Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 4 (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 101 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vollendung in Verbindung mit all den geläuterten Zügen seines Wescns können dieses Rätsel einigermaßen klären. Meister und Jünger waren in einer für westliche Begriffe unfaßbaren Innigkeit miteinander verbunden; es gemahnt das Verhältnis an klassische Zeiten unseres Volkes. Er lehrte ohne Bevormundung, er gab verschwenderische Belehrung, aber nie griff dieser feinfühlende Mann in die Entwicklung eines Menschen plump oder befehlend ein. Er sah Menschen sich entwickeln, nahm vielleicht im Geiste das Ziel vorweg und gestaltete danach die -Besonderheit der dezenlen und Eigenart achtenden Belehrung; aber immer war sein Respekt vor der freinden Individualität sehr groß, und deshalb ließ er gewähren. „Wir Frauen von einst". Nicht allzu vielen Frankfurtern der jüngeren Generation wird beim Erblicken der kürzlich in München erschienenen „Erinnerungen einer Malerin"*), die obigen Titel tragen, gegenwärtig sein, daß ihre Verfasserin eine Landsmännin von uns ist. Und doch hat sich einst kein Geringerer als unser Friedrich Stoltze für diese Frau, deren hübsches, sympathisches Bild das vorliegende flott und sehr unterhaltsam geschriebene, auch kulturhistorisch interessante Büchlein ziert, zu dem Gedicht „Zwischen Herz und Rose" begeistert, in dem er sein Bedauern ausdrückt, daß er nicht zwanzig Jahre jünger sei. Wenn wir allerdings bedenken, daß schon fast 30 Jahrc verflossen sind, seitdem die Schreiberin mit ihrer Heirat ihre Vaterstadt verlassen hat, um nie wieder zu längerem Ausenthalt dorthin zurückzukehen, dann wird es uns verständlich, wieso 5.er Name Philippine Wolff-Arndt in Frankfurt fast!n Vergessenheit geraten ist. Hier wollen wir vor allem ihrer Jugend, die sich in Frankfurt abgespielt hat, gedenken. Da die Verfasserin selbst in ihrem Bestreben, vor allem ihre Laufbahn als Künstlerin zu schildern, wenig von ihrer Familie spricht, sei manches hierzu aus Persönlicher Bekanntschaft ergänzt. Einer angesehenen jüdischen Familie entstammend, erblickte Philippine Arndt kurz nach der 48er Revolution das. Licht der Welt. Ihre künstlerische Laufbahn wurde dadurch entscheidend beeinflußt, daß sie, von Hasselhorsts empfohlen, von Angilbert Göbel als Schülerin angenommen wurde. Obwohl sie kaum ein Jahr bei ihm gearbeitet hat, wurde Göbel für ihre „künstlerische Anschauung und Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung". Fast 20 Jahre nach seinem Tode hat sie in einem Nachruf in der Frankfurter Zeitung auf ihn hingewiesen und weitere 20 Jahre später eine Gedächtnisausstellung im Kunstverein durchgesetzt, auf der die ganze Bedeutung dieses Künstlers, dem wir u. a. eines der besten Schopenhauer-Bildnisse verdanken, erst weiteren Kreisen sichtbar wurde. In der Staedelschen Kunstschule arbeitete Philippine Arndt später unter Hasselhorst, dessen sie auch dankbar gedenkt. Philipp Rumpf und Anton Burg er, die sie gelegentlich eines Sommeraufenthalts in Cronberg kennenlernt, schätzt sie als Menschen, ohne sich aber durch ihre Kunst beeinflussen zu lassen. Ein Aufenthalt bei Bauern in Kirchbrombach gibt Philippine Gelegenheit, eigentümliche Sitten der Oden- Verlag Ernst Reinhardt, München; geb. RM. 4.80. Wälder Juden kennenzulernen, die sie anschaulich schildert. Nach zwei Jahren Studiums in München und zwei weiteren Jahren Ausenthalts in Italien heiratet Philippine, dreißig Jahre alt, nach Leipzig, und zwar den Sohn des Frankfurter Konzertmeisters Heinrich Wolff. Ihr schönes Heim wurde bald ein Mittelpunkt geistig und künstlerisch interessierter Menschen, vor allem auch eine Pslegestätte guter Kammermusik, an der sich schon frühzeitig die Kinder des Hauses beteiligten. Von den drei Kindern, die der Ehe mit Anton Wolff entsprossen waren, heiratete eine Tochter in jungen Jahren den Sohn des Frankfurter Philanthropen Charles Hallgarten, Dr. Robert Hallgarten. Seit einem Jahrzehnt lebt die rüstige, noch immer schaffende Frau in München. Die jetzige Generation dsr Frauen, denen alle Berufe offen stehen, sollte nicht achtlos an diesem Buche vorübergehen, in dem eine „Frau von einst" die Schwierigkeiten schildert, die ehedem einer bildenden Künstlerin bei Ergreifung ihres Berufes im Wege standen. Wurden doch z. B. bis tief in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein keine Frauen in die Staedelsche Kunstschule ausgenommen. Am Aktzeichen durften sie auch noch fpäter nicht teilnehmen. Und gar in der „Kunststadt" München waren ihnen die Akademien und Kunstgewerbeschulen verschlossen. Solche Zustände erklären es zur Genüge, daß sich Frauen erst spät in der bildenden Kunst auszeichnen konnten, zumal da auch die Kunstkritiker ihrem Schaffen abweisend oder verständnislos gegenüberstanden. Auf acht Tafeln, die das nett ausgestattete Buch schmücken, können wir die Kunst unserer Landsmännin kennenlernen. Welch weiter Weg künstlerischer Entwicklung führt von dem 1872 gemalten Bild ihrer damals 81jährigen Großmutter bis zu dem reizenden Köpfchen von Thomas Manns „Kindchen", das 1926 entstanden ist. Neben ihrem Manne, dem feinsinnigen Musiker, Freund Max Negers und anderer Künstler, kreuzten auch andere hochstehende Menschen ihren Lebensweg. Hier möchte ich nur noch ihres Schwagers Dr. Gottlieb Schnapper-Arndt gedenken, dessen Haus und Stammtisch im Caf6 Bauer den Mittelpunkt geistig strebender Menschen, vor allem der Jugend, bildete. Wie manche von uns Frankfurtern ihm viel verdanken, so war dies Wohl auch bei seiner Schwägerin der Fall. Jedenfalls haben die Namen Schnapper und Arndt einen guten Klang in der Geschichte Frankfurts und der Frankfurter Juden. Der rüstigen Greisin aber, der diese Zeilen gewidmet sind, wünschen wir von Herzen einen schönen Lebensabend. B—r. , Ss?i'dt /ift^ZI Ksw.sn.dssssrsn'vvis /«kubnever^Xsffee Amtliche Anzeigen des GemeindevorAandS Kultussteuer der Lohnsteuerpflichtigen für ilS2S/2S, II. Halbjahr. Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 30. April d. I. (Gemeinseblatt Nr. 10 v. Juni 1928) machen wir darauf aufmerksam, daß diejenigen Lohnsteuerpflichtigen, die einen roten Steuerzettel erhalten haben, die Kultussteuer für das zweite Halbjahr binnen einer Woche vom 13. November 1928 ab an die auf dem Steuerzettel bezeichnete Städtische Steuerkasse zu entrichten hatten. Bei Einzahlung durch die Post ist die Hebebuchnummer anzugeben. Bei nicht fristgemäßer Zahlung entstehen im Beitreibungsverfahren Kosten. Frankfurt a. M., Vorstand der 30. Nov. 1928 Israelitischen Gemeinde Einführung der Neuauflage des Gebetbuches in der Synagoge an der Freiherr-Vom-Stein-Stratze (früher Kömgstemerstratze). Am ersten Samstag im Monat Dezember, das ist am 1. Dezember, wird die Neuauflage des Gebetbuchs dem Gottesdienst zugrundegelegt werden. Die neue grundsätzliche Abweichung von der bisherigen Gottesdienstordnung wird darin bestehen, daß für die meisten Gesänge und Responsen an Stelle des bisherigen Chorgesangs einstimmiger Gemeindegesang treten wird,