Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 9 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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283 Gemeinde zu beten." Mittlerweile verwickelten sie sich immer tiefer in ihre gelehrten Auseinandersetzungen, leoer schleppte immer mehr Bücher herbei, um die Richtigkeit seiner Ansicht zu beweisen, sie vergaßen, wo sie sich befanden und die ganze Welt rings umher, und der Lichtstumpf brannte und brannte uns wollte nicht aufhören. Das war aber natürlich Satans Werk, der sie dazu verleiten wollte, den Versöhnungstag vergnüglich bei einem anregenden und hitzigen Gelehrtenstreit, anstatt in Buße und Zerknirschung beim Gottesdienst zu verbringen und die Vergebung der Sünden zu erlangen. Sie disputierten also ohne Unterlaß und merkten nichts, bis auf einmal die Kerze niedergebrannt war und erlosch. Ohne etwas zu ahnen, klappten sie nun ihre Bücher schleunigst zusammen und liefen hinüber, um noch rechtzeitig zu Kol Nidre anzukommen. An der Türe strömte ihnen eine dichte Menschenmenge entgegen, die Leute hatten Kittel und Thalith zusammengefaltet auf dem Arm, waren frohgelaunt und aufgeräumt und beglückwünschten sim gegenseitig, zum neuen Jahr. Der Jom Kippur war eben zu Ense! Nun erst merkten die beiden Bachurim, dag sie volle 24 Stunden dort in der Kammer bei müßigem Streit zugebracht und den ganzen Jom Kippur verfehlt hauen. Ein großer Schrecken ergriff sie, als sie überdachten, wer da die Hand im Spiele haben mochte, und in was für eine Falle sie geraten waren, ^n ihrer großen Seelenangst stürzten si? zu ihrem Lehrer hin und bekannten ihm alles. Dieser rief: „Seid ruhig, ich bleibe bei euch. Wenn es uns gelingt, noch sieben Männer zu bewegen, daß sie mit uns ausharren, beginnen wir das Gebet von neuem und halten einen zweiten Jom Kippur ab wie Gott es befiehlt, und alles wird wieder gut werden." Sie fingen nun an, unter der Menge von einem zum anderen umherzugehen und flehten die Leute au, mit ihnen zu bleiben. Doch keiner wollte etwas davon hören. Wer hätte auch nach 24stündigem, ununterbrochenem Fasten und Beten alles von vorne begonnen? Die Synagoge hatte sich inzwischen völlig geleert, und die drei standen da in großer Seelenpcln und wußten nicht, was anzufangen. Plötzlich erblickten sie in einem Winkel ein kleines altes Männlein, welches sich an die Wand lehnte und zu schlummern schien. Sie gingen auf ihn zu und trugen ihm ihr Verlangen vor. Der aber fing an zu lachen. „Ihr haltet mich wohl zum Narren. Ihr tut nur so, um euer böses Gewissen zu beruhigen, weil ihr ganz sicher glaubt, daß kein Menich imstande wäre, sich dazu zu entschließen, aber es ist euch gar nicht ernst darum." Als sie ihm aber hoch und heilig beteuerten, daß sie fest entschlossen seien, ihren Vorsatz auszuführen, und es wäre ihnen nur darum zu tun, ein „Minjan" zusammenzubringen, rief er: „Gut denn. Wartet eine Weile, ich gehe nur hinaus und bringe weitere sechs Männer zusammen." An der Tat erschien das winzige, kleine Männchen bald in der Begleitung von sechs Männern, und der Gottesdienst begann. Sie beteten und sangen alles der Reihe nach, wie es vorgeschrieben ist, und obgleich die Mattigkeit sie oftmals zu übermannen drohte, boten sie alle Kräfte auf, um nicht der Schwäche nachzugeben und nicht umzusinken. Die Mitternachtsstunde war gekommen, sie hatten alle zum Abendgebet gehörigen Gesänge absolviert und waren schon dabei, mit freudiger Seele den „Schir Hajjischud" anzustimmen. Da wandte sich plötzlich das kleine greise Männchen um, und nun erblickten sie vor sich einen hochgewachsenen alten Mann mit langem Weißen Bart, ganz in Weiß gehüllt. Vor Staunen und Schrecken bebten alle zurück, doch der Alte sprach: „Habt keine Angst! Ich bin Eliah, der Prophet, ich bin gekommen, um eure Kraft und euren guten Willen auf die Probe zu stellen. Diese sechs Männer sind eure längst verstorbenen Väter. Jetzt könnt ihr frohgemut nach Hause gehen, euch ist alles vergeben." Eine andere Sage zeigt den Propheten Eliah als Freund und Beschützer der Jugend:. t/en vbfesnas. /?U5 //QFaÄa vo,! .1!an/lla (7560). v/-k'F/,za/ t'/n ^tt5<llm /ÜÄ. >t//s^/Sms^. Es War einmal ein Ehepaar, das drei Söhne hatte. Nach dem Tode des Vaters, als die erste Trauerwoche vorüber war, sagte der älteste Sohn: „Ich will hingehen, um am Grab des Vaters die Nacht durchzumachen." Er ging hin und hielt Wache am Grabe. Als es Mitternacht schlug, brach ein Ungewitter los, und auf den Flügeln des Windes kam ein weißhaariger Mann herbeigeflogen, ganz in Weiß gekleidet. Als der Jüngling die Gestalt des Greises wahrnahm, fiel er in Ohnmacht. Der Greis ermunterte ihn und rief: „Erschrick nicht, ich bin Eliah, der Prophet, und zum Lohn für die Ehre, die du dem Andenken deines Baters zollst, komme ich zu dir, um dir 'die Erfüllung eines der folgenden drei Wünsche zu gewähren, unter denen dir die Wahl freisteht. Willst du gelehrt, oder reich sein oder eine gute Frau bekommen? Wähle!" Der Jüngling wählte das erstere. Eliah, der Prophet, schenkte ihm ein Buch und verschwand. Das Buch aber hatte die Eigenschaft, daß der Jüngling es nur aufzuschlagen und daraus zu studieren brauchte, da floß das Licht auf ihn hernieder, und binnen kurzem wurde er sehr gelehrt und in aller menschlichen Und göttlichen Weisheit erfahren. Die zweite Nacht ging der jüngere Sohn, um am Grabe des Vaters Wache zu halten. Um Mitternacht erhob sich ein Sturm, in welchem Eliah, der Prophet, in der Gestalt eines weißbärtigen, weißgekleideten Greises erschien. Auch der zweite Jüngling fiel bei diesem Anblick ohnmächtig zu Boden, aber Eliah, der Prophet, ermunterte ihn, gab sich ihm zu erkennen und sprach ihn folgendermaßen an: „Ich komme, um dir zum Lohne für die Pietät, mit der du das Grab deines Vaters bewachst, die Erfüllung eines der folgenden drei Wünsche zu gewähren. Du darfst dir Weisheit, Reichtum oder eine gute Frau erbitten." Der Jüngling wählte das zweite. Eliah, der Prophet, gab thm eine Münze, auf der der Segen Gottes ruhte. Was immer der Jüngling anfaßte, das Glück war in seinem Gefolge, und am Ende wurde er ein reicher Mann. Die dritte Nacht kam die Reihe an den jüngsten Sohn, am väterlichen Grabe Wache Zu halten. Dieser nahm das P>almenbuch und eine Laterne mit sich und sang beim Schein der Kerzen die Psalmen. Als die Mitternachtsstunde da war, erschien auch ihm der Prophet Eliah im Äturm und der junge Knabe fiel bei seinem Anblick in Ohnmacht. Aber der Prophet ermunterte ihn und legte auch ihm die drei Wünsche vor, unter denen er zu wählen hatte. Der Jüngling wünschte sich eine gute Frau. Eliah, der Prophet, faßte ihn bei der Hand und führte ihn in die weite Welt hinaus. Sie wanderten und wanderten durch viele ferne Städte, und überall, wohin sie kamen, waren Töchter zum Verheiraten. Der Prophet fragte den Jüngling: „Welche gefällt dir?" Dieser aber antwortete: „Es gefällt mir keine!" Eines Abends kamen sie in eine ferne Gegend und blieben vor einem Prächtigen Palast stehen. Da es schon spät am Abend war, klopften sie an das Tor und baten um Nachtlager. Sie wurden sehr gastfreundlich aufgenommen und reichlich und von gutem Herzen bewirtet. Im Hause war ein hübsches Mädchen. Als der Jüngling sie sah, sprach er: „Diese gefällt mir!" „Aber mir gefällt sie nicht," antwortete der Prophet. „Warum? Sie ist ja schön, gut und fromm." Doch der Prophet sagte: „Allerdings, aber ihre Mutter ist nicht ehrlich." Der Jüngling schwieg, aber im Herzen ärgerte er sich, denn er hatte an dem Mädchen viel Wohlgefallen gefunden. Zur Nacht wurden die Gäste in ein besonderes Aimmer geleitet, wo sie schlafen sollten. Gegen Morgen, als der Jüngling erwachte, öffnete er das Fenster und hörte, wie draußen die Vögel mit menschlichen Stimmen sangen: „Was hat der arme Knabe so schwer gesündigt, daß er die Tochter einer solchen Sünderin heimführen soll?"