten sie sich bis zum Tempelberg. Hier nahm jeder seinen Korb von der Schulter und beschritt den Tempelhof. Die Leviten stimmten unterdessen den dreißigsten Vsalm an. Ein Priester nahm dem Ovfernden den Korb aus der Hand und leate ihn vor den Altar hin. Der Opfernde las soder ließ sich vorlesen') die Verse 5 bis 10 im Deuteronominm 26. beginnend mit den Warten: „Ein irrender Aramäer war mein Ahn" und schließend mit den Worten: ..Nun habe ich die Erstlinge von den Früchten der Erde hergebracht, die du, Gott, mir geaeben hast." Die Mischna nennt diese Verse „Bikkurim-Beichte" (WidduiV Sie mußte im hebräischen Original vorgetragen werden. Ein Proselht durfte diese Beichte nicht verlesen, denn er konnte nicht sagen: ..das Land, das du geschworen bast, unseren Vorfahren zu geben". Maimonides jedoch widerspricht dem: „Gott hat das Land an Abraham verheißen, der der Vater oller Proselyten aewesen." — Nach der Beichte verneinte sich der Ovsernde und wandte sich zum Gehen. Es war üblich, daß er diese Nacht in Jerusalem übernachtete. So kamen die Züae mit den Erstlinasovfern. einer nach dem anderen in Zwischenräumen, bis das Laubhüttenfest kam. Nachher wurden, bis um die Ehanukkazeit herum, auch noch Bikkurim dargebracht, aber dte Beichte wurde nicht mebr abgelegt. sJm' Mischna-Traktat ..Bikkurim". der die erste Mischna-Ordnung „Seraim" abschließt, ist diese Feier ausführlich beschrieben.) Wir sehen hier das alte Israel in biblischer Zeit und noch sväter hinaus bis tief in die Zeit der Mischna als ein vornehmlich Land- und Gartenwirtschaft mit der dazugehörigen Viehzucht treibendes Volk. Seine Feste und Naturfeste, nicht mehr in dem heidnischen Sinne, daß die blinden Naturkräfte verehrt werden, sondern dadurch, daß der für den Landmann wichtigste Vorgang in der Natur, das Reifen und Ernten der Feldfrüchte den Anlaß bildet, zum Tempel des einzigen Gottes zu pilgern, der den Vätern das Land geschenkt hat und nun dessen Früchte behütet und sie immer von neuem zur rechten Zeit spendet, ihm 334 die Erstlinge dieser Früchte darzubringen, seiner Gnade zu gedenken und ihm zu danken, den Priestern von den Erträgnissen des Ackers zu spenden und sich mit ihnen an heiliger Stätte zu freuen. Erst später wurden die Feste „sublimiert", mit einem höheren Inhalt angefüllt, an große historische Ereignisse angeknüpft, sozusagen vom Boden losgelöst, von der Natur in die Kultur übergeleitet. Ihre ursprüngliche Bedeutung trat zurück. Schabuot' wurde vom Erntefest ausschließlich zum Erinner.ingsfest andieOffenbarungderThora durch Moses am Sinai. So wurden die Feste geeignet, in die Ewigkeit fortzudauern, auch nachdem das Volk entwurzelt und von dem Väterboden vertrieben war, den Ackerbau und die Viehzucht aufgeben mußte, keine Erstlinge zu spenden und keinen Tempel mehr hatte, um dahin zu pilgern. Das Band zwischen der ersten und der letzten Getreideernte bildeten die „gezählten fünfzig Tage". Die Zählung (Sephira) führte ein Späterer darauf zurück, daß den Israeliten in Aegypten verheißen wurde, sie würden in 50 Tagen nach dem Auszug die Thora empfangen (angedeutet durch das überflüssige „Nun^in der Verheißung an Moses Exod. 3,12). Die Israeliten zählten nun die Tage, wie ein Gefangener vor Ungeduld tun würde, wenn ihm der König verhieße, ihn zu befreien nnd ihm nach einer bestimmten Frist die Prinzessin zur Frau zu geben. Dies Zählen wurde von den Pharisäern als Demonstration gegen die Sadduzäer eingesetzt und hat sich im Verlaufe der Zeit zu einem sehr schönen, feierlichen Teil des Abendgottesdienstes entwickelt. Zum ersten Male wird die Sephira bisweilen auch an der Tafel am zweiten Sederabend abgehalten. Die Kabbalisten haben natürlich eine Unmenge heiliger Mysterien in diesen gottesdienstlichen Akt hineingcheimnißt. In den Synagogen wurde der Omer des Tages auf einem Täfelchen an weithin sichtbarer Stelle angebracht, das Täfelchen wurde bisweilen mit schönen Arabesken und Zierleisten geschmückt. Es existierten auch kleine, schön ausgeschmückte Omertafeln in Form einer Rolle für den Privatgebrauch. Im alten Israel war die S e p h i r a - Z e i t, als die eigentliche Erntezeit, wie wir aus den vielen Notizen in der Bibel wissen, eine Zeit des Jubels und der fröhlichen Geschäftigkeit. Heutzutage ist das — und zwar mindestens schon seit den Jahren des Bar- Kochba-Ausstandes — eine Trauerzeit. Die Trauer gibt sich vornehmlich darin kund, daß man in dieser Zeit keine Hochzeiten hält, zum Unterschied von den Trauertagen zwischen dem 17. Tammns und dem 9. Ab, den sogenannten „drei Wochen" und den „neun Tagen", an denen daneben auch kein Fleisch genossen und kein Wein getrunken, nicht gebadet und das Haar nicht geschoren werden soll. Die Trauer in der Sephira-Zeit wird unterbrochen am 33. Omer-Tag, dem sogen. Lag Baomer, an den beiden Neumondstagen Jjar und Siwan, sowie an den drei Tagen vor Schabuot; die drei „Umgrenzungstage" (jsms b.aAdala.1i), während deren sich die Israeliten für die Offenbarung vorbereiten mußten. Es ist selbstverständlich, daß in diesen Tagen die Trauer aufgehoben ist, aber warum gerade der 33. Omertaa. — 18. Jjar von ihr ausgenommen wird, ist unklar. Manche Erklärungen sind hierfür angeführt worden, am häufigsten die, welche mit der Entstehung der Trauer zusammenhängt, nämlich daß an diesem Tage das Sterben unter den Schulern Rabbi Akibas, das seit Pessach angedauert hatte, aufhörte. Aus dem Sagenhaften übersetzt heißt dies, daß die Anhänger Rabbi Akibas, die unter Bar- Kochba gegen die Römer fochten, in den ersten Wochen nach Pessach, als der Krieg am heftigsten wütete, massenhaft hingemordet wurden. Vielleicht wählte der Volksglaube gerade den 33. Omertag, weil am nächsten Tag das Perus ha Azereth begann, nämlich der halbe Monat vor Schabuot, in welchem wie in dem halben Monat vor den beiden anderen Festen, die Opferkasse geleert wurde, was eine gewisse Feierlichkeit bedingte. Die Kunde, daß die Schüler Rabbi Akibas zwischen Pessach und Schabuot von einer epidemischen Krankheit, deren Namen verschiedentlich angegeben wird, hingerafft wurden, findet sich an verschiedenen Stellen des Schrifttums, wo die Zahl der Schüler einmal mit 12 000, das anderemal mit 12 000 Paaren, das drittemal aber nur mit 300 angegeben wird. Das beweist, daß die Nachricht sehr spät nach dem Ereignis schriftlich fixiert wurde, wodurch sich auch erklärt, daß als Grund des großen Sterbens seltsamerweise die Strafe des Himmels angegeben wird, weil sie einander nicht mit der gebührenden Ehrerbietung begegneten. Das symbolisierte aus eine heute nicht mehr verständliche Weise ihre politischen Zwistigkeiten. So viel ist allerdings historische Wahrheit, daß Rabbi Akibas Anhängerschaft in diesem Kriege aufgerieben wurde. Der Brauch, in der Sephira-Zeit nicht zu heiraten, dürfte in oas biblische Altertum hinaufreichen. Doch geschah das nicht aus Trauer, sondern umgekehrt, weil man viel zu sehr mit der freudvollen Tätigkeit der Getreideernte beschäftigt war, um für Familienfeste Zeit und Geduld zu haben. Man vermied es, Lustbarkeiten verschiedener Art zu vermengen, wie das auch anderweitig der Talmud empfahl. Auch in anderen Ländern verschieben die Bauern Hochzeiten und ähnliche Familienfeste bis nacy der Ernte. Doch die Juden hörten immer mehr auf, ein ackerbautreibendes Volk zu sein, und ein unmittelbarer Anlaß zum Vermeiden von Hochzeiten während der Sephira lag nicht mehr vor. Dagegen bürgerte sich immer mehr dierömischeSitte ein, im Monat Mai nicht

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