Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 7 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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Das erste Wort, welches die Bibel über das Zusammenleben von Mann und Weib sagt, zugleich das höchste und schönste, das je über die Einehe gesagt wurde: „Darum läßt der Mann seinen Vater und seine Mittler und schlieM sich seinem Zlveibe an, und sie oerschmelzen zu einem Wesen". Klarer und nnchdrücb>icher konnte die Einehe dem Menschengeschlecht als Ideal seiner Entwicklung Wohl nicht hingestellt werden. Allein diese Entwicklung geht sehr langsam vor sich und erleidet häufige und sehr lang dauernde Rückschläge. Es ist hier nicht der Ort, die Wege ausführlich zu beschreiben, auf denen die jüdischen Gesetzeslehrer — man bezeichnete sie im allgemeinen als „Peruschim", d. i. Pharisäer — dahin gelangt sind, ohne den Wortlaut der Thora und der ursprünglichen Halacha anzutasten und zugleich in Übereinstimmung mit den Forderungen ihrer Epoche die Rechte der Frau zu schützen. Nur in großen Zügen möge hier folgendes angedeutet werden: Die Gesetze der Thora beanspruchen ewiye Geltung, allein ihre Anwendung ist in die Hände der Richter (geistigen Führer) einer jeden Generation gelegt. „Du hast dich nur an den Richter deiner Zeit zu halten." „Jephtha, der geringste unter den Richtern, gilt in seiner Generation grad so viel wie Samuel, der vornehmste unter den Richtern, in seiner Generation." „Kehre dich an die Richter deiner Tage unbedingt, sogar wenn dir scheint, daß sie die linke Hand als die rechte und die rechte Hand als die linke bezeichnen." Diese und ähnliche Aussprüche, die zahlreich im Talmud verstreut sind, bekunden, welch weiter Spielraum in der Anwendung des Bibelwortes den Richtern -gewährt, aber auch welch schwere Verantwortung ihnen aufgebürdet wurde. „Alles was je eiu frommer Jünger der Thora neu ersinnen wird, ist von Gott am Berge Sinai an Moses offenbart worden," lautet ein tiefer Ausspruch im Talmud. Die Thora hegte also zu ihrem Volke das unbedingte Vertrauen, daß, wer immer in ferneren Zeiten mit demütigem und hingegebenem Sinne sich in ihre Worte vertiefen wird, mit aufrichtiger Seele die Wahrheit und Gerechtigkeit suchend, ohne Menschenfurcht, ohne selbstsüchtige Ziele, nicht nach Gewinn haschend, nicht um die Eitelkeit zu befriedigen, — daß er unweigerlich immer nur das finden werde, was Gott dem Moses am Berge Sinai als mündliche Lehre offenbart hat. Er braucht nur den in dem knappen Bibelworte, wie in einer Nußschale eingeschlossenen Gedanken in ihrem Geiste konsequent zu entwickeln und zu Ende zu denken. Alles das, was er fand, war in dem knappen Worte der Thora verborgen und wurde von dem Jünger der Thora neu hervorgeholt. Dies war der Sinn der mündlichen Lebre, dies ist die Genesis der mündlichen Lehre. Der vornehmliche Grundsatz, nach dem die Gesetzeslehrer sich bei der Abfassung der eherechtlichen Gesetze richteten, findet sich umähliae Male im Talmud formuliert: „Die Weisen wachten eifrig über das Wohl der Töchter Israels " Ebenso wiederholt sich häufig der Ausspruch: ..Sind etwa die Töchter Israels Freiwild?" Wie wäre es denn anders möglich gewesen? Ihr höchstes, ihr einziges Ziel war ja nichts anderes als das Gedeihen, das irdische und das seelische Glück ihres Volkes. Dafür fühlten sie sich verantwortlich vor Gott und vor der Welt. Das Glück des Volkes und sein Gedeihen war aufs engste verknüpft mit dem Zustand der Familie. Die Familie aber mußte verfallen und zugrunde gehen, wenn die Frau, die Gattin und Mutter, erniedrigt oder ausaebeutet wurde, wenn ihre Eristenz und ihre Ehre nicht unerschütterlich dastanden. Von der Behandlung, die die Frau in der Gesellschaft erfuhr, hing al>w der Zustand des ganzen Volkes ab. Was Wunder, daß die Weisen Israels, die Pharisäer, eifrig über das Interesse der Töchter Israels wachten? Es kam dazu, daß sie alle zutiefst von der Ueberzeugung durchdrungen waren, daß ..ihre (der Thora) Wege. Wege der Sanftmut und alle ihre Pfade Pfade der Harmonie und des Friedens" waren. Gott hat die Gebote den Menschen gegeben, damit sie durch ihre Bewahrung leben und gedeihen, nicht aber damit sie durch sie zugrunde gehen. Wie wäre es damit zu vereinen gewesen, daß die Frau zu den schweren ihr von der Natur aufgebürdeten Lasten des Gebärens und der Pflege der Kinder auch noch die Tyrannei und Willkür des Mannes zu ertragen gehabt hätte? Man sann also frühzeitig darüber nach, die Frau zu schönen. ..damit es in seinen Augen nicht ein leichtes sei. sie zu entlassen". Schon frühzeitig wurde die „Ketubba" eingeführt, in der feierlich die Verpflichtungen des Mannes gegenüber der Frau festgelegt wurden. Die „Ketubba" wurde bei der Trauung in der aramäischen, allen verständlichen Volkssprache vorgetragen. Es war darin eine Summe vorgeschrieben, die der Mann im Scheidungsfalle der Frau bar auszuzahlen hatte, wodurch in jenen Zeiten, da Bargeld selten war, die Scheidunaslust des Mannes einigermaßen gezügelt wurde. Aber da die Summe bei den Eltern der Frau hinterlegt zu werden pfteate — ein Ueberbleibsel der Primitiven, in den Urzeiten aller Völker herrschenden Sitte der Kaufehe. da der Brauchreis dem Vater gehörte —, so war das Scheiden immerhin nickt allzu schwierig. Es wurde darum angeordnet, daß der Mann die Summe in seine Wohnungseinrichtung steckte. Aber es kam trotzdem vor, daß der Mann in ausgeregter Laune zu der Frau sagte: „Ninrm deine „Ketubba" lnämlich die betreffenden Stücke der Einrichtung) und geh deiner Wege." Nicht viel sicherer war es. als der Mann die der Frau zugedachte und von seinem Vermögen ausgeschiedene Summe in feine Geschäfte steckte. Erst Simon b. Schetach undJehudab. Tabbai führten ein, daß der Mann mit seinem ganzen Besitz für die „Ketubba" bürgte, die bar ausbezahlt werden mußte. Wie unzählige Aussprüche zeigen, verdammte die öffentliche Meinung die Scheidung, wenn der Mann sie beantragte, aufs schärfste. Die Festlegung einer vermögensrechtlichen Erschwerung schien den Pharisäern ein viel wirksameres Mittel gegen die Willkür des Mannes, aber als das wirksamste unter allen Mitteln mußte ihnen die Einführung eines Scheidungsrechtes der Frau erscheinen, welches schließlich beide Gatten gleichstellte. Alle diese Neuerungen der Pharisäer fanden den Beifall der Bolksmassen, die zu ihnen voll Vertrauen und Verehrung emporblickten und sie als Repräsentanten ihrer Seele, als ihre geistigen Führer betrachteten. Nur einer Klasse oder Partei waren die Verordnungen und überhaupt die Lehren der Pharisäer ein Dorn im Auge und sie hörte nicht auf, sie zu bekämpfen. Das waren die Sadduzäer, der plutokratische Hochadel, der mit der römischen und griechischen Aristokratie verkehrte und sich viel von ihren Sitten und Gesinnungen aneignete. Die Sadduzäer erkannten ebenfalls die Bibel als Grundlage des Rechtes an, allein sie hielten sich strenge an den starren Wortlaut des Textes und verwarfen .alle Deutungen und Deduktionen der mündlichen Lehre, die Neuerungen der frommen Jünger und der forschenden Weisen, die seit den Urzeiten eine Generation der anderen mündlich als lebendigen Kommentar zu den Worten der Thora überlieferte. Die herrschenden Gewalten lieben stets ein starres, unbewegliches Gesetz, das als objektive Macht dem subjektiven Geist des Individuums gegenübertritt und ihn beherrscht. Aber der Geist der Pharisäer hat endgültig gesiegt, all das Große, was das Judentum der Welt aegeben hat, ist aus dem Pharisäertum hervorgegangen. Die Pharisäer waren die Führer eines Volkes, das gegen einen harten, übermächtigen Unterdrücker und gegen übelgesinnte Nachbarn um sein Dasein schwer zu kämpfen hatte, eines Volkes von lebensdurstigen Menschen, die es als ihre Aufgabe betrachteten, Gottes Willen hier auf Erden zu verwirklichen, dessen erstes Gebot lautete: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllet die Erde und bezwingt sie!" Die erste Sorge der Pharisäer mußte also nicht den „Verschnittenen um des Himmelreiches willen" gelten, sondern dem Manne und dem Weib, die sich einander innig anschließen, um Nachkommen zu zeugen und großzuziehen, und wenn ihr Bund aus irgend einem Grunde in die Brüche gegangen ist, redlich von einander scheiden wollen, ohne daß eines dem anderen Unrecht tut. Darum setzten die Pharisäer zwischen Mann und Weib das Gesetz. Amsteu?kinemstogrspkie! Inre Litern, Kinäer uncl k^reuncle filmen 5iv mit einem Kino Apparat von I» »14. ZekUIsrpIsI? 7 uncl LS I-Iauptvvacne Konstaoler V/acne Die Emilie im k^ilm ist 6ie ledencie Lkronik purimfeiertage im Adar. Von Lt»a Posen. Freudige und traurige Ereignisse sind im Verlauf der Geschichte häufig durch die feierliche Auszeichnung eines Tages besonders gewürdigt worden, und wenn der Anlaß bedeutend genug war, wurde die Feier des Tages nicht nur einmal, unmittelbar nach dem Geschehen, gehalten, sondern zu einer dauernden Einrichtung gemacht. Geburt und Tod, Unterdrückung und Befreiung, Sieg und Niederlage auch eines einzelnen werden,'wenn das Schicksal dieses Einzelmenschen allgemeinen Anteil findet, zum Gedenktag für viele, die sich in dieser Beziehung als Einheit fühlen und Persönlich von dem Ereignis berührt werden. So verhält es sich auch bei den religiösen Gedenktagen. Fast alle Feiertage der Juden können mit einem geschichtlichen Ereignis, in Verbindung gebracht werden, das die gesamte Einheit der Juden so tief betroffen hat, daß es noch nach Jahrtausenden nicht vergessen werden konnte. Das große Ereignis wird von den Juden der ganzen Welt einheitlich gefeiert, wenn auch gelegentliche kleine Abwandlungen (Minhagim) bei den in der Thora vorgeschriebenen Festen wiederum kleinere Kreise innerhalb des Gesamtjudentums zu einem noch fester verknüpften Ganzen zusammenschließen. Als nach der Zerstörung des Reiches Israel und der Wegführung aus dem Reiche Juda nicht mehr die ehemalige feste Einheit des jüdischen Volkes vorhanden war, konnten die später entstandenen Feiertage sich nicht mehr an dieselbe Gesamtheit wie, früher wenden. So wird die Tatsache erklärt, daß denFalaschas