Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-01-01 · 5 (1.1929) · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
5 (1.1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094336-3094340--1645-3096375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hörten verschiedenen Schichten und Gruppen an und hatten mannigfache Schicksale durchlebt, ehe sie zu Objekten der Fürsorge herabsanken. Aus der geographischen Lage des Deutschen Reiches, das die Brücke zwischen Ost- und Westeuropa bildet, folgt ohne weiteres, daß 'der jüdische Auswandererstrom durch deutsches Gebiet hindurchfluten mußte. Und so sind denn, besonders seit der Zeit, als die beiden größten Dampferlinien, die Hapag und 5er Norddeutsche Lloyd, sich die Förderung der Zwischendeckpassasiere angelegen sein ließen, jährlich fast 100 000 ostjüdische Flüchtlinge über Hamburg und Bremen ausgewandert. Nicht alle jedoch erreichten ihr Ziel! Wie aus einem Schwärm Zugvögel immer einzelne untüchtige Geschövfe zurückbleiben und elend zugrunde gehen, so blieben auch im jüdischen Auswandererstrom die Schwächsten am Wege liegen, ohne das überseeische „gelobte Land" erreichen zu können. Teils waren sie körperlich nicht den Strapazen der Reise gewachsen, teils reichten ihre finanziellen Mittel nicht aus, teils erwiesen sich ihre staatsrechtlichen Verhältnisse als nicht in Ordnung, teils erlahmte in ihnen schon unterwegs der Wille zum Durchhalten. Einzelne Gruppen. Zu diesen Armen, für die die jüdische Wohltätigkeit sorgen mußte, kamen noch die bereits erwähnten Ostsuden hinzu, die von den deutschen Militärbehörden während des Krieges als Arbeiter nach Deutschland gebracht worden waren. Sie wurden nach Friedensschluß, als man sie nicht mehr brauchte, zuerst entlassen, fanden aber in den hochgehenden Wogen der Inflationszeit vielfach neue Betätigungsmöglichkeiten. Durch die Stabilisierungskrise wieder brotlos geworden, Wandren sie sich größtenteils den westlichen Ländern, Frankreich und Belgien, zu. wo die dortige Jnflationskonjunktur sie eine Zeitlang über Wasser hielt. Als aber auch im Westen stabile Verhältnisse eintraten, strandeten sie hier wiederum und fluteten nun rasch nach dem Osten zurück. Wohl die bedauernswertesten Opfer der politischen Umwälzungen im Osten sind aber die S t a a te n lo sen. Sie kamen während des Krieges und in der Folgezeit bei Nacht und Nebel, ohne Paß und Heimatschein, über die Grenze geflüchtet, oder sie haben aus anderen Gründen ihre alte Staatsangehörigkeit verloren, ohne eine neue erlangt zu haben. Nun können sie weder in ihre Heimat zurückkehren noch nach Uebersee auswandern, müssen also Wohl oder übel in Deutschland bleiben. Natürlich darf die Schar der Schnorrer nicht ganz vergessen werden, d. h. jener Menschen, die, auf das gute jüdische Herz und die Pflicht zur Zedakah vertrauend, aus dem Wander¬ und Hausbettel einen Beruf machen. Sind es auch — rein menschlich gesehen — meist recht interessante Typen voller Witz und „Chuzpoh", so bilden diese problematischen Naturen doch in mehr als einer Beziehung die Sorgen- und Schmerzenskinder der jüdischen Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege. Deutsch-jüdische Wanderer. Neben den verschiedenen Kategorien ostjüdischer Wanderer in Deutschland gibt es auch deutsche Juden, die ohne Heim, ohne Arbeit und ohne Mittel find und darum auf Wanderschaft gehen. Vor dem Krieg war der Anteil der deutschen Juden an der jüdischen Binnenwanderung außerordentlich gering (nur 5—6 Proz.), denn die wirtschaftliche Lage der deutschen Judenheit mußte im großen und ganzen als günstig bezeichnet werden. Das ist nun nach dem Krieg anders geworden. Deutsche Juden sind heute in erschreckend hohem Matze — im Aahre 1927 mit 25—30 Prozent — an der züdischen Binnenwanderung beteiligt. In dieser Zahl^ die die Tendenz hat, noch weiter anzusteigen, kommt die ganze Not zum Ausdruck, die der Krieg und seine Folgen auch über die deutschen Anden hereingebracht haben. Da der jüdische Mittelstand, der ja zu den Hauptleid tragenden des Weltkrieges gehört, infolge seiner Verelendung vielfach nicht mehr in der Lage ist, seinen Angehörigen eine gründliche Berufsausbildung angedeihen zu lassen, so ist es erklärlich, daß diese bei einer Verschlechterung der Konjunktur leicht ihre Stellung verlieren und in Not geraten. Meist sind es kaufmännische Angestellte, die durch den Prozeß der Rationalisierung und Kartellierung abgebaut wurden. Besonders traurig ist das Schicksal der älteren Angestellten, die oft schon mit 30 Jahren zum alten Eisen geworfen werden und nur schwer wieder eine entsprechende Beschäftigung finden können. Trifft dies Los alle im Handel tätigen Personen, so kommt noch eine Erscheinung hinzu, die sich lediglich auf die Juden beschränkt: das ist die Boykottierung der jüdischen Angestellten, die immer mehr um sich greift und sogar vor jüdischen Firmen nicht Halt.macht. Auch die Zahl der jüdischen Strafentlassenen aus der Inflationszeit, die nach Verbüßung ihrer Gefängniszeit arbeitslos geworden sind, ist nicht gering. All diese Menschengruppen wollen Arbeit, wollen wieder einen Platz im Wirtschaftsleben erlangen, und wenn sie in ihrer Heimat keinen geeigneten Erwerb finden, oder wenn die örtliche jüdische Fürsorge versagt, so gehen sie meist auf Wanderschaft, um ihr Glück wo anders zu versuchen. Ein paar Zahlen. Damit jedoch kein falsches Bild von dem Umfang der heutigen judischen Wanderung entsteht, müssen ein Paar Zahlen angeführt werden, die sie mit der Zeit vor dem Kriege in Beziehung setzen. Wieviel jüdische Binnenwa n d erer es heute bei uns gibt, ist freilich nicht genau bekannt; nur die Zahl der von der organisierten jüdischen Fürsorge betrauten Wanderer'läßt sich errechnen. Statistisch erfaßt werden hier nämlich nicht die physischen Personen, sondern die „Fälle", die „Abfertigungen", aber wenn man für jeden Einzelwanderer im Durchschnitt drei solcher Abfertigungen pro Jahr ansetzt, wird der errechnete Personalbestand von dem tatsächlichen Wohl nicht allzu sehr abweichen. Während es 1913 in Deutschland 43105 Abfertigungen, d. h. etwa 14 400 Einzelwanderer gab, wurden , ' .' 1926 18 076 Abfertigungen (,— ca. 6000 Personen), 1927 17 103 Abfertigungen (,— ca. 5700 Personen) gezählt. Von diesen kommen heute, wie bereits erwähnt, 25-^-30 Prozent auf deutsche Staatsangehörige., Von dem Rest entfällt etwa die Hälfte auf reine DurchWanderer, während zur anderen Hälfte meist solche Ausländer gehören, die sich schon seit geraumer Zeit in Deutschland aufhalten, ohne irgendwo festen Fuß fassen zu können. Aus diesen Ziffern geht deutlich hervor, daß die jüdische Wanderung an sich stark zurückgegangen ist. Das scheint Mf den ersten Blick nicht recht verständlich, denn wenn sich auch die politischen Verhältnisse im Osten gegen früher gebessert haben, die wirtschaftliche Not und damit das Bedürfnis nach Auswanderung, ist kaum geringer geworden. In der Abnahme der Wanderungsziffer zeigt sich eben, wie einschneidend die amerikanischen Restriktionsgesetze hier gewirkt haben. Daß aber die jüdischen Massen im Osten, die gern auswandern möchten, nun nicht, wie es früher geschehen wäre, zunächst nach Deutschland drängen, daran ist Wohl die Aufklärungsarbeit schuld, die' die deutsch-judischen Wanderungsorganisationen in Polen geleistet haben. Auch die berufsmäßigen Schnorrer, deren Zahl stark zurückgeht, haben endlich eingesehen, wie sehr die deutschen Juden verarmt sind und wie wenig sie von der organisierten jüdischen Fürsorge erwarten dürfen. . (Ein weiterer Aufsatz folgt.) Qeäenkt bei allen kreuäiZen ^nläsgen 6er ^üäkcken ^VoklwdrtspfleZe Frankfurt a. Postscheckkonto Nr. 54893 In der Frankfurter Ludengasse vor 300 Lyhren. Von O. Krih Goitein. (Schluß) - Das gesellige Leben war in der Hauptsache durch den Kalender mit seinen festlichen Tagen bestimmt. Damals kam, unter dem Einfluß der jüdischen Mystik, die überschwengliche Verehrung und Feier des Sabbats auf, eine der herzlichsten Seiten des Ghettolebens; nach der mystischen Theorie ist nämlich der Sabbat ein Abbild und eine Vorwegnahme des künftigen allweltlichen Heilszustandes. Die ganze Woche und besonders der Freitag sind eigentlich nur zur Vorbereitung des Sabbats geschaffen. Die unzähligen Einzelheiten betreffs Küche (Kugel und Schalet etc.), Kleidung und Liturgie können hier nicht einmal angedeutet werden. Am Freitag abend gingen selbst Mädchen und Frauen vollzählig zur Synagoge; auf jedem Platz brannte ein Licht; der ganze Raum war mit wohlriechenden Blumen gefüllt (was übrigens unser Verfasser mißbilligt). Auch der Aermste sollte sein Festmahl haben; entsprechend dem vergrößerten Umfang der Gemeinde mußte die Fürsorge für den Sabbat der Armen in organisierte Formen gebracht werden; zu diesem Zwecke wurde an jedem Neumondstag eine allgemeine Steuer erhoben, deren Ertrag allwöchentlich unter die Aermeren für die Bedürfnisse des Sabbats verteilt wurde. Doch rät unser Verfasser, der alten Sitte entsprechend, den Armen am eigenen Mahl selbst teilnehmen zu lassen. An der Tafel wurde gern und viel gesungen, auch nach nichtjüdischen Melodien, was man damit begründete,- daß ja alle Musik aus dem jüdischen Tempelgesang herstamme; eine Argumentation, die aber Rabbi Josef Hahn entschieden, zurückweist. Ani Sab bat morgen legte Alles den Gebetsmantel an, zur Feier des Tages (damals war es noch nicht, wie heute Sitte, daß alle Erwachsenen den Tallis trugen; nach ostjüdischem Brauch legt ihn der Unverheiratete nicht einmal am Sabbat an). Eine n e ue Sitte war es damals, daß morgens eine (halachische) Predigt gehalten wurde, was eine gewisse Erschwerung war, da man erst nach dem Gottesdienst frühstückte; auch hatten die Familienväter schon damals die schlechte Angewohnheit, nach der Synagoge allerlei Gemeinde- und andere Angelegenheiten zu besprechen und. zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.