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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-02-01 · 6 (2.1929) · p. Seite 176

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
6 (2.1929)
Date
1929-02-01
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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erfordern wird. Dies kommt daher, weil man es nicht mit vollwertigen Landarbeitern, sondern mit Kaufleuten und Handwerkern zu tun hat, die von Landwirtschaft so gut wie nichts verstehen und vielleicht nur V»—V>-. dessen leisten wie der gelernte Landarbeiter. Außerdem sind sie mehr oder minder ausgehungert und abgerissen, ermüdet und abgestumpft, und stellen daher an das Betriebskapital, an Nahrung und Kleidung, erhöhte Anforderungen. Wenn die „Hauptstelle" in der jüdischen Öffentlichkeit die nötige Unterstützung findet und die Finanzierung des Werkes gelingt, soll schon im kommenden Frühlahr mit den Gründungsarbeiten begonnen werden. Alle, die an der jüdischen Wohlfahrtspflege Interesse haben, müssen wünschen, daß die Bemühungen der „Hauptstelle" von Erfolg gekrönt seien und die hohen Erwartungen, die sich an das ideale Beginnen knüpfen, in Erfüllung Zehen. VIII. Wettere Zukunftsaufgaben. Die Schaffung einer landwirtschaftlichen Arbeiterkolonie aber darf uns nicht zu dem Glauben verleiten, daß nun alle Arbeit geleistet, jede Schwierigkeit behoben sei, und daß man jetzt beruhigt die Hände in den Schoß legen könne. Vielmehr muß man einsehen, daß, wenn damit auch viel für die Wanderer getan ist, doch noch mancherlei zn tun übrig bleibt. 1. Da es in vielen Großstädten heimatlose jüdische Wanderer gibt, die sich dort, oft mit Frau und Kindern, schon seit Jahren aufhalten und die unmöglich in eine Berliner Kolonie überführt werden können, so wird es notwendig sejn, anch in der Nähe von .Frankfurt, Breslau, Köln usw. ähnliche Wanderarbeitsheime, wenn auch in kleinerem Maßstabe, ins Leben zu rufen. 2. Die jüdischen Arbeitsnachweise, die unbedingte Voraussetzung jeder produktiven Wanderfürsorge, müssen ferner vermehrt und besser ausgebaut werden. Sie sind auf harmonische Zusammenarbeit mit den öffentlichen Arbeitsämtern angewiesen und bedürfen einer straffen Zusammenfassung durch eine „Reichszentralstelle", damit örtliche Verschiedenheiten des jüdischen Arbeitsmarkts besser ausgeglichen werden können. 3. Da die materiellen Schwierigkeiten der Wanderer in letzter Linie oft auf seelische Not zurückzuführen sind, so mutz die jüdische Wanderfürsorge wie alle Wohlfahrtspflege überhaupt — noch mehr als bisher bestrebt sein, auch auf Gemüt und Charakter der Hilfesuchenden einzuwirken. Daher sollten hier, wie es bisher schon in manchen Großgemeinden der Fall ist, nur Männer und Frauen tätig sein, die nicht bloß die erforderlichen Fachkenntnisse besitzen, sondern anch das Herz am rechten Fleck tragen und selbst in scheinbar hoffnungslosen Fällen, erfüllt von warmem Mitgefühl und gesundem Optimismus, ihren Schützlingen mit klugem Rat und rechter Tat znr Seite stehen. 4. Auch die Organisation der Wanderfürsorge, so anerkennenswert sie heute ist, rann noch vervollkommnet werden. Noch immer steht sie in manchen Landesteilen bloß auf dem Papier, noch immer gibt es viele Gemeinden, die sich, entgegen dem Hillel- Wort, von der Gesamtheit absondern, die die Provinzialkassen weder ideell noch materiell unterstützen und sich nur dann an sie wenden, wenn sie für einen Wanderer Unterstützung brauchen. 5. Hand in Hand damit hat die jüdische Wanderfürsorge noch mancherlei Aufklärungsarbeit zu leisten. Trotz aller Warnungen von feiten der „Hauptstclle" gelingt es ge>chickten Schnorrern und Berufsbettlern immer wieder, in kleineren wie größeren Gemeinden Unterschlupf und Unterstützung zn erhalten. Darum sollte die Oeffentlichkeit deutlich darüber unterrichtet werden, daß dem einzelnen Wanderer, der an der Tür bettelt, mit noch so gut gemeinten Almoscnpfennigen wenig gedient wird, daß vielmehr allein die fachmännisch geleitete Fürsorgestelle, an die die Wohltätigkeitsspenden zu richten sind, imstande ist, die Würdigkeit und Bedürftigkeit des Armen nachzuprüfen und zweckmäßige Hilfe zu gewähren, endlich daß die modern organisierte Wohlfahrtspflege 'in keiner Weise einen Gegensatz zur traditionellen „Zedakah" bildet. 6. Schließlich müssen die Spitzenorganisationen der jüdischen Wanderfürsorge und Wohlfahrtspflege immer wieder und wieder versuchen/die gesetzgebenden Körperschaften sowie die Reichsnnd Staatsbehörden dahin zu beeinflussen, daß die rechtlichen Beschränkungen für ausländische Wanderer, die schon seit langem in Deutschland weilen und gewerbliche Arbeit snchen, endlich fallen. Die Arbeit der jüdischen Wanderfürsorge ist also voller Schwierigkeiten und Probleme, aber auch voller Aufgaben und Ziele. Und ebenso wie dafür gesorgt ist, daß die Bänme nicht in den Himmel wachsen, besteht auch keine Gesahr, daß das Ideal aller Fürsorge, sich selbst überflüssig zu machen, auf diesem Gebiete bald verwirklicht werden wird. Solange die Notlage unserer östlichen Glaubensbrüder andauert, solange die deutschen Juden unter den Folgeerscheinungen des Weltkrieges zu leiden haben, so lange wird auch die jüdische Wanderfürsorge ein weites Feld für mitfühlende Herzen und mitschaffende Hände sein. Und darum ist es notwendig, daß alle diejenigen, die in sozialer Arbeit einen Weg zur Verwirklichung messianischer Ideale sehen, in erhöhtem Maße an dem edlen Werk der Sorge für die Unsteten und Flüchtigen Anteil nehmen. Die Größe der Aufgaben, die Fülle der Schwierigkeiten soll uns dabei nicht schrecken, die Vielgeschäftigkeit unseres Alltags, dem es immer - an einer Kleinigkeit, an Zeit fehlt, darf kein Hindernis bilden. Das kluge Wort aus den „Sprüchen der Bäter" muß uns eine Mahnung sein: „Der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß ... Dir liegt es nicht ob, sie zu vollenden, aber dir hast auch keiu Recht,, dich deshalb von ihr Zu drücken." Aus der Geschichte der Gemeinde. Straßennamen. Die nachstehend verzeichneten Frankfurter Straßen find nach Juden oder Abkömmlingen von Juden benannt. Soweit sich nähere Daten über die für die Benennung gewählte Persönlichkeit ermitteln ließen, sind sie dem Straßennamen beigefügt. Albert Lmel-Straße (Dr. jur. Albert Linel, geb. 1. 133S zu Blieskastel, gest. 17. 2, 1916 zu Frankfurt a. M., Förderer von Kunst und Kunstgewerbe). Börne-Platz und Börne-Straße (Ludwig Börne, geb. 18. 5. 1736 zu Frankfurt a. M., gest. 13. 2. 1837 zu Paris, Schriftsteller). Cassella-Straße (Leopold Cassella, geb. 1770 zu Friedberg, 'gest. 23. 3 1347 zu Frankfurt a. M., Gründer der chemischen Fabrik Mainkur). - Ettlinger-Straße (Rafael Ettling er, geb. 16. 4. 1852 zu Karlsruhe, gest. 28. 1. 1909 zu Frankfurt a. M., Kaufmann, langjähriger Vorsitzender des Vorstands der Synagoge am Börne-Platz, Mitglied des Gemeindeausschusses). Flesch-Straße (Dr. jur. KarlFlesch, geb. 6. 7. 1833 zu Frankfurt a. M., gest. 15. 8. 1915 zu Frankfurt a. M., Stadtrcn, langjähriger Vorsitzender des stadtischen Armen- (Wohlfahrts-) Amts). - . Geiger-Straße (Geh. Justizrat Dr. Berthold Geiger, aev. 6. 1. 1847 zu Breslau, gest. 24. 10. 1919 zu Frankfurt a. M., langjähriger Stadtverordneter, Vorstandsmitglied " des Ostendvereins, Vorsitzender der Anwaltskammer, des Anwaltsvereins, des Notarvereins, Mitglied des Provinziaiausschusses, des Kommunal- und Provinziallandtags, Mitglied der Elektrizitätsgesellschaft, des Bahnamts der Stadt Frankfurt, Mitglied der Fortschrittspartei und Freisinnigen Partei, Ausschußmitglied des Verbands der deutschen Juden). Georg Speyer-Straße (Georg Speyer, geb. 1. 1. 1835, zu Frankfurt a. M., gest. 24. 4. 1902 zu Frankfurt a. M., Bankier, Gründer und Förderer zahlreicher wissenschaftlicher Stiftungen). Hallgarten-Straße (Charles L. Hallgarten, geb. 18. 11. 1833 zu Mainz, gest. 19. 4, 1908 zu Frankfurt a. M., bekannter Philanthrop, der sich in hervorragender Weise auf allen Gebieten des Wohlfahrtswesens betätigt hat). Heidelbach-Straße (Henriette Heidelbach geb. Gans, geb. 13. 6. 1829 zu Frankfurt a. M.. gest. 25. 12. 1909 zu Frankfurt a. M., Stiftern: zugunsten der Kinderfürsorge). Heine-Straße (Heinrich Heine, geb. 13. 12. 1797 zu Düsseldorf, gestl 17. 12. 1856 zu Paris, Dichter). Henry Budge-Straße (Henry Budge. geb. 20. 11. 1840 zu Frankfurt a. M.. gest. 20. 10. 1923 zu Hamburg, Förderer gemeinnütziger Bestrebungen, Stifter eines Altersheims). Herxheimer-Straße (Sanitätsrat Dr. Salomon Herxheim e r, geb. 22. 9. 1849 zu Dotzheim, gest. 12. 8. 13911 zu Frankfurt a. M., bedeutender Dermatologe). Hochschild-Straße (Kommerzienrat Zach a rie H o ch s ch i l d , geb. 16. 5. 1854 zu Biblis, gest. 6. 11, 1912 zu Frankfurt a. M., stand viele Jahre an der Spitze der Metallgesellschaft, Förderer wohltätiger und gemeinnütziger' Bestrebungen). Jacob Schiff-Straße (Jacob Schiff, geb. 16. 3. 1852 zu Frankfurt a. M., yest. 16. 12. 1920 zu New York, bekannter Wohltäter, dem seine Vaterstadt Frankfurt zahlreiche Stiftungen verdank). . . ,

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