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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-01-01 · 5 (1.1929) · p. Seite 139

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
5 (1.1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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bis an den jüngsten Tag bleibende Volk." Das Rätsel der jüdischen Wanderschaft wird also im Sinne der Zeit religiös gedeutet: Als Strafe dafür, daß die Juden das Christentum verschmäht haben, müssen sie von Land zu Land ziehen, um schließlich am Ende der Tage durch ihre Bekehrung den Triumph des Christentums zu bezeugen. (Daß übrigens auch auf jüdischer Seite die religiöse Begründung des jüdischen Wanderschicksals bis beute nicht geschwunden ist, zeigt das Drama von D. Pinski „Der ewige Jude", das eine talmudische Legende in ergreifender Weise gestaltet.) „Sabarismus" und das ,/Gesetz der Strömung". Die Frage, warum die Juden immer 'wieder zum Wanderstnbe griffen, ist im Zeitalter der Rassenlehre neu aufaerollt worden. Man schrieb ihnen einen „spezifischen Wandergeist" zu. der sie nie lange in einem Lande weilen ließ und sie unaufhörlich weiter drängte. Auch Sombart hat behauptet, daß die Juden eine gering entwickelte Bodenständigkeit hätten, sie seien ein ewia-es Wandervolk, das nicht 40. sondern 4000 Jahre durch die Wüste gezogen ist. Noch zur Zeit der Tempelzerstörung seien sie halbe Nomaden gewesen, und bis zum heutigen Tag stecke ihnen der „Sabarismus" im Blute. Daß Sombarts Theoiie, auch wenn sie noch so geistreich und im Brustton der Ueberzeugung vorgetragen wird, nicht mit den Tatsachen, übereinstimmt, liegt auf der Hand. Wer sich die Mühe nimmt, die Wanderungen des jüdischen Volkes sins iia et studio, ohne Gehässigkeit und Voreingenommenheit zu betrachten, der wird darin nichts von metaphysisch-irrationalen Einflüssen, nichts von mystifchen.^Ureigenschaften und blutbedingten Gegebenheiten bemerken, sondern zur Einsicht aelangen, daß sie aus den gleichen Ursachen erfolgten wie bei allen andern Völkern: aus der Not des Leibes und der Seele. Niemals wanderten die Juden freiwillig, aus Abenteurerdrang und Reiselust, immer waren es zwingende Umstände — wirtschaftlicher und sozialer Druck, politische oder religiöse Verfolgung — die sie veranlaßten. ihre Zelte abzubrechen und in der ungewissen Ferne eine neue, bessere Heimat zu suchen/) Das von Franz Oppenheimer aufgestellte „Gesetz der Strömung", nach dem die Menschen von den Orten stärksten sozialen Druckes Hu den Orten geringeren Druckes wandern, gilt also auch für die Wanderbewegungen der Juden. Weil man, ihnen die viermal 4 Ellen, die nach talmWischer Lehre jeder Mensch neben Licht und Luft unbedingt Mm Leben braucht, nicht gönnte, weil man ihnen die elementarsten Menschenrechte verweigerte weil man sie an der freien Ausübung ihrer religiösen Vorschriften hinderte, darum sind sie von Land zu Land gepilgert und auch heute noch nicht zur vollen Ruhe und Seßhaftigkeit gelangt. II. Die jüdische Auswanderung. Im Zarenreich. Der Brandherd, von dem die Unruhe der jüdischen Wanderung seit Jahrzehnten ihren Ausgang nahm, ist das Gebiet Osteuropas, jener Grenzgürtel des ehemaligen Westrußland, zu dem noch Galizien und Rumänien hinzuzurechnen sind. Hier lebten vor dem Krieg mehr als 7 Millionen Juden in kläglichsten Verhältnissen: zusammengepfercht im Ansiedlungsrahon,, in ihrer Freizügigkeit beschränkt, unter ständiger Rechtlosigkeit, gequält durch polizeiliche Schikanen und blutige Pogrome. Zum weitaus größten Teil waren es Proletarische Existenzen, die sich elend und kümmerlich vom Kleinhandel und Kleingewerbe ernährten, darunter viele „Lüftmenschen", die eigentlich überhaupt keinen regelrechten Beruf hatten, Zufalls- und Gelegenheitsarbeiter, die am Morgen oft nicht mußten, wie und wo sie für Weib und Kind das tägliche Brot erwerben sollten. Besonders schlimm wirkte die seit einem -Menschen,alter im heutigen Polen eifrig betriebene Industrialisierung, denn durch sie wurde der jüdische Handwerker und Händler noch mehr in seinem Absatzgebiet geschmälert. Aus dieser Zusammenpressung des Nahrungsspielraums gab es nur einen Ausweg: die Auswanderung. Sie war das Notventil, in dem sich der gefährliche Ueberdruck der Politischsozialen Atmosphäre entladen konnte. In einem liebenswürdigen Büchlein 2) ist vor kurzem anschaulich geschildert worden, wie die Hoffnungslosigkeit des zaristischen Regimes die unglücklichen Juden zur Wanderschaft trieb. „Man verbot den Ostjuden, in Dörfern zu leben, aber auch in Großstädten . . . Der christliche Nachbar bedroht sie. Der Herr schlägt sie. Der Beamte läßt sie einsperren. Ter Offizier schießt auf sie, ohne bestraft zu werden. Der Hund verbellt sie, weil sie in einer Tracht erscheinen, die Tiere ebenso "wie primitive Menschen reizt . . . Der Jude hat nur Pflichten und keine Rechte . . . Aus Zeitungen, Büchern und von optimistischen Emigranten hört er, daß der Westen ein Paradies sei. In Westeuropa gibt es einen gesetzlichen Schutz vor Pogromen. Juden werden dort Minister und sogar Vizekönige ... Und man wandert, zu Fuß, mit der Eisenbahn und auf dem Wasser, nach den westlichen Ländern . . ." ') Reiches Material enthalten die Schriften von Kaplun- Kogan („Die Wanderbewegungen der Juden") und Mich. Tranb („Jüd. Wanderungen"), sowie die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden". -) Jos. Roth: ,Zuden auf Wanderschaft". Im ganzen haben im letzten Menschenalter (1880—1914) mehr als 3 ^' .'.men Juden ihre ungastliche Heimat im Osten verlassen Ulli) ein neues Vaterland gesucht. Der größte Teil davon (etwa 2>2 Millionen) ist nach den Vereinigten Staaten gewandert; seit 1900 sind jährlich mehr als 100 000 Ostjuden — Männer, Frauen, Kinder — aus Rußland übers Meer gezogen. Kriegs- und Nachkriegszeit. Dann kam der Krieg, der Ansiedlungsrayon wurde zum Schauplatz wilder Kämpfe, und die Leiden der jüdischen Bevölkerung steigerten sich zu tragischer Größe. Tie Auswanderung stockte natürlich: als aber die deutschen Militärbehörden die Grenzprovinzen erobert hatten, brachten sie einige Zehntausend jüdischer Arbeiter aus Polen und Litauen nach Deutschland, wo sie in Bergwerken und Munitionsfabriken für die deutsche Sache arbeiten mußten. Im Jahr 1917 trat im Osten der Umsturz ein, noch ein paar Jahre heftiger Kämpfe und Wirren folgten, und dann wurde es auch hier Frieden. Damit hatte sich aber die Laae der russischen Juden stark geändert. Der größte Teil des Ansiedlnngsrayons war den neuen Randstaaten, vor allem Polen zugefallen. Von den vier Millionen Juden, die vor dem Krieg 'innerhalb der heutigen Grenzen Rußlands lebten, besitzt Sowjet-Rußland kaum noch drei. Aber für diese ist die „Judenfrage" vorläufig, wenigstens im politischen Sinne, gelöst; sie sind heute vollberechtigte Bürger ihres Staates und strömen nun nicht mehr nach dem Westen, nach Westeuropa oder nach Amerika, sondern breiten sich in entgegengesetzter Richtung nach dem Innern Rußlands und Sibiriens, aus. wo ihnen eine glücklichere Zukunft beschert sein mag. Anders im heutigen Polen! Fast 15 Prozent der Gesamtbevölkeruna. mehr als 3 Millionen, sind Juden, und wenn auch ihre politische Lage sich gegen früher gebessert hat, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind furchtbarer denn je. Ja — Kenner der Dinge behaupten, daß das jüdische Problem hier nicht eher zur Ruhe kommen kann, bis ein Drittel aus dem Lande ausgewandert und ein weiteres Drittel zu produktiveren Bernsen übergegangen ist. Bis es so weit ist. steht die polnische Judenheit unter bedrohlichem Druck und dränat nach anderen Ländern, wo Geld uud Brot, aber auch Freiheit und Menschenwürde winken. Die Tragik der Ostiuden wird aber noch dadurch verstärkt, daß diesem lebhaften Auswanderungsbedürfnis viel aerinaere Ei n w a n d e r u n g s m ö g l i ch k e i t e n in den überseeischen Gebieten gegenüberstehen. Bald nach dem Krieg (1921) haben nämlich die Vereinigten Staaten eine scharfe Kontingentierung der aesamten Einwanderung vorgenommen und damit ibre Vforten für die jüdische Einwanderung so aut wie aesperrt, so daß z/B. im Fiskaljahr 1924/23 nur etwa 10 000 Juden — gegen. 100 000 vor dem Kriea — dort landen konnten. Die Ursachen des 'amerikanischen Nestriktionsgesetzes sind teils wirtschaftlicher, teils politischer Natur. Einmal such-m sich die Gewerkschaften dadurch die lästige Konkurrenz der jüdischen Immigranten vnm Halse zu schaffen, sodann kommen dabei Wohl auch nationalistische Tendenzen, die die Vorherrschaft der germanisch-angelsächsischen Rasse sichern wollen, zum Ausdruck. Internationale Hilfe. Daß die gespannte Situation der Jüdischen Auswanderung nicht zu schweren Störungen, zu heftiaen Katastrophen fübrte, ist dem Umstand zu danken, daß eine gewisse Regelung und Fübrnng dr>s Menschenstroms vorhanden war. Schon vor dem Kriea hatten sich internationale Oraanisationen gebildet, die sich die Förderung der Emigration zur Aufgabe machten. Die wichtigsten von ihnen waren der ..H i l f s v e r e i n der deutschen Juden", dessen vielseitige Tätiakeit sich allerdings nicht auf die Auswandererfürsorge beschränkte, serner die „Jewish Colonization Association" (Jca>. die die Auswanderer als Kolonisten in Argentinien und Brasilien anzusiedeln suchte, und die „H ebrew Immigrant Aid Societv" (Hias), die sich vornehmlich der Einwanderer in Amerika annabm. Um den vergrößerten Aufgaben, die die Wirren der Nachkriegszeit erforderten, gerecht zu werden, wurde 1921 das „Emigrationsdirektorinm für jüdische Auswanderuna" (Emigdirect) gegründet, das die gesamte Auswandererfürsorge einheitlich organisieren und die Emiaranten zur Mitarbeit und Selbsthilfe erziehen wollte. Die besonderen Schwierigkeiten des Problems machten jedoch ein besseres Zusaillmenarbeiten all dieser Organisationen erforderlich, und so kam es denn im Jahre 1927 zum Zusammenschluß der drei letztgenannten Institutionen (Hias—Jca—Emigdirekt) zur Arbeitsaemeinschaft der „H i c e m", deren Aufgabe es nunmehr sein soll, die internationale jüdische Wanderbewegung nach einheitlichen Ideen zu organisieren, Planmäßig zu regulieren und tatkräftig zu fördern. ' , . III. Jüdische Binnenwanderung in Deutschland. Die DurchWanderer. Neben den internationalen Organisationen, die die jüdische Auswanderung betreuten, waren auch Einrichtungen und Maßnahmen notwendig, die sich mit der jüdischen Binnenwanderung in Deutschland beschäftigten. Die Menschen, um die es sich hier handelte, waren teils Ostjuden, teils Inländer, sie ge-

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