Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 9 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 287 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Sichnichtstützens auf mystische Gnadeneingießnng. Wir vertreten bewußt die Idee, daß die Welt zu bejahen ist, weil sie das Feld ist, auf dem der Mensch seine Bestimmung erfüllen kann, das Reich der Sittlichkeit aufzubauen. Wir haben als Mittelpunkt unserer Sittlichkeit die Fordernng, sich in jedes Menschen Seele einzufühlen, damit niemand beschämt werde. Wir streben bewußt nach der Unterordnung der Wirtschaft und der Politik unter sittliche Gesichtspunkte, nach dem Aufbau einer wirklichen religiös unterbauten Staats- und Wirtschaftsethik. In diesem Bewußtsein Mission treiben heißt, sich aus der Enge in die Weite retten. Eine Religion, die nicht mehr den Willen hat, Mission zu treiben, kapituliert, löscht sich selbst aus, verzichtet auf ihre Geltung als Weltreligion und wird Sekte. Wir dürfen uns nicht auf die bloße Verteidigung zurückziehen und mit unseren Wahrheiten hinter dem Berge halten; wir müssen von uns reden machen, im Guten, müssen den Willen haben, die Welt zu beeinflussen, nicht in dem Sinne, wie es die Narrheit von heute sagt, als strebe der Jude irgendwo nach Weltherrschaft, aber wir müssen den Willen haben, die Welt mit den Gedanken zu beeinflussen, in denen wir das Heil der Welt verkörpert glauben. Allerdings muß man auch von alledem innerlichst ergriffen sein und danach leben. Man ist nur aus der Enge in die Weite geschritten, wenn man bei seinen großen Gedanken ist nach dem Worte der Schrift: „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft". Noch in einem anderen Sinne schließlich müssen wir aus der Enge in die Weite. Wir sind gern wohltätig; man Pocht niemals vergeblich an das Tor des jiidischen Herzens, wenn es gilt, irgendwo eine Not zu lindern, Werke des Erbarmens zu tun. Aber wir haben nicht genügend Sinn für das Geistige, und wie notwendig alle die Dinge sind, die getan werden müssen, um das Geistige des jüdischen Seins herauszuarbeiten und zu erhalten. Wir möchten bei allem, was wir tun, immer gern gleich den unmittelbaren Erfolg sehen. Wir freuen uns, wenn w:r wissen, daß mit unserer Gabe irgend jemand geholfen worden ist, wenn mit dem, was wir mitschaffen helfen, irgendeinem Bedürftigen Linderung wird. Weil man aber bei allem Geistigen die in späterer Ferne erst sich ergebende Wirkung nicht schauen kann, begreifen wir nicht immer die Notwendigkeit seiner Pflege, seine Dringlichkeit neben der Wohlfahrtspflege. Das ist eine gewisse Enge, hier tut uns ein Hinausgehen aus ihr in eine größere Weite bitter not. Eine Minderheit wie wir ist darauf angewiesen, die geistige Grundlage ihres Seins immer wieder aufs neue zu erarbeiten, zu erforschen, durchzudenken, neu zu gestalten, darzustellen und zu zeigen. Hier die Notwendigkeit der Aufgabe verkennen, heißt eng und klein denken. Unsere jüdischen Seminare, alle Gesellschaften, die der Erforschung des Jndentnms dienen, sie wissen ein Lied zu singen von dieser Enge unseres Fühlens. Und eben weil sich in jedem Geschlechte diese' Notwendigkeit, aus der Enge in die Weite zu gehen, in einem höheren Sinne O^LN ilt'i''5, zu vollziehen, erneuert, wird immer wieder zur Wahrheit das alte Wort der Pessach-Haggadah: „In jedem Geschlecht muß der Mensch sich selbst betrachten, als zöge er aus Mizrajim aus". S?/^? ^a^o/. >?«>5 t/e^ //a^at/a vvn ^an^a <VS60/ O/VFk'na/ //n >»4tt5e«m /üak. >Ztt^/üme^. Eliah, der Prophet. Ein Beitrag zur jüdischen Volks- und Sagenkunde Von Binjamin Segel. Ter Prophet von Gilead ist bis auf den heutigen Tag die beliebteste Gestalt der jüdischen Volkssage geblieben. Keine andere Persönlichkeit der Vorzeit hat die Phantasie des jüdischen Volkes in gleichein Maße beschäftigt, ist mit seinem Gemüts- und Seelenleben so innig verwachsen wie der stürmische und unerschrockene Thischbite, der schließlich erfahren mußte, daß Gott nicht im tobenden Orkan, noch im brausenden Sturme, noch im lodernden Feuer, sondern im sanften Hauche sich offenbart. Im Laufe der Jahrhunderte hat seine eherne Physiognomie alle strengen Züge verloren; mit mildem Antlitz, humorvoll und gütig lächelnden Augen wandelt er unter seinem Volke umher, ein Tröster in der Not, ein Freund der Kinder, der Armen und Bedrängten, ein Warner vor der Sünde, ein Fürsprecher vor Gott, ein Beschützer vor Satans Tücke. Demütig und bescheiden mischt er sich unter das Volk, manchmal tritt er den Mächtigen der Welt entgegen und spielt ihnen einen übermütigen Streich oder sagt ihnen eine herbe Wahrheit ins Gesicht. — An der Hand der Eliah-Sagen ließe sich ein wichtiges Kapitel der jüdischen Volkspsychologie ergründen, denn in diese Sagen hat das jüdische Volk etwas von dem Besten, das in seiner Seele lebte, gelegt. Eine erschöpfende Monographie über Eliah in der jüdischen 'Sage müßte zunächst die zahlreichen im Talmud, und Midrasch über ihn aufbewahrten Legenden in den Kreis ihrer Darstellung ziehen. Das beabsichtigt jedoch die vorliegende Abhandlung nicht. Sie will nur aus der reichen Fülle der noch heute im Bolksmunde lebenden fast noch gar nicht schriftlich fixierten Sagen, die Eliah zum Helden haben, einige herausgreifen, um daran wenigstens in großen Umrissen das Bild des Propheten nachzuzeichnen, wie es sich in der Seele des Volkes spiegelt. Die aus dem älteren Sagenkreise stammenden Züge sollen hierbei nur insofern berücksichtigt werden, als sie oftmals den Faden lieferten, an den die neuere Sage anknüpfte, um ihn weiterzuspinnen. Uebrigens sind diese Eliah-Legenden, ebenso wie die ganze lebendige, literarisch noch nicht petrifizierte Sagen- und Märchenwelt der Juden, von hoher Wichtigkeit für die allgemeine vergleichende Sagen- und Volkskunde. 5 Wir begiunen mit folgender äußerst charakteristischen Sage: An einem Rüsttage des Jom Kippur war es. Zwei Bachurim (Talmudschüler) einer großen Jeschibah hatten aus Eifer und Begierde, sich immer mehr in die göttliche Lehre zu vertiefen, es vorgezogen, in der Nähe ihres Meisters zu bleiben, anstatt auf die hohen Feiertage zu den Ihrigen zu reisen. Sie lernten also zu zweien Tag und Nacht unermüdlich. Just an jenem Tage waren sie auf ein schwieriges Problem gestoßen, dessen Aufhellung ihnen viel Kopfzerbrechen verursachte. Sie disputierten lange, schlugen alle Bülber nach, forschten und disputierten von neuem, so daß sie «darüber Essen und Trinken vergaßen, fanden es aber nicht heraus und verwickelten sich nur immer tiefer. Der Abend nahte heran, und sie konnten sich nicht losreißen. Nun war es aber schon höchste Zeit, sich zum Abendgottesoienst des Versöhnungstages zu rüsten. In der Synagoge hatten die Leute schon angefangen, sich zu versammeln. Vor Kol Nidre war nur noch ein kurzes Stündchen. Unsere beiden lernbegierigen Bachurim, denen eine Menge scharfsinniger Einfälle im Kopfe herumgingen, konnten sich in ihrem Eifer nicht entschließen, die Fortsetzung ihrer Disputation auf den Tag nach Jom Kippur zu verschieben. Sie schlichen sich also in eine dunkle Bücherstube, zündeten sich einen kleinen Lichtstumpf an und sagten, sich: „Dieses Stückchen Kerze wird gerade so lange reichen, bis drüben der Gottesdienst beginnt. Wenn es erlischt, brechen wir ab und eilen hinaus, um mit der