Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
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Wissenschaft unter den medizinischen Disziplinen, die das Recht beansprucht, nicht bloß für die Rätsel der Psychiatrie, des Krankenseelenlebens, eine Lösung zu finden, sondern auch mit ihrer neuen Affektenlehre den Problemen der Religion und Kulturgeschichte, Mythenbildung und Literaturwissenschaft auf den Leib zu rücken. Namentlich waren es die Freudschüler (Rank, Reik, Abraham, L. Levy), die in ihrem Novizeneifer in der Psychoanalyse ein Analhsierwerkzeug und Allheilmittel für alle dunklen Gebiete und Fragen der Neligionsgeschichte gefunden zu haben behaupteten und mitunter die Schr.anken ihrer Fachwissenschaft weit überschritten. (Vgl. Th. Reik, Probleme der Religionspsychologie I. Teil: Das Ritual, Leipzig 1919, und dazu meine Aufsätze im Jeschurun Bd. 8, Heft 1—4, wo Reiks Deutung des Schofarrituals und des Kol-Nidre auf Psychoanalytischer Grundlage als durchaus unhaltbar zurückgewiesen wurde.) Für diesen Uebereifer seiner Schüler, die sich im wesentlichen auf die vermeintliche Lösung von Teilproblemen und einzelne jüdische Zeremonien bis jetzt gerichtet hat, und deren Eifer ziemlich in geometrischem Mißverhältnis zu ihrem jüdischen Wissen steht, brauchen wir den Meister nicht verantwortlich zu machen. Freud selbst hat sich in einer einzigen bedeutsamen Schrift mit der Frage der Entstehung der Religionen eingehend beschäftigt, ohne viel auf die einzelnen Riten und Schriften der herrschenden Religionsshsteme, einzugehen, in seinem Buche „Totem und Tabu" (1912). Eine weitere Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der herrschenden Religionen auf kulturell-Praktischem Gebiete bietet Freuds jüngste vielgenannte Schrift „Die Zukunft einev Illusion". Kern und Ausgangspunkt der Freudschen Ausführungen über die Entstehung der Religion überhaupt ist seine Behauptung: Alle Religionen sind aus einem Gefühl der.Verschuldung entsprungen, und zwar als Folge einer durch Sinnenlust, durch einen Exzeß von Sexualität veranlaßte Urschuld der Urmenschheit. Das Leben des Neurotikers ist ein gutes Abbild der prähistorischen Stufe, auf der die Religionen der heutigen Kulturvölker entstanden sind. Sowie alle krankhaften Erscheinungen im Leben des Neurotikers auf eine bestimmte Ursache, auf ein bestimmtes,-nreist sexuelles Ereignis namentlich der Kinderjahre zurückgeführt werden können, ein Ereignis, das durch Verdrängung in der Erinnerung zwar verblaßt, durch gewisse neu hinzutretende Affekte jedoch reproduziert wird und triebartig im Unterbewußtsein alle Handlungen und Erlebnisse des Neurotikers mitbestimmt, so geht auch die Urform der Religionen auf ein bestimmtes Ereignis in der Kindheit des Menschengeschlechts zurück, und zwar auf einen Vatermord. Urform der Religion war der Totemismus. Ursprünglich waren die Menschen eine Ur¬ Horde (ein schon von Darwin geprägter Ausdruck), die von einem Bater abstammte. Dieser Vater, der Stärkste und seinen Söhnen Ueberlegene, herrschte und hielt die Horde in Gehorsam und Abhängigkeit, und die Söhne verehrten ihn als Gott und Häuptling. Gleichzeitig wurden aber die Söhne, gedrängt von einem libidinösen Jnzesttrieb zur Mutter, die der Vater als Alleinherrscher besaß, auf den Besitz der Mutter eifersüchtig, und aus Eifersucht erschlugen sie den Vater, um in den Besitz der Mutter zu gelangen (vgl. die Oedipussage der Griechen). In der Folgezeit, als die Söhne Reue und Sehnsucht nach dem erschlagenen und doch bewunderten Vater erfaßte, suchten sie einen Ersatz für den Vater, den sie verehren konnten, und diesen fanden sie in einem Totem, einem männlichen Tiere, Stier oder Widder, dem sie „in nachträglichem Gehorsam" die Ehren antaten, die sie dem lebenden Vater zu erweisen nicht mehr imstande waren. Diesem Tiere, dem Totem des Stammes, wurde das Periodische Fest der Totemmahlzeit gewidmet, und diesem Totem wurden allmählich göttliche Ehren angetan. Bei diesen Totemmahlzeiten sorgten immer Haß und Triumph und Liebe (ambivalente Gefühle), aber auch Reue und Sühnegefühle und Schuldbewußtsein für ihre Befriedigung. Diese Verehrung des Totemtieres war die erste Form der Religionsbetätigung der Menschen. Der Totemkultus war gleichsam der Ausdruck eines Vertrages zwischen den Söhnen und ihrem Vater oder Vaterersatz, in dem der Vater, eben jenes supponierte Totemtier, alles zusagte, was die kindliche Auffassung jener UrHorden von ihrem Vater erwarten durfte, nämlich Schutz, Fürsorge und Schonung, wogegen die Kinder aus Angst vor dem Geiste des Vaters sich verpflichteten, sein Leben zu schonen und zu ehren, d. h. jene erste Mordtat an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu Grunde gegangen war. Auf solche und ähnliche Kindheitsereignisse der Urmenschheit seien die meisten Zeremonien der Kirchengemeinschaften zurückzuführen. ^) Diese Theorie von der Entstehung der Religionen durch einen Vatermord und der darauffolgenden Reue und Schuldgefühle mit der Einsetzung des Totemtierkults als Ursprung des Religionsritus hat neuerdings schärfste Kritik hervorgerufen. (Vgl. den Aufsatz von Prof. Carl Clemen: Mythologie, Religionsgeschichte und Psychoanalyse in dem Buche: Auswirkungen der Psychoanalyse, herausgegeben von Dr. Hans Prinzhorn, Leipzig 1929.) Abgesehen davon, daß die Theorie von der einstigen UrHorde sich wissenschaftlich nicht bestätigt, abgesehen davon, daß man sich fragt, warum die Söhne gerade auf den Besitz der Mutter eifersüchtig waren und sich nicht an den Töchtern (Schwestern) schadlos gehalten haben sollen, ist gegen Freud eingewendet worden, daß die Annahme eines durch Jahrtausende wirksamen Reue- und Schuldgefühls der Söhne und Enkelenkelkinder über einen Mord, den sie selbst gar nicht begangen haben, wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat. Reue, Schuldgefühl ist etwas Momentanes, ein Impuls, und es ist wenig einleuchtend, daß eine Gefühlsregung, ein Schuldbewußtsein von einer Tat über viele Jahrtausende fortlebt und in unzähligen Generationen, die an der Tat nicht teilgenommen und an ihr schuldlos waren, wirksam bloibt und den Keim geben soll zur Entstehung der disferenziertesten Religionsriten unserer heutigen Kulturreligionen. Diesen Einwendungen wird Freud allerdings entgegenhalten, daß man bei der Ansetzung von Urgefühlen und Urgeschehnissen und ihren Nachwirkungen nicht nach Jahrtausenden rechnen könne, daß es eben in ihrem atavistischen unterbewußten Charakter liege, daß sie rudimentär und unberechenbar allen Vernunftgründen zum Trotz alle Zeit- und Raumgrenzen durchbrechen und oft sporadisch wirksam blieben. (Man denke nur an die eine Verfehlung Adams im Paradiese, und welche Rolle dieses eine Urereignis im katholischen Glauben noch heute spielt, welch differenziertes Ritual es hervorgerufen hat. Auch die Opferung Isaaks in der Bibel hat Denken und Gebetritus der Juden bis auf heute tiefgehend beeinflußt.) Schwerer dagegen zu halten ist Freuds und der Freudschüler Behauptung, daß auch wir Heutigen an einem Schuldgefühl und an den Urtrieben unserer Vorvorväter tatsächlich noch leiden und *) Auch die Mordtat an C h r i st u s soll eine solche Auflehnung der Menschen gegen die Gottheit symbolisieren und sie soll die Lehre von der Erbsünde zur Folge gehabt haben (nicht Adams Ungehorsam gegen Gott im Paradiese). Auch das Kol-Nidrei am Vorabend des jüd. Versöhnungsfestes soll nach dem Freudschüler Reik zur Erinnerung an einen angeblich in der Urzeit von der UrHorde verübten Vatermord eingesetzt worden sein und das Versprechen involvieren, dasz wir einen solchen Batermord nicht mehr begehen wollen: wir Juden wollen unsere sündhaften Wünsche und Eidbrüche, die darauf abzielen, ähnliche Verbrechen und Auflehnungen gegen Gott zu begehen, durch eine feierliche Erklärung von vornherein unwirksam machen. Wir haben a. a. O. lJeschurun Bd. 8, Heft 3 u. 4) nachgewiesen, daß an diesem kühnen Deutungsversuch Reils kein einziges Moment wahrscheinlich ist, da kein Schimmer eines Beweises vorliegt, daß in biblischer Zeit ein Vatermordgcdanke irgendwo im jüdischen Zeremoniell mitgewirkt oder den Text des Kol-Nidrei-Gcbetes beeinflußt habe. ^in ««rtvsUss sdsr villigss vst«rsvscksnk " on l^- He HI. ^Iviitkol«» » 8otiiII«k'pIat2 7 - unci 2ail 63 M sfliökt clis k^sstssfrsucis. I M » « -»-» -»»«««»»» « « '» W » »