Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 249 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Schmerzen und sonstigen Leiden, in denen die Autoritätspersonen, die der Kranke früher in sich aufgenommen, aus ihm heraus ihn für seine verbotene Luft bestrafen. Das Gewissen (das „Ueberich") regiert und tyrannisiert sogar oft den Menschen. Der Mensch ist ihm nicht nur schlechter, als er will, auch moralischer, als er vermag. So also sieht der zersetzende Geist Freuds aus, den erst vor kurzem ein protestantischer Pfarrer den besten Christen, den er kenne, genannt hat. Und trotzdem haben diejenigen recht, welche sagen, Freud wirke zersetzend, er habe keine Achtung vor dem Heiligsten. Denn das Studium des Einzelmenschen zeigt ihm, wie all die geheiligten Institutionen, mögen sie nun Kirche oder Staat genannt werden, auf nur allzu menschliche Art entstanden sind. Er sieht, wie sie im Individuum immer neu aus Motiven heraus entstehen, die der Ethiker wahrlich nicht gut finden wird. Freud erscheinen die Triebe weder gut noch böse. Das Handeln nur ist der Wirklichkeit, zu der eben die Notwendigkeit, in Gemeinschaft zu leben, in ihr und für sie zu wirken gehört, angepaßt oder nicht. Wer diese Anpassungsmöglichkeit nicht^hat, dem mutz durch Selbsterkenntnis Hilfe gebracht werden, mag er nur gesellschaftlich als krank, unsozial (z. B. faul) oder als Verbrecher gewertet werden. Bei dem Studium der kranken Seelen zeigte es sich, daß nur höchst unvollkommen und mit einem unnötig großen Kraftaufwand auf die bisherige Weise der auf Gewalt aufgebauten Bindungen die Schädigung des Einzelmenschen und der Gemeinschaften hintangehalten werden kann. Denn aus Sorge für die Einhaltung gemeinschaftsnotwendiger Gesetze wie z. B. „Dn sollst nicht morden" werden um das Gesetz nicht nur Zäune gezogen, sondern um die Zäune Mauern, um diese Wälle, Gräben und so fort, bis die ganze Welt zu einem System von Festungen umgewandelt wurde, die sich gegenseitig bekämpfen mit dem Erfolge, daß Menschen massenhaft Menschen morden, nicht mir in Kriegen und nicht nur als Verbrecher, sondern die Gesellschaft als solche, die dem Hunger und der Tuberkulose nicht genügend Einhalt tun kann, weil Kanonen gebaut werden müssen. Freud zeigte auch, wie die Zeremonien der Kirchengemeinschaften dadurch entstanden, daß und welche primitiven Triebe, die gesellschaftsfeindlich sind, beherrschbar gemacht werden sollen. (Dabei hat er, der in wunderbarer Ehrlichkeit sich selbst durchforscht hatte, natürlich auch nicht halt vor den Glaubenssätzen der Religion gemacht, der er entstammte.) Aber man ging einen verkehrten Weg: man suchte die gesellschaftsschäolicheu Triebe nicht nur einzudämmen und umzuleiten, sondern maßte sich an, sie Zu vernichten und — weil das eben auch dem „besten" Menschen — bei ihm sind sie nur auf wertvolle Ziele abgelenkt, „sublimiert" — unmöglich ist, verleugnete man sie. Wo aber Menschen sind, entsteht Unrat. Man kann ihn nicht dadurch zum Verschwinden bringen, daß man Kanalisationen verbietet. Vernünftig ist, eine möglichst gute anzulegen, die Rieselfelder düngt und so Nutzen für die Allgemeinheit schafft. Die Kirchen allerdings entstammen nach Freud nicht dem Sicherungsdrange der Gesellschaft, sondern sind Schöpfungen einzelner: der herrschenden Schicht, beim Kind der Erwachsenen. Freud, der Gottlose, hat 1915, als vou deu Kanzeln der Kirchen herab im Namen des -Gottes der Deutschen, der Franzosen usw. gegen, deu sündigen Feind ausgerufen wurde, seine Stimme für die Menschlichkeit erhoben und sich dabei im Gegensatz zu eben diesen nationalistischen „Frommen" als Europäer bezeichnet. Und in seinem letzten Werke, das gerade von kirchlicher Seite so sehr angegriffen wurde, zeigt er auf, daß die heutige Gesellschaft, die namentlich von den Kirchsngemeinschaften garantiert werde, die überwiegende Mehrzahl von gerechtem Genüsse der Prodnkt-ionsgüter ausgeschlossen sei. Eine Kultur, von deren Nutznießung aber die Mehrzahl der Menschen ferngehalten werde, sei keine Knltnr, eine derartige Gesellschaftsordnung mÄs'se zu Grunde gehen zugunsten einer Gesellschaft, in der die Lust dem Einzelnen nur so weit beschränkt sei, daß er und die Gesellschaft nicht leidet. Man versteht, daß dieser Ethiker und Moralist überall Anstoß erregen muß: den Kirchen- und Staatsgläubigen befleckt er ihr Heiligstes, weil er aufzeigt, wie menschlich dieses angeblich Ueberirdische ist. Den andern ist er nicht radikal genug, denn er kann nicht schrankenlose Hingabe an die Triebe predigen, weil diese — beim einen zur Wirklichkeit geworden — beim andern Leid zur Folge haben muß. Es liegt sehr nahe, daß wir in den antisemitischen Beschimpfungen der politischen Feinde Freuds ein Ablenkungsmanöver sehen. Damit man nicht auf den Kernpunkt seiner Ausführungen eingehen muß, soll er von vornherein als Jude diskreditiert werden. Bei seinen sogenannten wissenschaftlichen Gegnern aber, die immer wieder auf sein Judentum anspielen, mag eine Schuld, ein Bedauern. mitsprechen, daß man ihn aus das gefährliche Gebiet der Seelenkunde «abgedrängt hat, einer praktischen Wissenschaft, und ihn als Juden ausgeschlossen hat von den harmlosen Wissenschaften der Kunstgeschichte und der Archäologie oder Pharmakologie. Um ihr Schuldgefühl zu übertönen, rufen sie: „Der Jude wird verbrannt". Allerdings im letzten Jahrzehnt hat sich doch manches gewandelt: Die Aerztewelt, die Freuds Lehren höhnisch als Phantastereien abgetan hatte, hat wesentlich Thesen von ihm in sich aufgenommen (die Lehre von dem seelischen Entstehen vieler Erkrankungen, die Bedeutung des seelischen Konfliktes mit seinen Folgeerscheinungen der Verdrängung, die Wichtigkeit der Triebe). Lehrer haben das Kind und seine „Unarten" anders sehen gelernt. Geisteswissenschaftler verwenden Freuds Erkenntnisse vom wahren Wesen des Menschen zur Aufhellung geschichtlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge. Ja, manche schießen in ihrem Uebereifer über das Ziel hinaus, versallen in oft recht vage Kombinationen. Demgegenüber gibt es nur eines: ernstes Studium der ernsten Fragen mit derselben opferfreudigen Ehrlichkeit gegen sich selbst, die Freuds Lebenswerk charakterisiert.^) Aus dieser Ehrlichkeit wird dann das erblühen, was aus Freuds Leben und Werken atmet: Liebe. 5) An verschiedenen Orten, wie Berlin und Wien, bestehen Lchrstätien zur gründlichen Orientierung, seit kurzem auch das Frankfurter Psychoanalytische Institut. Zur Lektüre sei ausdrücklich vor den vielen Publikationen Halbwisscndcr gewarnt. Sie vermitteln ein schiefes Bild. Empfohlen kann eigentlich fast nur werden: Freuds „Vorlesungen", Fedcrn-Mcng, Psychoanalytisches Volksbuch und das jetzt in 11 großen Bänden vorliegende Lebenswerk Freuds: Die gesammelten Werke. Hat die Psychoanalyse Konsequenzen für die jüdische Religion? Von Dr. phil. Armin Blau, (Hamburg). Gegner der von Sigmund Freud geschaffenen Psychoanalyse möchten diese Forschungsmethode damit diskreditieren, daß sie ihr Unmoral vorwerfen und Freud als einen der Hauptschuldigen für die Entfesselung der heutigen Junggeneration und ihrer nur auf das Geschlechtliche gestellten Moral verantwortlich machen. Die Psychoanalyse, so behaupten die Gegner, sei geeignet, Religion, Autorität, Sittlichkeit zu untergraben, da sie alle unterirdischen Triebe der Sexualität systematisch freimache und ans Tageslicht zerre und so dazu beitrage, altüberkommene Zucht und Scheu vor religiösen und gesellschaftlichen Bindungen zu lösen. Namentlich leite sich die Jugend einen Freibrief ab für das schrankenlose Ausleben ihrer Triebaffekte, seitdem sie das Untermenschliche, die Sexualtriebe, in den Mittelpunkt ihres Denkens gerückt sehe und sich und andere auf Zwangsneurosen und Komplexe und Verdrängungen hin studiere. Dieser Borwurf des Modekultus Halbreifer, diese Popularisierung und Banalisierung der Psychoanalyse durch Halb- und Unberufene brauchte diese junge Wissenschaft nicht hart zu treffen, wenn sich nicht ein zweiter, ernsterer Vorwurf von feiten ernsthafter Forscher hinzugesellte, nämlich der der Überschreitung der Kompetenzen der Psychoanalyse auf andere, nicht medizinische Wissenschaftsgebiete. Die Psychoanalyse ist nämlich die einzige