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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-01-01 · 5 (1.1929) · p. Seite 136

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
5 (1.1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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sophie, welche nach Kant einsetzte und ziemlich die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschte, ist eine Philosophie des Pantheismus. Das hat Lessing nicht vorausgesehen, daß er mit seiner „Toleranz" sür Spinoza die Wege der deutschen Philosophie in die Irre lenken könnte. Mendelssohn aber hat sich nicht grundlos darüber zu Tode geärgert, daß sein Freund Lessing Spinozist gewesen sein soll, ohne daß er darum wußte und ihn bei dieser Frage zum Besseren berateil hätte. Dieses Urteil ist vielleicht zu einseitig, aber nicht ungerecht. Es war die Atmosphäre um die französische Revolution, es war die Zeitphilosophie, aber es war vor allem der unmenschliche Druck einer ungerechten Politik und Gesetzgebung, die im Juden alles . Menschentum zu unterdrücken suchte, die dann, als Lessing, der ehrliche, charaktervolle Kämpfer für Recht und Freiheit aller derer, die Menschenantlitz tragen, mit seinem „Nathan" auf die Bühne trat, die jüdischen Herzen der an europäischer Bildung Großgewordenen, ihm besonders heiß und begeistert zujubeln ließ. Diese Sphäre der reinen Menschen, von der er sprach, konnte Wohl in der Theorie vorgestellt werden, in Wirklichkeit hat sie nie und am wenigsten in jenen Jahrzehnten nach Lessing, wo eine finstere Reaktion das ganze Politische Leben beherrschte, existiert. Die „A uf - geklärten" sind in jener finsteren, reaktionären Zeit zu „Ch-a r a k t e r l o se n" geworden, ihr Weg endete beim Tausbecken. Heine nannte entschuldigend, was si^ taten: sie lösten das „Entreebillett zur europäischen Kultur". Lessing und seine jüdischen Freunde. Von Nr. Bertha Nadt-Gtrauß. 1749. Noch lebt der Jude selbst in Friedrichs des Großen „erleuchteten Landen" ein dunkles und gedrücktes Dasein. Heirat und Broterwerb unterliegen quälender Beschränkung durch staatliche Gesetze. An jedem Stadttor muß er Zoll bezahlen, als wäre er ein Stuck Vieh; „Jude hepp, hepp, Jude hepp, hepp! rufen die Kinder ihm nach. Zu diesem Drucke von außen gesellt sich innere Bedrückung. Nicht ohne Grund fürchten die Rabbiner in ihrer Mehrzahl den Ansturm neiler Gedanken, der manche alte Sitte über den Haufen rennen wird. Deutsche Bücher zu lesen gilt schon als Ketzerei. Als der kleine Bleichröder in Verlin im Auftrage Mendelssohns ihm ein deutsches Buch bringt, wird er von dem jüdischen Armenvorsteher hart angefahren und aus der Stadt verwiesen. So stand es um die Juden in Deutschland, als ein junger Dichter und Zeitungsschreiber, der Sohn eines protestantischen Geistlichen, ein' mittelmäßiges Stück schrieb, das den Juden allenthalben dennoch wie ein Fan'sarenstoß zukünftiger Freiheit in die Ohren dröhnte. 1749 erschien Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel: Die Juden. Es wird immer merkwürdig und vielsagend bleiben, daß diese Schutzrede für die unterdrückten Mitbürger mehrere Jahre vor Lessings Freundschaft mit dem edelsten Juden der damaligen Zeit, niit Moses Mendelssohn, entstanden ist. Welche Beweggründe )as Stück veranlaßten, darüber gibt der Verfasser selbst in seinem Vorworte Auskunft. „Es war das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ, sollte ich meinen, nicht ohne Art von Ehrerbietung betrachten kann. Aus ihm, dachte ich, sind ehedem so viele Heldeil und Propheten aufgestanden, und jetzo zweifelt man, ob ein ehrlicher Mann unter ihnen anzutreffen ist?" Den tieferen Grund für die Wahl dieses Themas gibt dies Bekenntnis des Verfassers jedenfalls an; vielleicht jedoch nicht zugleich -den unmittelbaren Anlaß. Man kann mit -einiger Wahrscheinlichkeit behaupten: Lessing hätte dieses Stück wahrscheinlich nicht geschrieben, wären zu jener Zeit nicht schon „gebildete Israeliten", wie die Zeit sie nennt, in seinen Gesichtskreis getreten. Zum mindesten einer, dessen Ringen um Erkenntnis ihm sowohl Mitgefühl wie Anteilnahme erwecken mußte. Das war Aron Solomon Gumpertz' der spätere Lehrer Moses Mendelssohns. Gumpertz, aus angesehener Familie stammend, war, wie alle begabten Söhne dieser Zeit, in früher Jugend zum Rabbiner bestimmt und wendete sich dann deutschen, "schließlich medizinischen Studien zu, ohne jedoch im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen dem alten Judentum und seinen Sitten uutreu zu werden. Wir (ernen den jungen Mann am lebendigsten aus einem Briefe kennen, den er als Zwanzigjähriger an den berühmten Gottsched nach Leipzig richtet. Sein unablässiges Bemühen um Kenntnisse und Belehrungen schildert er dort; „sowohl in der anmutigen Sommerals in der tiefsinnigen Winterzeil" habe er durch Nachsinnen über Mathematik und Naturlehre seinen Durst gelöscht und sich ergötzt. Jetzt fleht er Gottsched untertänigst an, ^b er ihm erlauben möge, „in Leipzig unter dero Schutzflügeln zu weiden". Es kam nicht dazu. Aber in Berlin studierte der wissenseisrige Jüngling schließlich Medizin, wurde Sekrelär der berühmten Franzosen Maupertuis und Marquis d'Argeus und Promovierte zum Doktor der Arzncigelahrtheit. Er hat später eine Freundin von Moses Mendelssohns Braut, Fromet Guggenheim, in Hamburg geheiratet und erscheint nicht mehr in der Öffentlichkeit. Zur Zeit aber, da Lessing >eine „Juden" schrieb, war Gumpertz eine nicht unbedeutende Rolle vom Schicksal zugedacht. Lessing hatte die Unparteilichkeit seiner Volksgenossen unterschätzt. In den Göttinger Gelehrten Anzeigen beurteilte der Ritter Michaelis, Professor der Theologie, das Stück und hielt es, „wenn auch nicht für unmöglich, so doch für allzu unwahrscheinlich", daß unter einem Volke wie das jüdische ein solch edler Charakter sich bilden könne, wie Lessing ihn in seinem Reisenden dargestellt habe. — Lessing wehrt sich zuerst selbst gegen diese Kritik in seiner „Theatralischen Bibliothek", läßt aber dann lieber einen anderen reden, dem dieser Umstand näher ans Herz ging, „einen aus dieser Nation selbst". „Ich kenne ihn zu Wohl," fügte er hinzu, „als daß ich ihm hier das Zeugnis eines ebenso witzigen als gelehrten und rechtschaffenen Mannes versagen könnte." Gumpertz hatte ihm den Brief eines Freundes gesandt, der in begreiflicher Erregung sich gegen die Verleumdungen des Kritikers wehrte. Diesen Brief veröffentlicht Lessing nun statt einer eignen Kritik. Der Briefschreiber hieß M o s e s M e n d e l s - söhn. Und so erleben wir das zwiefach schöne Schauspiel: Lessing, der Moses Mendelssohn gerade damals als den Verfasser der philosophischen Gespräche in die deutsche philosophische Literatur einführte, bringt ihn zu gleicher Zeit auch vor die nichtjüdische Oeffentlichkeit als Verteidiger seiner Glaubensbrüder. Die doppelte Bedeutung, die Mendelssohns Leben und Wirken für Mit- und Nachwelt erhallen sollte, scheint sich in dieser Einführung symbolisch auszusprechen. ' Der Brief Mendelssohns an Gumpertz bildet, so kann man sagen, den Anfang seiner mehr als ZZjährigen Lebensfre u n vs ch a ftmitLeis i ng. „Es ist wirklich ein Jude," schrieb Lessing damals über ihn an Michaelis, „ein Mensch von etlichen und zwanzig Jahren, welcher, ohne alle Anweisung, in Sprachen, in der Mathematik, in der Weltweisheii, in der Poesie eine große Stärke erlangt hat. Ich sehe ihn im voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders leine eigenen Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist Wider Leute seinesgleichen getrieben hat. Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist läßt mich ihn im voraus als einen zweiten Spinoza betrachten, dem zur völligen Gleichheit mit dem ersteren nichts als seine Irrtümer fehlen werden." Woraus beruht diese merkwürdige Freundschaft zwischen zwei ihrem Herkommen und auch ihrem Temperament nach durchaus verschiedenen Menschen? Ihr Wesen ist von manchem Beurteiler verkannt worden. Allzu oft sah man in Lessing allein den Gebenden, in Mendelssohn allein den Empfangenden. Erst die jüngste Zeit hat uns wieder darüber belehrt, was freilich schon unter Lessings Zeitgenossen vielen klar war: daß diese Freundschaft eine wahre Arbeitsgemeinschast war, bei der jeder gab und nahm — ja, daß Mendelssohn besonders in den frühen Jahren dieser Freundschaft eher der Gebende gewesen ist. Als die Seiden Altersgenossen einander begegneten, da" war der Jude aus Dessau in rein philosophischen Dingen schon erheblich geschulter als der junge Lessing. Locke, Leibniz,'ja sogar Spinoza hatte er durchgearbeitet, sreilich fehlte ihm die tiefe Originalität und die scharfe Wucht der Gedanken, wie sie Lessing eigen war. Dafür aber schritt er bedächtiger voran, hartnäckig sammelnd, unerbittlich logisch, wenn Lessing sich an „logischen Fechterstreichen" und Gedankensprüngen ergötzen mochte.' Aus diesem für die Art ihres Zusammenarbeitens Höchst fruchtbaren Widerstreit ihrer Naturen erklärt sich die merkwürdige Atmosphäre ihres freundschaftlichen Briefwechsels. Es ist eine Freundschaft, die der Art der Zeit entsprechend häufig fast in den Worten der Liebe redet. „Sie haben allzu ost nicht ohne Vergnügen bemerkt, wie viel Macht ein freundschaftlicher Blick von Ihnen auf mein Gemüt gehabt hat, der vermögend gewesen ist, allen Gram aus meiner Brust zu verbannen nnd mein Gesicht plötzlich mit fröhlichen Mienen zu beziehen," schreibt Mendelssohn einmal an Lessing. Ein andermal erspart er ihm nicht die Vorwürfe der gekränkten Liebe: daß er unter den schauspielern lebe, daß er so viel Bücher kaufe, vor allen Dingen, daß er ein so unstetes „schwindliges Leben führe". „Reisen Sie immer! Streifen Sie die Welt durch. Lernen Sie tausend Narren kennen, um sich von noch größeren Narren auslacheil zu lassen. Lernen Sie tausend Elende kennen, unl noch Elendere zum Milleiden zu bewegen." Aber gerne will er den Schmerz der Treunung ertragen, wenn ihm der beste Freund nnd treueste Ratgeber die Versicherung gäbe, daß er ihn noch so zärtlich liebt als damals, da eine jede Unterredung mit ihm eine Ausmunterung war, seinen Verstand und sein Herz zu bessern. Auch der kühlere Lessing schreibt Briese in ähnlicher Tonart. „Ich empfand zu viel, um dabei denken zu können . . . ich will es nicht wagen, der Freundschaft, noch Ihnen eine Lobrede zu halten; ich will nichts, als mich von ihr hinreißen lassen. Möchte ich Ihrer Wahl so würdig sein, als Sie der meinen sind!" Und ein andermal „Leben 'Die Wohl, liebster Freund! Und werden Sie nicht müde, mich zu bessern; so werden Sie auch nicht müde werden, mich zu lieben."

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