Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 5 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094340--1643-3096373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mit klarer Sachlichkeit schildert sie Menschen, Land und Begebenheiten. Fast täglich schreibt sie darin Ge>ehenes und Erlebtes, aber auch von ihr Geleistetes auf. Mit begeisterten Worten schildert sie Jerusalem. Viele Institutionen und Verbesserungen in den Schulen sind Früchte dieser ersten Palästinareise. Ihr Geburtstag, der gerade in diese Zeit fällt, gibt Anlaß zum Beschenken armer Huden. Sie besucht das Grab der Rahel, und der Eindruck, den die schmucklose Halle, darüber sich die Kuppel wölbt, bei ihr hinterläßt, ist so stark, daß sie bittet, man möge ihr eigenes Grabmal dem der Rahel nachbilden. Stürmische See macht die Heimreise beschwerlich, Judith' zeitweise krank, doch landen sie ohne größere Störung in Rom. Hier verteilt sie gemeinsam mit dem Gatten Spenden an die arme Bevölkerung. In London galt es für die E m a n zi p a t i o n d e r Inde n zu wirken. Ihr Heim East Clifs sah viele Gäste, darunter höchste Persönlichkeiten; in ihrer ruhigen, vornehmen Art bespricht sie mit ihnen die Dinge, die der Förderung und der Hilfe bedürfen; als gute und gastfreie Wirtin verstand sie es, durch fesselnde Berichte von ihren Reisen zu interessieren, und zeigte dabei gerne ihre Kuriositäten, die sie aus fernen Ländern mitgebracht. Mittlerweile (1338) wird zur zweiten Fahrt nach dem Heiligen Lande gerüstet, Kuriere, Postillone, Unterkunft, und die damals noch teuren und unkomfortablen Dampfer, wurden gemietet. In den 1884 erschienenen „Aotes trom a?iiva.t6 ^oninal ok visit tv T^vt. knd?a1estinv bv ok Italv and tbs Nsöitsrra,neaii" erzählt sie von ihrem Aufenthalt in Palästina: „Im Laufe des Tages (es ist in Jerusalem) kamen Damen einer Anstalt für kranke und junge Frauen und brachten einen Brief, in dem sie mich baten, Patronin des Anstituts zu werden und zu erlauben, daß mein Name an die Spitze der Institution gestellt Iverde. Ich gab meine Zustimmung, und wir sandten ein Geschenk. Den Bediensteten und Begleitern des Gouverneurs sowie dem Komponisten eines Liedes für uns wurde eine Belohnung zu teil." Ein andermal heißt es: „die dreihundertundsiebenzig Dollars von Dr. Herschell und unserer Ramsgatesynagoge werden morgen verteilt". Mit den poetischen Worten des Psalmisten schildert sie den letzten Abend: „Ein wundervoller Abend, und es ist Neumond! Der Himmel ist voll von Sternen! Rein und süß tönt der Gesang Davids: die Himmel rühmen des Ewigen Ehre und das Firmament verherrlicht seiner Hände Werk! Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht gibt der andern Kunde!" Späterhin sieht sie Alexandrien, die Türkei und Damaskus. Es ist die Zeit nach dem verheerenden Erdbeben in Damaskus (1840), wie ein „rettender Engel" erscheint sie dort, Not und Elend obdachloser Juden werden gelindert, Stiftungen errichtet, die ihren Namen tragen. Im Februar 1341 finden wir sie wieder zu Hause. In vielen Synagogen werden Gottesdienste abgehalten, als Dank für ihre glückliche Rückkehr. Hier findet sich wieder Arbeit über Arbeit; Hilfeleistungen für Arme und Kranke, Borschläge und Gesuche zugunsten der Juden im Parlament, dazwischen Moses Montefwres feierliche Einführung als Sheriff von Kent. Im März 1846 beginnt die Reise über Berlin nach Petersburg Sie war besonders anstrengend und gefährlich, hatte man doch einen russischen Winter; noch dazu herrschte gerade zu dieser Zeit eine Grippeepidemie, so daß es räum ein Haus gab, in dem sich nicht Kranke oder Tote fanden. Um so schwerer die Arbeit, die geleistet werden sollte! Moses Montefiore hatte die Mission, die traurige Lage der dortigen Juden bessern, unter anderem auch für Aufhebung der beiden gegen die Juden gerichteten Ukase zu wirken. Stundenlange Gespräche, Fahrten aus den kalten Straßen, Besuche und Besichtigungen mußten erledigt werden. Immer ist sie an der Seite des Gatten. Weiter geht es nach Wilna; Hunderte von Briefen gelangen dort an sie dewe, Juden und Christen bitten um Hilfe. Bis in die späte Nacht hinein sitzen Moses und Judith Montefiore zusammen, um die Briefe zu sondern, schlimme Fälle herauszusuchen und Beistand zu leisten. Bon dort aus geht es über Warichau und Krakau, dann über Berlin wieder nach London zurück. Welche Anstrengungen Hatte sie hinter sich! Tagelange Fahrten im Postwagen durch die oft eisige Kälte; trotzdem bleibt der Mut und die Freude des Beschenkens, des Helfens unvermindert; und von alledem berichtet getreulich das Tagebuch, nichts wird vergessen! In England wird ihr Interesse für Politik wieder lebendig, wird noch unterstützt durch die regelmäßigen, gegenseitigen Besuche von Lady Disraeli, der Frau des bedeutenden Staatsmannes, die ihre nahe Nachbarin war. 1847 wurde Moses Montefiore von der Königin zum Baronet ernannt, am 6. Mai 1848 treten die Gatten wieder eine Reise nach Jerusalem an; neue Mädchenschulen werden ins Leben gerufen, den Armen wieder geholfen und Verhandlungen zum Wohle der dortigen Juden eingeleitet. Späterhin bleibt sie ein Paar Jahre in England, verbringt die Zeit abwechselnd aus ihrem Landgut in Ramsgate oder genießt die Schönheit ihres Parks auf ihrer Londoner Besitzung. Ununterbrochen setzt sie dabei ihre segensreiche Tätigkeit fort und hält ihre Eelebnisse im Tagebuch fest. 1854 ist sie mit nach Konstantinopel gefahren, am 18. Juli desselben Jahres sehen wir sie wiederum in Jerusalem. Die Schulen machen Fortschritte, sie ist beglückt darüber. Mit ihrer Unterstützung kauft Moses Montefiore ein großes Stück Land für Hospitale für arme Juden. September 1856 war sie wieder in London, und am 25. Fevruar 1857 verläßt sie England, um noch einmal Palästina zu sehen. Fünf Monate bleibt sie unterwegs, dann kehrt sie nach Ramsgate zurück. In dieses Jahr fällt eine schwere Erkrankung Judiths. Moses Montesioro, der die Anzeichen einer gesährlichen Krankbeit zu sehen glaubt, konsultiert zwei berühmte Aerzte, die aber hoffnungsfrohe Aussagen machen. Doch tritt eüie anhaltende Besserung nicht ein. Zwar begleitet sie den Gatten 1859 sür einige Monate über Paris nach Rom, aber die alte Gesundheit ist nicht mehr vorhanden; ja, sie klagt über starke schmerzen und hat Fieberanfälle. Man bringt sie nach Ramsgate zurück, wo sie kränkelnd zu Bett liegen muß. Die Berichte im Tagebuch werden in größeren Abständen weitergeführt. Jyr Zustand bessert sich nicht, uud so vergehen die Jahre 1860 und 1861. In den Sommer des Jahres 1862 fallt der 5 0. Hochzeitstag von Judith und Moses Montefiore. Fünfzig Jahre gemeinsam der schönsten und edelsten Arbeit, der Nächstenliebe gewidmet. Von allen Seiten, aus vielen Ländern und höchsten Kreisen wurden ihnen Glückwünsche, Adressen, Briefe und viele andere Beweise der Liebe zuteil. Judith war zwar zu schwach, das Bett zu verlassen, schreibt aber doch mit großer Anstrengung einige Seiten in das Tagebuch. Es sind ihre letzten. Anfang September nehmen ihre Kräfte sichtlich ab. In der'portugiesischen und deutschen Synagoge wird für sie gebetet, und Gaben an Arme werden verteilt, Nacht sür Nacht saß Moses Montefiore an dem Sterbebette der treuen und edlen Lebensgefährtin. „Sie war geduldig wie ein Engel", sagt er, „unter ihrem Leiden". Am 24. September — es nahte der Vorabend des Neujahrsfestes — wird sie still und stiller; ein Paar Stunden vorher hatte sie noch die Verwandten gebeten, sie mögen doch zur Synagoge in den Gottesdienst gehen, und kaum hatte man die Sabbathkerzen entzündet, hauchte Judith Montefiore ihre edle Seele aus. Ein segensreiches Leben war zu Ende. Eine Frau ging von der Erde, die eme „Auserwühlte Gottes" war. Kein Weg, den sie ging, der nicht den Armen galt, keine Tat, die nicht zum Wohle bedruckter Menschen gewesen. Am darauffolgenden Sonntag wurde sie in RamBgate beigesetzt. Die ganze Nachbarschaft hatte halbmast geflaggt, und in den Kirchen wurde von ihr als „dem guten Engel" gesprochen, den die Armen und Aermsten verloren hatten. Zu Hunderten kamen die Einwohner von Ramsgate, die Freunde und Verwandten, um ihr die letzte Liebe zu erweisen. Unter Psalmengesängen der Waisenkinder der spanischen und portugiesischen Schule wurde Judith Montefwres sterbliche Hülle in die Erde gesenkt. Ein Testament hatte sie nicht hinterlassen, aber in ihren Papieren fand Moses Montefiore einen unfertigen Brief von ihrer Hand, in welchem sie in rührender Weise den Wunsch ausdrückt, daß, „wenn der Allmächtige sie abrufen sollte, ein Zeichen ihrer Achtung allen Verwandten und Freunden, wohltätigen und erzieherischen Institutionen, welche sie namhaft machte, ausgehändigt werden sollte". In Erfüllung dieser Wünsche sandte ihr Gatte 350 freigebige Andenken und Gaben an all diese in England und auswärts. Ihr Grabmal wurde dem der Rahel nachgebildet, das Grab deckt eine Marmorplatte, deren schlichte Inschrift in deutscher Uebersetzung lautet: „Geweiht dem Andenken an Judith Lady Montefiore, die geliebte Gattin des Sir Moses Montefiore und Tochter des Josua Levi Cohen. Sie schied aus diesem Leben am Vorabend des ersten Neujahrstages 5623." Probleme jüdischer Wanderung und Wanderfürsorge. Von Dr. Max Seelig. I. Ursachen der jüdischen Wanderung. ' Ahasver. Wer kennt ihn nicht, den sagenhaften ewigen Juden, der seit zwei Jahrtausenden dazu verdammt sein soll, ruhelos durch die Welt zu pilgern und — dem ^fliegenden Holländer" gleich — sehnsüchtig auf den Tod als Erlöser zu harren. Zahlreiche Dichter — Goethe, Chamisso, Lenau, Byron, Andersen, Heijermans u. a. — haben uns sein Wesen gedeutet, und auch die darstellende Kunst hat oft seine verwitterte Gestalt, sein gramdurchfurchtes Antlitz und die müde Melancholie seiner Augen, festzuhalten versucht. Aber die Figur des alten Ahasver ist nicht so alt, wie man gewöhnlich glaubt. Sie stammt nicht aus der Gedankenwelt der Antike, sondern geht auf eine mittelalterliche Legende zurück, die sich bis ins 13. Jahrhundert verfolgen läßt, 'die aber erst durch ein im Jahre 1602 erschienenes Deutsches Volksbuch in weite Kreise getragen wurde. Sicher ist, daß Ahasver schließlich als Personifikation des Schicksals der Juden, als Symbol ihrer ruhelosen Wanderung, aber auch ihrer unverwüstlichen Lebenskraft empfunden wurde. Zum ersten Male tritt uns diese Ansicht schwarz auf weiß in Schudts jüdischen Merkwürdigkeiten" (1714) entgegen, wo es von Ahasver heißt: „Dieser umlaufende Jude ist nicht eine Einzelverson, sondern das ganze jüdische, nach der Kreuzigung Christi in alle Welt zerstreute, umherschweifende und nach Christi Zeugnis