Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 5 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094340--1642-3096372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lessing wußte Wohl, warum er der Freundschaft mit Mendelssohn solchen Wert beilegte. Schon in Lessings Berliner Zeit müssen die beiden Freunde fleißig miteinander diskutiert haben. Ein späteres Abbild dieser Gespräche bildet der sogenannte „Aestheti sche Briefwechsel", in welchem Lessing keineswegs immer der Ueberlegene ist. Hier werden die Fundamente zum Laokoon gelegt. Und schon Nikolai wußte, was man seitdem lange Zeit vergessen hatte: „Der erste Keim von Lessings Idee (zum Laokoon) liegt in einem Briefe von Moses an ihn und in Lessings Antwort auf diesen Brief." Mendelssohn zuerst hat Lessing auf die Schule der alten Bildhauer, auf Winkelmann ja auf die Darstellung des Schmerzes bei Virgil und im Laokoon hingewiesen. Der Grundgedanke des Werkes, die scharfe Betonung des verschiedenartigen Darstellungsiilaterials der Dichtung und der bildenden Kunst stammt nicht von Lessing selbst, sondern von Mendelssohn, wie schon Hettner wußte. Freilich bleibt es dann Lessings ungeschmälertes Verdienst, daß er es verstand, „aus dem töten Gestein den zündenden Funken zu schlagen". So wird der Laokoon zu einem noch viel bedeutsameren Zeugnis der gemeinsamen Arbeit der beiden Freunde als jenes frühe Schriftchen, „Pope, ein M e t a p h y f i k e r!", das die beiden im Anfang ihrer Freundschaft gemeinsam geschrieben hatten, um der Berliner Akademie einen Streich zu spielen. Wie tief auch in der Wolfenbütteler Zeit noch die innere Verbundenheit zwischen Mendelssohn und dem schweigsamen Freunde war^ der gerade in diesen Jahren das größte Glück und das tiefste Leid seines Lebens durchlebte, davon zeugen die Worte, in denen Lessings jetzt freilich seltene Briefe von Mendelssohns Antworten sprechen. „Ihre Briefe sind für mich ein wahres Almosen" (März 1761). „An dem Briefchen, das mir Dr. Fließ damals von Ihnen mitbrachte, kaue uud uutsche ich noch. Das saftigste Wort ist hier das edelste," schreibt Lessing wenige Wochen vor seinem Tode. Beredter noch als diese brieflichen Zeugnisse aber spricht das große Werk der Wolfenbüttler Zeit, spricht Lessings „Nathan" von seiner Freundschaft mit Mendelssohn. Es ist oft genug gesagt worden uud braucht hier nicht wiederholt zu werden, daß ohne Moses Mendelssohn Nathan der Weise nicht geschrieben worden wäre, jedenfalls aber nicht seine endgültige Gestalt gefunden hätte. Nathan der Weise bedeutet Lessings Darstellung seiner Idee von Moses Mendelssohn. Auch Mendelssohn bat uns in seinen letzten Jahren eine Darstellung seiner Idee des Freundes Lessiug gegeben — müßte sie geben. Jacobi hatte in einem Gespräch 'mir'Lessing diesen als Spinozisten zu erkennen geglaubt, und wollte ihn nach seinem Tode in diesem Lichte zeigen^. Mendelssohn, der durch die Freundin Elise Reimarus davon^erfahren hatte, stürzte diese Nachricht in einen schweren Seelenkampf. Er mußte entweder Jacobi schwerer Mißverständnisse anklagen oder sich sagen, daß der große Freund seine tiefsten Gedanken vor ihm verborgen habe. Zeugnis dieses Kampfes bildet die kleine Schrift: „Moses Mendelssohn an die F r eunde Lessing s". Mendelssohns Testament, wie Nathan das Testament Lessings gewesen ist. Mendelssohn ist über diesem Kampfe gestorben. „Der Riß war so gewaltsam, daß wir darüber . . . einen unserer würdigsten Männer, Mendelssohn, verloren," schrieb Goethe später in Dichtung und Wahrheit. Nathan der Weise ist freilich nicht die einzige Gestalt in diesem Drama, die Lessiu g seinen jüdischen Freunden verdankt. Wenn wir auch uicht in allem dem wortreichen Berichte der Berliner Jüdin und späteren Katholikin Sara Meyer, verehelichte von Grotthuis, Glauben schenken wollen, nach welchem ihr eigener Vater, der liberale Kaufmann, das Urbild des Nathan gewesen sei, so wird es doch bestehen bleiben: Al Hafis, der Derwisch und Zyniker, ist ein freigestaltetes Abbild eines Berliner Judeu. „Al Hafis". erzählt sie, „war ein Sekretär meines Vaters, nach Eulers Aussage das größte mathematische Genie . . ., der aber von der Welt und ihren Verhältnissen gar keine Ahnung hatle". Reb Abraha m Wuls. genannt Abraham Rechenmeister, war ein Freund,- Schachgenosse und Mitbewohner Moses Mendelssohns, den auch Zelter einmal in einem Briese an Goethe lebendig geschildert hat. „Lessing hielt viel auf ihn, seiner Pietät und seines angeborenen Zynismus wegen," schreibt Zelter — eine sonderbare Mischung, deren Bestandteile gerade Lessing nicht unvertraut sein mochten. Mit einigem Mißtrauen betrachten wir die Mitteilung derselben Sara Meyer: Lessing hätte sie als zartes Wohlgebildeies Kind gern gesehen und ihrem Vater das Versprechen abgelockt, sie so oft als möglich nach Wolsenbüttel zu senden, um ihre Fortschritte zu leiten und zu beobachten. „Das letztemal war der gute Lessing nicht aus dem Bette gekommen, so daß ich ihm meine kleinen Ausarbeitungen bringen mußte. Bis ans Ende blieb er mir gut, und nicht wenig stolz war ich, als er seine Aushängebogen von Nathan, die er Mendelssohn schickte, diesen bat, mir mitzuteilen." Symbolisch und bedeutsam erscheint es, daß unter den Menschen, die Lessings letzte Tage erhellten und erleichterten, vielleicht an erster Stelle ein Jude stand. Alexander Daveson ist an sich gewiß kein Glaubensgenosse, auf deu wir stolz sein können; ein unsteter Wanderer, von dem wir nicht wissen, wie weit Charakterschwäche, wie weit widrige Zufälle sein Geschick in die Irre führten. 1779 eröffnet er in Braunschweig eine Kunsthandlung. Als er später (es ist nicht klar, ob schuldig, ob unschuldig) ins Gefängnis kommt, hat sich Lessing vielfach um ihn bemüht, ja, hat ihm in leinem eigenen Hause eine Zufluchtsstätte angeboten. Vielleicht würden wir heilte nicht einmal mehr den Namen Davesons kennen, wenn ihn Lessing nicht mit sich in die Unsterblichkeit genommen hätte, als er in seinem letzten Briefe au Mendelssohn schrieb: „Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm unsere Leute auf Verhetzung der Ihren häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er null Ihnen nichts," lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten, sichersten Weg nach dein europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Judeu gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der Erste, der ihm folgt." Nicht lange dauerte es, fo machte sich Lessing selbst auf den Weg nach dein Lande, wo es weder Christen noch Juden gibt. Seine letzten Tage verbrachte er zum großen Teil im Hause Davesons iu Braunschweig. Dort befand er sich auch, als ihn am 8. Februar 1781 der verhänguisvolle „Stickfluß" ereilte, von dem er sich nur noch auf kurze Zeit erholen sollte. In diesen bedrängte» Tagen aber war es der Jude Daveson wieder, der uicht uur treulich an seinem Lager ausharrte, sondern ihm auch in den kargell lichtereil Stunden, die dein müden Streiter gegönnt waren, das letzte große Anliegen seines Lebens vermittelte. Die protestantischen Geistlichen von Jülich-Berg hatten sich in einer Synode als rechte lutherische Päpste erwiesen und nach'dem Arm der weltlichen Gerichtsbarkeit gerufeu, um geistliche Vergehen zu strafen. Schlözer hatte in feinem „Briefwechsel" diese neue Inquisition gegeißelt; davon konnte der kranke Lessing nicht genug hören — sah er doch deu Kampf seines Lebens hier wieder aufflammen! Noch eine halbe Stunde vor seinem Tode, so «wird uns berichtet, mußte ihm Daveson darüber vorlesen. Dem Augenzeugen Davesoil verdanken wir auch das ergreifende Bild des sterbenden Lessing: „Lessing starb so, wie er gelebt, als ein Weiser; entschlossen, ruhig, voll Besinnung bis zum letzten Augenblick..." Aber den schönsten N a ch r u s weihte dem toten Lessing der Lebensfreund Moses Mendelssohn: „Fontenelle sagt von Copernikus: Er machte sein neues System bekannt und starb. Der Biograph Lessings wird mit eben dem Anstände sagen tonneil: Er schrieb „Nathan den Weisen" und starb. Von einem Werke des Geistes, das ebensosehr über Nathan hervorragt, als dieses Stück in meinen Augen über alles, was er bis datM geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Augen völlig entzieht; und dies tat er. Nun stehen wir da wie die Jünger des Propheten und staunen den Ort an, wo er in die Höhe fuhr und verschwand..." Aus den Tagebüchern von Judith Montesiore. Von A. GaMner. Lady Judith Montefiore, 1794 in London geboren, empfing als Tochter des angesehenen Baronets Levi Cohen sorgfältigste Erziehung, geleitet von Englands besten Lehrern. Ihr ausgeprägter Intellekt ermöglicht eine vielseitige Bildung. Sie beherrscht neben ihrer Muttersprache italienisch, deutsch, französisch. Ihr Stil ist gewaudt, ihr Ausdruck klar. In der Ehe entfaltet sie all ihre Kräfte und Anlagen in reichstem Maße. Achtzehnjährig heiratet sie den bekannten Philanthropen Moses Montefiore und teilt mit ihm fünfzig Jahre lang ein der Wohltätigkeit und' Menscheilliebe gewidmetes Lebeu. An all dem Guten, was Moses Montefiore für die Menschheit und insbesondere für die Judenheit getan, hat sie gleichen Anteil: sie ist seine Gefährtin auf all den langwierigen und anstrengenden Reisen, eine immer hilfsbereite, fromme Gattin. In dem Tagebuch von 1844 schreibt er einmal: „An diesem glücklichen Tage sind zweiunddreißig Jahre vergangen, seit der Allmächtige Gott von Israel mich in seiner großen Güte mit meiner liebeil Judith gesegnet hat; vom ersten Tag unserer glücklichen Verbindung au bis zu dieser Stuude habe ich jeden- Grund für wachsende Liebe und Achtung. Jedes folgendeJahrbrachtegrößere Beweise ihres bewundernswerten Charakters. Eine bessere und gütigere Frau gibt es nicht. Möge der Gott unserer Vater ihr seinen Segen verleihen mit Gesundheit und Glückseligkeit." In den ersten Jahren wohnten sie in New-Court, in der Nähe ihrer Eltern uud Verwandten. Späterhin zogen sie nach Park Lane und teilten dann diesen Aufenthalt mit dem Landgut Cast Clifs Lodge in Ramsgate, unweit London. Ihr Leben erscheint uus wie eine einzige Reise, eine Reise in die Welt, dahin wo arme und notleidende Menschen leben. Sosieht sie in jungen Jahren Paris, Italien, Schottland. Von der Reise nach Schottland bringt sie ein interessantes Tagebuch heim, in welchem sie nicht nur die politische und wirtschaftliche Lage des Landes schildert, sondern auch feine Beobachtungen von Kunst uud Natur niederschreibt, stets in guter Stimmung, trotz der Beschwerden auf der Fahrt. Nach ihrer Rückkehr gilt ihr Interesse armen Studierenden, denen sie Geld und andere Mittel zur- Wsiterarbeit verschafft. Im Jahre 1827 beginnt die erste Reise nach Ierusale m. Von dieser Reise stammt ein gut angelegtes und liebevoll geführtes Tagebuch, das sie nur für sich und ihre Freunde drucken ließ, „The Diaries of Sir M. and Lady M.":'