Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 9 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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286 /illL^llF aus ^Vack -/ne^ ^s/ÄnunF vo^ /Vn/?-/- 2^« „^Vs^ //^oe/", /^eS^. von ^. S. ^sv)' </. ^au//mann, ^/aF). O^^Q 5^^^'' Auszug aus der Enge in die Weite. Von Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach). Das geschichtliche Erlebnis, das den Anlaß und den Ausgangspunkt des Pessachfestes bildet, ist der A u s z ug a u s A eg y p t e n, ll^Q Ntt^ Es kann und darf keine Pessachfeier geben, in der man nicht unmittelbar und wörtlich an dieses Ereignis anknüpft und die aus ihm fließenden Tatsachen und Anregungen je nach der persönlichen Stellung zu den Gegenwartsfragen des Judentums auswertet. Aber wenn man dieser Pflicht der wörtlichen Erfassung des Grunderlebnisses Genüge getan hat, dann hat man ein Recht, auch über das Wörtliche hinaus Grunderlebnis und Name des Festes auszuschöpfen. Dazu bietet das Wort O'>-'LQ eine besondere Gelegenheit. Was bedeutet es seinem inneren Wortsinn nach? Was es in Wahrheit bedeutet, kann niemand mit Sicherheit wissen. Es ist das Wort einer fremden uralten Sprache, das das Ohr des Hebräers in dieser Form aufnahm. Was es in dem Sprachgcist des alten Aegypten, aus dem es stammt, bedeutet haben mag, wer mag das heut ermitteln? Aber der Jude fand :n ihm einen lautlichen Anklang an ein Wort der hebräischen Sprache, das „Engsein, Enge" bedeutet. Er fand das Wort in ihm, er dachte an das Psalmwort ^NXIP „aus der Enge rief ich zu Gott". Und so faßt er T^L'' überqeschichtlich, zeitlos als das Hinausgehen aus der Enge. Philologisch ist das ganz und gar unhaltbar, kann ein leises Lächeln hervorrufen, Willkürakt der Volksetymologie, aber es ist tief gedacht, weiter reichend als philologische Wortergründung, und darum in einem höheren Sinne richtig. Pessach wird damit zum ewigen zeitlosen Symbol der Notwendigkeit des Hinausschreitens aus der Enge in die Weite, aus dem Kleinmachenden zu Größespendendem. In vielerlei Bezirken der Seele und der Tat ist das notwendig und dringliche Forderung. Wann ist unser Denken eng, in der Enge gefangen? Beginnen wir mit dem Alltäglichen und Grundlegenden. Eng ist unser Denken, wenn es gefangen ist in dem Beruslichen, wenn >das, womit der Zwang des Berufes uns zu beschäftigen nötigt, zum Inhalt unseres Lebens wird, wenn man sich im Mittelpunkt seiner Seele als Glied seines Berufskreises fühlt, eingespannt in dessen Notwendigkeiten Voraussetzungen, Denk- und Lebensgewohnheiten. Man täusche sich nicht! Diese Gefahr liegt heute besonders nahe. Ter Mensch von heute hat beinahe verlernt, anders als aus den Eigentümlichkeiten seines Berufes heraus zu denken und zu handeln. Es hängt mit der ganzen Entwicklung des rein kapitalistischen Denkens zusammen^ daß er als richtig nur anerkennt, was den Nutzeffekt seines Lebens zu steigern vermag, daß er die Wirtschast als ein Souveränes, als das Bestimmende, Gesetzgebende des menschlichen Beisammenlebens anerkennt, und die Wirtschaft empfindet und beurteilt eben jeder naiv oder gewollt aus seinem eigenen Beruf heraus. Er kennt nur dessen Forderungen, Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Er sieht die ganze Welt unter dem Gesichtswinkel des einer Berufs- und Wirtschaftsgruppe Eingegliederten. Hier tut uns ein Zug ins Weite not. Heraus aus der Enge der eigenen Arbeit in das Reich der gemeinsamen Arbeit, in das Verflochtensein der Stände, der Staaten und Völker, heraus aus der Enge der Wirtschastsgesinnung in die Weite einer nur durch Religiosität zu begründenden Wirtschaftsethik. Eng ist unser Denken, wenn wir über der Selbstverständlichkeit der Kulturform, in die wir bineingeboren sind, das Antlitz Israels in allen seinen Zügen, sie es durchfurchen, vergessen; wenn wir, um uns als Beispiel zu nehmen, das deutsche Judentum als das Judentum erfassen und all unser Denken und Gestalten nur auf seine Sonderart und seine Bedürfnisse richten. Es ist der Schritt aus der Enge in die Weite, die Gewißheit des ^^^1» „der Gesamtheit Israels" seinem seelischen Besitz einzufügen, zu erkennen, daß das Judentum jedes Landes sein besonderes Gesicht hat, über der Arbeit für das deutsche Judentum in allen seinen Einrichtungen und Bedürfnissen den Blick für die Judenheit der Welt und ihre Gesamtausgaben nicht zu verlieren. Aus der Enge in die Weite, aus kleinmachenden Gedankenzu Größeverleihendem, das heißt im besonderen Falle des Judentums das Judentum einbauen und einbeziehen in weltgejchichtliches Denken, uns zu fühlen in unserer Ausgabe inmitten der Welt. Hier kommt der zwiefache gegensätzliche Bewußtseinsinhalt zum Ausdruck, der die Seele Israels ständig erfüllt. Es muß sich absondern und muß anders sein, als die Menschen ringsum es sind, es muß sein Eigenleben für sich haben mit seinen eigenen Gedanken und seiner ihm zugehörigen Lebensform, es muß zu allerhand Denk- und Lebensformen seiner Umgebung in Widerspruch stehen und sich bewußt im Widerspruch fühlen, und zugleich muß es leben für die Welt und Menschheit. Darum schließt das Pessachfeft, das ursprünglich doch einen nationalen Ausgangspunkt hatte und in dem alle Keime zur Entfaltung einer nationalen Ausdeutung lagen, bewußt ab mit dem messianischen Gedanken, wie er im 11. Kapitel des Jesaja angebaut ist, damit wir aus der Enge, in die wir zu einem Teil gebannt sein müssen, doch immer wieder hinausschreiten in die Weite. Eng ist das jüdische Leben, wenn es sich nur empfindet als Kampf gegen den Antisemitismus. Dieser Kampf ist an sich notwendig, ist uns aufgezwungen und muß mit größtem Ernst und in vollem Gefühl der auf uns lastenden Verantwortung geführt werden; jede Gelegenheit muß benutzt werden, um die Massen zu diesem Kampf aufzurufen und anzustacheln, er kann gar nicht energisch genug geführt werden. Aber zugleich muß man doch auch wissen, daß dieser Kampf, wenn er die alleinige Bekundung des jüdischen Bewußtseins ist, unfrei und unfroh macht. Es macht unfrei und unfroh, wenn man immer gleichsam daneben steht und aufpatzt und betrachtet, wenn man nicht aus dem Gesetz des eigenen Denkens und Seins heraus mit der Sicherheit der Unbewußtheit handelt, sondern immer auf ein Anderes, Außenliegendes eingestellt ist. Aus dieser Enge müssen wir heraus, die Kulturaufgabe Israels erfassen, müssen Mission treiben. Man muß das Wort richtig verstehen; es soll nicht bedeuten, daß wir auf Proselytenmacherei ausgehen sollen — obgleich es schon ein Zeichen einer beginnenden Verengung des Geistes war, als man sich gegen jeden Bekehrungswillen verschloß — es soll bedeuten, daß wir uns unserer Pflicht, die Welt von unseren Gedanken aus zu beeinflussen, bewußt bleiben müssen. Es ist das die Wahrheit, die einer der interessantesten Menschen der Gegenwart, Graf Keyserling, einmal mit dem Worte ausgedrückt hat: ,^>ede ethische Erneuerung der Welt ist noch immer von den Einflüssen der Bibel, von den in Israel zutage getretenen lebendigen Triebkräften ausgegangen". Wir müssen fühlen und der Welt zeigen, daß wir unvergängliche Werte geschaffen haben und auch now heute imstande sind, die Welt in die Richtung einer höheren und besseren Ethik, zu drängen. Es schadet dabei nichts, daß wir nicht auf allen Gebieten des Kulturlebens Originales geleistet haben. Gewiß, wir haben in der Kunst nichts Originales geschaffen — wie ist sie aber auch mißbraucht worden! Gewiß, wir haben nicht dem Staatsgedanken irgendwie Erfüllung und ein glänzendes Kleid gegeben — wie ist er aber auch mißbraucht worden, zu einem Götzen, einem Moloch gemacht worden, dem unzählige Opfer gebracht wurden. Gewiß, wir haben nicht das Größte geleistet :n der Ausbildung der feineren Rechtsform — wie ist auch die Rechtsform mißbraucht worden, um den Geist des Rechts zu mißhandeln! Aber von uns ist der Sabbat ausgegangen, und wir Halten ihn auch heute noch so, daß er nicht zu einem Tage des Sports und der Vergnügungen wird, sondern der Gott geweihte Tag. Von uns ist die Lehre der Nächstenliebe ausgegangen und die innige Verknüpfung von Gottesglauben und sittlicher Tat. Wir hatten die erste Sozialgesetzgebung, und jede Bodenreform knüpft auch heute noch stets und immer an die biblischen Motive an'. Wir halten die Lehre von der Einheit der Menschheit unverbrüchlich fest und sind das feste Bollwerk gegen die Gefahr des Rassewahnes. Wir sind die bewußten Träger des prophetischen Ideals von dem Friedender Völker und pazifistisch nicht aus Wirtschaftsinteressen und wegen der Zerstörung von Gütern und Volkswohlfahrt, sondern wegen der Idee und aus religiösem Bewußtsein. Wir sind die bewußten und konsequenten Vertreter der Idee von der sittlichen Selbständigkeit des Menschen und des