Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 5 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
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s134 lür, die der geistigen Entwicklung Stillstand gebietet, bekämpfte er. Lessing ein Denkmal errichten und nebenbei geistige Knechtschaft predigen und erhalten, Ausschießlichkeit lehren und üben, engherzig und dünkelhaft sich als „Knorren" überheben; Lessing ein Denkmal errichten und dabei nach allen Seiten hin rücksichtsvoll, zaghast spähend ausweichen, sich durchwinden, klug sich von den Verhältnissen leiten lassen, ohne den murigen Vorsatz, in ihre Gestaltung einzugreifen — das wäre eine Verspottung seiner selbst, mehr noch, als ein Hohn gegen Lessing. Freuen wir uns des tapseren Gedankens, in Lessing den Genius des deutschen Volkes zu feiern; er bürgt auch für die tapfere Tat. Und wenn alle deutscheu Männer zur Ausführung dieses Denkmals mit beizutragen berufen sind, so mögen auch vorzugsweise die Bekenner des Judentums dieser Ausgabe eingedenk sein. Sie haben nicht bloß gegen ihn eine Schuld der Dankbarkeit zu entrichten, und auch diese ist groß genug. Er ist der einzige große Dichter, der sie als Menschen und als Träger einer sittlichen Idee zu würdigen verstand. Ihm war nicht der Jude, zumal der damalige, zu „unschön", um ihn zu berühren, er hat nicht, wie Shakespeare, ihr Weh empfunden und dennoch an ihrer Entwürdigung sich gelabt; er hat den tiefen, sittlichen Fond erkannt, der sie in aller Erniedrigung aufrecht zu erhalten vermochte, der den Menschen in ihnen nicht verkommen ließ trotz unmenschlicher Behandlung. Er hat die gauze Niedrigkeit der gegen sie gerichteten Selbstüberhebung, die ganze Hoheit ihrer Wurde bei aller notgedrungenen Schmiegfamkeit begriffen und dargestellt, die Schlechtigkeit, die srömmetnd gegen fie frevelt, gegeißelt und den Adel des göttlichen Ebenbildes, das sich in ihnen nicht verwischt, in seiner vollen Bedeutung gewürdigt. Er hat in einem Erstliilgsverjuche, wie in seinem reifsten Dichterwerte den Juden vorgeführt nlcht in sentimentalem Jammer, sondern in edter Männlichkeit. Er hat auch im Leben, wie denn seine ganze Dichtung Abdruck seines Lebens war, den Juden Mendelssohn als seinen Freund an sich herangezogen, und dieser, wie mancher andere, sind an ihm frei und groß geworden. Er hat den Juden für ihre Bemühungen um geistige Befreiung die Bahn geebnet, und feine leuchtenden Gedanten haben ihnen den Weg der Entwicklung erhellt. Doch nicht dieje Schuld der Dankbarkeit allein ist es, die sie gegen ihn abzutragen haben; auch die Pflicht der Selbsterhaltung inulZ ste zu oem ^loen des Geiles hinziehen. Immer muß die Gemeinjchast, die nicht auf ihr numerisches Ueoergewicht pochen kann, ihre nraft in oer Anspannung und der reichen Entfaltung des Geistes juchen; Lästigkeit, die dem Starken nachgesehen wird, ihm nicht unmittelbar schadet, rächt sich zchnell an dem Schwachen. Das Judentum als die kleinste Grotzlirche kann nur durch oie innere Freiheit, durch die geistige Energie seiner Beie.tner Veneheu. ^yrifleuium uuoJslauiflehl die äußere Macht zur Seile, sie d leiben noch lange weuoeherr,chend, wenn auch die geistige Frijche ihnen enlichwinoet; das Juoenlum sinkt gänzlich, wenn es nlcyt vorangeht aus oer Baun der menichlichen Enlwmluiig. In kejjlng vui es den mungen Führer, der ihm zeigt, wie man nach Wahrheit ringen soll, unvestochen vom Flitter außerhalb, das Gewolr innerhalb zerstreuend. Im Beitrage zum Denkmale Lessings bekunde sich die Verehrung für seine Gesinnung,' das Streben, sie in uns zu wecken, unsere Hingebung an die Wahrheit, unser Mut für sie einzustehen, das Bewußtsein von unscrm guten Rechte und die Ausdauer, es zu vertreten. Er sieye oa, unvergänglich für uns zeugend und zur Nachfolge anregend. Lessing und die Aufklärung. Von Nr. B. May. „Jm18. Jahrhundert gibt es keineWmioer mehr." ' Die Verteidigung, die Mendelssohn in seinen „Morgenstunden" zn Ehren Lessings unternahm, als dieser von Jacoby!-des' „Spinozismus" (d. h. damals des Atheismus) beschuldigt wurde, iann vom philo jophiscyen Standpunkte aus kaum als gelungen öettächtet -werdend- 'Denn - 'Lejsing- Hatte sein letztes Wort selbst nicht ' gesprochen, seine Weltanschauung galt ihm selbst nie als abge- Mlossen/'Ein fanatischer Sucher der Wahrheit'---wollte Lessing all sein Leben'läng sein und bleiben. „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich imnrer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mn Demut in seine Linke und 'sagte: Vater gib, die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein." Der Wahrheit gegenüber hält er für sich, den Menschen, den immer regen Trieb nach Wahrheit für das Wahrste. Iii Wirklichkeit mußte Mendelssohn, gerade vom Judentum herkommend, aus solchen Worten seines Freundes heraus, seine eigenen Pnlse schlagen hören. Wie selten schön und verständnisvoll beschreibt er im zweiten Teil seines „Jerusalem" jene Szene (2 B. M. 33, 15 ff.) wo Mose Gott erfleht, ihn doch sein wahres Wesen erschallen zu lassen. Und Mose erfährt, daß der Mensch Wohl begnadet wird, der göttlichen Eigenschaften erschauernd inne zu werdeil, daß er jedoch Gottes Wesen niemals schauen kann. Gott ist die Wahrheit, die Wahrheit bleibt also ewig verhüllt wie Gottes Wesen uns ewig verhüllt bleibt. Aber er ist! Nicht Gott selbst dars der Jude suchen, aber die Wahrheit muß er suchen wie die Liebe und Güte und Gerechtigkeit, weil sie das Wesen Gottes ausmachen, das Teil seiner eigenen Wesenheit ist und immer mehr werdeil soll. Nicht „Ich denke, also bin ich" ist der Ausgangspnnkt der Philosophie des Juden, sondern: „Ich denke, also i st Got t". Wissen von mir selbst erhebt mich über das Reich der Natnr, erhebt mich in jene höhere Sphäre, die das Reich Gottes ist. Ich denke, also nehme ich teil an Gott. Gottesfurcht ist der Ausgangspunkt des jüdischen Wissens. Ist Gott, so ist er notwendig „einzig". Ist er einzig, so ist nur Er und nichts außer ihm, keine Natur, weshalb die Bibel hierfür auch kein Wort geprägt hat. „Gott ist gleich Natur" (Zeus Live natura) ist eine dem Judentum diametral entgegengesetzte Weltanschauung. Abgründe liegen zwischen der jüdischen und diesen Philosophischen Weltanschauungen. Aber Mendelssohn selbst war das Kind seiner Zeit. Er war der gelehrige Schüler der Leibniz-Wolffschen Schule. Mit ihr nahm er als eine Offenbarung des Menschenverstandes, als ewige Vernunftwahrheit die Begriffe von Gott, seiner Negierung und Vorsehung an, ohne welche die Menschen ihre Bestimmung nicht erreichen können. Unter den gleichen gedanklichen Voraussetzungen spricht auch Lessing in seinem Werke „Erziehung des Menschengeschlechts" von der Offenbarung, und meint damit „natürlich gereifte" Vernunfterkenntnis. Darum, so heißt es dortsetbst, „erhellte dann später des Menschen Vernunft die Offenbarung", und nach Lessing war das Buch, das die Juden der Welt brachten, auch nur ein Elementarbüch für ein gewisses Alter. Ein besserer Pädagoge mußte kommen und dem Kind das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen — Christus kam. Mendelssohn hätte, wenn ihm nicht das geschichtliche Denken ganz abgegangen wäre, den Historiker Lessing auf das Inkommensurable, das Nichtvergleichbare der ethischen Inhalte beider Lehren aufmerksam machen müssen: Hier in der Bibel, die reale Kampfeinstellung, die Lebenswerttheorien entwickelt, die gerade in unseren Tagen von Sozial-Ethikern bestaunt werden, denen gegenüber aber auch Luther sich nicht versagen konnte zn gestehen, daß der Psalter „aller Heiligen Büchlein ist, und ein Jeglicher in waserlei Sachen er ist, Psalmen und Wort drinnen findet, die sich aus seine Sachen räumen...... Summa: willtu die heiligen christlichen Kirchen gemalet sehen mit lebendiger Farbe und Gestalt, in einem kleinen Bilde gefasset, so nimm den Psalter für dich". Hier haben wir also nach einem unbestochenen Zeugen vollendetes Christentum 500 Jahre vor Christus. Mendelssohn hat sich, soweit uns bekannt geworden, zu den Ansichten Lessings in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" nicht geäußert. Aber er ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, er durfte sich ja dem Glauben hingeben, daß Lessing die Gestalt des Stifters nicht mit dem Christen-