Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 254 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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in der Lage ist, den Fall vollständig zu übersehen und die notwendigen Beschlüsse in voller Sachkenntnis zu fassen. Bon ganz besonderer Bedeutung ist ein gutes Arbeiten des Außendienstes, d. h. der Besuch in der Wohnung des zu Unterstützenden, das Aufsuchen der Nachbarschaft und, wenn nötig, der Arbeitsstelle. Dieser Außendienst wird ehrenamtlich ausgeübt und ist der Weiblichen Fürsorge, wie seither, übertragen. Die Zusammenarbeit der beruflichen und ehrenamtlichen Kräfte ist gewährleistet. Die Gesahr einer rein büromäßigen Erledigung des Einzelfalles besteht somit nicht. Die organisatorische Grundlage ist also jetzt geschaffen. Wir haben auch einen Stab von Menschen in unserer Gemeinde mit starkem Helferwillen und geschultem Blick für Menschennöte: Es fchlt aber an Führern, an Persönlichkeiten, die nicht zu entbehren sind, und die sich dieser edlen Aufgabe widmen können, die jetzt auf wenigen Schultern ruht. Sollte es nicht möglich sein, unter 30 000 Menschen mehr als 20 zu finden, die bereit sind, sich als Führer in die Reihen zu stellen, damit die, welche in den vordersten Reihen stehen, nicht den Mut und die Freude an der Arbeit verlieren? Hier gilt es, höchste Menschenliebe und Brüderlichkeit in schönster Verbundenheit zu Pflegen. Nach einem alten Wort bildet die Art, in der die Menschen ihr Gut verwenden, den besten Maßstab zur Beurteilung ihres Charakters. Möge das Lob unserer Gegner, daß wir brüderlich zusammenhalten in Freud und Leid, sich auch in unserer Wohlfahrtspflege, dem alten Stolz unserer Gemeinde, immer neu bewähren, nicht nur aus Mitgefühl mit dem bedürftigen Bruder, sondern noch mehr aus dem Gefühl der eigenen Pflicht'. Mer die Gemeinde, Wesen und Aufgabe. Von Ernst Holzer. Institutionen und Organisationen sind die äußere Form eines lebendigen Inneren. Sie entstehen aus einem Bedürfnis heraus, sie sind der Niederschlag eines in wenigen, vielen oder aar allen zur Erscheinung drängenden Willens oder einer ans Tageslicht tretenden Stimmung. Sie benötigen, um unabhängig von Menschen, den Trägern ihrer Sache oder ihrer Idee, durch eine Reihe von Epochen weiterbestehen zu können, eines tiefen und letztgültigen Sinnes, der sich den durch ihn erfaßten Menschen immer wieder klarmacht, auch ohne daß er ausgesprochen werden muß: der gelebt ist. Aus diesem Sinn ergibt sich d:e Aufgabe. Institutionen müssen ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie nicht untergehen sollen. Tie Juden sind ein altes Volk. In einen schier unfaßbaren Zeitraum ihres Volkslebens blicken sie, fühlen sie zurück. In allem Wechsel der Geschicke und Geschichte haben sie ihr eigenes Gesicht bewahrt. Immer waren sie Objekte von Fürsten und Führern der Völker, und doch haben sie ihren Geistwillen in das Gestein der Zeit eingemeißelt. Gejagt und getreten, gemartert und gemordet schleichen sie durch die Länder der ganzen Welt und sind in aller Not und allem Zettablauf geblieben, wer sie gewesen sind: Juden. Was Wunder, daß die Völker ringsum in ihnen die Zeugen des Unvergänglichen erblickten! Was Wunder, daß die Juden selbst sich als die Zeugen des Ewigen ansahen, als die Alten, Erfahrenen, Gereiften unter den jungen Völkern der neuen und auch der (nur sogenannten) alten Well! Aus diesen: Ewigkeitsbewußtsein stammt das Großteil der Sentiments, die ihr Verhältnis zur Umwelt bestimmen. Aus ihm kommen auch die Gefühle und Ueberlegungen, die sie in ihrem jüdischen Leben erfüllen. Aus ihm stammt die überragende Bedeutung, die, einem Nichtjuden gar nicht verständlich, der Jude seiner Gemeinde einräumt. Denn sie hat er als die Verkörperung seines Ewigkeitsbewußtseins geschaffen. Tie jüdische Gemeinde ist also die äußere Form für das Ewigkeitsbewußtsein, das jeder Jude besitzt. Sie ist im Gefühl des jüdischen Menschen: die Gestalt gewordene Idee von der Ewigkeit des Judentums. Sie besteht immer, durch alle Zeiten. Der Jude weiß, daß seine Väter in ihr gelebt haben; er glaubt, ja, er weiß, daß auch seine Kinder in ihr leben werden. Bon ihrem Gipfel schauen, um das Wort Napoleons zu variieren, dreieinhalb Jahrtauiende auf ihn herab. Die Gemeinde erst gibt dem Juden den festen Stand auf dem schwankenden Boden,, auf dem er, wie jeder kurzlebige Mensch und ieder Jude zumal, steht. Sie verleiht ihm Stolz, Ruhe, Festigkeit, Freiheit. Die jüdische Gemeinde präsentiert sich >omit als die Ganzheit in den Zeiten und durch die Zeiten. Dies ist der Sinn, der sie zum Ursprung brachte mü> sie zu ihrer Bedeutung erhob. Worin besteht ihre Bedeutung, ihr Wesen, für den Juden in dieser Zeit? Die jüdische Gemeinde ist nicht nur die Ganzheit in den Zeiten, sondern sie ist auch die G a n zh e i t i n d e r Z e i t. Sie schließt nicht nur den Ring der Vorzeit mit der Jetztzeit, sie faßt nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft zusammen, sondern sie hat eine weitere Eigenschaft, die ihr Wesen recht eigentlich erst ausmacht, eben diese: die Ganzheit in der Zeit. Die jüdische Gemeinde schließt alles jüdische Leben in ihrem Kreise ein. Und somit umfaßt sie auch alle jüdischen Menschen, die am gleichen Ort die gleiche Luft atmen, unter den gleichen Rechten, mit oen gleichen Pflichten leben, kurz: die in Schicksals- und Erlebensgemeinschaft stehen. Vergessen die kleinen und kleinlichen Unterschiede des Alters und des Geschlechtes, vergessen die kleinen und kleinlichen Unterschiede der Herkunft und des Standes: Das einigende Band der Gemeinde, des K'lal umschlingt sie alle. Die Gemeinde ist die Totalität jüdischen Seins in einer Zeit und an einem Orte. Ewigkeitssein und Totalitätssein sind die tragenden Pfeiler der jüdischen Gemeinde. Ihre Aufgabe besteht tatsächlich darin, sie zu verwirklichen; das Hecht: sie zu wirklichem, M wirkendem Leben zu bringen. Der Sinn der Gemeinde, zeitliche und räumliche Ganzheit, muß jedem Juden, jeder Jüoin aufgehen, jeder muß daran teilhaben. Das Leben in einer Gemeinde ist nicht ein bloßes Jn-ihr-Verweilen, sondern es bedeutet: Teilnehmen an ihrem Lebensablauf. Es bedeutet für den Juden aber auch, ihr, der Gemeinde, Anteil zu gewähren an seinem Lebensablauf. Die Gemeinde und der Einzelne, sie beide sind auf gemeinsames Leben, auf ein Leben der Gemeinsamkeit angewiesen. „Viele Einzelne, ja selbst die Gesamtheit der Einzelnen sind noch nicht die Gemeinschaft" (Rosenzweig). Ihr Tat wirkender Sinn muß evident sein, er muß gelebt werden. Es gilt auch hier das berühmte Wort von den Frauen, das behauptet, die besten seien die, von denen man am wenigsten spräche: Wie schlecht es um die jüdische Gemeinde steht, zeigt sich daran, wieviel von ihr und in ihr geredet werden muß. Denn dann nur sind die Stimmen gut, Wenn Schweigsamkeiten sie begleiten. Wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut. Und bang und sinnlos sind die Zeiten, Wenn hinter ihren Eitelkeiten Nicht etwas waltet, welches ruht. . . (Rilke). Es bleibt die Frage: Erfüllt heute die Gemeinde ihre Aufgabe? Oder sind über all dem Gerede die Zeiten „bang und sinnlos" geworden? Die ^ü6!sctie ^VonIfanrtsptleAe Frankfurt a. Hl. umisLt sämtlicne ^nei^e 6er okkenen ^Vonlkanrtspriese in vier Abteilungen. l^sliCestraLe 30 lel. ttsnss 9548 Entstehen und Vergehen einer jüdischen Landgemeinde. Von Oberlehrer i. R. Willy Katz, Stadtlengsfeld. Auf der geraden Linie von Fulda nach Meiningen, direkt südlich von Eisenach, liegt in der Thüringischen Rhön 555 Meter ü. d. M. auf einem Gebirgssattel ein kleines Dörfchen, Aschenhaufen. Von welcher Richtung aus man kommt, so fällt einem schon von weitem ein großes, stattliches Gebäude in der Mitte des Dorfes mit hohen Fenstern und einem spitzen Dach in die Augen. Es ist die Srinagoge. Heute steht sie leer, und der Holzhammer, mit dem der alte Neritz noch vor etwa 2V Jahren jeden Morgen durchsein rhythmisches „Schulenklopfen" (— an Tcheunentor oder Haustür zum Gottesdienst rief, führt ein beschauliches Dasein. 200 Jahre wohnten in diesem Dörfchen Juden, 1695 ließ sich der erste hier nieder, und nicht mehr fern ist die Zeit, in der der letzte verschwunden sein wird. Das Schicksal dieser Gemeinde ist bezeichnend für das Entstehen und Vergehen so vieler jüdischer Dorfgemeinden in unserem Vaterlande. Im Jahre 1548 sicherte der deutsche Kaiser in der Reichspolizeiordnung der gesamten Reichsritterschaft und allen ihren Mitgliedern das Recht zu, wie die übrigen Reichsstände Juden auf ihrem Gebiet zu halten und von ihnen das Schutz- und Schirmgeld zu erheben. Der Reichsfreiherr, Rittergutsbesitzer Dietrich Rab v. Speßhardt zu Aschenhausen, machte von diesem Recht im Jahre 1695 Gebrauch und nahm einen Juden, Kusel, als Schutzjuden auf. 1699 kam Faibel Katz hinzu, der der Stammvater der Katzensteinschen Familie wurde, und Abraham Bronsfeld, 1705 Israel Auerbach und Liebmann Levi, 1707 Josef Elias. Im Jahre 1707 kam der erste Todesfall vor, und der Friedhof wurde angelegt. Die Juden kauften für den Preis von 20 Talern einen Platz am Leichelberg-als Begräbnis und erhielten ihn von der Herrschaft als Lehen. Darauf mutzten sie jährlich als Erbzins und Lehnsbekenntnis 55 Pfd. Pfefferkorner, 55 Pfd. oestoßenen Ingwer und zwei Muskatnüsse jedesmal zu Michaelis uberreichen. Bei jedem Herrenwechsel, spätestens jedoch nach je 30 Jahren, sollte eine Neubelehnung der Judenschaft mit dem Friedhof stattfinden, denn weil dieser Platz ad maQus mortuas