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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-05-01 · 9 (5.1929) · p. Seite 293

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
9 (5.1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 293 (sequence 9)
Language
German
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Prophet, beschloß, diesem Manne eine Lektion zu erteilen. Er verkleidete sich als' Darschan (Wanderprediger) kam nach jener Stadt und erwirkte sich beim Ortsrabbiner die Erlaubnis, am Sabbatnachmittag zu Predigen. Die Predigt war sehr erbaulich und voll neuer Lehren, die Hörer verließen die Synagoge ganz entzückt. Und in alten Zeiten war es üblich, daß der Darschan am Sonntag in Begleitung einiger angesehenen Männer den reichen Bürgern Besuche abstattete und Geldgaben sammelte. Das tat auch der Prophet Eliah, und unter anderen besuchte er auch den geizigen Reichen. Dieser sprach: „Deine Predigt, Rabbi, hat mich förmlich bezaubert, ich bin bereit, dich reich zu belohnen, wie das meine Gewohnheit ist." Er nahm eine Handvoll Dukaten aus der Tasche. „Es ist ja bekannt, daß ich gottlob der reichste und freigebigste Mann in der ganzen Umgegend bin." Die Anwesenden nickten beifällig. „Aber , fuhr der Geizhals fort, „zuvor mußt du mir ein Rätsel lösen, worüber ich mir schon lange den Kopf zerbreche. Sage mir doch, warum ihr gelehrten, feinen Leute solche arme Teufel seid, daß, wenn wir euch nicht unterstützten, ihr elendiglich zugrunde gehen müßtet?" „Das will ich dir gleich erklären," antwortete der Prophet, „aber ich muß dir zuvor ein Geschichtchen erzählen: In einem Dorf war einmal ein Wirtshauspächter, ein sehr einfacher Mann, weder gelehrt noch klug, und dazu arm, daher machte sich niemand etwas aus ihm, wie das in der Welt bisweilen vorkommen soll. So oft er nach der Stadt kam und in die Synagoge ging, mußte er bei der Türe stehen, da der „Schammes" von ihm keine Gabe erhoffte. Der Mann war an diese Behandlung gewöhnt und ärgerte sich nicht darüber. Eines Tages setzte er in der Lotterie und machte einen großen Treffer. Davon erfuhr man natürlich sofort in der ganzen Umgegend, und sofort wurde die Behandlung, die man dem Manne angedeihen ließ, eine andere. Wenn er in die Stadt kam, neigte jeder vor ihm das Haupt mit der größten Hochachtung; wenn er in die Synagoge kam, führte ihn.der Schammes auf den vornehmsten Platz an der Ostwand. Mit einem Wort, alle trugen ihn auf den Händen, so daß der Pächter sich vor Verwunderung nicht zu fassen wußte. Daheim sann er lange gemeinsam mit seiner Frau über diese seltsame Wandlung nach. „Was kann das sein, daß seit einiger Zeit die Leute so liebenswürdig und fein zu mir sind? An mir hat sich ja nichts geändert, ich bin weder gelehrter noch klüger geworden als vorher, und doch haben die Leute angefangen, mich zu ehren und zu schätzen.^ Lange zerbrachen sich die beiden die Köpfe darüber, endlich sagte die Frau: „Weißt du was, Mann? Vielleicht ehrt man dich jetzt so sehr, weil du Geld hast?" Dem Mann ging ein Licht auf. „Du hast recht, Frau, das ist nicht anders, nur des Geldes wegen bezeigt man mir jetzt so viel Ehre. Wenn dem aber so ist, dann geziemt es, daß ich dem Gelde auch etwas von der Ehre zukommen lasse, die man mir zuteil werden läßt." Wie nun dem Gelde Ehre erweisen? Unser Pächter sann lange hin und her, endlich kam ihm ein guter Gedanke. Er ließ aus der Hauptstadt Samt und Seide kommen, fertigte schöne, feine Beutel an, tat die harten Dukaten und schweren Taler hinein — Papiergeld kannte man damals noch nicht — und hängte sie an den Wänden der guten Stube auf. Es ist jedenfalls ehrenhafter für das Geld, :n solchen feinen Beuteln zu ruhen als in groben Leinwandsäcken, sagte sich der gute Mann, und war überzeugt, dem Gelde wenigstens einen Teil der Ehre gezollt zu haben, die er seinetwegen genoß. Aber zu seinem großen Entsetzen Platzten die seidenen und samtenen Beutel kurz darauf, die harten Dukaten und schweren Taler flogen krachend zu Boden und rollten nach allen Richtungen auseinander. „Das ist es also!" sprach der enttäuschte Mann zu sich. „Wie ich sehe, kann sich das Geld nur im groben Sack halten!" — „Nun, begreifst du jetzt?" schloß Eliah, der Prophet, seine Erzählung und verschwand. Seitdem sagt das Sprichwort: „Geld erhält sich nur im groben Sack." Es sei bemerkt, daß dieser hübsche Streich auch auf den Namen des Duonoer Maggid erzählt wird, zu dessen Wesen er jedenfalls gut Paßt. Die Erzählung gehört zu jenen, die ein Sprichwort zur Schlußpointe haben, wobei es sich nur selten entscheiden läßt, ob das Sprichwort aus der Erzählung oder die Erzählung aus dem Sprichwort abgeleitet ist. ^üäiscke Wok!5akrt5pt!eSe frsnkturt a. AI. ^btellunA I: ^ÜAemeine k^ürZorZe I^nterstüt^unA, ^ietdeikMen Krsnkenk3U5für80r^e, Trti0lunA8kür5orAe 293 Die Anfänge der hebräischen presse. Von Loses Lin (Berlin). Vor zweihundert Jahren, im Jahr 1728, erschien in Amsterdam die erste periodische Publikation in hebräischer Sprache, die Monatsschrift (Frucht des Lebensbaums) die über drei Jahrzehnte bestand. Sie wurde vorn Bet ha- Midrasch „L? Lnajim" herausgegeben und war rabbinischtheologischen Studien gewidmet. Es ist bemerkenswert, daß das moderne Instrument eines Presseorgans im hebräischen Schrifttum zuerst von einem konservativen Kreis zur Pflege und Verbreitung talmudisch-rabbinischen Wissens benutzt wurde. Dies mag eine Wirkung der höheren Kultur gewesen sein, welche die sephardischen Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden in Holland entfalteten. Die Amsterdamer Monatsschrift trug einen rein theoretischen Charakter. Mit Zeilfragen befaßte sie sich nicht. Mit dem „Lebensbaum" war die im Sinne unserer Weisen wahre Lebensquelle, die Thora, gemeint. Die flüchtigen Erscheinungen des^äußeren Seins schienen nicht wichtig genug, um behandelt zu werden. Der eigentliche Beginn der modernen hebräischen Presse liegt aber in Deutschland. 1750 gab Moses Mendelssohn zwei dünne Heftchen unter dem Namen^OD NvTlp (der Moralprediger) heraus, die als Versuch einer periodischen Publikation gelten können, und deren Inhalt ethische Abhandlungen bilden. Dieser Versuch blieb jedoch ohne tiefere Wirkung Von grundlegender Bedeutung war dafür die aus dem Mendelssohnschen Kreis hervorgegangene Hebräische Monatsschrift (Sammler.) Eine neue Zeitrichtung fand in ihr Ausdruck. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts leitete die große Umwälzung in der Geistesverfassung und der politisch-gesellschaftlichen Lage des deutschen Judentums ein. Die jüdischen „Aufklärer" erkannten den engen Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren. In der Verbreitung allgemeiner Bildung unter den Juden erblickten sie eine Voraussetzung für die Erlangung ihrer bürgerlichen Gleichstellung. Die humanistischen Anschauungen führender deutscher Philosophen jener Zeit, sowie die freiheitlichen Ideen Voltaires, Rousseaus und der französischen Enzyklopädisten wirkten auch aus die Schule der „Measfim", den um den^Sammler" gruppierten Kreis. Am 7. ledet 5543 (1783) wurde dann in Königsberg die 12)? slL^ ^">N Iimkl Gesellschaft der Freunde der hebräischen Sprache begründet. Am 13. Nissan desselben Jahres erließ der Verein einen Aufruf, der eine Art Programm für die Herausgabe einer hebräischen Monatsschrift ^O^v^ (.Der Sammler") enthielt. Der Aufruf war von den Vorstandsmitgliedern Jsak Euchel, Mendel Bresselau, Simon und Sanwil Friedländer unterzeichnet. Die Schriftleitung sollten Euchel (1756—1804) und Bresselau (1760- 1827) übernehmen. Das erste Heft des Mezssek« erschien Tischri 5544 (Herbst 1783). Es bringt an leitender Stelle den erwähnten Aufruf; die neue Zeitschrift sollte fünf Abteilungen enthalten: 1) Gedichte, die von Wissen, Moral und Freundesgrüßen handeln. Lieder der Liebe und des fremden Kults sind ausgeschlossen. 2) Philologische Abhandlungen; Erläuterungen zu schwierigen Bibelstellen; wissenschaftliche und^moralische Beiträge; Aufsätze zur Verbesserung des Talmudstudiums, sowie zur Förderung der ethischen und phy« fischen Erziehung. 3) Biographien großer Persönlichkeiten der jüdischen Nation. 4) Mitteilungen über Zeitereignisse. 5) Ankündigung neuer Schriften, die „zu unserem Wohle und Nutzen" erscheinen. Dieses Programm wurde allerdings in der Folgezeit nicht immer eingehalten. Häufig fehlte die eine oder andere Abteilung, was jedesmal besonders vermerkt wurde. Wenig ersprießlich ist namentlich der publizistisch-informatorischeTeil. Abgesehen von Erziehungsfragen, denen die Msskilim- (Aufklärer) besonderes Interesse entgegenbrachten, sind im „Sammler" die aktuellen Zeitprobleme nur selten behandelt worden, trotzdem jene Wende-

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