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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-03-01 · 7 (3.1929) · p. Seite 214

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
7 (3.1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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214 Ahlem. Unter dem Titel „Erstrebtes und Erreichtes" hat der Verein ehemaliger Ahlemer zu seinem 25. Stiftungsfest eine Festschrift herausgegeben, d:e jedem, der sich mit dem brennenden Problem der Berufswahl unserer Jugend befaßt, aufs wärmste zu empfehlen ist. In kurzen, durch Abbildungen belebten Berichten beschreiben ehemalige Zöglinge der 1893 gegründeten jüdischen Gartenbau schule in Ahlem ihre Arbeit und die Erfolge, die sie in den von ihnen begründeten Betrieben erzielt haben. Ihre Wege haben sie in alle Welt geführt, und. die Berichte aus Deutschland und Polen, Italien und Palästina, Kalifornien, Kanada und Neu-Guinea u. a. geben ein anschauliches Bild von den Früchten dieser segensreichen Anstalt. Einer dieser Berichte sei hier auszugsweise wiedergegeben. Dlumenkultur ln Berl'N. Am 1. Januar 1927 übernahm ich einen Gärtnereibetrieb in Lichtenrade bei Berlin, der etwa 900 Quadratmeter Glasfläche hatte. Dank meiner ausdauernden Tätigkeit habe ich den Betrieb resp. die Glasfläche auf 3000 Quadratmeter gebracht, die sich auch heute noch als zu klein erweist. Ich werde wohl gezwungen sein, im Laufe dieses Jahres noch weitere 400 bis 500 Quadratmeter Gewächshausfläche zuzubauen. Die 4)4 Morgen Gartenland, die mir zur Verfügung stehen, genügen mir vorläufig, um so mehr, ^'/N S//c6 au/ ns/ne QeVScHsHSllL^. da ich noch von der jüdischen Gemeinde nicht weit von meinem Betrieb 50 Morgen Land hinzu pachten konnte. Das Buckower Gelände habe ich in diesem Jahre mit 20 Morgen Erbsen, 10 Morgen Hafer, 10 Morgen Kartoffeln, 8 Morgen Bohnen und 2 Morgen Gurken bestellt. Mein Kulturplan für das Jahr 1928/29 ist: (folgt die Aufzählung der einzelnen Blumensorten mit einer Gesamtstückzahl von 300 000). Es sind bei mir zurzeit fünf Gehilfen, ein Obergärtner, drei Lehrlinge und sechs Frauen beschäftigt. Privatverkauf habe ich sehr wenig. Die Ware wird zum größten Teil in der Lindenhalle umgesetzt. Das Hauptgeschäft in der Halle dauert von morgens 5-4 bis 7 Uhr. Es ist daher erforderlich, daß ich schon um 2 Uhr früh aufstehe. Ich habe jetzt in der Lindenhalle zwei Stände und führe den Verkauf mit Hilfe eines Lehrlings selbst durch. Eine meiner Hauptkulturen ist auch die Treiberei von Tulpen und Azaleen. Ich habe für das Kulturjahr 1928/29 300 000 Tulpen für die Treiberei, 120 000 für kalte Kästen und Freiland gekauft. Außerdem kommen etwa 25 000 Narzissen, 50 000 Muscari. Der Kundenkreis wird von Tag zu Tag größer, so daß ich über den Absatz nicht klagen kann. Am Schluß möchte ich noch sagen, daß die Aussichten für ehemalige Ahlemer, sich in der Peripherie Berlins selbständig zu machen, sehr gute sind, denn man glaubt es kaum, welche Unmengen an Blumen Berlin verbraucht. Wer sich davon ein Bild machen will, der besuche in den Morgenstunden die Linden-Halle. Siegmund Breuer (Berlin). Aus der Geschichte der Gemeinde. Jüdische Kaffeehäuser in Krankfurt im Anfang des 59. Jahrhunderts. Von Hedwig Kracauer. Der erste öffentliche Kaffeeausschank in der Stadt Frankfurt wurde 1089 von Jacob Thomae in der Drutmannsgasse eingerichtet, die deshalb den Namen „Kaffeegasse" erhielt. Es ist anzunehmen, dag man auch in der Juoengasie bald dem neumodischen kolonialen Getränk auf den Geschmack kam; jedenfalls betrieben die Juden schwunghaften Handel mit Kolonialwaren, den die christlichen Händler mit allen erdenkbaren Mitteln zu unterbinden versuchten. Ob im Ghetto ein spezieller Kaffeeausschank existierte, oder ob man in den Wirtshäusern auch Kaffee erhalten konnte, war mir nicht möglich, festzustellen. Als die französische Kanonade 1796 das Ghetto zerstört hatte und die Juden sich frei in der Slaot bewegen konnten, und als zehn Jahre später das Primatische Organisationspatent ihnen, wenn auch nicht die Emanzipation, so doch ein bis dahin unbekanntes Maß persönlicher Freiheit gewährte, wurden ihnen auch die öffentlichen Lokale in der Stadt zugänglich. Sehr willkommene Gäste scheinen sie aber nicht gewesen zu sein. Wurde doch sogar eines Tages ein französischer Jude, namens Singer, aus einem der Frankfurter Kaffeehäuser ausgewiesen. Er ließ diesen Schimpf freilich nicht auf sich sitzen — fühlte er sich doch als freier französischer Bürger — und beschwerte sich bei Dalberg, der sich über die Angelegenheit ganz entrüstet aussprach, (vgl. Kracauer, Geschichte der Frankfurter Juden, II, S. 300 f.) Es war also entschieden eine gute Spekulation für einen jüdischen Wirt, eine Kaffeeschenke auszumachen. Der Gedanke tag gewissermaßen in der Luft und wurde auch gleich von mehreren aufgegriffen. Im Jahre 1811 wurden der Frankfurter Gemeinde gleich d rei Kaffeehäuser beschert. Als erster trat Seligmann Abraham Hecht auf den Plan. Die Präfektur des Departements Frankfurt erteilte ihm im Mai 1311 „die Personalgerechtigkeit zur Betreibung einer Kaffeewirtschaft innerhalb des Umfangs des jetzigen Judenquartiers". Das Lokal befand sich Lit. L. Nr. XX111 (Bornheimer Straße 1). Für die Konzession mußte Hecht 500 Rlhlr. und für Einschreibegebühr fl. 39 entrichten, als jährliches Ungeld (Getränkesteuer) wurden fl 240 (in 24-Gulden-Futz) festgesetzt. Diese Summe scheint Hecht aber nur ein Jahr lang gezahlt zu haben, vom zweiten Jahr ab 'ind im Buch der Wirte halbjährlich nur fl. 100 gebucht. Hier ei gleich zugefügt, daß die jüdischen Wirte in bezug auf Abgaben >en christlichen gleich behandelt wurden. Diese richteten sich Wohl lediglich nach der Vornehmheit und Rentabilität des Betriebs. Der Wirt des elegantesten Kaffeehauses in der Stadt „Zum Goldenen Roß" auf der Allee (Goetheplatz 5) zahlte ein jährliches Ungeld von fl. 272.44 kr., das 1812 auf fl. 250 ermäßigt wurde, während die „Traiteur Scbäsferchen Eheleute", die „Kaffee an geringe Leute ausschänkten^ (offenbar eine Art von Volkskaffee) 1809 ein jährliches Ungeld von fl. 40 entrichteten. Nur einen Monat später als Hecht eröffneten die Brüder Moses und Joseph Gundersheim unter gleichen Bedingungen ein Kaffeehaus, und zwar Bornheimer Straße 8. Als dritter folgte Abraham Salomon Sichel. Er machte am 22. Oktober 1811 seinen „Koscher Kaffeeausschank" im Bezirk der alten Judengasse auf. Leider wissen wir nichts über die Art des Betriebs und über die Preise :n den neuen Kaffeehäusern. Billig können sie nicht gewesen sein, denn man darf nicht vergessen: es war die Zeit der Kontinentalsperre, daher Kaffee, Tee, Schokolade usw. nur hintenherum, durch Schmuggel, der freilich durch die englische Regierung gefördert und unterstützt wurde, aber nicht im öffentlichen Handel zu haben. (Sogar Gudula Rothschild, die Stammutter der „Fünf Frankfurter", konnte sich, wie berichtet wird, den geliebten Trank nur unter Schwierigkeiten beschaffen. Schriftl.) Für das Jahr 1811 habe ich keinen Kaffeepreis gefunden, er war aber sicher höher als 1603, wo er mit 112 tr. das Pfund notiert ist, Tee mit 4 Rthlr. pro Pfund, während Z. B. ein Pfund Rindfleisch damals 11 kr. neun Eier 8 kr., eine Gans 1 fl. kostete. Man wird sich hauptsächlich — wir haben ja Aehnliches selbst erlebt — mit Surrogaten geholfen haben. Liest man doch in den Annoncen Angebote wie ^Bester Braunschweiger Cichorienkaffee k 8 kr. das Pfund" oder Empfehlungen der Produkte der Kasfeesurrogatfabrik von de Antoni. Wie dem auch war, die drei Kaffeehäuser bedeuteten sicher für die Frankfurter Judenschaft eine neue Art von Lebensreiz. Juden lieben ja heute noch die Kafseehaüsatmosphäre mehr als die der Wein- und Bierwirtschasten. Hier konnten die Männer rauchen, Karten oder Schach zpielen, die Frauen Toilettenschau halten. Jedenfalls ist mir aus großmütterlicher Ueberlieserung bekannt, als eine ihrer leuchtendsten Jugenderinnerungen, daß das ganze Kaffee Hecht sich eines Samstags nachmittags über ihren neuen Schutenhut erregte. Tas Kaffee Hecht scheint überhaupt ein Brennpunkt des Verkehrs gewesen zu sein als beliebteste unter den drei Gaststätten, was nicht besagt, daß dort alles tadellos geklappt hat.

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