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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-03-01 · 7 (3.1929) · p. Seite 213

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
7 (3.1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 213 (sequence 5)
Language
German
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213 in Abessinien, welche die in der Thora vorgeschriebenen Feier-' tage halten, das am 14. Adar gefeierte Purimfest nicht bekannt ist. Wenn die Falaschas überhaupt Nachkommen ehemaliger Juden sind, so wären sie sicher schon nach Abessinien gekommen, bevor das Purimfest zu einem dauernden Gedenktag eingesetzt worden ist. Die Begebenheit, welche die Feier unseres am 14. Adar stattfindenden Purimfestes veranlaßt hat, war eine Erlösung von drohendem Untergang für die Gesamtheit der Juden, die bis auf geringe abgesprengte Teilchen noch einer gemeinsamen Leitung unterstand. Wie die Aufzeichnungen in der Estherrolle berichten, wird der kurz vor dem endgültigen Verhängnis errungene Sieg über den Feind die Veranlassung zu den beiden Purimfeiern am 14. und 15. Adar. Schon diese Feier am 15. betonte den Sieg eines kleineren Kreises innerhalb der großen Gesamtheit, nämlich der in der Estherrolle erwähnten Hauptstadt Susa, und hat daher im Laufe der Jahrhunderte wesentlich an Bedeutung gegenüber dem eigentlichen Purimfest verloren. 557-5/?/?S/./.^. /a/-KlF6 ^V/Lahe/e/e/s/e/! m// su^ F?5ah/a^s. 5l/öe/'FeüSll56 sn/n A'/l^o//e/l. um c/es ///s/o/'/s^e/! ^«ssu/ns.^ Im Verlauf der jüdischen Geschichte werden viele Tatsachen erwähnt, die wie dieses erstmalige Purimereignis an eine unvorhergesehene Rettung erinnern, und die gelegentlich auch in einem bestimmten lokalbeschränkten Bezirk die Feler eines Gedenktages mit besonderen Gebeten und Gesängen und gewissen Lustbarkeiten veranlaßt haben. Nicht alle diese Gedenktage fallen in den Monat Adar oder haben in ihrer Ursache irgendeine Uebereinstimmung mit den Begebenheiten des ersten Purimfestes, bei dem durch das Los („Pur") der Tag des Verderbens bestimmt wurde, der dann überraschend in einen Freudentag verwandelt worden ist. Die Errettung aus irgendeiner Gefahr, die oft natürliche Ursachen hatte, wie z. B. Erdbeben, genügte in den verschiedensten Gegenden zur Einsetzung eines Purimfestes, so daß es m e h r a l s d r e i ß i g Feste gibt, die diesen Namen führen, dem dann ein auf das besondere Ereignis Hinweiseuder Beiname zugefügt wird. Hier sollen jedoch nur solche Feiertage erwähnt werden, die im Adar stattfinden. In Narbonne kam es im Jahre 1236 zwischen einem Juden und einem Christen zum Streit, in dessen Verlauf der Christ durch einen Schlag des Juden getötet wurde. Darauf wollten sich die empörten Christen an den gesamten Einwohnern rächen, sie fingen gleich bei den angesehensten Juden zu plündern an, wurden aber durch das energische Dazwischentreten des damaligen Gouverneurs zur Ruhe gewiesen. Zur Feier wurde damals der Tag dieser unerwarteten Rettung, der 21. Adar, von den Juden Narbonnes zum Purim Narbonne eingesetzt. Im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts wurde Aegypten von den Türken erobert, und die Juden erhielten bei diesem Anlaß eine gewisse Selbständigkeit, für die sie sich dankbar zeigten. Im Jahr 1524 gelang es einem hochgestellten Juden, den Sultan Soliman I. auf eine ihm drohende Verschwörung des ägyptischen Vizekönigs Achmed aufmerksam zu machen, welcher daraufhin aus Rache alle Juden von Kairo umbringen wollte; er bestimmte genau die Zeit für den Beginn des Gemetzels. Inzwischen aber brach gegen Achmed selbst eine Empörung aus, und er wurde von seinen Dienern im Bad ermordet, so daß sein Befehl gegen die Juden nicht mehr zur Ausführung kam. Zur Erinnerung wurde von den Juden von Kairo der 28. Adar zum Purimfest bestimmt, an dem die Begebenheit in hebräischer Sprache der Gemeinde verlesen wird. In ein viel gefährlicheres Stadium waren im Jahr 1616 die gegen die Frankfurter Juden gerichteten Angriffe bereits getreten, als durch das energische Eingreifen des Rates die unerwartete Rettung kam. Schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts waren in Frankfurt Unruhen, weil die Bürger sich gegen die ihnen lästige Konkurren; der Juden auflehnten und deshalb vom Rat eine neue Judenordnung erzwingen wollten. Den Höhepunkt erreichte der Aufstand im^ Jahre 1614, als die Juden von dem aufständischen Pöbel unter Führung des Lebküchlers Vinzenz Fettmilch, des Schneiders Gerngroß und des Schreiners Schopp aus der Judengasse verlrieben wurden. Aber bald danach gelang es, den Aufruhr zu unterdrücken, und am 20. Adar 1616 wurden die obengenannt Führer hingerichtet; die Juden aber, die in benachbarten Orten Un.erkunft gefunden hatten, wurden mit Musikbegleitung wieder in die Stadl zurückgeführt. Die vierzig Famil:enhäup:er, die schon einige Monale vorher ausgelost worden waren, um sich einstweilen in der Stadl niederzulassen, bestimmten den Tag vor der allgemeinen Heimkehr, den 19. Adar. zum Fastlag, den 20. Adar zum „Purim Binzenz". In den allen Frankfurter Familien wird der Tag, ähnlich wie das allgemeine Purimfest, noch durch Versenden von Geschenken feierlich begangen, und im Gottesdienst wird in dankbarer Erinnerung noch heute am Frankfurter Purim das Adaun-Aulom-Gebet nach der Melodie gesungen, die bei der seinerzeitigen Rückkehr die Stadt von der Musikkapelle gespielt worden sein soll. Im Adar gibt es auch für einige Familien und ihre Nachkommen Purimfeiertage, die an die Errettung aus Not und Gefahr erinnern; z. V. wurde von dem berühmten Rabbiner und Gelehrten Jom-Tob Lipmann Heller der 1. Adar zum Purim für seine Familie bestimmt, als es ihm im Jahre 1644 gelungen war, wiederum ein Rabbinat zu bekommen, nachdem er 14 Jahre vorher durch die verleumderischen Anklagen der Prager Juden seines Amtes entsetzt worden war. Ebenso wurde noch im 19. Jahrhundert in Jung-Bunzlau in Böhmen von den Nachkommen des David Brandeis am 10. Adar das „Schir Hamaaloth le Dawid" verlesen, in welchem er die Geschichte seiner Verhaftung im Jahr 1731 erzählt hat, die auf Grund des Verdachtes erfolgt war, daß er an Christen vergiftetes Pflaumenmus (povidl) verkauft hätte. Als sich der Verdacht als unbegründet erwies, wurde Brandeis freigelassen und von ihm für seine Nachkommen der Purim-povidl eingesetzt. Wie bereits erwähnt, gibt es noch eine Menge anderer Purimfeiertage in den verschiedenen anderen Monaten des Jahres. Tie Pürimfeier scheint jedenfalls dem Volksempfinden besonders entsprochen zu haben, sodaß die einzelnen Gemeinden und Familien jede Gelegenheit wahrgenommen haben, um sich für ihren engeren Kreis einen eigenen Purimfeiertag einzurichten. Die für die Feiern bestimmten Spiele, die Grager oder Hamanschläger, die dem ernsteren Volksempfinden mehr entgegenkommenden Gedenkrvllen oder auch gelegentlich vorhandene Gedenkmünzen sind wichtige und sammelnswerte Materialien der Volkskunde geworden. in

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