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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-05-01 · 9 (5.1929) · p. Seite 292

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
9 (5.1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
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erstaunt, aber anstatt den freventlichen Sabbatschänder von seiner Tür zusagen, sprach er kein hartes Wort zu ihm, hieß ihn freundlich willkommen, reichte ihm das dritte Sabbatmahl, dann das Scheidemahl, gewährte ihm ein Nachtlager und entließ ihn am anderen Morgen mit einer Geldgabe und freundlichen Wünschen. Da gab Eliah sich ihm zu erkennen und verhieß ihm für seine Führung den höchsten Lohn, nach dem ein Judenherz sich hier auf Erden sehnt, „einen Sohn, der die Augen von ganz Israel erleuchten wird". In einer anderen Version kommt Satan tatsächlich zu Elieser, vermag aber nichts bei ihm auszurichten. Der ganze Geist des ursprünglichen Chassidismus Prägt sich in dieser Legende aus. Auch in der folgenden äußerst merkwürdigen und charakteristischen Sage chassidlschen Ursprungs erscheint 'Eliah im Kampfe wider den Satan: An einem Jom Kippur beim Gebet, als R. Aharon Karliner zu dem Verse kam: „Der da erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes" erfaßte ihn ein großes Staunen. Was sollte das heißen: Gott erkauft seine Knechte am Tage des Gerichtes? Sein ist ja das Weltall und alle Menschen, von wem und wozu fall er denn seine Knechte erkaufen? Und wie er so sann und sann, entschwebte seine Seele zum Himmel. Er wanderte und wanderte durch die himmlischen Gefilde, bis er einem begegnete, der ging und eine Anzahl ungeheurer Lasten vor sich herwälzte. Rabbi Aharon blieb stehen und fragte, was die Menge schwerer Packe enthielte. ,,Jch bin Satan", antwortete der Gefragte, „und das sind die Sünden deines Volkes, die ich dort unten auf der Erde gesammelt habe, um sie heute, am Tage des Gerichtes, vor Gottes Thron zu bringen, damit er die Sünder verdamme." Der Rabbi erschrak, als er dies hörte, doch fragte er weiter: „Hast du auch die Sünden Aharon Karliners hier?" ^Nein," antwortete Satan, „nach diesen suche ich vergebens. Der Mann fastet und tut Buße das ganze Jahr und ist mit dem Studium der Thorah Tag und Nacht befaßt. Ich habe vergebens nach seinen Sünden gesucht." Jener aber sagte: ,^Ach, du dummer Kerl! Das ist ein schlauer Mensch, der seine Sünden gut vor dir versteckt hat, geh nur rasch hinuuter und suche noch einmal, da wirst du schon eine gehörige Portion finden. Ich werde solange diesen Haufen da überwachen." Satan ließ sich das nicht zweimal sagen und eilte von dannen. R. Aharon aber stand da und wußte sich keinen Rat: „Soll ich zulassen, daß alle diese Sünden vor Gottes Thron gebracht werden? Dann verfällt mein Volk der Verdammnis. Soll ich sie beiseite schaffen? Dann habe ich die Sünde des Diebstahls auf meine Seele geladen." Schließlich überlegte er, daß er lieber selber schuldig werden wolle, wenn er nur die anderen gerettet habe. Er wälzte also die ganzen Packen zusammen und stürzte sie in den tiefsten Abgrund hinab wo sie »autlos hinuntersanken und für immer verschwanden. Bald erschien Satan wieder, und als er merkte, was geschehen war, stimmte er ein lautes Geheul an, daß es durch alle steben Himmel hallte. Er stürzte sich auf den Mann, nannte ihn Dieb und schleppte ihn vor den Thron Gottes und verlangte, daß er ihm, Satan, sechs Jahre als Sklave diene. Da gab es nun keinen Ausweg, denn es steht in der Thorah geschrieben, wenn der Dieb nicht bezahlen könne, so müsse er zum Sklaven verkauft werden. Nun sollte Satan sechs Jahre lang Rabbi Aharon Karliners unumschränkter Herr werden. Aber da erschien Eliah, der Prophet, und sprach zu Gott: „Das ist recht, der Mann ist nach dem Gesetze Deiner Thorah der Sklaverei verfallen. Aber einen Sklaven kann man nach den Gesetzen Deiner Thorah loskaufen. Ich nehme die «Sklaverei auf mich, und befiehl Du Satan, dag er den Mann freilasse." Satan war dieser Tausch recht, denn nun sollte Eliah, sein Widersacher, der ihm so manche Beute entrissen, ihm sechs Jahre lang dienstbar sein. Aber nach einer Weile sprach Eliah: „Nun sind die sechs Jahre um". — „Wieso?" — „Das ist ganz einfach. Wenn du es mit einem Irdischen zu tun hättest, so dürftest du nach irdischer Weise die Zeit berechnen. Aber wir hier im Himmel zählen tausend Jahre für einen Tag. Meine Frist ist also zu Ende." Satan wußte sich da nicht zu helfen und mußte Eliah recht geben. Aber seither wußte R. Aharon Karliner, was es bedeutet: „Gott erkauft seme Knechte am Tage des Gerichtes". -5 Doch die größte Tätigkeit bleibt Eliah, dem Propheten, für die Zeit der Ankunft des Messias vorbehalten. Zahlreich sind die eschatologischen Sagen, aus alter und späterer Zeit, die sich an seine Gestalt knüpfen. Aber auch in manche Sage, zu der die messianischen Bewegungen der letzten Jahrhunderte Anlaß gegeben haben, erscheint sein Name verwoben. So in der folgenden, die mir in drei nicht unerheblich voneinander abweichenden Barianten bekannt geworden ist und die in einzelnen Zügen mit der bekannten Legende, die den Kabbalisten Josef della Reina zum Helden hat, einige Verwandtschaft aufweist. Es waren einmal zwei Jünglinge, die lernten gemeinsam in einer Jeschibah und waren miteinander durch innige Freundschaft verbunden. Endlich kam die Zeit, da sie voneinander scheiden sollten, und sie verpflichteten sich durch Handschlag, nach einigen Jahren zusammenzutreffen, um den Bund zu erneuern. Als sie nach mehriähriger Trennung zusammenkamen, gedachten sie der alten Zeiten und sprachen von dem was in der Welt vorging. Da sagte einer zum anderen: „Weißt du, die Welt hat sich gar sehr verschlimmert, man hört von nichts, als von Verfolgungen, Gewalttaten, Sünden und Strafen, mit denen Gott die Menschen heimsucht. Es wäre schon höchste Zeit, daß Messias käme und uns die Erlösung brächte." Sie beschlossen also. Messias herbeizubitten. Nun fingen sie an, zu fasten und zu beten und sich in die heilige Lehre zu versenken Tag und Nacht. Dann begaben sie sich auf die Wanderschaft, indem ste sich unaufhörlich kasteiten und fasteten. Sie wanderten und wanderten, bis sie zu einer Hütte gelangten. In die Hütte traten sie ein. da bemerkten sie zwei Tauben, die in der Stube umherflatterten. Sie setzten sich hin, um ein wenig auszuruhen, dann holten sie aus ihren Säcken die heiligen Bücher hervor und fingen an, darin zu lesen, aber sie schliefen ein vor Müdigkeit. Da kamen die Tauben herbeigeflogen und flüsterten ihnen ins Ohr: „Fastet noch vierzig Tage, dann wandert weiter, bis ihr ein eisernes Tor trefft, welches mit sechs Schlössern verschlossen ist, von denen jedes mit sechs Schlüsseln geöffnet wird." Die Freunde erwachten und machten sich auf den Weg. Unterwegs begegneten sie Eliah, dem Propheten,, der folgendes gu ihnen sprach, während er ihnen seinen Stab nebst einem Schlüsselbunde überreichte: „Sobald ihr das Tor geöffnet habi, werdet ihr euch im Paradies befinden, aber ihr müßt gerade vor euch hingehen, ohne euch nach rechts oder nach links umzusehen. Dann werdet ihr einen gläsernen Berg sehen und hinter dem gläsernen Berg noch sechs andere solche Berge. Habt ihr all», diese Berge überschritten, so werdet ihr im Vorhof der Hölle angelangt sein. Dann müßt ihr weiter wandern, bis ihr eine Höhle findet. In dieser Höhle wohnt der Jezer-Hara (böse Trieb). Hier Äbergebe ich euch eine Kette, damit müßt ihr den Jezer-Hara fesseln und ihn zu mir hierherbringen. Ich werde aus euch warten. Wenn euch das gelungen ist, wird Messias kommen. Doch müßt ^hr euch sehr in acht nehmen, dem Jezer-Hara unterwegs keine Nahrung zu reichen, nicht einen Bissen, ihr müßt ihn aushungern und kein Erbarmen mit ihm haben, wie er auch bitten und heulen mag. Wenn er auch nur das kleinste Teilchen Speise von euch erhält, überwindet er euch sofort, reißt sich auf der Stelle los, und alle eure Arbeit ist umsonst gewesen." Die Wanderer «gingen weiter und erreichten endlich das Tor mit den sechs Schlössern, von denen jedes sechs Schlüssel hatte. Sie schlössen es auf und traten in das Paradies. Hier herrschte eine Helligkeit, die man mit Händen fassen konnte. Unsere i.un<- -gen Leute sagten sich, wenn es hier so hell ist, wird es in der Hölle ebenso finster sein, sie nahmen also eine Handvoll Licht und taten es in ihre Säcke. Endlich sahen sie steben gläserne Berge vor sich. Sie fingen an hinaufzuklettern, fielen aber immer wieder hinab. Da begannen sie zu beten und Buße zu tun und kamen endlich hinüber. Nun fing die Wanderung durch den Vorhos der Hölle an. Aber hier war es so finster, daß man die Finsternis mit den Händen fassen konnte. Nur die aus dem Paradiese mitgebrachte Handvoll Licht erhellte ihnen ein wenig den Weg. Nach langer Wanderung erblickten sie endlich die Höhle, wo der Jezer-Hara seine Behausung hatte. Es war keine leichte Sache, den Geist des Bösen, der die Gestalt eines Hundes hatte, zu fangen und in Ketten zu schlagen. Lange mußten sie ihn umlagern und mit ihm ringen und alle mögliche Kriegslist anwenden, bis sie ihn bezwangen. Und doch gelang ihnen dies nur dank dem Stabe Eliahs, des Propheten, und dem Umstand, daß sie infolge des langen Fastens, der Kasteiungen und des unablässigen Studiums der Thora von jeglicher Schwächlichkeit des Leibes befreit und gereinigt waren. Frohlockend traten sie den Rückweg an, um mit Eliah zusammenzutreffen, der sie erwartete. Nun sollte Messias nicht mehr lange auf sich warten lassen. Den Jezer-Hara >in der Gestalt eines Hundes schleppten sie mit sich an der Kette. Eingedenk der Warnung des Propheten, reichten sie dem Hunde keine Nahrung, sondern ließen ihn darben. Der Hund heulte und winselte, aber es hals nichts, er bat und leckte ihnen die Hände, aber vergebens. Obgleich ihnen seine Qualen leid taten, gedachten sie doch der Worte Eliahs, daß von ihrer Standhaftigkeit der Erfolg der ganzen Sache abhänge. Der Jezer-Hara aber verfiel auf ein wirksames Mittel. Er fing an muntere Stücklein zu zeigen, lustige und komische Einfälle zu erzählen und sich in die verschiedensten seltsamsten Gestalten zu verwandeln. Dadurch wurden, seine Peiniger fröhlich gestimmt, singen an zu lachen und lachten nnmer mehr. Aber mitten in diezer Heiterkeit konnten sie seinen Bitten nicht widerstehen und reichten ihm einen Bissen Nahrung. Aus der Stelle riß der Hund sich los >und verschwand. Nun war alles aus. Die beiden Freunde fingen an zu weinen und zu klagen. „So viel haben wir uns gemüht, so viel gelitten, und alles war vergebens!" Aus Verzweiflung taufte sich der eine, und der andere nahm sich das Leben. Den Schluß möge eine hübsche humoristische Erzählung Hilden: In einer Stadt lebte einmal ein reicher Mann, der hochmütig und harten Herzens war. Er war wohltätig, aber nur dann, wenn er sicher war, daß man seine Freigebigkeit an die große Glocke hängen würde; wenn er ein Almosen gab, demütigte er den Empfänger derart, daß es diesem lieber war, nichts zu bekommen, um nur die Spottreden und Sticheleien des harten Geizhalses nicht über sich ergehen lassen zu müssen. Eliah, der

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