Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 6 (2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
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Frauen zur Immatrikulation zugelassen Wörden sind. (Ministerialerlaß vom 18. 8. 1906.) Borher durften sie nur als Gasthörer den Vorlesungen beiwohnen. Die Zähl der Studentinnen betrug 1908/09 687 gegen 23 377 Männer. 1913/14 bereits 2217 gegen 27 564 Männer, 1927/23 Z647 gegen 32 663 Männer. Das Fraüenstudium hat sich also fast sechsmal so stark wie dos der Männer entwickelt. Gegenwärtig sind die Schulwissenschaft Und Medizin dos wichtigste fraüenstudium. IM Jahr 191t waren von den Studentinnen' in Preußen Wer ein Zehntel (11.21 Jüdinnen. Während nun die nichtjüdische Studentin sich überwiegend den Fächern Zuwandte, die für den Lehrberuf vorbereiten, studierten von den 189 Studentinnen jüdischen Glaubens mit deutscher StaatSan^ehöriigket 53 Medizin 8 Zahnheilkunde. 5 Iura, 16 Kameralia und Land- Wirtschaft. Es bleiben so für die übrigen Berufe 55N übrig. Wie sah es im Wintersemester 1927/Z8 aus? ' . Tabelle IV. Zahl der studierenden Frauen (in Klammern ist der Anteil der Ausländerinnen beigefügt) Evangelische Katholische Judentum Sonstige in der jurist. Fakultät 220 ( 92) 103 ( 2) 56 ( 9) 18 (^--) in der medizin. ., 503 ( 36) 242 (1Z) 163 ( 33) 84 (W) in der Philos. ., 2402 ( 77) 1s37 (44) 255 ( 57) .183 (27) Überhaupt 3310 (121) 1847 (60) 515 (100) 294 (52) Frauen insgesamt 5966 (333) Nach obiger Tabelle betrug der Prozentsatz der Jüdinnen 8.6, nachdem er im Wintersemester l926/27 9?6 und iin Svuimersenlestcr 1926 8.2^ betragen hatte. (Zeäenkt be! stten kreuäiAen Anlässen 6er ^üZIsctien ^Voklkakftspklexe frankkurt a. ^l. postscdeckkonw rjr. 54893 Probleme jüdischer Wanderung und Wanderfürsorge. Von Sr. Max Seeitg. (Schluß) IV. Von der Äohltätigkeit zut Wöhlführtspftege. Lange Zeit Hindurch war die Art der H i t f e l e i st u N g f ü r bedürft ige Wanderer mehr gut gemeint als zweckentsprechend. Man nahm die Wanderer als „Schabbesgäste" ins Haus, man gab ihnen Obdach und Speise, man druckte ihnen ein paar Geldstücke in die Hand, damit sie in die NnchbargeMenldc fähren konnten, und dort wiederholte sich das gleiche Spiel. Auch die „Unterstützungsbüros für Wanöerarme". die sich lange vor dem Krieg in vielen größeren Gemeinden gebildet hatten, könnten an dieser Praxis nicht viel ändern, und es ist wohl keine Uebertreibung, wenn diese Einrichtungen als „SchNvrreMtchtanstälten" bezeichnet worden sind. Denn dieses System des unsystematischen Almosenspendens machte „aus Vernunft Unsinn, aus Wohltal Plag?". Es gewöhnte den Armen ans Schnorren, es lähmte seinen Willen zur Arbeit und Selbsthilfe, es minderte sein Verantwortungsbewußtftiil und stahl ihm seine Menschenwürde. So wurde er allmählich zum Schmarotzer det arbeitenden Menschheit uud sank in Sie Schicht der Wander- Und Hausbettler hinab, aus der ein Wiederaufsteigen nur schwer mögliH ist. Ferner war diese geistlose Art des Gabens völlig unproduktiv, denn sie erforderte einen großen Apparat von Fürsorgebeyörden und vergeudete viel Arbeit und Geld, ohne doch auf die Dauer wirklich Helsen zu können. Und endlich lockte matt dadurch immer neue Scharen aus dem Osten herbei, die auf diese bequeme Weise sich arbeitsloses Einkommen zu vcrschassen gedachten. Diese unhaltbaren Zustande drängten schon vor dem Kriege zu einer durchgreifenden Reform. Bereits im Jahre 1910 wurde — auf Anregung von Bernhard Feilchenfeld in Köln — eine feste Organisation, die „Deutsche Zentrale für jüdische W a nde r er s ür so r g e" gegründet, die sich über einem Netz von „Provinzialkassen" aufbaute. Diese Kassen, die sich in zahlreichen Großstädten bildeten, wollten die Wanderer aus möglichst weite Strecken befördern, damit sie nicht nötig hatten, voit Ort zu Ort und von Haus zu Haus zu ziehe«, um sich die Mittel zur Weiterreise zusammenzubetteln. Mehrere Jahre hindurch hat die neue Organisation mit gutem Willen und großem Geschick gearbeitet und manchen Erfolg erzielt, aber der Krieg hat auch dieses verheißungsvoll begonnene Werk zunichte gemacht. Als gegen Ense des Krieges der Wandererstrom ans dem Osten bsdenklichen Umfang annahm, mußten besondere HilfsoMNisüt-WNett ins Leben MrUfett werden. . So entstand das Mrböiterfürsorgesmk der jüdischen Organisation e n. D e u t s ch l a n d s", das 192s, nachdem wieder nor- 174 malere Verhältnisse eingetreten wären, in der „Häuptskells für j n ö i j ch e W a n o ercrfürsorge u N d Arbeits» n ach weise" aufging. Diese Zentrale hat es Dank unermüdlicher Arbeit ihrer Leiter — verstanden, in überraschend kurM Zeit das Netz der früheren Provinzialkassen wieder äitMett zu lassen und die Organisation über das ganze Reich auszudehnen. Es bestehen heute ^- Ende 19^8 in der jüdischen MM?- fnrsörgc acht Landesverbände mit zusammen 25 Prövinziallässen, ferner Mehrere Absertiaungssteljen an den Grenzstationen. Auch mit dem Ausland ist inan in enge Beziehungen getreten und hat n, a. Abkommen mit den jüdischen Wohlfährtsörganisätignen. Frankreichs, der Schweiz und der Tschechoslowakei getroffen. Für die Abfertigung der Wanderer hat Sie .HaNptstelle" einheitliche Richtlinien geschaffen,- die jedoch den Provinzialkassen genügend SpiclraNin lassen, um jeden Einzelfall Nach seiner besonderen Lägcrnng zu erledigen. Ein gut ausgödachkes SyststN von „Melde- und Warnungslisteii" gibt der Zentrale Nicht NM die Möglichkeit, in jedem Augenblick eine genaue Uebersichi über die Zahl der Wanderer, ihre Zusammensetzung, ihre ReiseWeHc. sowie über die verausgabten Kosten zu gewinnen, es setzt sie auch in die Lage, die unwürdigen Elemente, die aus dem Bette!» Mött Beruf machen, von der Fürsorge auszuschalten und Mit SLn beschränkten Mitteln in rationeller Weise die bestmögliche Hilfen leistUng zn gewähren. Eine eigene Zeitschrift, die „Indische Arbeits- und Wänderfürsorge". die die ..Hauptstelle" (in Gemeinschaft mit anderen Organisationen der jüdischen ArbeitsfürsöMe) seit Jnli 1927 herausgibt, unterrichtet die Oefsentlichketk in trefft licher Weise über die im Titel genannten Gebiete, sowe über östt gesamten Fragenkomplex der judischen BevölkcrNngs- und SöZisl- Politik. (Ihr verdankt auch dieser Aussatz mancherlei MöterMl.) V. Ein Vergleich mit der christlichen WandersUrsorge. Da das Deutsche Reich die komplizierte Materie der Wanderfürsorge — trotz wk'derhölter Versuche noch nicht Mötzlich geregelt hat. so wird es naheliegen, daß die Mische Wänderfürsorge. die ja in ihrer organisierten Form recht jungen Datums ist. sich sür ihre Tätigkeit die christliche Schwester, die schon über eine mehr als fünfzigjährige Erfahrung verfügt, zum Muster nimmt. In der christlichen Wandersürsorge, die in der Hauptsache aus Pastor v. Bodelschwingh in Bethel zurückgeht, sind dreierlei Einrichtungen geschaffen worden: die Herbergen zur Heimat, die Wnnderarbeitsitätten und die Arbelterkolonien. Während die „Hcrbcraen zur Heimat" dem selbstzählenden Wanderer für billiges Geld Unterkunft und Verpflegung bieten und WMN möglich — auch Arbeit zu beschaffen suchen, wollen die „Wanderarbe-itsstätten oder Verpslegungsstationen" ^- meist kleinere Arbeitsplätze für 19^20 Mann ^- dem völlig Mittellosen für einige Tage „Arbeit statt Almosen" gewähren Und ihm ermöglichen, sich ohne BNtelel. durch die Arbeit feiner Hände, yött VerpflegNngsstation zu BerpflegUNgsstation durchzuschlagen. > Die großen landwirtschaftlichen Arbeiterkolonien endlich haben die Aufgabe, den Wanderer, der keine Arbeit finden kann, so lange ---- oft viele Monate hindurch — aufzunehmen und zu beschäftigt, bi5 er im Wirtschaftsleben wieder einen Posten erhält. Es ist selbstverständlich, daß die jüdische Wanderfürsörge diese Einrichtungen nicht ohne weiteres übernehmen kann, denn die äußeren wie inneren Bedingungen ihrer Tätigkeit sind in mancher Beziehung anders gelagert. Einmal ist die Zahl der jüdWm Wanderer, wie wir gesehen haben, verhältnismäßig klein. Während die christliche Wänderfürsorge täglich etwa 16 00Ü Personen betreut, kann die jüdische Wanderfürsorge die 699t) Schützlinge, die im Laufe eines Jahres bei ihr vorsprechen, leicht überschen. . So ist es ihr möglich, alle Fäden in einer Zentrale, zusammenlaufen zu lassen und von bier aus den gesamten WanSerstköM zu überwachet^ zu regeln und zu leiten. Die besondere soziologisch« Struktur der deutschen Judenheit, die keine geschlossenen jüdischen Siedlungen kennt, sondern über das ganze Reichsgebiets Mstvsttt wohnt, bedingt ferner, daß die Wanderfürsorge in wenigen Wekk ausciuander liegenden Großgemeinden, die allein finanziell leistungsfähig sind und auch über genügend geeignete PersönlichkeitM verfügen, konzentriert sein mutz. Darum kennt die jüdische Wänderfürsorge nicht das weitverzweigte Netz von Asylen, Hembergen und Ärbeitsstätten, durch die die Tatsache der WäNbtztUNH eigentlich als berechtigt und notwendig hingenommen und MrÄ>M begünstigt wird. Darum gibt es bei ihr auch kein „Tippeln" Mf der Landstraße von Ort zu Ort, vielmehr werden die jüdischen Wanderer auf streng vorgeschriebenen Eisenbahnstrecken in schtMster Weise von Großstadt zu Großstadt befördert. Auch in bezug auf das M e n s ch e n m a t e r i a l ist die jüdische Wänderfürsorge in gewisser Beziehung besser daran als die christliche, denn der hier so häufige Typ des pathologischen LandstreichSrs, d. h. des Asozialen, der infolge krankhafter Veranlagung dazu verdammt ist, auf den Landstraßen umherzuirren, fehlt ihr fast völlig. Die Zahl der berufsmäßigen Schnorrer, die diesen Elementen am ehesten entsprechen, spielt keine große Nolle und nimmt übrigens im selbeü Maße, wie sich die Organisation vervollkommnet, ab Dagegen wird die Arbeit . der jüdischsn Wanderfürsorge dadurch sehr er'Hwert. daß Mehr als zwei Drittel ihrer Pfleglinge Qstjuden sind. Wenn auch die letzten Fahre manche Besserung des Auslämsrvechts gebracht haben, so genießt