Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 9 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
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einen Stab mit goldenem Griff. Da erhoben sich alle Anwesenden und begrüßten ihn ehrfurchtsvoll, denn sie erkannten in ihm einen weitläufigen Verwandten. „Schalom alechem! wie ist's euch all die Zeit ergangen? Setzt euch doch, bitte! Trinkt ein Gläschen Wein!" und dergleichen Redensarten mehr. Der Gast setzte sich zu Tisch, aber alle Speisen und Getränke, die man ihm vorsetzte, schüttete er auf seinen Seidentalar, seine Zobelmütze, seinen goldbeschlagenen Stab. Die verwunderten Tischgenossen konnten nicht länger an sich halten und befragten den Gast'ob seines sonderbaren Betragens. Dieser lächelte und antwortete: „Gilt denn die Ehre, die ihr mir erweist, nicht ausschließlich meinem Seidentalar, meiner Zobelmütze und meinem goldbeschlagenen Stab? Habt ihr mich etwa nicht soeben noch an die Lufi setzen lassen, als ich in ärmlicher Kleidung unter euch erschienen war?" Sprach's und verschwand. Das war Eliah, der Prophet. 5 Eine andere Sage, deren Inhalt hier kurz wiedergegeben sei, erzählt folgendes: Als der Rabbi alt wurde, beschloß er, nach -dem Heiligen Lande zu ziehen, um dort den Rest seiner Tage zu verbringen. Er überdachte nun sein ganzes Leben, und worin er je Gott oder den Menschen gegenüber gefehlt hatte und tat Buße für alle seine Versehlungen und Sünden. Als er sich hinreichend gerüstet wähnte, trat er seine Reise an. Einige Zeit ging alles gut von statten, aber plötzlich erhob sich ein Sturm auf dem Meere und warf das Schiff nach einer entlegenen, unbewohnten Insel. Doch MiMch,-;. AvV!^<z.hM^ i.V. Änc. Hü.tt:e. eines N'.chers^ der ihn den Sabbat über bewirtete. Wie erstaunt war nun der Gast, als am Sonntagmorgen der Wirt mit gezücktem Messer vor ihn hintrat und ihn aufforderte, seine Sünden zu bekennen und seine Rechnung mit dem Himmel zu machen, da er auf der Stelle sterben müfse. Kein Bitten, kein Weinen half. Voll Todesangst und gebrochenen Herzens machte der Rabbi sich an die Arbeit, der Mann mit dem Messer stand über ihm, und als jener fertig war, sagte er: „Nein, du hast noch eine Sünde, besinne dich! Jener sann und sann, aber vergebens. Schließlich sagte der Mann mit dem Messer: „Weißt du noch, in deinen jungen Jahren hattest du einen jungen Diener, der stahl einmal dein ganzes Vermögen, viel Gold und Silber und Edelsteine. Du aber, ein Rabbiner, ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann, anstatt ihn durch gütliches Zureden zur Buße zu ermahnen, übergabst ihn den Gerichten, und die verurteilten ihn zum Tode. Da überkam dich allerdings die Reue, und du verwendetest dich für ihn und bewirktest, daß man das Todesurteil aufhob, aber man schnitt ihm die Ohren ab, und so war sein ganzes Leben verdorben." Als der Rabbi das vernahm, fing er an bitterlich zu weinen und sich auf die Brust zu schlagen und bat, man möchte ihn nur noch so lange am Leben lassen, bis er den Unglücklichen aufgesucht und sein Unrecht gutgemacht hätte. Da stand der andere plötzlich umgewandelt vor ihm. Er war Eliah, der Prophet, und er sprach: „Die Todesangst, die du ausgestanden, war die Sühne für deine große Sünde. Jener, den du ins Verderben gestoßen, ist längst tot; aber du mußt Hinreisen, um in Gegenwart von zehn Männern auf seinem Grabe ihm Abbitte zu leisten. Erst dann wirst du rein den Boden des Heiligen Landes betreten dürfen." Der Rabbi tat, wie ihm befohlen ward, dann trat er abermals die Reise an und erreichte unbehindert das Ziel seiner Sehnsucht. Als Helden dieser Sage werden verschiedene Rabbiner genannt, die am Ende ihrer Tage nach dem Heiligen Lande auswanderten, darunter auch der Verfasser des „Schelah", dem die Geschichte mit dem Diener — übrigens unzweifelhaft der historische Kern dieser Sage — wirklich passiert sein soll. Eliah, der Prophet, hält seine schützende Hand nicht nur übec die Angehörigen seines Volkes und nicht nur über gewöhnliche Sterbliche. So läßt ihn eine verbreitete Sage dem glorreichen Polenkönig Jan Sobieski, als dieser noch ein einfacher Edelmann und Offizier war, prophezeien, daß >er König werden würde. Auch dem Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, dessen Herzensgüte die Sage ihn einmal mit glänzendem Resultat auf die Probe stellen läßt, hat er die künftige Herrlichkeit vorausgesagt, und der Monarch erfreute sich seither seiner Gunst. Man sieht, die Sage klammert sich auch an lebende Persönlichkeiten. Der „Becher des Propheten Eliah", der an den beiden Seder-Nächten eingeschenkt wird, und der damit verbundene Volksglaube, dem viele ^agen entsprossen sind, ist bekannt. Doch nicht immer konnte Eliah, der Prophet, an den Seder- Abenden ruhig in jedes Haus eintreten und den Becher segnen. Vor Zeiten hatte er just an diesen Abenden vollauf Zu tun, um sein Volk vor den Ueberfällen der „Blutsucher" zu schützen. Zahlreich sind denn auch die Sagen aus mittelalterlicher und neuerer Zeit, in denen Eliah die Gefahr der Blutlüge meist durch Entlarvung oder Verscheuchung der Verleumder abwendet. Eine von ihnen möge hier folgen: Der Wirtshauspächter eines entlegenen Dorfes saß einmal am ersten Seder-Abend beim festlich hergerichteten Tisch, von seiner Familie umgeben, und sang die Haggaoah. Plötzlich wurde das Haus gestürmt, das Tor erbrochen, ein Haufe Bauern, mit Knüppeln, Messern und Sensen bewaffnet, drang ein. Sie beschuldigten den Pächter, ein Christeniind geschlachtet und dessen Blut getrunken zu haben. Sie schlugen ihn und seine Angehörigen in Ketten, schlössen Tür und Tor, plünderten sein ganzes Hab und Gut und machten sich daran, die Gefesselten umzubringen. Der Pächter, der ein einfacher Mann war, konnte nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit auf die Beobachtung der zahlreichen Gebote Gottes und die würdige Verrichtung der Gebele verwenden. Aber er war stets darauf bedacht gewesen, daß kein Wanderer ungesättigt von seiner Schwelle ging, besonders am Sabbat setzte er sich nicht zu Tische, ohne daß ein bedürftiger Gast von seinem Brot aß, und am Sabbatausgang sang er stets mit großer Andacht und Freude die Lieder von Eliah, dem Propheten, obgleich er nicht alles davon verstand. Wie er nun so in Ketten geschlagen dalag und leise die große Beichte vor sich hinslüsterte, dachte-er bei sich, daß er nie mehr arme Wanderer bei seinem Tische beherbergen, noch je die Eliah-Lieder am Sabbatausgang singen werde. Plötzlich ließ sich vor dem Tor ein großes Getöse vernehmen, eine Stimme rief: „Oeffnet!" Die Räuber erschraken, ließen alles stehen und entkamen durch ein Hintertürchen. Nun wurde das Tor eingerannt und herein trat ein Husarenoffizier an der Spitze einer Schar Soldaten. Er ließ den Gefesselten die Ketten abnehmen, beruhigte sie und hieß sie die unterbrochenen Gesänge wieder aufnehmen. Er setzte sich mit ihnen zu Tisch und trank Wein mit ihnen. Bevor er sich entfernte, übergab er dem Pächter ein verschlossenes Papier mit dem Auftrag, es erst nach den Feiertagen zu össnen. Als der Pächter dies tat, war er nicht wenig erstaunt und erfreut, darin das goldene Jnsiegel Eliahs, des Propheten, zu finden. Er begriff, daß sein Retter Eliah der Prophet war, mit seinem Gefolge Don Tngern. Diese Sage ist in vielen Versionen verbreitet. In einer von ihnen ist das Motiv des Ueberfalles nicht der Blutaberglaube, sondern gewöhnliche Raubgier, und er geschieht nicht am Seder- Abend, sondern am Sabbat-Ausgang; der Gesesselte erbittet sich von seinen Mördern die letzte Gnade, nur noch sein geliebtes Eliah-Lied vor dem Tode singen zu dürfen, und während dieses Gesanges erscheint, wie von einer Zaubermacht herbeigerufen, der Retter. Interessant ist die chassidische Version dieser Legende. Wer sich eingehender mit der Untersuchung der jüdischen Sagen und Märchen befaßt, macht bald die Bemerkung, daß der Chassidismus nicht nur aus Eigenem eine Legion von Legenden entstehen ließ, sondern häufig auch älteren Sagenstoff in seinem Geiste umformte und ihm seinen eigenen Stempel aufdrückte. Der ernstgläubige Chassid, namentlich in den Ansängen der Bewegung, konnte sich nicht vorstellen, daß jemals irgendwo ein Wunder geschah, ohne daß der Zaddik dabei interveniert hätte. Manche alte Sage wurde derart gründlich umgestaltet, daß nur ein sehr scharfes Auge das ursprüngliche Gewebe herauserkennen kann. Zuweilen jedoch ist die Umarbeitung so oberflächlich und mechanisch, daß man sie auf den ersten Blick wahrnimmt. In die ursprüngliche Fassung wurde der Zaddik mit dem ganzen Apparat seiner Fürbitte und seines Einflusses bei den himnrlischen Mächten einfach eingeschoben. Das geschah vielfach mit den Sagen und Vorstellungen, die sich an Eliahs Namen knüpsten. Natürlich wurde nicht immer die ursprüngliche Fassung durch die spätere chassidische verdrängt. Als Beispiel für diesen Prozeß mag die vorstehende Sage dienen, deren chassidische Variante in die Erzählung den Zaddik einführt, zu dessen Anhänger sie den Pächter macht. Der Retter erscheint in der Stunde der Gefahr erst auf die Fürbitte des Zaddik. In dem Moment, als die Bauern das entlegene Wirtshaus stürmen, unterbricht der „Rebbe" zu größtem Staunen der um ihn versammelten Chassidim die Haggadah, versinkt in eine ernste Stimmung, in seinen Zügen liest man Sorge, Unruhe und inneren Kampf; endlich, nach langem, beängstigendem Schweigen heitert sich sein Gesicht auf. Als nach den Feiertagen der Pächter beim Zaddik erscheint, um ihm das rätselhafte Papier zu zeigen, ruft ihm dieser jubelnd entgegen: „Na, wie gesielen dir meine Soldaten, die ich zu deinem Entsatz geschickt?" Die Sache klärt sich auf. Es endet mit einem reichlichen „Thikkum", womit der Pächter seine wunderbare Errettung begießt. Die Verdienste des Pächters und sein persönliches Verhältnis zum Propheten fallen in dieser Version als überflüssig fort. Obgleich nun Eliah, der Prophet, einen Teil seiner Popularität und seiner wundertätigen Kraft an die Zaddikim abtreten mußte blieb er doch stets die hervorragendste Lieblingsgestalt auch der chassidischen Legende. Schon in den zahlreichen Legenden über die Geburt Israels, des Baal-Schem, spielt er eine bedeutende Rolle. Eine der schönsten und ältesten dieser Legenden ist die folgende, die noch heute in mehreren Versionen umläuft und frühzeitig literarisch fixiert wurde. Elieser, Israels Vater, war ein schlichter, armer Landmann, weder durch Gelehrsamkeit noch durch Frömmigkeit ausgezeichnet. Nur ob seiner großen Herzensgüte, seiner Milde und Gastfreundschaft belohnte ihn Gott damit, daß ihm sein großer Sohn geschenkt wurde. Einmal Pries man im Himmel diese seine Tugenden und beschloß, ihn in Versuchung zu führen. Satan, der zu solchen Streichen immer aufgelegt ist, machte sich anheischig, die Sache auf sich zu nehmen. Doch Eliah, der Prophet, kam ihm zuvor. Just an einem Sabbat nachmittags nahm er die Gestalt eines armen Wanderers an und erschien bestaubt, mit dem Stab in der Hand, den Sack auf den Schultern, in der Hütte Eliesers und grüßte ihn, wie üblich, mit einem „Gut Sabbat!" Elleser war höchst