Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
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doxem Milieu. Sie gehört in ihrer Mütterlichkeit, vor allem aber in ihrer selbstverständlichen Kameradschaft, mit der sie die bis vor etwa 10 Jahren alltäglichen Anpöbelungen ihres Mannes und ihrer eigenen Person ertrug, zu den sympathischsten Frauengestalten, die ich kenne. Und um dies gleich vorwegzunehmen: diese Familie mit sechs Kindern — man bedenke diese altväterliche Vielköpfigkeit in diesem Milieu! — spielt weiterhin in seinem Leben eine große Rolle, fordert immer neue Arbeit, immer neue Opfer, fast möchte man glauben: die ganze Arbeitskraft, den ganzen Menschen. Aber Freud, isoliert in seinem jüdischen Menschentum, kann keine Freude daran finden, einen Massenbetrieb, eine Patientenfabrik sich zu schassen, wo anteillos Fall auf Fall erledigt wird. Der Kampfruf der neuesten Medizin, daß nicht die Krankheiten, sondern der kranke Mensch das Wesentliche sei, ist ihm von jeher selbstverständlich. Ihn, dem alles menschliche Leid nachlebbar ist, ergreift tief das Leid jedes Einzelnen. Stunden wendet er auf seine Ergründung, täglich eine Stunde durch Wochen, durch Monate, schließlich durch Jahre. Und er erkennt: so nur kann er dem Leidenden helfen, wenn er ihm Liebe gibt, grenzenlose Liebe oder was dasselbe heißt: grenzenlose Zeit in unserer liebeleeren, zeitarmen Epoche. Er nimmt das Leid ernst, tut die Klagen nicht als „eingebildet" ab, wenn sie auch keine körperliche Grundlage haben. Denn er weiß, daß Sich-aussprechen, Sich-rückhaltlos- Anvertrauen dadurch heilt, daß es zur Selbsterkenntnis und zur Selbstbeherrschung führt. Aber dem Praktiker Freud mit seinem aus seinem Judentum heraus so verständlichen Drang nach Ergründung der Zusammenhänge ist sein Streben nach theoretischer Fundierung seiner Arbeit, nach theoretischer Tätigkeit überhaupt unaustreibbar. Aber Theorie gibt es noch so gut wie keine auf jenem Gebiet, das das Arbeitsfeld des praktischen Nervenarztes ist: jener seltsamen Erkrankungen, die keine körperliche Grundlage haben, die „nur nervös" sind. Indem er aber den Leiden dieser Bedauernswerten nachgeht und sich von ihnen erzählen läßt, lernt er ihre Ursachen kennen: es sind seelische, d. h. solche, die in dem Erleben dieses einmaligen Menschen, nicht in den äußeren, allgemein zugänglichen Erscheinungen begründet sind. Das Wort „Seele", der Ausdruck „psychisch bedingt" halten, von ihm geführt, ihren Einzug in die bis dahin seelenlose Medizin. Er studiert die Reaktionen der Menschen auf ihre Erlebnisse, das sind die Affekte, die Gefühlswallungen. Er erkennt, wie ihre Ausbrüche, aus äußeren oder innerlich gewordenen Gründen verleugnet, aus dem Bewußtsein „verdrängt", im Menschen, ihm selber unbewußt, weiterleben, weiterwühlen. Und sich doch immer wieder, dem Menschen selbst fremd und ihm und seiner Umwelt feind, durchsetzen als Krankheitsshmptom. Denn auf der einen Seite steht der Mensch als Einzelwesen, gebunden an seine Körperlichkeit. Die einzelnen Organe dieses Menschen arbeiten gemäß ihrem ererbten Bau und gemäß ihren ererbten Funktionen. Es liegt in dem Menschen ein Drängen eben gemäß diesen Funktionen. Sie sind getrieben von diesem Drängen, wobei jedes Organ so zu arbeiten strebt, als ob es für sich allein wäre. Der Mund z. B. will schlingen, beißen, kauen, saugen, die Ohren wollen hören ü. s. f. Und die einzelnen Organleistungen bringen, während sie sich erfüllen, den Individuen Lust, und Lust gebiert den Wunsch nach neuer Erfüllung, neuer Lust: „Es" will immer neu sich erleben. Aber diese Triebe kommen nicht nur in Konflikt miteinander, sondern auch mit der Außenwelt, auf die das Individuum angewiesen ist, nicht nur um seine Notwendigkeiten zu erfüllen, d. h. als Selbsterhaltungsdrang, sondern noch viel mehr mit jener Außenwelt, die die Objekte der Lust sind, mit den Liebesobjekten. Und darum nimmt der Mensch die Forderung dieser Liebesobjekte in sich auf („Ueberich"), um ein lustvolles Zusammenleben zu ermöglichen. Der Jude Freud aus dem liberalen Bürgermilieu sieht also nicht nur diesen Kampf aller gegen alle, aller Triebe gegen alle Triebe und gegen die Umwelt — er fühlt sich nicht nur darum mit Recht als Nachfolger Darwins —, sondern auch die Notwendigkeit, daß sich die Triebe gegenseitig einschränken und zur Seite schieben, damit das menschliche Zusammenleben und die Kultur ermöglicht werde. Er, der als Jude ausgeschlossen von der Gemeinschaft der reinen Erkenntnis und des reinen Genusses ver Kunst ist, in die er hineingewollt hätte, ist hingewiesen als Jude auf die einzige Gemeinschaft, die gütig und liebevoll zu ihm war: die Familie. In ihr findet das Kind früheste Erfüllung seines Trieblebens und ein Glück, das ihm niemals mehr ermöglicht ist. Weil Freud die Familie alles bedeutet, darum sucht er die Trümmer aus dem zerbrochenen Schicksal des einzelnen Menschen in der Familie und in deren Zerbrechen an der Triebwelt. Alle späteren Erlebnisse sind ihm nur Neuauflagen frühester familiärer Kämpfe, der eifersüchtigen Liebe des Kindes für seine Mutter gegen seinen Vater, gegen seinen älteren Bruder, die ihm diese Liebe einschränken. Aber die Notwendigkeit zwingt dieses Triebwesen („Es") immer wieder, sich den Forderungen der jeweiligen Gesellschaft anzupassen. Immer wieder ist man genötigt, sein Streben nach Lust und Liebe, das an alten Zust¬ und Liebesobjekten hängt, zugunsten der Erreichung neuer Liebesobjekte vor sich und andern zn verleugnen: Kampf des „Lustprinzips" mit >dein „Realitätsprinzip". Doch trotz dieser Verleugnung bleiben diese Triebe in uns, die unbewußten Wünsche bestehen und streben immer wieder in uns und gegen uns, vor allem gegen unser bewußtes Denken, sich durchzusetzen. Und weil sie von unserem Bewußtsein als ungeeignet, unrecht oder läppisch verleugnet werden, tonnen sie sich nur in verhüllter Weise durchsetzen. Sie ziehen sich dazu die Verhüllung von Symbolen an und vor allem die Maske der Krankheit mit ihren