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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-05-01 · 9 (5.1929) · p. Seite 289

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
9 (5.1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 289 (sequence 5)
Language
German
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289 A Sie gingen weiter. In einer fernen großen Stadt fanden ie sich am Freitag abends zum Gottesdienst in der Synagoge ein. Zlls das Gebet zu Ende war, trat auf sie ein stattlicher, prächtig gekleideter Bürger mit langem Bart und dicken Schläfenlöckchen heran und lud sie, der Sitte gemäß, für den Sabbat zu Gast. Unterwegs entspann sich zwischen ihnen ein Gespräch, wobei der Wirt viele fromme und weise Dinge sagte,^ daß der Jüngling erstaunt war. Daheim sang der Hausherr mit vieler Salbung Sabbatlieder, schlug jedesmal die Augen fromm empor und wusch sich alle Augenblicke die Fingerspitzen. Während des Abendessens seufzte er in einem fort, blickte wieder allemal zum Himmel empor, sang mit großer Weihe die Tischlieder und sprach dann wieder lauter fromme und gelehrte Sachen. Der junge Mann wunderte sich immer mehr, aber dabei schielte er zu der schönen Tochter des Hauses hinüber, die dabei saß. Schließlich sagte er mit leiser Sitmme zum Propheten: „Diese gefällt mir!" „Aber mir gefällt sie nicht!" versetzte der Prophet. „Warum?" „Weil ihr Vater ein unehrlicher Mensch ist." Der Jüngling war entrüstet. Wie, ein fo frommer Mann, blickt jedesmal seufzend zum Himmel empor, spricht so weise und schön, und der sollte em Betrüger sein? Das wollte ihm einfach nicht in den Kopf. „Gleich wirst du sehen, daß ich mich nicht irre," bemerkte der Prophet, der seine Gedanken erriet. Bevor sie sich zur Ruhe begaben, tat der Prophet, als wäre er betrunken und schläfrig, trat an den Hausherrn heran, und indem er lhm einen Gürtel überreichte, stammelte er: »Herr, ich bin der Bote eines sehr reichen Mannes, der durch mich seiner Braut eine Reihe sehr kostbarer Edelsteine sendet. Die Ktenwoien sind in diesen Gürtel eingenäht. Bitte, bewahret ihn mir auf, bis ich Sonntag früh meinen Weg fortsetze." Den ganzen Tag erwähnte der Prophet den Gürtel mit keinem Worte, am Sonntagmorgen dankte er dem Hausherrn für die Gastfreundschaft, fragte ihn um den Weg und verabschie^ dete sich, aber der Hausherr schien den ihm zur Verwahrung übergebenen Schatz gänzlich vergessen zu haben. Er glaubte Wohl, der Gast denke ebenfalls nicht mehr daran. Der Knabe meinte, der Hausherr würde ihnen einen Eilboten mit dem Gürtel nachsenden, aber es vergingen Stunden, es vergingen Tage, und von einem Gürtel war keine Spur. „Siehst du, daß ich recht hatte, indem ich diesen Frömmler einen Betrüger nannte!" bemerkte der Prophet. „Ich gönne ihm übrigens den Gürtel. Wie wird der arme Mensch «erschrecken, wenn er den Gürtel öffnet und anstatt der erwarteten Schätze ein Register findet, worin alle seine Schandtaten aufgezählt sind, die er im Verborgenen vor den Menschen verübt hat, und die Höllenqualen, die ihn dafür auf der anderen Welt erwarten. Na, aber er hat immer noch Zeit, sich zu bessern." Sie gingen weiter. In einer Stadt traten sie zu Nacht in eine armselige Hütte ein, wo mehrere kleine Kinder unter der Obhut der ältesten Schwester wohnten. Diese empfing die Gäste sehr herzlich und munter, hieß sie am Tisch Platz nehmen und setzte ihnen Schwarzbrot und Rübensuppe vor, wie dies die armen Leute essen. Trotz ihrer Armut war das Mädchen lustig, hörte nicht auf zu lachen, ermunterte die Gäste und besonders den jüngeren, zuzugreifen, so daß dieser jedesmal bis über die Ohren errötete. Der Prophet fragte sie, was ihr Vater sei >und wann er heimkommen werde. „Mein Vater," anwortete das Mädchen, „befaßt sich mit dem Abhäuten gefallenen Viehes. Den ganzen Tag ist er draußen und kommt erst spät nachts nach Hause. Eine Mutter haben wir nicht." Dann bereitete ihnen das Mädchen ein Lager auf einem Bund Stroh in einem Winkel der Stube. Sie legten sich hin, Mid Eliah, der Prophet, fragte den Knaben: ^T^^IN?^^^^ l'n *Ä^7^21^V I^PÄ? 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Mittlerweile zog ihn das Herz immer stärker zu dem Mädchen hin. Sie erhoben sich in aller Frühe, bevor noch der Hausherr erwacht war, aber das Mädchen war schon auf den Beinen, bereitete ihnen einen Imbiß, bot ihnen einen Gruß und bezeichnete ihnen den nächsten Weg. Als sie bereits eine ziemlich beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, holte sie ihr Gastgeber keuchend und atemlos vom eiligen Laufen ein: „Ihr habt einen Beutel voll Dukaten auf dem Strohlager vergessen," sagte er. „Ich erschrak, als ich so viel Geld auf einmal sah nnd fürchtete, daß mich der „Jezer hara" (böse Geist) nicht berede, euer Geld zu Verstecken, daher lief ich ra>ch, um euch einzuholen. Es ist alles unberührt. Da ihr aber so reich seid, seid so gut und borgt mir etwas Geld, die Feiertage nahen, und die Verdienste sind kläglich. Doch muß ich mir ausbedingen, daß ihr dieses Darlehen nicht etwa als ein Entgelt für das Nachtlager betrachtet, welches euch in meinem Hause gewährt wurde, denn das ist eine Mizwah." Da gab sich Eliah, der Prophet, dem armen Manne zu erkennen. Er verheiratete die jungen Leute, die sehr glücklich lebten und ein hohes Alter erreichten. Von dieser Sage gibt es einige aus verschiedenen Gegenden stammende, untereinander erheblich abweichende Versionen. Unter allen ist die vorliegende die an Einzelheiten reichhaltigste und innerlich am vollkommensten aufgebaute, und darum dürfte sie vielleicht auch die jüngste sein. Hn der ursprünglichen Fassung dürfte wohl der Beweis für die Tugendlosigkeit der Mutter des ersten Mädchens erheblich drastischer ausgefallen sein. Derartige Züge schleifen sich immer mehr ab, je mehr sich ein Märchen verbreitet, und je öfter es in weiteren Kreisen, auch von Frauen In dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden, aber viel älteren Sagenstoff enthaltenden jüdischdeutschen „Maasseh-Buch" fand ich eine ungleich kürzere Fassung dieses Märchens (nacherzählt auch in Grünbaums „Jüdischdeutscher Chrestomathie", S. 413), die nicht nur im ganzen weniger ansprechend ist, sondern überhaupt wie ein unvollkommenes Bruchstück aussieht. Vermutlich hatte der Verfasser das irgendwo gehörte oder gelesene Märchen zum größten Teil vergessen und nur ein Stück davon aufgezeichnet. So fehlt der ganze dritte Teil mit dem Gegensatz zwischen dem reichen Frömmler und dem armen Mann aus dem Volke, worauf es in unserem Märchen offenbar hauptsächlich ankommt. Auch sind es im „M.-B.-" keine singenden Vögel, sondern schnatternde Gänse, die dem Jüngling das Geheimnis verraten. Dagegen ist hier ein Zug besonders interessant: die Söhne bewachen nämlich hier einen ihnen vom Vater, hinterlassenen Weingarten. Dieser Zug scheint mir der ursprünglichere^ dürfte wohl einem alten Midrasch entnommen und eigentlich symbolisch aufzufassen sein. Das Singen der Psalmen am Grabe des Vaters, wie es in unserem Märchen vorkommt, hat im Grunde keinen rechten Sinn, da eine solche Sitte nicht existiert; durch diesen Zug scheint das ursprünglichere, unverständlich gewordene Bewacyen des väterlichen Weingartens — Weingärten gibt es in Osteuropa fast nicht! — ersetzt worden zu

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