Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 262 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Bier, ein Jude, ist zum stellvertretenden Regierungspräsidenten von Köln ernannt worden. — Leipzig. Am 24. 2. fand ein außerordentlicher Delegiertentag des deutschen Misrachi statt, auf dem eine Resolution angenommen wurde, wonach die Mitarbeit in den Gemeinden unter Verfolgung einer klaren misrachisiischen Gemeindepolitik Aufgabe des deutschen Misrachi sei. — Mainz. Im Alter von 67 Jahren starb am 14.3. der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft, Dr. Jonas Bondi. — Wiesbaden. Eine von Hoteliers und anderen am Kurleben interessierten Kreisen einberufene Versammlung befaßte sich mit den Umtrieben der Nationalsozialisten :n Wiesbaden; sie erkannte einmütig die verhängnisvollen Folgen an, die das gegen die jüdischen Mitbürger gerichtete Treiben der Anhänger dieser Partei für den gesamten Kurbetrieb nach sich ziehen muß. — Würzburg. Die nationalsozialistischen Studenten haben mit 20 gegen 10 Stimmen einen Antrag durchgebracht, der auf die Herbeiführung des ^^^8 olausus für Mische Studierende abzielt. Ausland. Bern. Der bekannte jüdische Literarhistoriker Dr. Fritz Strich, außerordentlicher Professor an der. Münchener Universität, wurde von der Regierung des Kantons Bern als Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur an die dortige Universität berufen. — Budapest. Bei den jüngst durchgeführten Wahlen zur.Advokatenkammer strichen die jüdischen Rechtsanwälte ihre getauften Kollegen sämtlich von der Liste, so daß diese, die nicht einmal alle christlichen Stimmen auf sich vereinigen konnten, stark in der Minderheit blieben. Der Vorstand der Advokatenkammer besteht nun wiederum zur vollen Hälfte aus Juden. Tie jüdische Wochenschrift „Eghenlöseg" bezeichnet diesen Kampf als die „erste organisierte jüdische gesellschaftliche Aktion gegen die Täuflinge". — Am 12. 3. begann die von der israelitischen Landeskanzlei einberufene vorbereitende Tagung zum Kongreß der ungarischen Judenheit; behandelt wurden, neben anderen wichtigen Angelegenheiten, die Vertiefung und Vereinheitlichung des Religionsunterrichts, die Organisation des Gemeindelebens und die Beamten- Pensionsregelung. — Bukarest. Unter dem Vorsitz >des Landesrabbiners Niemirower fand eine Beratung von Rabbinern und Führern des religiösen Judentums statt, in der die Gründung eines Vereins „Schomre Schabbos" und dessen Anschluß an den Berliner Weltverband der „Schomre Schabbos" beschlossen wurde. — Danzig. Bei den diesjährigen mündlichen Reifeprüfungen an den hiesigen höheren Lehranstalten fand zum ersten Male auch eine Prüfung in der jüdischen Religion statt. — Genf. Unter den Architekten, denen der Bau des Völkerbundsplastes anvertraut ist, befinden sich zwei Juden: der Genfer Flegenheimer und der Ungar Vage. — London. Unter dem Vorsitz von Rabbi Dr. I.. Mattuck tagte in London der Hauptvorstand des Welt Verbandes für das liberale Judentum, der im Anschluß an die Zweite Weltkonferenz im August vorigen Jahres in Berlin gewählt wurde. Ein Komitee, bestehend aus Rechtsanwalt Dr. H. Hosfmann-Frankfurt a. M. (Vorsitzender der Jüdisch-Liberalen Jugendvereine für Deutschland), Rev. M. L. Perlzweig-Löndon, Roger Straus-New Aork, sowie einem von der Pariser „Union liberale" noch zu nominierenden französischen Vertreter wurde eingesetzt, um Pläne für eine Koordinierung der Arbeit der liberalen Jugendorganisationen in allen in der „Welt-Union für das liberale Judentum" vertretenen Ländern auszuarbeiten. Auch wurde die Aufstellung einer systematischen Uebersicht der unter den liberalen Juden in Gebrauch stehenden Liturgien beschlossen. — Montreal. Der kanadische Minister für Einwanderung gewährte Pro 1929 Einreise-Visa für 3000 jüdische Einwanderer. — Moskau. Die jüdisch-kommunistische Presse Rußlands hat mit der diesjährigen Anti-Pessach-Propaganda begonnen; sie fordert die Organisation einer Reihe von Propaganda-Versammlungen, Anti-Pessach-Spiele und die Aufführung anti-religiöser Burlesken. Andererseits tritt der Sekretär der Kommunistischen Partei Rußlands für die Bekämpfung des Antisemitismus innerhalb der Arbeiterschaft ein. — New Jork. Die Union rumänischer Juden in den Vereinigten Staaten beschloß, eine Summe von 250 000 Dollar als Nothilffonds für die hungernden Juden in Bessarabien aufzubringen. — Beim Schatzamt des „United Jewish Campaign", der 1927 vom „Joint Distribution Committee" behufs Aufbringung von 25 Millionen Dollar zugunsten der jüdischen Aufbaubewegung in Europa eingeleitet wurde, sind bis zum 15. 1. 1929 ungefähr 14 Millionen Dollar eingegangen. Die vom „Joint Distribution Committee (I. D. C.) ins Werk gesetzte Umfrage bei 100 000 Spendern des „United Jewisb Campaign", ob die Sammlung nach 1929 fortgesetzt werden soll, ergab eine Majorität von 96 Prozent. — Für die Feier des 800. Geburtstages des großen jüdischen Philosophen. Astronomen und Arztes Moses ben Maimon (M a im o ni d e s), die im Jahre 1935 begangen wird, soll nach dem Vorschlag von Dr. Cyrus Adler, dem Präsidenten des Dropsie College (Lehranstalt für hebräische und orientalische Wissenschaften) in Philadelphia, eine kritische Gesamtausgabe seiner Werke veranstaltet werden. — Aus Anlaß des 55. Geburtstages von Rabbi Dr. Stephen S. Wise haben die Freunde des Jubilars beschlossen, eine seinen Namen tragende monumentale Synagoge mit einem Kostenpreis von zwei Millionen Dollar erbauen zu lassen. — Der am 1. 3. in New Dort verstorbene Arzt Dr. Benedict Weinmann hat. über 100 000 Toll. zugunsten der hebräischen Universität in Jerusalem hinterlassen. — Paris. Der Führer der französischen Sozialdemokratie, L 6 on Blum, wurde vom Zionistischen Rat Frankreichs zu seinem Vertreter in der Ievish Ageney gewählt. — In der Jahresversammlung des Pariser Komitees für jüdische A nswander erhilf e wurde mitgeteilt, daß im Jahre 1928 40—50 000 Juden aus osteuropäischen Ländern nach Uebersee ausgewandert seien; auch nach Westeuropa, d. h. nach Frankreich, das Wohl zur Zeit das einzige Land Europas :st, in das noch Juden einwandern, habe sich ein kleiner Teil Äer osteuropäischen Juden begeben. — Der bekannte französische Politiker und Mitglied der Abgeordnetenkammer Charles Lambert, ein Nichtjude, ersuchte in einem offenen Brief den Außenminister Aristide Brians den 80 000 Juden vonTunis Erleichterungen bei der Naturalisation zu gewähren. — Der französische Arbeitsminister Loucheur vollzog den Akt der Eröffnung des Mathilde- und Henri Rothschild-Krankenhauses. — Prag. Nach einem vor kurzem aufgefundenen Memor-BIatt der Chewra-Kadischa wurde im Jahre 1343 der Kaiser Ferdinand von Oesterreich nach seinem Thronverzicht Mitglied dieser Bruderschaft und bestimmte, Äaß während eines Jahres nach seinem Tode für ihn Kaddisch gesagt werde. — Im neuen Staatsvoranschlag für 1929 ist der jüdische Kultus innerhalb eines Gesamtbudgets von 115 553.30 tschechischen Kronen mit 1863.70 bedacht. — Warschau. Bei der Beratung des Budgets im polnischen Senat sprach sich Senator Rubinstern gegen das Festhalten an der Zwangssonntagsruhe für die jüdischen Gewerbetreibenden aus und forderte die Anstellung von Juden bei allen Staatsanstalten. — Wien. Im Alter von 83 Jahren verstarb die Philanthropin Frau Charlotte von Königswarter, Gattin des verstorbenen Barons MoÄtz von Königswarter und Tochter des Barons von Wertheimstein. Sie war die Stifterin des Wiener jüdischen Waisenhauses und auch in der Leitung des Oesterreichischen Roten Kreuzes hervorragend tätig. — Am 24. 2. trat die Keren-Hathora-Zentrale zu einer Sitzung zusammen. — Der österreichische Bundespräsident, Miklas, empfing am 7. 3. eine Delegation des geschästsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel. — Palästina. Die Statistik für 1928 ergibt, daß in diesem Jahre die Zahl der jüdischen Einwanderer in Palästina sich mit der der jüdischen Auswanderer deckt. — In einem Privathause wurden mittelalterliche Inschriften entdeckt, die Namen von Juden, welche aus verschiedenen Ländern nach Jerusalem gepilgert waren, enthalten. — Nach einer Erklärung Dr. Barqs aus Punjab, eines der Führer der indischen Moslemiten, betrachten sich mehr als zwei Millionen Moslems in Afghanistan, Beludschistan und Indien als Juden, weil sie von Jsmael, dem Sohne Abrahams, abstammen. — Das hebräische Theater „Habima" wird sich am 15. Sepember zu einer sechsmonatigen Tournee nach Europa begeben. — Wie ägyptische Zeitungen melden, trifft die ägyptische Regierung Vorbereitungen für den Bau einer Straße von Kantara durch die Sinai- Halbinsel nach Beerseba. — Gegenüber dem Vorjahre ist der Import nach Palästina um mehr als 600 000 Pfund gestlegen, der Export dagegen hat um fast 20 Prozent abgenommen. Der Rückgang der Ausfuhr ist fast ausschließlich auf die Ausfälle in der landwirtschaftlichen Produktion zurückzuführen, die durch die Mißernte des Jahres 1928 verursacht wurden; auch die Orangenernte war weit geringer als im Vorjahre. Bei einer Reihe von industriellen Erzeugnissen sind dagegen erhebliche Ausfuhrsteigerungen zu verzeichnen. Aussprache. Eine Zuschrift über Wohlfahrtspflege. //Ich gestatte mir ganz ergebenst Ihre Aufmerksamkeit auf die Armenpflege in Frankfurt a. M. zu lenken. In den letzten 20 Jahren kommt immer mehr der Gebrauch auf, daß sich die einzelnen Vereine und Körperschaften durch Zirkulare an die hiesigen israelitischen Gemeindemitglieder wenden und sie zu Spenden und Zahlungen auffordern. Die Sache nimmt aber überhand, so daß man faktisch den Faden für das Einzelne verliert. Ich war immer ganz gerne bereit, nach meinen Kräften zu geben. Ich halte es aber für eine grenzenlose Zersplitterung, wenn die einzelnen Vereine derart vorgehen. Es liegt die Gefahr sehr nahe, daß die Spender der vielen Aufforderungen überdrüssig werden, und außerdem kostet doch das einzelne Vorgehen der Bereine eine ganze Unsumme an Zeit, Geld, Drucksachen und Schreibereien, die viel vorteilhafter den armen und bedürftigen Vereinen zugänglich gemacht werden können, und zwar dadurch, daß die hiesige Gemeinde in einer zu schaffenden Abteilung, die vielleicht ehrenamtlich geleitet werden könnte, die Spendenpflege in die Hand nehmen würde, so daß man an eine Stelle sich verpflichtet und seine Zahlungen leistet. Dazu will ich noch darauf hinweisen, daß auch in vielen Fällen von auswärtigen Institutionen ebenfalls die hiesigen Gemeindemitglieder angegangen werden. Ich glaube, daß diese Frage wichtig genug ist, um sie in Erwägung zu ziehen." 51. 5l.