Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 5 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094340--1640-3096370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
135 tum identifiziert. Hatte doch Lessing bereits vorher seinen „Nathan" vollendet und durch die zentrale Stellung, die er der Bottacioschen Ringfabel hier anweist, die absolute Gleichheit, dem Gleichwert aller drei herrschenden Religionen betont, ihren Positiven Wert überhaupt aber nur soweit gelten lassen, wie die Religion als Folie des reinen Menschentums dient. ' Es hieße die ganze feinsinnige Beweisführung M. Guttmanns (in „Das Judentum und seine Umwelt") wiederholen, wollte man den verhängnisvollen Irrtum nachweisen, dem Lessing hier unterlag, als er Religion mit Ringen in Vergleich brachte, die doch immerhin, je nachdem sie ihren Träger „angenehm" machen, angelegt, abgelegt oder ausgetauscht werden können. Der verhängnisvolle Irrtum des rationalistischen Zeitalters war eben die Gleichsetzung der Religion mit dem Begriff Wahrheit. Da Lessing selbst sich nur als Wahrheitssucher bekannt hat, hätte er von hier aus schon wissen müssen, daß Suchen ein ewiges Unbefriedigtsein auslöst. Religion dagegen ist Herzenssache, die den Menschen bei allem Sehnen und Suchen so in sich ruhen läßt, wie das Kind, wenn es sich der Mutter anschmiegt. Es kann jemand eine neue Wahrheit erkennen, eine alte als irrtümlich einsehen,, ohne daß sein Seelenleben einen Zwiespalt erleiden müßte. Für den Glauben des Menschen ist dies unmöglich. Die Seele ist mit ihrem Glauben wesenhaft verbunden. Daher hat jede Religion ihr Partikulares oder Individuelles des Glaubensgutes, das aus dem geschichtlichen Erleben der Ahnen, unter denen die Religion geworden, hervorgegangen ist. Einer anderen historischen Gemeinschaft derartige seelische Inhalte als Dogma, als allein gültiges Dogma, aufdrängen zu wollen, ist krankhafter Fanatismus, der „aus Liebe quälen muß" wie Lessings „gute, böse Daja, eine von den Schwärmerinnen, die den allgemeinen, einzig wahren Weg nach Gori zu wissen wähnen und sich gedrungen suhlen, einen jeden, der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken. Denn ist wahr, daß dieser Wsg allein nur richtig führt, wie sollen sie gelassen ihre Freunde auf einem anderen wandeln sehen, der ins Verderben stürzt, ins ewige Verderben!" (Nathan, 5. Akt.) Nie hat das Judentum so gedacht. Es beansprucht für sich „einen" Weg zu haben, der zum einzigen Gott führt. Die Gläubigen, die dieses Weges wandeln, beobachten dabei ihnen heilig gewordene Bräuche und Gesetze. Der Außenstehende wird diesen Bräuchen stets sern und fremd bleiben. Aber er wird in der ethisch-humanen Sphäre, die von dem wahrhaft Gottgläubigen, aus dessen Gesinnung und Handlung ausstrahlt, die Plattform für die Menschengemeinschaft finden. Weil die Monodoxie, der Glaube von der alleinseligmachenden Kirche, das ganze Mittelalter beherrschte, weil eine ganze Generation aus Leben und Tod rang, um die Glaubensfreiheit zu erkämpfen, und schließlich nur neuer starrer Dogmatismus an Stelle oder neben den alten trat, wie es ja noch der Lessing-Götze-Streit /.ess/nF unük /.ava^e^ ös/ ^oses ^se/?t/e/5>5oH/!. </Vach aus Sen'/s ckes /^e^n />. 5ahWa^sLh//t/.) erweist, darum konnte der Rationalismus eine solche Macht über die Gemüter erlangen. Nur in ihm, so glaubte man jetzt, liege das menschenverbrüdernde Heil. Ein idealer Himmel wölbte sich über den Schwärmern des Sturms nnd Drangs, da Goethe Griechen und Scythen durch reine Menschlichkeit harmonisch verband, da Schiller „diesenKuß der ganzenWeIt" zuwarf, selbst dem rohsten Kannibalen schwärmerisch den Becher sanfter Freude kredenzend, da schließlich die Jacobiner fanatisch um den Wagen der Vernunftgöttin herumjauchzten. Was die Enzyklopädisten und Rousseau, was Lessing und der Sturm und Drang an Revolutionärem, an Menschenrecht und Menschenfreiheit verkündenden Gedanken lehrten und schrieben, das trank die Seele der „Ausgeklärten", jener jüdischen Kreise in Königsberg und in Berlin, die mit unstillbarem Durst nach Freiheit in diese Theorienwelt sich stürzten, als wäre sie die Welt der Wirklichkeit. Ihnen verkündete jetzt Lessing statt der alten Religion die neue Menschheitslehrs. Diese Lehre hatte ja bereits ihren schwärmerischen Priester gefunden. Schleiermache r, so schreibt Graetz, lehrte seine geistreichen jüdischen Freundinnen, daß sein Christentum sich mit der Lehre Spinozas durchaus vereinigen ließe, daß im „Gefühl sür das All" die wahrhafte Religion beruhe, deren Wesen so lange verkannt werde, wie man das Christentum nur als Fortsetzung des Judentums, Jesus nur als jüdischen Rabbi betrachte. Nur „mit dem späteren Menschen in Gott", nur mit Spinoza lasse sich Jesus allenfalls auf eine Linie stellen. Auch in Spinoza spiegele sich das Universum ab, auch er sei der Religion und heiligen Geistes voll gewesen. „Von dieser Fälschung der Geschichte ging Schleierma- Christologie aus, von solcher Wortchers Theologie oder künstelet hallten seine Predigten wider, auf welche die Berliner Judenheit und besonders die jüdischen Weiber so andächtig lauschten, wie einst ihre Vorsahren auf die Lügenkünste der salschen Propheten. Die Schleiermachersche Schule, welche tonangebend in Deutschland wurde, hat diese vornehme Verachtung des Judentums zum Stichwort und zum Ausgangspunkt ihrer Gläubigkeit gemacht." Das furchtbare Ergebnis dieser Zeit war, daß ein Judentum der Entwurzelten entstand, das jenen Typus des „Selbsthasses" hervorbrachte, wie ihn uns neuerdings Werfe! in seinem „Paulu s" und jetzt Wassermannin seinem „M a u - ritius" aufzeichnet. Diese neuen Menschen hassen aus Liebe zu einem Phantom, das ihnen in romantischer Beleuchtung als neuer Gott einer neuen Zeit gezeigt wird, den alten Gott und sein altes Volk, dem sie entstammen, empfinden es, wie Rahel Lewin dies wörtlich sagt, als größte Schmach und härtestes Unglück, als Juden geboren zu sein. Und dieser neue Gott heißt Jesus-Spinoza. In einem Vortrag „Die religiösen Bewegungen der Gegenwart" (1914) sagt Hermann Cohen: Die romantische Philo-