Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 9 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 298 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094344--1807-3096541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sühlige, gute und kluge Mutter erzögen. So ausgerüstet, versehen mit dem, was meine Lehrer mir mitgegeben, kam ich in Eure Gemeinde. Das Vertrauen ihrer Behörden ward mir geschenkt, daß ich meine Tätigkeit im Unterricht entfalten, meinen Dienst im Gotteshause versehen konnte. Welch eine glückliche Fügung, daß der ehrwürdige Mann, dem ich als Knabe noch Unterweisung in unserer heiligen Lehre verdankte, der nun seit Jahrzehnten unser geistiger Führer ist, mir hier Lehrer in der Wirksamkeit meines Amtes wurde. Auch das Persönliche Vertrauen vieler Glieder unserer Gemeinde ward mir zuteil. Wie hat es mich beglückt, wie hat es mich in meiner Arbeit gefördert und angespornt! Euren wertvollsten Besitz habt Ihr mir anvertraut: Eure Kinder, die heranreifende Jugend. Das Herz manches Knaben hat sich mir erschlossen, die Seele vieler Mädchen hat sich mir aufgetan, Lehre und Leben des Judentums durfte ich ihnen nahebringen. Nicht wenige von Euch luden mich in ihr gastliches Heim, daß sich menschlich-persönliche Beziehungen noch enger knüpften. Erschienen Stunden gehobener Freude, so ließet Ihr mich sie verklären im Geist und durch das Wort unserer Religion. Hielt die Trauer Einzug im schmerzerfüllten Haus, so konnte ich Euch den Trosteskelch der Gotteslehre darbieten. An Lust und Leid,, an Not und Glück durfte ich Anteil nehmen. Manches Band, das sich so einmal geschlungen, leitete in all der Zeit in Treuen von der einen zu der folgenden Generation über. Auch in das innere Getriebe der Verwaltung unserer großen Gemeinde durfte ich Einblick nehmen, dort an dieser und jener Stelle mitarbeiten. Ich konnte beobachten und lernte hochachten die Hingebung, mit der so viele Männer und nun seit Jahr und Tag auch Frauen aus freiem Antrieb sich diesen heiligen Interessen widmen. Sie alle standen und stehen unter der Leitung des verehrten Vorsitzenden unserer Gemeindeverwaltung, der in dem ganzen Zeitraum, den ich selbst gerade überblicke, dieses verantwortungsvolle Amt segensvoll geführt hat. In welchen Rahmen wahrhaft unermeßlichen Geschehens ist dieses Erleben des Einzelnen hineingestellt, eng und unlöslich mit ihm verflochten! Diese letzten fünfundzwanzig Jahre! Bieten sie nicht eine Ueberfülle der Vorgänge und Wandlungen im Dasein der Menschheit, erst recht in den Geschicken und der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes? Kaum je ein anderes Geschlecht dieser Erde hat solches erlebt. Ich schaue zurück. Damals unser deutsches Volk auf der Höhe seiner wirtschaftlichen Kraft, die ihm sein Fleiß und seine Tüchtigkeit eingebracht. Damals ein ungeahnter Aufschwung der Technik mit ihren übergewaltigen Leistungen. Und dann der Weltkrieg! Deutschlands nationaler Wille flammte auf, die Seelen, zu Anfang wenigstens, mit dem heiligen Feuer der Einigkeit durchglühend. Ringsum stellten sich die Scharen der Völker wider uns. Erst lernte ich in der Heimat selbst die Fürsorge und Hilfsbereitschaft der Menschen durch tätige Mitarbeit kennen. Dann konnte ich meinem Wunsch und Willen nachgehen und unter unseren Truppen draußen im Osten, wie im Westen, wo es mir nur ermöglicht war, den Trost und die Aufrichtung der Religion spenden. In tiefer Bewunderung neigte ich mich vor den übermenschlichen Leistungen unserer Brüder. Ach, der erhoffte Lohn ward nicht den Getreuen. Niederlage kam, tiefer Absturz von der einstigen Höhe. Elend und bitteres Leid, wehevoller Schmerz, Verluste jedweder Art fast in allen, allen Häusern des deutschen Volkes. Aber heute drängt vor unseren Augen kraftvolles Ringen wieder aus der Niederung empor. Freilich Zerrissenheit der Stände, der Berufe, der Parteien, der Religionsgemeinschaften bietet zugleich ein tieftrauriges Bild vom deutschen Vaterlande. Auch in unserer eigenen engeren Gemeinschaft des Glaubens stehen sich die Gegensätze der Anschauungen und damit die auf sie gegründeten Parteiungen in scharfer, oft in schroffer Form gegenüber. Wohl hat sich dabei das religiöse Empfinden und das jüdische Zugehörigkeitsgefühl wieder gestärkt und gehoben. Zumal bei unserer Jugend. Sie ist unsere Zukunft, sie bleibt unsere Hoffnung. Mag sie nicht immer und durchaus die von den Alten gewünschten Wege gehen, sie sucht, sie sucht da und dort den Pfad der Wahrheit, sie ist heute erfüllt von der Verpflichtung, die das Erbe der Väter ihr auferlegt. Was habe ich alles erlebt! Ueberfülle brennender Fragen legt solches Erleben auf. Wer kann Antwort geben, wer dieses Erlebens Sinn und Bedeutung aufhellen? Noch ist keiner unter den Menschen dieser Tage erstanden, der das vermöchte. Wir warten in Sehnsucht und Demut auf den Meister, der kommen soll, die Summe der Rätsel zu lösen, die alle befriedigende und alle befriedende Antwort zu geben. Wir harren sein, bis der ihn schickt, der hinter all diesem Geschehen steht, der unser Schicksal lenkt. Eines ist sicher, eines ist gegeben: ein großes Erleben Macht ehrfürchtig. Ein großes Erleben lehrt, sich bescheiden, heißt uns, ruhig und stetig im eigenen, wenn auch kleinen Kreise seine Pflicht tun. Das ist unser Sein, das ist unser Streben, das ist der Mensch. "NQV IN'KV NM öN'» O>jk>5i«,-l titt „Fürchte Gott und halte seine Gebote!" ist uralte Antwort des Gottesbuches auch auf unsere Rätselfragen. Sie war uns vererbt, sie ist mir neu geworden, ist mir nun ein Eigengut aus persönlichem Erleben. Wer dem Tode ins Antlitz geblickt, wem Rettung durch Gottes und der Menschen Hilfe ward, der wird demütig, der lernt die Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor dem Herrn und Meister alles Lebens. Und wer die Ehrfurcht vor Gott hat, neigt sich in gleichem Gefühl vor dem Geist und Wesen der Geschöpfe Gottes, denen Er das Leben spendet, vor den Menschenkindern ringsumher. Wohl hat heute unter ihnen der nationale Selbstwille allenthalben zu stärkeren Spannungen geführt denn je. Wohl ist religiöse Bewußtheit bestimmter und bestimmender herausgearbeitet und hat Klüfte aufgetan, mehr als vor der Zeitspanne, auf die unser Geschlecht zurückschaut. 'Zugleich aber hat sich's unwiderleglich gezeigt, Völker und Menschen auf dem ganzen Erdenrund sind in ihrem Geschick wie in ihrem Wesen miteinander verflochten, aufeinander angewiesen, füreinander bestimmt. Der Mensch gehört zum Menschen! So ist es der heilige Wille dessen, der unser Erleben gestaltet, so sein Gebot. Menschentum, Deutschtum, Judentum sind die ererbten Gemeinschaftskreife, in die ich selbst hineingestellt wurde. Fülle des Erlebens hat mich ihnen noch stärker und immer tiefer verstrickt. Fort mit der müßigen Frage nach der bewertenden Reihenfolge dieser Dreiheit. Mensch bin ich, Deutscher bin ich, Jude bin ich! Jedes will ich sein, will ich bleiben. „Fürchte Gott und halte seine Gebote!" lllXN!?I >"!) N /^Das ist der ganze Mensch," Es gilt, den Men-