Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 7 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
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215 Jedenfalls behauptete ein Spaßvogel (Wohl in etwas späterer Zeit) von ihm, in liebloser Werse an ein körperliches Gebrechen des Besitzers anknüpfend: „In diesem Haus ist alles taub geboren, Selbst die Tassen haben keine Ohren." Was die Leistungen des Kaffee Gundersheim anbelangt, so existiert auch darüber ein kleines boshaftes Zwiegespräch: „Gehste mit zu Gundersheim? — Nää, ich geh' zu Hecht. Warum net zu Gundersheim? — Der Kaffee is zu schlecht". Die Gundersheims hatten sich übrigens schon seit 1813 beim konservativen Teil der Gemeinde mißliebig gemacht durch den Beschluß, am 9. Ab ihr Lokal offen zu halten. Am 30. Juli erhob der Oberrabbiner Hirsch Levi Horwitz, unterstützt von den beiden Unterrabbinern, dagegen Protest bei der Großherzoglichen Regierung mit der Begründung, ein solches Vorgehen bedeute die Untergrabung aller Religion, der Erinnerungstag an die Zerstörung des Tempels sei fast dem Bersöhnungstag gleich zu achten. Deshalb möge man dem „Cafetier Guntersheim" das Offenhalten seines Kaffeehauses verbieten. Das Gesuch wurde aber abgelehnt, weil es gegen die Toleranz verstieße, besonders da ja auch Christen im Lokal verkehrten, denen man keinesfalls an diesem Tag den Besuch eines Kaffeehauses verbieten könne, ebensowenig könne man aber die etwa anwesenden Juden hinausweisen. Trotz dieses Zwistes scheint aber das Gundersheimsche Kaffeehaus seine Kundschaft nicht eingebüßt zu haben, es gedieh weiter. Nack dem Tod der beiden Gründer ging es an deren Töchter Elisaöelya Embken und Sergen (Sara) Strauß über. Heute heißt es Kaffee Goldschmidt. Das Kaffee HeHt übernahm 1829 der Sohn des Seligmann Abraham, Feist seligmann, der 1336 in seinem Hause auch eine „Herberge für durchreisende Israeliten" eröffnete, gleich seinem Bruder Meyer Seligmann, der zudem Speisewirt war. Auch das Kaffee Sichel war langlebig. A.'s sein Gründer 1856 stark», hielt seine Witwe Hannchen, geb. Schuster, den Betrieb aufrecht, unterstützt durch die Witwe Vogel Cahn, geb. Goldschmidl, die 1342 im gleichen Lokal für ihre Person die Konzession erhlelt. Ihr Nachfolger war 1348 der Weinhändler Joseph Levy. Z6/au5c/l?e5 Vüt//5c^e /,! /Ca//ee c/e/- /^anA/u/^e/' /4/?5?a^. /a/lua/' 7^9. (/eL/^Sah^F^e/^a,?^.- /. OS e/Vauö/ <?o// <L/FL/!>5aha//i?/! ^/evi/e^e'/!. F. /o/?!^//?/?^/' all^h /ll,' Sn'ttF/. Zum Gedächinis Wolff Breidenbachs. Bon L. Horwitz (Kassel). Der Leib zoll, jene beschämende Abgabe, die den Juden dem Vieh gleichstellte, war in Preußen und Oesterreich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts abgeschafft worden, bestand aber in einem großen Teil Mittel- und Westdeutschlands weiter und wurde in diesen Kleinstaaten, wo sich Grenzpfahl an Grenzpfahl, Schlagbaum an Schlagbcunn reihte, mit brutaler 'strenge eingefordert. Zwei Juden, denen die Vorsehung reiche Geistesgaben und große Geldmittel verliehen hatte, gebührt das Verdienst, die Aufhebung dieser Schmach herbeigeführt zu haben: Israel Jacobson und WolfsBreidenbach. Des ersteren wurde im September v. I. anläßlich seines 100. Todestages allgemein gedacht, aber auch Breidenbach verdient, daß bei seinem 100. Todestag am 28. Februar 1929 sein Name in das Gedächtnis der Nachwelt Zurückgerufen wird. Breidenbachs Wiege stand in Breitenbach, einem Dorf in der Nähe Kassels. Geboren 1751, zeigte er schon als Knabe vielversprechende Anlagen, lernte Talmud beim Lehrer Japhet und zog als Jüngling nach Frankfurt, um hier sein Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Außer Ken Religionswissenschaften eignete er sich auch allgemeine Bildung an. Der Zufall war ihm für sein späteres Leben günstig. Bei einem Buchhändler lernte er einen Grafen kennen, unterhielt sich mit ihm über Schachspiel und wurde dessen Partner. Bald stand ihm das gräfliche Haus offen, und aus dem Talmudjünger wurde bald ein JuwelenhänSler und Banker. Reichliche Mittel stellte ihm der Graf zur Verfügung. Das neu errichtete Geschäft gedieh zusehends. Gewissenhaftigkeit, Takt und Gewandtheit veranlaßten die in der Nähe Frankfurts residierenden Fürsten und Standesherren, mit Breideubach in Verbindung zu treten; er mehrte den Gewinn seiner Auftrag-- geber, die ihn mit damals üblichen Titeln, wie Hosfaktor. Hof- und Kammeragent, ehrten. Bei aller Geschäftstätigkeit lag ihm die trostlose Lage seiner Brüder im Sinn, denen er helfen wollte. Dem Willen folgte bald die Tat. Breidenbach zog nach Offenb a ch, wohin der Fürst von Jsenburg-Birstein seine Residenz verlegt hatte, und stand nun in regerem Verkehr mit seinem Landesherrn. Tie Finanzen des Landes erlaubten es aber nicht, auf die Einnahmen aus dem Leibzoll zu verzichten. Erst als Fürst Karl seinem Vater in der Regierung folgte, verfügte er die Aufhebung der Abgabe am 23. April 1803. Tiesem ersten Schritt folgte der Kurfürst Wilhelm I, von Hessen am 23. September 1803; am 15. Oktober und am 7. Dezember desselben Jahres beseitigten die Fürsten von Solms-Rödelheim und Hessen-Homburg die entwürdigende Abgabe. Bei dem Reichskanzler Karl von Dalberg, dem durch den Frieden von Luneville Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar zugefallen waren, fand Breidenbach kräftigste Unterstützung. Mit leiner Hilfe dachte Br., auf dem Reichstage zu Regensburg die Befreiung Dom Leibzoll durchzuführen, was neben angestrengter diplomatischer Tätigkeit große Summen erforderte. Durch einen „Aufruf au seine Brüder" flössen Br. große Kapitalien zu, mit welchen er „abratende Räte, die kleinen Fürsten und Freien Städte günstig stimmte". Dalberg stellte ihm das Zeugnis aus, daß Br. „Vertreter seiner Nation sei und „seine menschenfreundlichen, persönlichen Verwendungen ihm zum Ruhme und zur Ehre gereichen". Nach vieler Mühe und diplomatischem Geschick erfolgte die Befreiung in Hohenlohe, Neuwied Wied-Runkel, Braunfels, Solms-Rödelheim. Auf Breidenbachs Bittschrift hob das Frankfurter Patrizier-Regiment am 24. August 1804 den Leibzoll auf, Darmstadt folgte am 19. Januar 1805 „dem hierorts anwesenden Hoffaktor Breidenbach". Im März 1805 schloffen sich der Aufhebung die Fürstenhöfe von Nassau-Usingen, Nassau-Weilburg, Löwenstem, Löwenstein- Wertheim, Leiningen und Erbach an. Welch hohe Summen als Ersatz für die den Staatskassen entgangenen Einnahmen aus dem Leibzoll nötig waren, ist bisher aus den zuständigen Archiven nicht festgestellt worden. Der Humanitätsgedanke ging nicht so weit, den Juden ein Geschenk zu geben. Betrug doch die Einnahme in Darmstadt hierfür 25- bis 23 000 Gulden. Und allgemein dürfte es bekannt sein, welche hohen geldlichen Opfer in Frankfurt a. M. für die Gleichberechtigung unter Dalberg und später gebracht wurden. Blut und Geld gaben unsere Vorfahren ja tausendfach hin. Am 28. Februar 1829 ging Breidenbach zur ewigen Ruhe ein. Sein Leben war köstlich, denn auf seiner Lebensarbeit lag reichster Segen. Seinen großen irdischen Besitz konnte er nicht ins Grab nehmen, aber sein Ehrenname „Schtadlon", „Fürsprecher seiner Glaubensgenossen", den nur uoch Joselin von Rosheim führt, sichert ihm die UnVergeßlichkeit der Nachwelt als eines der mutigsten und eifrigsten Kampfer für die Rechte der Juden in deutschen Staaten. Bürgermeister Eberstadt-Worms. In der Januar-Nummer des Gemeindeblattes erzählt Herr S. Rothschild-Worms aus der Amtszeit des in den Jahren 1849 bis 1352 in Worms als Bürgermeister tätig gewesenen Ferdinand Eberstadt. Dem als Kenner der Geschichte der Stadt Worms und ihrer Juden bekannten Verfasser unterläuft nur insofern ein kleines Versehen, als er die in Frankfurt lebenden Träger des Namens Eberstadt als Enkel von Ferdinand E. bezeichnet, während sie in Wirklichkeit Nachkommen seines Bruders Abraham E. sind. Ferdinand Ellerstadts Name hat sich, obwohl er .zehn Kinder hinterließ, nur in drei Zweigen fortgepflanzt. Es sind dies seine Enkel Paul E. in Berlin, Ernst E. in Mexiko und Ferdinand E. in Paris. Letzterer ist der auch in Deutschland wohlbekannte Finanzmann, bis vor kurzem Partner von Dillon, Read Q Co. in New Jork und neuerdings als Sachverständiger bei den Reparationsverhandlungen genannt. Er ist guter Kenner Deutschlands, im übrigen aber als 99prozentiger Amerikaner zu betrachten, da sein Bater Eduard Eberstadl schon vor 60 Jahren nach den Vereinigten Staaten auswanderte. Dr. O. E. Vs gidt ksinendssssren-v^s Kwwe^Aaffee