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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-12-01 · 4 (12.1928) · p. Seite 97

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
4 (12.1928)
Date
1928-12-01
Page
Seite 97 (sequence 5)
Language
German
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97 nöte und die furchtbaren Epidemien mehr unterbrochen als erledigt wurde (vgl. K raca u e r , Geschichte der Frankfurter Inden, Kap. VIII und' IX). Auch vom allgemeinen jüdisch-dentschen Standpnnkt aus ist die Zeit, die sich im „Iosif Omez" widerspiegelt, von gewisser Bedeutsamkeit. Ter geographische Begriff „Aschkenas" — das jüdische Deutschland — fällt durchaus nicht mit den Politischen Grenzen des heutigen deutschen Reiches zusammen. Es ist vielmehr das srühmittelalterliche Deutschland die Länder zn beiden Teilen des Rheins nnd des südlichen Deutschlands, die damit gemeint sind. So fand im Jahre 1603 in Frankfurt eine später berühmt gewordene Versammlung der Rabbiner und Vorsteher 8er deutschen Gemeinden statt. Vertreten waren aber die Städte aus dem eben definierten „Aschkenas", von Bonn und Hildesheim im Norden bis zu der großen schwäbischen Gemeinde Günzburg im Süden. Daß diese Gemeinden eine abgeschlossene, untereinander festverknüpfte Einheit darstellten, zeigen die gefaßten Beschlüsse, nicht nur die Positiven, von denen die Erhebung eines allgemeinen, jährlichen, nach dem Vermögen abgestuften „Pfennigs", sowie die Einrichtung fester Gerichtssprengel erwähnt seien, sondern auch negative, wie die Bestimmungen, daß ein von einem nicht„deutschen" Rabbiner über einen Inden von Aschkenas verhängter Bann keine Gültigkeit haben soll, ebenso 'der von einem nicht„deutschen" Rabbiner verliehene Ehrentitel „Chaber" (Gelehrter). (Näheres bei M. Horovitz, Die Frankfurter Rabbinerversamnllung vom Jahre 1603). Dieses alte, seit den Kreuzz-ügen seinen eigentümlichen Charakter wahrende „Aschkenas" sollte aber nicht mehr lange seine Abgeschlossenheit behalten. Um die Mitte!des 17. Jahrhunderts setzt die große Rückwauderuug der einst ins Königreich Polen gezogenen ehemals deutschen Juden eiu, welche Wanderung bekanntlich bis heute fortdauert und die vor 300 Jahren kleinen süd- und Westdeutschen Gemeinden (die größte, Frankfurt, zählte weniger als 2000 Seelen) bedeutsam an Zahl und damit auch anderweitig verändert hat. Der „Iosif Omez", welcher den Brauch der deutschen Juden (neben Frankfurter wird vor allem auch Wormser Sitte behandelt) in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts darstellt, ist somit eiues der spätesten Dokumente ursprünglichen aschken arischen Judentums, und als solches besonderer Beachtung wert. Es wäre übrigens ein entschiedener Irrtum, zu vermeinen, daß der Verfasser des „Iosif Omez" und seine Mitbürger zu der weiten jüdische» Welt keine Beziehungen gehabt hätten. Ganz im Gegenteil. Sehr oft wird polnischer Ritus zum Vergleich herangezogen, jüdische Literatur aus allen Ländern (besonders auch den mit sefardischen Juden) wird auf jeder Seite benutzt, wobei auch bemerkt werden soll, daß der „Schulchan Aruch" des erst 50 Jahre früher in Safed, in Palästina, verstorbenen Josef Karo als Rcligions- und Rechtskodex bereits völlig recipiert ist, ebenso wie das berühmte Sabbatlied „Lecha dodi", welches zwar Heine dem alten Jehuda Halevi zugeschrieben hat, in Wirklichkeit aber dem Zeitgenossen Josef Karos, dem palästinensischen Dichter Schloms Alkakez angehört. Der am Purimfeste vou jedem Judeu zu erlegende „halbe Schekel" war smr die Armen des heiligen Landes bestimmt und die Frankfurter Gelehrten standen iu lebhaftem brieflichen Verkehr mit den Gelehrten von Safed. Für die Beziehungen der jüdischen Gemeinden untereinander sei schließlich auf den berühmten Frankfurter Rabbiner Jesaia Hurwitz, den Lehrer unseres Verfassers und die von ihm am meisten zitierte Autorität, hingewiesen, der außer in Frankfurt auch iu Krakau uud Posen, vor allem aber in Prag Rabbiner war, dann nach Jerusalem auswanderte und schließlich in Tiberias starb. Aber was das Wichtigste und allein Entscheidende ist: die Frankfurter Jndenscha-ft nimmt vollständig (allerdings in einer ihr eigentümlichen Weise) Anteil an der großeil religiösen -Bewegung, welche damals das ganze Judentum vou Jemen im südlichen Arabien bis nach Amsterdam in Holland aufs tiefste erfüllt hat, und dies ist die dritte und vielleicht interessanteste zeitgeschichtliche Bindung unseres Buches: sein eigentümlicher religiöser Pietismus. Um die Mitte des vorhergehenden, des 16. Jahrhunderts, hatte die jüdische Mystik, die Kabbala, eine unerhörte Renaissance, mit Palästina als Mittelpunkt, erlebt. Eigentlich handelt es sich hier mehr nm eine religiöse Magie, insofern als in ihr erstrebt wird, durch minutiöse Anwendung höchst subtiler Formen und Riten, aber auch asketischer und moralischer Höchstleistungen einen Heilszustand nicht nur sür den Einzelnen, sondern sür die ganze Physische nnd metaphysische Welt herbeizuführen. Das Merkwürdige (und nur durch die Kraft des Erlösungsgedankens als solchen zu Erklärende) ist aber, daß diese ihrem Wesen nach doch nnr für einen exklusiven Kreis von Mystikern berechnete Lehre mit einem Male Allgemeingut der ganzen jüdischen Welt wurde. Auch Frankfurt konnte sich ihr nicht entziehen. Der eben erwähnte Jesuia Hnrwitz war sogar einer der größten Kabbalisten seiner Zeit, und seine Auswanderung nach dem Heiligen Lande geschah ausschließlich aus kappalistisch-magischen Gründen. Daß aber die Frankfurter von Natur Mystiker seien, können ibnen auch ihre stärksten Feinde nicht nachsagen. Als daher, ein Geschlecht nach der Zeit des Jesaia Hnrwitz nnd uuseres Verfassers, die kabbalistische Strömung in die große messianische Bewegung, mit Sabbarai Zevi an der Spitze, einmündete, dieser aber vollständig Bankerott erlitt, gelang es den Frankfurtern am entschiedensten, jede Spur von Kabbala aus. Kultus, Liturgie uud sonstigem geistigen Leben auszumerzen. Nur eines vergaßen sie: unseren ,^Josif Omez", der doch auch ganz unter dem Einfluß der kabbalistischen Zeitströmung steht. Aber das hat seineu guten Grnnd: „Iosif Omez" ist Kabbala nach Frankfurter Art. Er nimmt Teil an der pietistischen Stim m nng seiner Zeit und wir werden ihren Niederschlag in vielfachen Vorschriften finden; er übernimmt auch einige kabbalistische Borstellungen, soweit sie allgemein religiöser Natur sind (z. B. den Glauben an die Wanderung der Menschenseele in Tiere etc. und' deren Erlösung von dorr), sowie eine Fülle von Bräuchen oder Mißbrauchen; aber die mystische Theorie selber und ihr kompliziertes Formelwesen lehnt er sür Frankfurt ab — nicht weil er ihr die Anerkennung versagte, er sieht in ihr vielmehr eine hohe Autorität — sondern weil man sie „hierzulande" zn wenig kenne und ein oberflächliches Stndinm der mystischen Bücher nur Schaden nach sich ziehen könne. So ist der „Iosif Omez" auch in religiöser Beziehung ein für seine Zeit nnd seinen Entstehnngsort sehr charakteristisches Dokument. Ueber den Verfasser. Joseph Juspa Hahn, ist es unnötig, an dieser Stelle ausführlich zu werden. Er war keine überragende Gestalt, wie sein älterer Zeitgenosse Jesaia Hnrwitz, aber ein wohlgebildeter, edler und aufgeweckter Mann, der seine Umivelt richtig zu sehen und richtig zu beeinflussen wußte. Selber geboreuer Frankfurter, bekleidete er das Amt des Oberdajans, welches vor allein auch Lehrtätigkeit iu sich schloß; um das nach der Fettmilchschen Bertreibung nen aufblühende religiöse und chariiative Vereinswesen hat er sich besonders verdient gemacht (worüber einiges unten). Sein Schwiegervater war der Vorsteher Abraham Breitingen, derselbe, der beim feierlichen Wiedereinzug der Juden im Jahre 1616 im ersten Wagen einherfuhr. Rabbi Joses Hahn war also mit der herrschenden Obligarchie verschwägert, doch tritt er, wie oft geistliche Hirten der verschiedensten Konfessionen, als Protektor der sozial schwächeren auf. Zur näheren Charakterisierung im Einzelnen sei hier einiges aus dem reichen schätz des „Iosif Omez" zusammengestellt. Die religiöse Situation wird durch einen hochgesteigerten Pietismus gekennzeichnet, der sich zunächst in einer rigorosen und unermüdlichen Kontrolle des eigenen Lebenswandels äußert. Der Name unseres Buches (abgesehen von der Anspielung aus den Namen des Verfassers): „Er — der Fromme — mehre Anstrengung" weist ebenfalls auf einen Geist besonderer religiöser Spannung hin. Nach Safeder Borbild hatte unser Verfasser einen Verein begründet, dessen Mitglieder sich u. a. verpflichteten, am letzten Donnerstag in jedem Monat eine allgemeine Beichte gegenseitig abzulegen. Ebenso war jeder verpflichtet, seinen Mitbruder sofort zurechtzuweisen, wenn ihm irgend eine moralische und rituelle Verfehlung von dessen Seite bekannt geworden war; der Zurechtgewiesene durfte erst nach Ablauf vou drei Tagen eine Entschuldigung vorbringen (aus der sehr richtigen Erkenntnis heraus, daß Schlagfertigkeit keine ethische Qualifikation ist). Andererseits soll man jeden Abend ausdrücklich allen Menschen vollständige Verzeihung gewähren, die einen während des Tages in Wort oder Tat gekränkt oder benachteiligt haben können.' Um den Geist der Zeit zn verstehen, muß man sich immer wieder vor Augeu halten, daß es sich hier nicht um allgemeine moralische Ratschläge handelt, sondern um ganz exakte magischreligiöse Vorschriften: Feindschaft unter Menschen oder Sünde verhindern das Eintreten des Heilszustandes der Welt. Abbüßung der Schuld und Verzeihung seitens des Gekränkten schaffen jenes Hindernis weg und bringen den „Olam Hattikkun", die Welt der wahren Ordnung näher. Der Verfasser sprach immer, selbst am Sabbat, vor dem Schlafengehen, das für den lebensgefährlich Erkrankten bestimmte Sündenbekenntnis, um das Wort unserer Weisen zn erfüllen: „Tue Buße einen Tag vor deinem Tode" (und man weiß ja nie, wenn man sterben muß). Man soll stets ein Register führeu, in das man alle seine Verfehlungen, besonders die leichten, die mau gar zu gern „mit der Ferse zutritt", getreulich eintragen soll, um sie abzustellen und gebührend zn sühnen. Umgekehrt soll man ein Büchlein haben, in dem man die Wunder und Gnaden verzeichnet, die einem jeden Tag erwiesen werden, damit das Herz zu Dankbarkeit und Gottvertrauen erzogen werde. Mit Beichten allein war es übrigens nicht getan; für gewisse Verfehlungen, besonders wenn es sich nm allgemein verbreitete Laster Ijaudelte, gab es bestimmte, sehr verwickelte Sühneprozednren, von denen wir uns nach dem Folgenden vielleicht einige Vorstellungen machen können. Zu den weithin gebräuchlichsten Mitteln Pietistischer Frömmigkeit gehört zunächst das F a ste n. Hierin müssen die alten Frankfurter, wie ihre jüdischen (nnd doch Wohl auch christlichen!) Zeitgenossen, wahre Virtuosen gewesen sein. Es gab Leute, die vor dem Versöhnungstag (etwa von Tische Be-aw an) 40 volle Tage fasteten, in Anlehnung an Mcscs' Aufenthalt auf dem Sinai. Zwischen dem Nenjahrsnnd Versöhnungstag, mit Unterbrechung der Nacht, fortlaufend -,u saften, war sogar weitverbreitete >^itte list übrigens heute noch im Osten nicht selten). All dies ist aber nur ein Bruchteil jener Fasten, die iu Verfolg der oben erwähnten Sühneprozednren angeordnet wurden. Ein, wie der Verfasser, in Uebereinstwlmung mit großen Praktikern auf dem Gebiet der

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