Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1928-11-01 · 3 (11.1928) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
7 (1928-1929)
Issue
3 (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 65 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094336-3094338--1568-3096296
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

65 Abends, Cvlonel Wedgwood, von stürmischein Beifall begrüßt, das Wort, nur zuerst deutsch und dann englisch (der deutsche Wortlaut der Rede wurde später verteilt) seinen Vtcmd- Puukt in der Palästinafrage zu entwickeln. Es sei ihm eine besondere Genugtuung, gerade in Deutschland nach den zurückliegenden Jahren der Zerstörung von einem Werk des friedlichen Ausbaus sprechen zu 'können. Die Schaffung des freien jüdischen Menschen halte er für ein Ideal, das von allen Völkern und nicht zuletzt von den Deutschen gefördert zu werden verdiene. In der landwirtschaftlichen und industriellen Entwicklung Palästinas zeige sich >in erstaunlichem Maß die -Fähigkeit des Juden zu produktiver Arbeit, das Anwachsen der städtischen Siedlungen und die zu- , künftige Bedeutung des Hafens Haifa berechtigten zu großen Erwartungen. Ein besonders bemerkenswerter Zug dieser Siedlungsarbeit sei es auch, daß sie im Gegensatz zu anderen Kolonisationen nicht zu einer Unterdrückung der eingeborenen Bevölkerung führe, sondern im Gegenteil zu ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Hebung beitrage. Die aus 90 000 Seelen zu beziffernde jüdische Einwanderung seit Hem Waffenstillstand sei eine unvergleichlich größere Leistung als beispielsweise die Anfänge der Kolonisation Nordamerikas in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderls. Die Grundlagen der Arbeit in Palästina, Gemeineigentum an Grund und Boden und genossenschaftliche Organisation, seien die denkbar beste Voraussetzung einer wirtschaftlich gesunden und freiheitlichen Entwicklung. Man sehe in Palästina ein neues Volk im Werden, das den jüdischen Namen zu hoher Ehre bringe, schon durch den Gegensatz zur inneren Unfreiheit der Diaspora-Juden. Ihm sei es besonders erfreulich, daß in diesem großen Werk Engländer und Juden als Partner auftreten und er fördere dieses Werk nicht aus Vorliebe für die Juden, fondern aus Gerechtigkeitsgefühl, aus Verachtung für den Antisemitismus, aber auch aus jenem Gefühl der Verbundenheit mit dem Alten Testament und seinen Verheißungen, von dem einst seine puritanischen Borfahren erfüllt waren. Ebenso wie in England alle Parteien und Klassen sür das Paläftinawerk eintreten, sollten es die Juden aller Länder als ihre Aufgabe betrachten, an diesem Wert mitzuwirken, um damit zugleich den Aufbau einer Welt des Friedens und der Gerecktigkeit anzubahnen. Die eindrucksvolle Rede des hervorragenden englischen Politikers wurde mit immer wieder sich erneuerndem Beifall aufgenommen. Nach Wedgwood sprach, herzlich begrüßt, Martin Vuber. In gedankenreichen Ausführungen, anknüpfend an die Eigenschaften des englischen Gastes als Christ, als britischer Staatsmann und als Sozialist, legte Buber dar, daß es für jede dieser drei Einstellungen eine kleinere und eine größere Auffassung gebe, daß aber jedesmal nur von der weiteren und höheren Stellung aus die Arbeit sür Palästina sich rechtfertige. Vom Christentum her, weil Palästina der Mutterboden des Judentums und seiner Tvchterreligionen und damit der Nährboden für die ganze Menschheit geworden sei. Von der Politik her, weil nur oieses jüdische Volk zum Wiederaufbau Palästinas berufen sei, weil nur es diese Aufgabe erfüllen könne. Vom Sozialismus her, weil die zukünftige Polyphonie der Völker davon abhänge, wie die Menschen Jetzt miteinander leben, wie das großartige biblische Vorbild sozialen Rechts sich Jetzt verwirkliche; für die Fortentwicklung der sozialen Idee seien gerade auch die verschiedenartigen Versuche genossenschaftlicher Arbeit und Gemeinschaft, wie sie in Palästina unternommen werden, von unabsehbarer Bedeutung. Ob aber dieser dreifach gegliederte Anspruch der jüdischen Gemeinschaft bestehe, hänge im letzten Ende nur davon ab, wie die heute lebende Generation sich zu ihm stelle, denn nur durch die Tat könne ein solcher Anspruch sich bewähren. Professor Franz Oppenheim er verlas sodann den schönen Brief, den Albert Einstein vom Krankenlager aus an die Verwaltung des Keren Hajessod gerichtet bat und unterstrich im Amchtuß daran die ungeheure Bedeutung, die das Judentum im Lauf der Jahrhunderte auf die kulturelle Entwicklung der Menschheit ausgeübt habe, wie auck) der Sozialismus im Grunde nichts anderes als eine religiöse Bewegung sei. Jede Utopie von gestern sei die Wirklichkeit von heute, jede Utopie von heute die Wirklichkeit von morgen. Nur aus den Willen kom-me es an, und nur eines vertrage ein solches Werk nicht, nämlich feige Zurückhaltung. Der berühmte Gelehrte, dessen Worte wie stets ihren Eindruck nicht verfehlten, schloß seine kurze Rede mit geist- und temperamentvollen Versen, die er vor kurzem Albert Einstein gewidmet hat. Diesen ersten Teil der Kundgebung abschließend, faßte der Borsitzende die Notwendigkeit der Stunde kurh und sachlich in den Appell zusammen, der großen Sache dos nötige Geld zuzuführen. Nach der Pause hielt Frau von Kardorff-O Heimo eine von Schlichtheit und Geradheit der Gesinnung getragene Ansprache, in der sie als deutsche Frau und Katholikin die Bedenken zu zerstreuen suchte, die etwa von patriotischem oder nationalem Standpunkt aus manche von der Teilnahme am Palästinawerk bisher abhielten. Gegenüber dem großen Ziel sollte alle Uneinigkeit im Innern zurücktreten, und vor allem die jüdischen Mütter sollten im Gedenken an ihre Nachkommen das heilige Werk mit aller Kraft fördern. Ten Schluß der Kundgebung bildete eine besonders eindrucksvolle Rede des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Kurt Blumenfeld, der mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit, leidenschaftlich und befeuernd die Verantwortung jedes einzelne:: Juden hervorhob und zu tätiger Mitarbeit aufrief. preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden. (Amtlich) V o rbereitung zu m Lehrerberu f. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden unterhält seit dem 24. Okt. 1927 eine V o r b e r e i t u n g s a n st a l t, in der junge Leute für die Reifeprüfung, und daran anschließend den Besuch der Pädagogischen Akademie in Frankfurt a. M. herangebildet werden; sie sollen dadurch befähigt werden, den Beruf eines jüdischen Volks- oder Neligionsschullehrers auszuüben.. Die Anstalt besucheu zur Zeit 22 Schüler. Das Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin hat unter dem 12. September d. Js. auf Autrag des Landesverbandes dem Anstaltsleiter, Herrn Studiendirektor Dr. Gutmaun, die Erlaubnisurkunde zur Einrichtung und Leitung dieser Vorbereitnngsanstalt ausgefertigt. Die Schule unterliegt damit den gesetzlichen Vorschriften über die Privatschulen. S u b >v e n t i o n sa u s s ch u ß. Am 26. September d. Js. fand unter dem Vorsitz des Herrn R.-A. Dr. Klee eine Sitzung des Subventionsausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden mit besonders umfangreicher Tagesordnung statt. Ueber annähernd fünfzig Angelegenheiten mußte entschieden werden. Vier Kultusbeamtenwitwen wurden laufende monatliche Beihilfen gewährt, zwei Lehrern wurden Ruhegehälter zugesprochen, die Weiterzahlung einzelner bereits festgesetzter Renten wurde beschlossen. Einige einmalige Beihilfen kamen zur Verteilung. Elf leistunasschwachen Gemeinden wurden Baubeibilfen geaeben, damit sie ihre Synagogen. Friedhöfe oder sonstigen Einrichtungen in Ordnung bringen können. Zwei zinslose Darlehen werden für die gleichen Zwecke gewährt. Der für das Rechnungsjahr 1928/29 an den Verein ritueller Sveisehäuser E. V.. Hamburg in den Hanshaltsplan eingestellte Betrag wird jetzt zur Auszahlung gelangen. Eine Reihe grundsätzlicher Fragen wurde besprochen und zur Entscheidung gebracht. Jüdische K u n st d e n k m ä l e r. Am 9. September d. Js. fand unter dem Vorsitz des Herrn Prof. Dr. Elbogen die erste Sitzung des Ausschusses zur Erhaltung jüdischer Kunstdenkmäler statt. Eine Reihe von Vertretern aus verschiedenen preußischen Provinzen war erschienen. Die eingehende Aussprache ergab Einigkeit darüber, daß der Besitz an jüdischen Altertümern, Kultus- und Kunstdenkmälern von Gemeinden nnd Privatpersonen nach Möglichkeit erhalten werden muß. Es wären Mittel und Wege zu finden um weitere Kreise, über den Schaden aufzuklären, der durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Verlust dieser wertvollen Objekte bereits entstanden ist und dauernd entsteht. Es wurde beschlossen, die Arbeiten des Ausschusses zukünftig in engster Fühlungnahme mit dem Gesamtarchiv der deutschen Inden, der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. und den vorhandenen jüdischen Museen zu leisten. Es soll ferner ständig mit den preußischen Provinzialkonservatoren Fühlung aufrecht erhalten und ihre Mithilfe namentlich zum Schutz wertvoller Bauwerke nachgesucht werden. Ferner werden Vertrauensleute des Landesverbandes für alle Provinzen bestimmt werden, die mit den einzelnen Gemeinden in Verbindung treten sollen. Der Ausschuß erklärte es sür erforderlich, daß ein hauptamtlicher, fachmännisch vorgebildeter Bearbeiter in Berlin, mit der Durchführung der Arbeiten betraut werde. An die Gemeinden soll ein Rundschreiben gerichtet werden, um eine möglichst vollständige Inventarisierung mit Photographien und Beschreibungen zu erhalten. - Geplant ist die Herausgabe eines Handbuches, mit dessen Hilfe in Zukunft vvin grülttvn ZpSXisIksus Sü«l«ßeutsekVs»i«ßs i^ppie^i^uk Kö8>vktigen 8Zs msine Svkaufenstez', prüfen 8iv llls preige u. vuslitsten. weuc xkane 28 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.