Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 4 (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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holen! Die zusammengebrochene Weltwirtschaft versucht man aufzurichten und immer wieder von ihr ist heut die Rede, als ob sie der Grundstein des neuen Baues werden sollte. Und geht doch ein tiefes religiöses Sehnen, ein Verlangen nach verinnerlichter Frömmigkeit durch die enttäuschte Menschheit. Die großen Religionen erwachen, sie spüren: ihre Zeit ist gekommen. Die Religion des edlen indischen Weisen predigt lauter wieder vom Leide allen Lebens und von der Seligkeit des Ausgelöschtseins aller Seelen. Die Religion des arabischen Propheten wirbt neue Anhängerschaft für den Glauben an das Schicksal, gegen das der Mensch ohnmächtig sei und das er hinnehmen müsse in stiller Ergebenheit. Die Weltreligion, die vor allen andern auf diesen Namen Anspruch erhebt, weil sie ausging, die Welt zu umfassen, weil unter ihrer Herrschaft und stillschweigenden Duldung der Bau moderner Kultur so riesenhaft emporwuchs, auch sie besinnt sich auf sich selbst und auf das Gebot der Stunde. Wir haben es erlebt — und es war ein weltgeschichtliches Erlebnis — wie sie die Vertreter aller ihrer Richtungen und Sekten zu einer Versammlung berief, um die brennende Frage zu lösen, wie die Religion den Forderungen einer neuen Zeit gerecht werden, wie sie den ihr zustehenden Platz in der Geschichte der Menschheit zurückerobern könne. Und wo blieb das Judentum, die Mutter zweier Weltreligionen? Was hatten wir der Welt in diesen entscheidenden Tagen zu künden? Wir boten den Völkern einzig das imposante Schauspiel eines jüdisch-liberalen Weltkongresses und das bescheidenere eines Welttags des an Palästina orientierten gesetzestreueu Judentums. Aber vergebens haben wir darauf gewartet, daß daß Judentum sich als Ganzes vernehmen lasse. Und doch war die Welt noch nie so reif für die Grundwahrheiten unserer Religion wie gerade an dieser Wende der Zeiten. Man will heut keinen Wunderglauben, will nicht aufs Jenseits vertröstet werden, will keine Abkehr von der Erde und keine Verneinung des Lebens. Man will auf der anderen Seite auch keinen schlecht verdeckten Kompromiß zwischen Glauben und Wissen, zwischen Leben und Lehre. Man will nicht Religion als gefälligen Diener der Politik, noch als frommen Schergen des Kriegs. Was not tut, ist ein Glaube, aufgeschlossen und weit offen allem Großen, Wahren und Schönen, was Wissenschaft, Kunst und Philosophie durch Meuschengeist und Menschenherz erdacht und gewirkt hat. Was not tut, ist eine Weltanschauung, die mit der gefährlichen Einseitigkeit des Individualismus bricht und mit tiefem Verständnis, mit sittlicher Kraft die soziale Not behebt. Muß solche Religion erst geboren werden oder ist sie nicht schon da, seit vier Jahrtausenden schon da? Wir Juden sollten es wissen, daß unsere Religion nicht etwa wie die anderen erst künstlich umgebogen werden muß, um sich den Strömungen der Gegenwart anzupassen, daß sie vielmehr von ihrem Urquell her in gradem Laufe durch die Zeiten fließt. Sie ist es, die keine Dogmatik kennt, die weltzugewandt und lebenbejahend und daseinsfreudig die Menschen auf diese Erde weist, nicht um müde zu resignieren, nicht um unfruchtbar zu grübeln, auch nicht leichtfertig zu genießen, sondern im tapferen Tun aus harten: Boden einen Garten Gottes zu schaffen. Sie ist es, die seit Moses Tagen den sozial Schwächeren, dem Knecht, der Magd, der Witwe, der Waise und sogar dem Fremden ihren vollen Teil an Menschenrecht und Menschenfreiheit, an Menschenliebe und Menschenwürde gesichert wissen will. Sie ist es, die zu jedem Fortschritt auf dem Gebiete wahrer Zivilisation und Kultur von ganzem Herzen ja sagt, die Einheit verlangt im Denken und Fühlen, im Reden und Handeln. Sie ist es endlich, die schon durch der alten Propheten Mund den Krieg verdammte und die als Ziel der Weltgeschichte ein Reich des Friedens erhofft, erfleht, erkämpft, wo alle Menschen als Brüder und Schwestern sich erkennen, weil sie in einem Gott ihrer aller Vater erkennen. Weil das der eigentliche Inhalt unseres Judentums ist, wäre es eine falsche Bescheidenheit, zurückzustehen im Wettkampf der Religionen. Uns darf nicht gleichgültig sein, welche religiösen Wahrheiten zur Grundlage der kommenden Kultur werden. Nicht die Weltherrschaft zu gewinnen, ist unser Ziel. Nicht einmal das ist unser Ehrgeiz, daß die Religion der Zukunft vom Judentum den Namen trägt. Wir senden keine Missionare nach dunklen Erdteilen, um Seelen zu retten und die Zahl unsrer Bekennerschaft zu vergrößern. Aber die weltgeschichtliche Mission, die ^üäi8cke V^okIkakrtspfleZe Frankfurt 3. ^VI. ^anZesiraLe 30 Nansa 9348 Postscheckkonto 54893 göttliche Aufgabe, die uns am Beginne unsrer Wüstenwanderung zugeteilt ward, wollen und dürfen wir uns nicht entwinden lassen. Darum heraus aus unsrer ängstlichen Zurückhaltung! Es genügt! nicht, nur immer abzuwehren, so notwendig die Abwehr auch ist. Es genügt nicht, nur immer zu beweisen, daß wir keine Lügner und Betrüger, keine Hasser und Rachsüchtige sind. Die positiven Werte unseres Judentums gilt es wieder aufzuzeigen. Lehre jeder von uns in seinem Kreise, kleinerem oder größerem, diese Werte erkennen und würdigen, aber lerne er Zuvor erst selber, sie aus dem ewigen Buche unseres Glaubens zu schöpfen und sich zu eigen zumachen. Halte jeder von uns die Seinen an, im Geiste jüdischer Moral zu leben, aber lebe er selber sie vor; denn keine Schrift und keine Rede, auch keine Predigt ist so überzeugend, wie das Leben. Wenn unsere ganze Gemeinschaft an ihrem Beispiel der Welt zeigt, was wahres Judentum heißt, dann wird nicht allein der Judenhaß zum Schweigen gebracht, dann wird unsere verachtete und verschmähte Religion, dann wird der Stein, den die Baumeister der Welt verworfen haben, zum Grund- und Eckstein eben dieser Welt noch werden. Die Zeldzüge der Makkabäer. Von Israel Abrahams. . . . Im Charakter des Judas Makkabäus liegt ein Zug, den auch seine äußersten Lobredner gewöhnlich übersehen. Dante freilich sah ihn. In seinem Paradies erblickte Dante den Inda unter „den gesegneten Geistern, die drunten, bevor sie in den Himmel kamen, von einem großen Namen waren, so daß jede Muse durch sie bereichert wäre". In dieser Bision der Kriegshelden Gottes stellt Dante den Makkabüer zwischen Josua und Karl den Großen, eine äußerst bezeichnende Stellung, die uns teilweise an den Auf-! zug der „Neun Würdigen" erinnert, aber auch den Gedanken nahe-! legt, daß Josua das Hebräertum in: Staatsleben der alten Welt begründete, während Karl der Große das Reich der Tochterkirche! im mittelalterlichen Europa zusammenschloß. Ohne Juda wäre! Josua umsonst gewesen, ohne Juda wäre Karl in gewissem Sinn ' unmöglich. Dante sah das bewegende Rad des erhabenen Makkabäers, und „Freude war die Peitsche zum Kreisel": .,6t. lstiaia. eill kei-2a äsl pAlso". Woher hat Dante seine ..lotisin." abgeleitet?! Offenbar aus der lateinischen Fassung des ersten Makkabäer-! buches, wo uns erzählt wird, daß Juda und seine Leute „die! Schlacht Israels mit Freude kämpften" — „et proeli bantur! pioslwm Israel cum, lavtixin.". So harte Kämpfer die Makkabäer auch waren, so schuldig grausamer Barbarei, sie besaßen die er-! lösende Eigenschaft des Frohmuts. Cromwells Solidaten summteu Psalmen, die Makkabäer begleiteten sie mit Leier und Tanz. Wenn immerhin Juda diese Eigenschaft der „le-tisia" besaß, die seine Lobredner meist übersehen, so fehlte ihm ein Fehler — denn es ist ein Fehler —, den sie ihm zuschreiben. Juda und Alexander sind beide zu Unrecht als bloße stürmische Angreifer ihrer Feinde im Feld ausgefaßt worden; „er sprang Plötzlich auf! den Feind", sagt der makkabäische Geschichtschreiber, und es wurde ' unterstellt, daß seine Erfolge allein seinen Löwensprüngen geschuldet waren. Wie Alexander hatte er allerdings eine Abneiguug! gegen das defensive Verhalten, aber, wiederum wie Alexander, l wenn auch in einem geringeren Grad, war seine Offensive überi legt: ein gutes Teil ging dem Sprung voran. Judas meisterliche! Feldzüge gegen die benachbarten Stämme, besonders in -Galiläa, b-weisen dies; es waren seine glänzendsten Erfolge, rasche Schwünge,! dabei höchst sorgfältig vorbereitet. So war auch sein Plötzlicher! Angriff auf Emmaus einem langen Nachtmarsch gefolgt, der ihn an den Punkt führte, wo er den getrennten Feind schlagen konnte. Da war keine Spur eines Guerilla-Häuptlings in der Vorsicht, die seine siegberauschten Leute von ungeordnetem Plündern zurückhielt — „insoweit", sagte er, „eine Schlacht vor uns steht". Immerhin fehlte ihm eine der Eigenschaften eines fähigen Führers. Er war schwach im Nachschub: mehr als einmal unterließ er es, seine Armee zu verpflegen, ein Fehler, den die in der Kriegskunst erfahreneren Syrier niemals begingen. Die übrigen Eigenschaften besaß Juda. Es ist nicht mehr schwierig, an seine Siege über viel stärkere Kräfte zu glauben oder sie sogar izu erklären. Der letzte südafrikanische Krieg bietet eins ziemlich nahe Parallele. Das Besetzen der inneren Linien, die Kenntnis und Wahl des Geländes, vereint mit einer angeborenen Eignung fürs Kämpfen und Kraft der