Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 5 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hause die hungrige Familie auf den Kiddusch warten zu lassen, was unser Verfasser heftig, aber wie man sieht, vergeblich bekämpft hat. „Josif Omez" erwähnt den kabbalistischen Brauch, am Sabbat nur hebräisch zu sprechen, — wodurch man auch vor überflüssigem Geschwätz bewahrt sei; ich kenne eine alte Sefardin — und es soll ihrer viele geben — die den Sabbat in absolutem Schweigen verbringt — eine wahrhafte Vorwegnahme des künftigen Heilszustandes. Die Feier der großen Herbst- und Frühlingsfesttage litt darunter, daß sie stets mit der Frankfurter Messe zusammenfiel. Um diese Zeit war alles wie aus dem Häuschen. Man hatte keinen Sinn für Essen und Schlafen, man kam zur Not noch zum Beten, aber zum Thoralernen fanden sich nur Leute, die sich besonders dazu verpflichtet hatten; auch die Bestattung der Toten, sonst ein Ehrendienst der Vornehmen, wurde in der Messezeit geradezu vernachlässigt, so daß unser Verfasser einen speziellen Beerdigungsverein ins Leben rufen mußte, welcher übrigens der Kern der heutigen Chewra Kadischa ist. Andererseits wurde die Feststimmung durch die Anwesenheit der vielen auswärtigen jüdischen 'Messebesucher gewiß erhöht; man mußte aus diesem Grunde, wie heute, besondere Gebetsräume für die Hohen Feiertage bereitstellen; das neue Backhaus diente dazu. Die Neumondstage galten noch als Feste, insbesondere für die Frauen; und zwar zur Erinnerung daran, daß sie seinerzeit nicht, wie die Männer, ihren Schmuck zur Anfertigung des Goldenen Kalbes hergegeben hätten. Ein Fest derFrauen war auch seit altersher Chanukkah; man aß Käsespeyen zur Erinnerung an jenen Käse, den angeblich Judith dem Holofernes gereicht habe. Die Verknüpfung der I u d i t h g e s ch i ch t e mit dem Lichtersest ist uralt und geht vielleicht bis auf die Abfassungszeit des apokryphen Buches zurück. Käsespeisen aß man, wie heute noch, auch am Pfingstfeste Schawuoth; doch den „schönen und guten Brauch", Kuchen in Form siebensprossiger Leitern zu backen, welche an die 7 Himmel erinnern sollen, die seinerzeit am Sinaitage durchschritten wurden, habe ich nicht mehr gesehen. Pur im wurde schon damals durch Berkleiden und Aufführungen belebt; beim „Schlach mones" war es beliebt, komische und anzügliche Zusammenstellungen zu finden; ist das noch Sitte? Das Hauptmahl am Abend wurde offenbar öffentlich, vielleicht im „Judentanzhaus", eingenommen. Kinder, die an Festtagen geboren wurden, erhielten entsprechende Namen; am Purim z. B. Mordechai oder Esther; dieser Brauch geht in die jüdische Vorzeit zurück (so hatte der Prophet Chaggai seinen Namen davon, daß er am „Chazg", dem herbstlichen Hauptfest, geboren wurde) und ist im Osten noch heute lebendig. Im allgemeinen darf man übrigens auf Grund des „Josif Omez", wie anderer älterer Quellen sagen: so sehr unser Werktag sich von dem unserer Altvordern unterscheidet, unser Feiertag gleicht dem übrigen bis in die überraschendsten Einzelheiten. Die allgemeine Bildung war natürlich die zeitübliche rabbinische. Letztes Ziel war die auf Kenntnis und Schlagfertigkeit beruhende Fähigkeit, den Gegner in der gelehrten Diskussion zu schlagen; ein Bildungsideal, das mehr die Rechthaberei als die Wissenschaft, und mehr die Eitelkeit als die Religiosität förderte. Gerade damals standen allerorts in Israel einsichtige Männer auf, die eine entschiedene Kritik an diesem System übten und Reformvorschläge brachten. Der bedeutendste unter ihnen war Wohl Delmedigo aus Creta. der sich abwechselnd in der Türkei, in Polen, Litauen und verschiedenen Teilen Deutschlands (z. B. Worms) aufhielt und einen detaillierten Plan für eine verbesserte Erziehung aufgestellt hat. Auch unser Verfasser, der selbst eine weite Bildung und ausgesprochenes Pädagogisches Talent besaß, sab klar die Schäden seiner Zeit. Sein ganzes Streben geht dahin (ebenso wie das Delmedigos). seine Mitbürger von der unfruchtbaren formalen zu einer inhaltlich wohlfundierten jüdischen Bildung hinzuführen. Die Heilige Schrift, das Grundbuch aller Religion, soll in allen ihren Teilen gründlich gelehrt werden, während damals selbst „viele Rabbiner niemals die Bibel gelesen haben!" Die Gebete und die (im Frankfurter Ritus besonders schwierigen) Festliturgieen müssen sprachlich und sachlich genau verstanden werden. Zur Bildung des Herzens sollen die moralphilosophischen jüdischen Bücher gelernt werden, wenn es sein muß, eben in deutscher Uebersetzung. Auch für die eigentlichen rabbinischen Wissenschaften wendete Rabbi Josef Hahn ein hier nicht näher zu beschreibendes Verfahren an, welches in erster Linie auf Erfassung des Inhalts abzielte. In der Kindererziehung wucherten uns noch wohlbekannte Mängel: auf der einen Seite ungebührliche Verwöhnung und demgegenüber maßlose Härle, die öfters geradezu zu Katastrophen führte. Hier, wie im feinem allgemeinen Bildungsprogramm, mochte der Verfasser durch seine guten Ratschläge vereinzelt Gutes wirken; grundlegende Aenderungen konnte erst eine Umwandlung der politischen und sozialen Lage der Judenschaft bringen. Rabbi Hahn sagte einmal, daß er sein (hebräisch geschriebenes) Buch in einer Spräche verfaßt hätte, die „a l l e" ohne Schwierigkeit verstehen könnten. „Alle", natürlich die Männer; von den Frauen setzt der Verfasser als selbstverständlich voraus, daß he kein Hebräisch kennen, womit ihnen, von wenigen Uebersetzungen abgesehen, die damals mögliche jüdische Bildung verschlossen war. Dafür scheinen sie sich bereits in jener Zeit gewissen allgemeinen Wissenschaften zugewandt haben, wie es auch in den strenggläubigen Kreisen des Ostens bis heute vielfach Sitte ist, daß die Jungens die jüdische und die Mädchen die allgemeine Bildung erhalten; jedenfalls bezeugt unser Verfasser die uns etwas modern anmutende Tatsache, daß die Töchter der reicheren Häuser Musikunterricht bei nichtjüdischen Lehrern genossen. Ueberhaupt darf man sich natürlich die Judenschaft nicht als eine von der Außenwelt abgeschnittene Insel vorstellen. Deutsch schreiben und etwas Lateinisch konme jeder bessere Kaufmann jchon aus geschäftlich-juristischen Notwendigkeiten. Und wenn die vornehmen, weitgereisten Handelsleute ihre Wohnung mit Gemälden aller Art. Landschaften und Porträts, schmückten, so dürfen wir füglich annehmen, daß wenigstens einige von ihnen auch etwas von der Kunst verstanden haben. Ueber das Verhältnis zur nicbtjüdischen Umgebung wird ziemlich wenig gesagt. Nach Bereinigung der Fettmilchschen Angelegenheiten wird wohl kein akuter Grund dafür vorhanden gewesen sein. Wenn man die Judengasse verließ, hatte man zwar gelegentlich Schimvfrufe und sogar Bewerfung mit Schmutz oder Steinen zu gewärtigen, aber da diese Insulten behördlich verboten waren und man also gesetzlich gegen sie einschreiten konnte, wenn man wollte, machte man sich nicht viel daraus. Jedenfalls findet sich in unserem Buch nich'.s von jener bitteren Animosität, die öfters in älteren jüdischen Werken als begreifliche Reaktion anzutreffen ist. Zu den Frankfurter Mitbürgern (etwas ungenau, da die Juden keine Bürger waren) hatte man übrigens, und begreiflicherweise, ein besonderes Nahverhältnis. Sie werden ncckifchelw, se „Toschav" genannt, was etwa mit .Meisasse" zu übersetzen ist. Mit einem anderen Frankfurter wagte man sich ruhig allein auf die Reise, wa» sonst im allgemeinen nicht empfehlenswert war. Einige Interieurs. Das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges wird als Stätte der Verrohung und Verwilderung dargestellt. Und doch fing gerade damals feinere französische Sitte an, überall Einzug zu halten. Nun finden sich in allen Minhagbüchern A n st an d s r e g e l n, aber doch nicht in der Art des „Josif Omez". Man soll d-.e Speise zierlich mit zwei Fingern halten, soll nicht schmatzen (beim Genießen des beliebten Knochenmarks), soll beim Essen nickt von unappetitlichen Dingen reden, beim Gähnen den Mund verdecken, sich nicht über den Tisch (bei Suppe) beugen, etc. etc. Der Küchenzettel muß übrigens vom heutigen ziemlich verschieden gewesen sein, schon weil man damals zwischen Fleischig und Milchig nur eine Stunde wartete und deshalb z. B. größere Mahlzeiten mit Käse beschloß; zwischen Fleisch und Fisch (immer in dieser Folge) gab es zur Anregung des Appetits Zwetschgen (natürlich „Kwetschen" geschrieben); am Sonntag aß man Milchiges, als dem Wochentag, an dem der Tempel zerstört worden sei. Auch eine Mode gab es damals schon, doch wie stets galt das Neue zunächst als unschicklich. Der Verfasser gedenkt mit Wehmut seiner Jugendzeit; damals ging noch alles Weibervolk in züchtigem Schwärz oder Weiß, jetzt aber kleide es sich in schreiendem Rot und allerhand buntem Zeug; auffallen müssen sie eben immer, einmal ist's die Farbe, ein andermal die Länge des Rockes, dann der Schnitt: Dauer im Wechsel. Ueber absonderliche und abergläubische Bräuche kann wegen der Fülle des Materials hier nicht gehandelt werden. Hübsch ist die Sitte, sich einen Spahn vom Stadttor in den Hut zu stecken, wenn man auf die Reise geht; dann kommt man bestimmt zurück; auch soll derjenige, der das Geleit gibt, sich dreimal (aber nicht mehr) nach dem Abreisenden umsehen. Unser Verfasser ist, getreulich der urjüdischen Anschauung, im Prinzip gegen jeden Aberglauben; was ihn allerdings z. B. nicht hindert, die aus dem alten Babylon stammende Becherweissaguna (man gießt Tropfen Oels in Wasser und deutet die entstehenden Figuren) für löblich zu halten — da man ja reuig würde, wenn man Schlechtes prophezeit bekäme. Eine besondere Charakteristik der Frankfurter Juden von damals, so weit sie sich nicht schon aus dem Vorhergehenden ergibt, auf Grund des „Josif Omez" zu entwerfen, Ware nicht ganz das Richtige; denn ein Sittenbuch beschäftigt sich in der Hauptsache nur mit denjenigen Eigenschaften, die es zu b e s s e r n unternimmt. Da ist z. B. die l o se S P o t t s u ch t und Lust am Kritisieren, die unser wohlwollender Verfasser in beredten Schilderungen wieder und wieder zu bekämpfen sucht. Am heiligen Versöhnungstage, im heiligen Augenblick der Thoravorlesung, steckt man die Köpfe zusammen und bekrittelt die Ausgerufenen: womit hat es schon der verdient, an einem solchen Tage dieser öffentlichen Ehrung teilhaftig zu werden? Bei Trauungen steht man beiseite, hört nicht auf die Segenssprüche (Predigt gab es sowieso nicht), sondern macht seine Bemerkungen. Am meisten richtete sich die Spottlust natürlich gegen die, der pietistischen Zeitströmung entsprechende, übertriebene Frömmigkeit, und unser Verfasser wird nicht müde, seine Getreuen zum' Ausharren zu ermahnen, auch da wo sie lächerlich wirkten. Uebrigens meinten schon damals die Dummen weise zu scheinen, wenn sie andere verspotteten. Mit der Spottsucht verwandt ist der Hochmut. Statt aller Einzelheiten zitiere ich das markante Schlußwort: „Mögen meine Worte sein „eine stolze Krone", ein prächtiges Diadem, für den Rest