Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 6 (2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
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doch der unbemittelte Ausländer immer noch nicht in vollem Maße den Schutz und die Fürsorge der staatlichen Behörden wie der wandernde Inländer. Das Hauptübel besteht darin, daß es ihm infolge veralteter Bestimmungen unseres Arbeitsrechts fast zur Unmöglichkeit gemacht wird, auf dem gewerblichen Arbeitsmarkt als produktives Glied der Volkswirtschaft einen Platz zu finden. VI. Die Mittel der jüdischen Wanderfürsorge. Ergänzungsfürsorge. Bevor nun im einzelnen dargelegt werden soll, mit welchen Nutteln die jüdische Wanderfürsorge arbeitet, muß daran erinnert werden, daß der Charakter der gesamten jüdischen Wohl fahrtspflege heute ein ganz anderer ist als vor dem Kriege. Weil früher der Etat der jüdischen Wohltätigkeit größer, die Zahl der Hilfsbedürftigen aber kleiner war, konnte man sich den Luxus erlauben, als Ersatz für die öffentliche Fürsorge einzutreten und die Petenten ganz aus eigenen Mitteln zu betreuen. In der heutigen Zeit der schweren Not muß sich die jüdische Wohlfahrtspflege mit der bescheidenen Rolle zufrieden geben, die gesetzlich festgelegten Fürsorgemaßnahmen lediglich zu ergänzen. So ver» sucht denn auch die jüdische Wanderfürsorge bei jedem vorkommenden Fall, erst diejenigen Stellen der öffentlichen Fürsorge, die pflichtgemäß für den Hilfesuchenden einzutreten haben, in Anspruch zu nehmen, bevor sie ihrerseits — als freiwillige Zusatzleistüng — ihm unter die Arme greift. Die Fahrkarte. Aus der Problematik der allgemeinen und der jüdischen Wanderung sowie aus der Knappheit der vorhandenen Mittel ergibt sich die Tatsache, daß es nicht immer leicht ist, den Wanderern durchgreifende Hilfe angedeihen zu lassen. Verhältnismäßig einfach liegt der Fall bei denen, die ein bestimmtes Reiseziel vor Augen haben, die also nur aus zufälliger Notlage oder infolge besonderer Familienereignisse gezwungen sind, ihren Wohnsitz, zu verlassen und sich zu Verwandten und Freunden "der an elne^aüdere'Arbeitsstelle zu begeben. Nachdem ihre Angaben, ihre ^persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, ihre Ausweis- Papiere Und Arbeitsbescheinigungen genau nachgeprüft, Auskünfte, eingeholt, BHa und Einreisegenehmigungen besorgt worden sind, erhalten sie ihre Fahrkarte, die sie auf'möglichst weite Strecken — z^ B. von Königsberg vis Berlin, von Köln bis Hannover — befördert und schnell ans Ziel bringt. Arbeitsbeschaffung. Wesentlich schwieriger ist die Behandlung der Wanderer, die ohne festes Ziel von einem Ort zum anderen ziehen, immer in der Hoffnung, endlich Unterkunft und Arbeit zu finden. Es wäre natürlich sinnlos, sie in ihren Reisegelüsten zu bestärken. Man muß' vielmehr verbuchen, sojern es sich um arbeitssähige und arbeitswillige Menichen handelt, ihnen an Ort und Stelle Arbeit zu beschaffen. Wie schwer das in der heutigen Zeit der Wirtschaftskrise und Erwerbslosigkeit ist, kann man sich vorstellen, aber ein gut'funktionierender jüdischer Arbeitsnachweis oder zum mindesten ein Zusammenarbeiten mit dem öffentlichen Arbeitsamt leistet hierbei gute Dienste und hat schon manchen Entgleisten vor Verzweiflung und Untergang bewahrt. Rückwanderung. Gelingt es jedoch nicht, die Wanderer in Arbeit zu bringen, so ist es wohl am ratsamsten, sie zur Rückwanderung in die Heimat zu veranlassen, denn dort haben sie Angehörige und Freunde die sich ihrer annehmen, dort haben sie Beziehungen, die ihnen den Wiedereintritt in die Produktion erleichtern können. Dort ist auch — sofern es sich um deutsche Staatsangehörige Handel: — der Ort ihres „gewöhnlichen Aufenthaltes", und der zuständige Bezirkssürsörgeverband ist hier gesetzlich verpflichtet, sie so zu unterstützen, daß sie es nicht nötig haben sollten, ihr Glück auf der Wanderschaft zu suchen. Bei Ausländern wird es wohl nur in seltenen Fällen — wenn sich die politische und wirtschaftliche Konju.nktur im Osten bessert — möglich sein, die Rückwanderung zu Mnpfehlen. Am besten wäre es freilich, wenn man ihnen gleich nach ^Ueberschreiten der deutschen Grenze — also in Beuthen oder Breslau, Schneidemühl, Königsberg — klarmachen könnte, daß es seinen Sinn habe, ohne Geld und Ziel, vielleicht auch ohne Paß. im Ausland umherzureisen. Aber hier würde man tauben Ohren predigen, denn die Emigranten sind in den östlichen Grenzorten noch voll Gegenwartsfreude und Zukunftsglauben, und erst viel' später, nachdem sie hin und her gewandert sind und Enttäuschungen und Entbehrungen erfahren haben, werden sie allmählich für Belehrungen zugänglich. ^' VII. „Produktivierung" der Fürsorge. Bisherige Versuche. Nun idarf man sich aber nicht der Tatsache verschließen, daß daK- Problem der jüdischen Wanderfürsorge durch Organisation und Weiterbeförderung allein nicht gelöst werden, kann. Seit langem ist man sich darüber einig, daß das bisherige Softem der bloß unterstützenden Wohlfahrtspflege durch produktivere Formender Fürsorge zu ersetzen ist, daß man den erwerbslosen Wan-' derer wieder in die volkswirtschaftliche Produktion einfügen, ihm „Arbeit statt Almosen" geben, die Unterstützung von Arbeitsleistungen abhängig inachen muß. An praktischen Versuchen, den „Wanderer ohne Zweck und Ziel" an einem Platz festzuhalten und zur Arbeit heranzuziehen, hat es nicht gefehlt. Einige Großgemeinden — Berlin, Frankfurt, Breslau, Köln u. a. — sind auf diesem Wege, vorangegangen und haben erwerbslose Glanbens-- genosjen, meist Wanderer, mit leichter gewerblicher Arbeit (Halzspalten, Schreibarbeit, Friedhofsarbeiten. Brockensammlnng) beschäftigt. Interessant sind einige Zahlen über die „Kleider-- ka m m er" der Berliner Gemeinde, in der etwa 25 bis W Personen tätig sind. Die Kosten beliefen sich auf etwa 72 NW Mark im Jahr, der Erlös der Arbeit betrug etwa kl) 000 Mark, so daß also nur ein verhältnismäßig geringer Zuschuß. 400 bis 500 Mark je Kopf und ^ahr, erforderlich war. Wenn man bedenkt, daß die bloße Unterstützung dieser Menschen etwa das Doppelte gekostet hätte, so kann man selbst diesen kleinen Versuch beinahe als „rentabel" bezeichnen. Da aber alle bisherigen Maßnahmen, den Wanderern dnrch Notstands- und Gelegenheitsarbeiten zu helfen, wegen ihres allzu bescheidenen Umfangs nicht imstande waren, eine nennenswerte Entlastung der Fürsorge herbeizuführen, so hat man vorgeschlagen, diese handwerklichen Einrichtungen der Großgemeinden zu wirklichen „W a n d e r a r b e i t s st ä t t e n" auszubauen. Gewiß ist. jede neue Arbeitsmöglichkeit für jüdische Wanderer zu begrüßen, allein man darf nicht vergessen, daß die Durchführung auf mancherlei Schwierigkeiten stoßen würde: einmal kommt k)ierfür immer nur gauz leichte Arbeit in Frage, die. jeder ohne Vorkenntnisse leisten kann; sodann hat man stets damit zu rechnen, daß das selbständige Handwerk darin eine unangenehme Konkurrenz sieht und daß es nicht leicht ist, die hergestellten Dinge loszuwerden. Endlich ist es in der Großstadt überaus schwierig, die Insassen ständig zn kontrollieren; selbst bei noch so strenger Disziplin wird es sich nicht vermeiden lassen, daß manche jede freie Minute dazu benutzen werden, sich dura) Hausbettel Nebeneinnahmen zu verschaffen. Ein großes Projekt. Aus diesen Gründen hat man nun seit einiger Zeit den Plan erwogen, eine landwirtschaftliche Arbeiterkolonie zn errichten, in der die Aermsten nnd Bedauernswertesten unter den jüdischen Wanderern, die zwar arbeitsfähig nnd arbeitsnnllig, aber nur schwer im Wirtschaftsleben unterzubringen sind; fo lanäc Aufnahme und produktive Beschäftigung finden sollen, bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen können. Die Kolonie ist in erster Linie gedacht für die Vorbestraften, die eben aus dem Gefängnis entlassen werden, für die Staatenlosen, die nicht in die Heimat zurückkehren können, sowie für alle diejenigen, die irgendwie ans der Bahn geschleudert worden sind, also für die professionellen Almosenempfänger, die die Geschäftsleute brandmarken und das Ansehen des Judentums schädigen, die aber noch nicht jeden moralischen Halt verloren haben. Auch viele Durchwanderer mit festem Reiseziel, die gar nicht in Deutschland bleiben wollen, die aber wochenlang auf die Erledigung ihrer staatsrechtlichen Verhältnisse und ihrer Pässe warten müssen, werden hier gegen Arbeitsleistung Obdach und Unterhalt erhalten. Es ist natürlich nicht beabsichtigt, aus all diesen Menschen Landwirte oder Landarbeiter zu machen, denn mit den Bestrebnn-- gcn, eine Berufsumschichtung der Juden durch Siedlung anzubahnen, hat das Projekt der Arbeiterkolonie nichts zu tun. Ebensowenig soll hier ein ländliches Asyl für Alte. Kranke und Sieche oder ein Dauerheim für Obdach- und Erwerbslose geschaffen werden. Die Kolonie soll vielmehr eine bloße Durchgangs- ' st a t i o n sein, in der die Wanderer einige Monate bleiben können, bis sie eine dauernde, ihrem Können entsprechende Arbeitsstätte gefunden haben. Sie will in den unglücklichen Menschen, die meist seit langem keine geordnete Arbeit gewöhnt sind, die heiligen Segenskräfte zur Entfaltung bringen, die aus jeder ehrlichen Arbeit sprießen, sie will den Arbeitswillen und die Arbeitsfähigkeit in ihnen stärken und sie durch Arbeil zum Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen erziehen. Sie will ferner der Leitung Gelegenheit geben, ihre Schützlinge gründlicher kennenzulernen, als dies in den bisherigen Fürsorgestellen möglich ist, damit sie durch enge Verbindung mit dem Arbeitsnachweis um so besser auf dem Stellenmarkt untergebracht werden könnend Seit kurzem besteht nun die Aussicht, daß diese Pläne die bisher nur als „Utopie von gestern" erwogen worden sind. „Wirklichkeit von morgen" werden. Die „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge" hat ein genaues Projekt ausgearbeitet, das von Sachverständigen gutgeheißen und vor wenigen Wochen sSept. 1923) von der „Reichsarbeitskommission der jüdischen Landesverbände Deutschlands" angenommen worden ist. Es handelt sich um etwa 2000 Morgen Land in der Nähe. Berlins, die etwa 300 000 Mark Anlagekapital erfordern und 50 Kolonisten landwirtschaftliche und gärtnerische Arbeit, daneben auch handwerkliche Beschäftigung bieten sollen. Da man annimmt, daß die Insassen sich durchschnittlich zwei bis drei Monate in der Kolonie aufhalten werden so können hier im Jahr 200—250 Menschen in produktiver Weise untergebracht werden Es ist natürlich klar, daß dies Wanderaröeitsheim sich nicht aus eigener Kraft erhalten, sondern einen jährlichen Zuschuß — etwa 15- bis 20 000 Mark —