Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 4 (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 6)
- Language
- German
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Askese, mit Recht betont, noch wirksameres Mittel ist teilweise Enthaltung von Speise; doch war dies nicht Populär, weil es etwas zu Unbestimmtes (und wirklich Schweres!) ist. Auch die Einsamkeit zu Pflegen war damals noch lebendige und bei dem engen Znsammenhocken in der überfüllten Judengässe zweifellos förderliche Litte. Einen ganzen Fasttag in völliger Abgeschlossenheit zu verbringen, galt als gutes Werk: aber auch stundenweise Selbstisolierung. Bitterliches Weinen beim Beten wird sehr einpfählen7 man soll die Tränen über die Stirne führen (um die Sünden abzuwischen, die auf ihr geschrieben stehen). Lachen dagegen, besonders lautes, ist gänzlich verpönt; wenn man es nicht lassen kann, soll man sich für jedes Lachen eine kleine Geldbuße auferlegen, um es sich endlich abzugewöhnen. Solche Selbstbcstrafüngen finanzieller Natur (zngnnsten der Armen) waren übrigens ein sehr beliebtes Mittel der Selbstzucht. Am meisten charakteristisch ist aber für diese alte, von der Kabbala beeinflußte Frankfurter Frömmigkeit ihre noch weit über das allgemeine rabbinnche Judentum hinausgehende Minutiosität; da eben alles und jedes Einfluß auf Heibeiführung oder Verhinderung des zukünftigen Heils Einfluß hat, wird auch alles und jedes, und wäre es der bescheidenste Brauch, Gegenstand religiösen Eifers. Und hier stehen wir vor der interessanten Tatsache, wie dieselbe geistige Bewegung an verschiedenen Orten zu ganz verschiedenen Resultaten geführt hat: in Frankfurt bildet sich eine, schon bis heute lebendige Pünktlichkeit in der Ausübung auch kleinster religiöser Bräuche aus; in manchen Teilen des Ostens aber führt die Kabbala zum Chassidismus, zu einer Art ekstatischen Religiosität, die notwendigerweise gegenüber einzelnen Riten (soweit sie natürlich keine direkten Gebote sind) eine gewisse Laxheit zeigt. Ein weniger wichtiger, aber für die Gestaltung des Gottesdienstes sehr entscheidender Unterschied sei hier vermerkt. Während es alter „deutscher", von unserem Verfasser ausdrücklich und wiederholt betonter Brauch war, für eine bestimmte Liturgie stets eine bestimmte Melodie zu verwenden, so daß der heutige Frankfurter Gottesdienst, von wenigen „Einlagen" abgesehen, über einen festen und altertümlichen Melodienschatz verfügt,^) entspricht es dem Wesen der mehr spontanen chassidischen Frömmigkeit, durch stets neue Niggunim (Melodien) die Stimmung der Beter zu erhöhen; so daß dort, außer einem gewissen allgemeinen Tenor, alles Sangbare dem Wechsel der „Schlager" unterworfen ist. Zuletzt fei uns das religiöse Leben der deutschen Juden vor 300 Jahren in seiner noch wachen Produktivität gekennzeichnet. Zunächst ist ja alles, was oben über den neuen pietistischen Einschlag gesagt worden ist, als Zeichen schöpferischer Religiosität zu werten. Bei der glücklichen Heimkehr im Jahre 1616 wird ein Fasttag zur Erinnerung an die mit der Vertreibung verbundenen Nöte'in ein Fest, das „Frankfurter Pur im", eingerichtet, welch beide von echten Frankfurtern bis heute eingehalten werden. Trotz strengstem Festhalten am Ueberlieferten wird Neues unbedenklich eingeführt (z. B. das oben erwähnte „Lechs dodi") und besonders "in der privaten Frömmigkeit ist das persönliche, selbstverfaßte Gebet durchaus noch lebendige Sitte, wovon viele Seiten des „Josif Omez" zeugen. Für den Freitag-Abendtisch hat unser Verfasser einen sehr umfangreichen Sang über die Sabbatlichter gedichtet (für die Frauen mit — gereimter — deutscher Uebersetzung), welcher, laut Vorrede der Neüausgabe, noch lange in Frankfurt in Gebrauch gewesen sein soll. Soziale Verhältnisse. Man wäre vielleicht nach dem Vorhergesagten versucht, die damaligen Frankfurter Juden als eine «Gesellschaft von Büßern und Leisetretern anzusehen. Nichts wäre falscher als dies. Wir sehen vielmehr durch unseren ganzen „Josif Omez", als zweifellos treuen Spiegel seiner Umgebung, einen frischen Geist selbstbewußter Tatkraft und freudig-sicheren Gottvertrauens walten. Es ist ja schon längst erkannt worden, daß hochgespannte Frömmigkeit, wie überhaupt, so besonders in jener Frühzeit des Kapitalismus, keine Behinderung, sondern vielmehr Steigerung der persönlichen Energie und Geschäststüchtigkeit bedeutete.' Hn Frankfurt besonders machte die verhältnismäßig günstige politische Lage der Judenschast, daß die viel verzweigten Handelsbeziehungen (auch die Frankfurter Messe), das besonders damals starke Fluktuieren der jüdischen Bevölkerung frisches Leben und eine gewisse Weite in die Judengasse gebracht haben. Von sozialen Unterschieden wurde oben kurz gesprochen. Eindringlich sind des Verfassers Ermahnungen an die Mächtigen: sie wußten ja, daß sich die Schwächeren keiner ihrer Anordnungen widersetzen würden, aber eben deshalb sollten sie von ihrer Macht keinen Gebrauch machen. Die Kreise der Machthaber wahrten eine strenge Exklusivität, insbesondere beim Eingehen von Ehen; als ganz außerordentliches religiöses Verdienst wurde es angesehen, wenn eine Familie bei einer Eheschließung ihr Standes'vorurteil zurücktreten ließ. Die altjüdische Sitte der Gastfreundschaft wurde zwar im weiteren Maße geübt; aber oft ließ man den oder die Gäste in einem anderen Raum und nicht an der Familientafel speisen (eine Abgrenzung 5) Anmerkung: Z. B. wird der Priestersegen am Festtage noch heute nach einer alten Faßbindermelodie gesungen. übrigens, die man dem Personal gegenüber nicht für nötig hielt; s. u.). Ein gewisses Nachlassen des alten Gemeinschaftsgefühls erklärt der Verfasser selbst auf natürliche Weise durch das schnelle Anwachsen der jüdischen Gemeinde. Früher bestand die schöne Sitte, daß nach Bekanntwerden einer Trauer- Nachricht niemand in der Judengasse eine Mahlzeit zu sich nahm, bis der Tote bestattet war; auf diese Weise wurde für jedermann eine würdige Teilnahme am Begräbnis gesichert; diese Sitte kam aber bei Lebzeiten des Verfassers selber ab und es war oft recht schwer, eine ansprechende Beteiligung an der Bestattung, nocki mehr aber für den Liebesdienst der Trauerwocke zu finden. Außer bei „großen" Hochzeiten lud der „Schulklopfer^ meist vergebens die Gemeindemitglieder zur Erfüllung der heiligen Pflicht der „Hachuasat Kallah", der Führung der Braut unter den Trauhimmel, ein; man war eben aus der Enge einer kleinen Familie zu einem großen, nicht mehr ganz zu übersehenden Gemeinwesen angewachsen; doch erwähnt der Verfasser einmal, daß sich die in Frankfurt befindlichen Juden — abgesehen von Messetagen — alle in der Regel gegenseitig kennen. Das Dienstpersonal (und man hatte sehr viel) bestand in der Regel aus jüdischen Mädchen und Witwen. Die öfters vorgetragene Theorie, daß in der Judengasse jede erwachsene Frau verheiratet gewesen sei, ist nichts weniger als richtig und für Frankfurter Verhältnisse mit den rigorosen Heiratsbeschränkungen völlig unmöglich. Es gab da so manche Tragödie. Des Verfassers eindringliche Mahnung zur strengsten Beaufsichtigung des Dienstpersonals wird Wohl nicht alle Schwierigkeiten beseitigt haben. Es sei übrigens vermerkt, daß Rabbi Joseph Juspa Hahn Mar unnachsichtliche Behandlung im Fall einer Verfehlung fordert, andererseits aber empfiehlt, sich der unverheirateten Schwangeren anzunehmen, — so weit es nnter Vermeidung öffentlichen Aergernisses geschehen kann. — Ueberaus zahlreich sind die verstreuten Bemerkungen über das Verhalten zu den H a u s a n g est e ll t e n. Diese spielten eben im Leben der Gesellschaft eine noch empfindlichere Rolle als hente. da das soziale Leben damals größtenteils auf das Haus beschränkt war. Selbst oder vielmehr gerade in der feinsten Farm darf man die Angestellte nicht beleidigen oder schikanieren. Den Sohn soll man ungebeten auszahlen. „Ganz Israel sind Königskinder"; wenn sich also das Mädchen geniert, gewisse grobe Arbeiten öffentlich zu tun, soll man es ihren Gefühlen entsprechend anders einrichten; im Winter soll sie, soweit als möglich, in der warmen Stube und nicht immer im Kalten arbeilen. Während des Essens soll man sie nicht durch besondere Aufträge unterbrechen; wie oben angedeutet, war es auch in den reichen Häusern Sitte, daß das Personal mit am Tisch speiste. Zum Dienstpersonal gehörten auch im gewissen Sinne die Knaben oder jungen Leute, die zum Studieren nach Frankfurt kamen und ohne Vergütung in Privathäusern Speise und Wohnung erhielten; es galt dies als ganz besonders verdienstliches Liebeswerk. Doch ließ es sich nicht vermeiden, daß diese jungen Leute auch des öfteren zu Arbeitsleistungen herangezogen wurden; besonders die liebe Hausfrau konnte es oft nicht verstehen, warum der junge Mann so ganz unverdient ihre gute Küche genießen sollte; weshalb daher unser Verfasser oft genug vor solcher Ausnützung warnen oder aber vorausgehende gegenseitige Vereinbarungen empfehlen muß. (Diese Mischung von Zedöko-tun und Ausnutzung ist ein manchmal anzutreffendes Merkmal jüdischer gesellschaftlicher Zustände sogar gelegentlich in dem neuen Palästina.) Da ist es denn interessant, daß Rabbi Hahn anderwärts empfiehlt, arme Leute als Personal einzustellen, da man damit gleichzeitig Zedoko tun würde. Aus demselben Grunde solle man. wo es nur angeht. Glaubensgenossen anstatt Nichtjuden beschäftigen (es handelt sich hier nicht um häusliche Arbeiten; hierzu durften, laut Stättigkeitsgesetz, sowieso keiue Christen verwendet werden.) Die sanitären Verhältnisse in der bereits damals überfüllten Judengasse waren durchaus schlecht. Infolge Mangels geeigneter Abzugskanäle war der Schmutz allerorts unerträglich; selbst der Vorhof der Synagoge war aus diesem Grunde zu religiösen Handlungen (z. B. Trauungen, die nach alter Sitte unter freiem Himmel'stattfinden sollten) kaum zu benutzen. Im Gegensatz zu den kräftigen jüdischen Kindern vom Lande, waren die Stadtkinder überaus schwächlich, so daß sie vor dem 12. Lebensjahr nicht fasten sollen; (dieser vom Verfasser betonte Unterschied beruht aber auch vielleicht darauf, daß die Kinder auf dem Lande nicht in dem Maße unter dem Joch der Bildung litten wie die städtischen; s. u.). Die an zahlreichen Stellen betonte Sorge für die Gesundheit ist ein für unser Buch geradezu charakteristischer Zug. In Kurbäder fuhr man schon damals häufig, vor allem nach Wiesbade n. Jüdische Hotels gab es allerdings nicht, so daß der Aufenthalt mit einigen Unbequemlichkeiten verknüpft war; auch die Kur selber war äußerst anstrengend: man mußte an die 14 Tage ununterbrochen, selbst beim Schlafen auf Steinstücken ruhend, im heißen Wasser liegen (Josif Omez S. 37 und 299). Gegen übermäßiges Essen protestiert unser Verfasser so eindringlich, daß man tatsächlich darin ein jüdisches Nationallaster sehen darf. Uebrigens war reichliches Trinken von edlem Traubensaft (nicht etwa Aepfelwein) damals sehr üblich. Nach Tisch ging man zwar nicht ins ,Kaffee" Wohl aber jns